Ich treffe meine Entscheidung erst nach dem DNA-Test

Ich stand mitten in einem nebligen Berliner Morgen, doch das Licht war nicht das gewöhnliche Grau, sondern ein zitterndes Gelb, das sich in allen Ecken wie flüssige Butter ausbreitete.Wolfgang, mein Freund, stand neben mir sein Gesicht war aus Stein, doch seine Stimme klang wie das Läuten einer Kirchturmglocke.

Ich glaube, dass Lieschen bei uns bleiben soll, sagte er mit einer Stimme, die wie ein fester Befehl aus einem alten Märchenbuch klang, genau zwei Wochen nach der Beerdigung.Die kleine Lieschen, ein Mädchen mit Haaren, die wie gebrannte Pflaumen aussahen, wohnte bereits bei uns, weil wir kurz bevor ihre Mutter, Jana, abreiste eine vorübergehende Vormundschaft eingetragen hatten.Der Auftrag endete in einem Monat, und nun schwebte das Schicksal wie ein Blatt im Wind.

Wolfgangs entschlossener Ton reizte Jana plötzlich so sehr, dass sie wie ein Sturm aus den Fenstern schrie:Ist das, weil sie deine Tochter ist?Gib zu! Ich habe nicht mehr die Kraft, das alles zu ertragen!Wolfgang, verwirrt, erwiderte:Was soll ich ertragen, Jana?

Jana und Maren kannten sich seit dem ersten Lächeln im Kinderkrankenhaus. Ihre Mütter lagen damals nebeneinander in einer grellen weißen Station, und später stellte sich heraus, dass beide Familien in gegenüberliegenden Reihen der Kiefernallee lebten und im Stadtpark immer dieselben Schwäne fütterten.

So wuchsen die beiden Mädchen Jana und Maren zusammen, gingen gemeinsam in den gleichen Kindergarten, besuchten dieselbe Realschule und später die gleiche Technische Universität in München. Sie waren sich in Aussehen und Wesen fast ein Spiegelbild; Maren war ein wenig sturer, Jana zu freundlich, wie ihre Mutter immer sagte.

Du hast eine Freundin wie einen zweiten Bruder, seufzte Marens Mutter oft, sie wird dir ein Ersatz für eine Schwester sein.Janas Mutter nickte zustimmend:Solche Freundschaften muss man pflegen.Sie hüteten sie wie einen Schatz, selbst als Polina, eine laute, energische Studentin aus Hamburg, plötzlich in ihr kleines Netzwerk eindrang. Polina schlich sich wie ein Schatten an ihre Fersen, bis die drei schließlich wie ein seltsames Dreieck zusammenlebten. Ohne Polina trafen sich Jana und Maren öfter, und Polina zog sich aus Neid zurück.

Eine Zeit lang verschwand die dritte Freundin, als Jana heiratete und in ein fernes Dorf zog. Nach ihrer Rückkehr blühte die Freundschaft wieder auf. Jana heiratete im Alter von fünfundzwanzig Jahren den vielversprechenden Ingenieur Sascha, vier Jahre ihr älter. Wolfgang und Jana wünschten Kinder, doch das Schicksal schien ihnen einen Streich zu spielen jedes Mal blieb das Ergebnis leer.

Drei Jahre nach ihrer Hochzeit verkündete Maren plötzlich ihre Schwangerschaft.Sie weigerte sich, den Namen des Vaters zu nennen, obwohl Jana ahnte, es sei Dieter, ein Freund, mit dem Maren ein Jahr lang zusammen gewesen war, bevor er plötzlich verschwand.Maren erklärte stolz:Ich schaffe das allein. Meine Mutter wird die Enkelin nie sehen, aber ich habe genug Geld für Kind und Kindermädchen.Jana jubelte:Wir unterstützen dich, Maren!Polina rollte nur die Augen und erinnerte immer wieder daran, dass jedes Kind einen Vater braucht, sonst sei das Leben ein wankelmütiger Tanz.

Jana wurde zur Patin der kleinen Lieschen, die oft bei Wolfgang und ihr eintraf.Wolfgang spielte mit ihr, und für eine Weile vergaßen das Paar die eigene Unfruchtbarkeit.Sechs Jahre später traf Maren auf Andi, den Mann ihrer Träume intelligent, gutaussehend, fürsorglich.Doch das Schicksal lässt uns nicht zusammen sein, seufzte Maren.Polina spottete:Er ist bestimmt verheiratet.Maren konterte:Er war zwar verheiratet, aber die Ehe ist längst zerbrochen.Der Mann hatte keine Kinder, er sah kaum noch seine Familie, und seine Mutter, Elisabeth, war eine sanfte, liebevolle Frau.

Der Tag kam, an dem Andi für ein wichtiges Projekt ins Ausland reisen musste.Polina lachte:Du hast ihn also ohne dich genommen.Maren erwiderte:Er nimmt mich mit, aber Lieschen kann nicht mitkommen sie kennt die Sprache nicht, die Schule ist noch fremd.Polina schnappte nach:Tauscht du deine Tochter gegen einen Mann?Maren seufzte müde:Nein.Am nächsten Morgen sprach Jana ernst mit Wolfgang über das Aufnahme von Lieschen.Wir dürfen ihr keine Chance rauben, meinte sie, sie ist wie ein Teil von uns.Wolfgang grinste:Einverstanden, aber Maren muss ja zustimmen.Jana schniefte:Du bist der beste Mann der Welt!Maren, zuerst überrascht, willigte schließlich ein und versprach, Geld zu schicken Jana winkte ab:Ach, das brauchst du nicht.Sie verabschiedeten sich mit Tränen, aber die Telefonkabel zwischen den Wohnungen blieben wie goldene Fäden.

Einige Tage später war Polina zu Besuch, brachte Wein mit und klagte über einen Liebhaber, der nicht heiraten wollte.Sie lallte:Du trägst sie wie ein Leichnam, und sie lacht dich aus.Jana fragte verwirrt:Wovon redest du?Polina flüsterte weiter:Maren ist schlau, aber hinterlistig.Jana schob sie beiseite:Sprich klar oder schweig.Polina, stolz, stieg von ihrem Stuhl und erklang:Andi hat das Kind von deinem Mann bekommen, also darf das Kind bei uns wohnen.Jana sah sie angewidert an:Warst du noch ein bisschen betrunken?Polina erhob den Kopf:Ich kann jetzt gehen, aber die Wahrheit bleibt.Wolfgang, der das Gespräch verpasst hatte, kam in die Küche:Manche Menschen müssen weniger trinken, sagte er,und Polina ist eindeutig das dritte Rad.Er bewertete Polina zum ersten Mal, was Jana überraschte, doch ein kleiner Zweifel keimte in ihrem Herzen.

Sie erinnerte sich, wie oft Wolfgang heimlich mit Maren getroffen hatte, ohne Jana zu wissen stets lachend, stets mit Lieschen spielend.Jana beobachtete das Wechselspiel, sah in Lieschens Augen ihr eigenes Spiegelbild, ihr Lächeln, die Art, wie sie den Löffel hielt, die Vorliebe für Schokoladen-Nuss-Riegel.Die Vermutungen raubten ihr den Verstand, und bald stritten sie und Wolfgang über Nichtigkeiten.Er schlug sogar vor, einen Arzt zu konsultieren.Drei Tage lang schwieg das Haus, bis die schreckliche Nachricht kam:Andi und Maren waren bei einem Autounfall verwickelt er schwer verletzt, sie sofort tot.Wolfgang und Jana gaben ein Vermögen und unzählige Nerven, um die Bestattung in Deutschland zu regeln.

In den dunklen Tagen vergaß Jana ihre Zweifel, doch als der Schmerz nachließ, kehrten sie zurück.Wolfgang erklärte erneut:Lieschen sollte bei uns bleiben.Die Vormundschaft lief aus, und erneut entzündete sich ein Funke zwischen ihnen.Jana schrie:Ist das, weil sie dein Kind ist?Gib zu!Wolfgang protestierte:Was soll ich ertragen, Jana? Hast du etwa Polinas Lügen geglaubt?Jana biss die Zähne zusammen:Ich entscheide erst nach einem DNA-Test.Wolfgang stimmte sofort zu, doch das Ergebnis zeigte, dass er nicht der Vater war.Jana war beschämt, doch nicht verleugnet sie hatte nie vergessen, wie sehr sie Maren vertraute.

Lieschen blieb bei ihnen, Polina verschwand aus Janas Leben, und Wolfgang tat so, als wäre nichts geschehen.Warum die Vergangenheit wachrufen?Gerade jetzt, wo Jana endlich schwanger war, schwebte das ganze Geschehen wie ein wirrer Traum durch das verblasste Morgenlicht, und das Flüstern der Berliner Straßen wurde zu einem leisen Wiegenlied, das die Erinnerung an verlorene Freundschaften sanft in den Schlaf wiegte.

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What About Me? Am I Just an Afterthought?