Gisela, nehmen Sie diese Kohlkuchen, sie sind noch warm. Habe sie heute Morgen gebacken, sagte die ältere Frau in einer bunten Schürze und reichte ihrer Nachbarin einen mit einem Handtuch bedeckten Teller. Und ein Glas Erdbeermarmelade, frisch, gelesen nur gestern.
Danke, Helga, Sie verwöhnen mich, antwortete Gisela mit einem dankbaren Lächeln. Kommen Sie, setzen Sie sich doch, trinken Sie einen Tee mit mir. Sie haben es immer so eilig, wir sehen uns viel zu selten.
Gern, ein Tässchen Tee, nickte Helga und folgte ihr in die Küche. Außerdem gibt es viel zu besprechen. Haben Sie gehört, dass sich Inges Sohn mit seiner Frau gestritten hat?
Gisela seufzte und holte zwei Tassen aus dem Schrank:
Wer hätte das nicht mitbekommen? Der ganze Hausflur weiß es. Sie haben so laut gestritten, dass die Wände wackelten. Und worum ging es?
Nun, er hat wohl einfach seine Mutter vom Land hierhergebracht. Ohne Vorwarnung. Und sie haben nur eine Zweizimmerwohnung, verstehen Sie? Helga schüttelte den Kopf und setzte sich an den Tisch. Und dann ist Sabine, die Schwiegertochter, ausgeflippt.
Gisela stellte den Wasserkocher auf den Herd und setzte sich gegenüber:
Ach, das ist doch dieser Thomas, der Unverbesserung? Dass er seine Frau nicht vorher gefragt hat?
Wahrscheinlich hatte er Angst, sie würde Nein sagen. Und die alte Dame hatte ja sonst keine Bleibe ihr Haus in Sachsen ist abgebrannt. Also hat er sie einfach mitgenommen und seine Frau vor vollendete Tatsachen gestellt. Helga senkte die Stimme. Gestern traf ich Monika aus dem dritten Stock, und sie sagt, Sabine packt schon ihre Sachen. Sie will ihn verlassen.
Das gibts doch nicht!, rief Gisela entsetzt. Wegen der Schwiegermutter eine Ehe zerstören?
Helga zuckte mit den Schultern:
Keine Ahnung, ob es stimmt oder nur Gerüchte sind, aber wo Rauch ist, ist auch Feuer…
Am selben Abend, in einer ganz anderen Wohnung am Stadtrand von München, lief eine Frau um die vierzig unruhig in der Küche auf und ab, das Telefon fest in der Hand. Monika sah man die Aufregung an an der Art, wie sie sich eine graumelierte Haarsträhne zurückstrich, mit den Fingern auf die Arbeitsplatte klopfte und die Stirn runzelte.
Petra, ich weiß einfach nicht, was ich tun soll, sagte sie in den Hörer. Er hat mich nicht einmal gefragt! Einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. Stell dir vor: Ich komme von der Arbeit nach Hause und da sitzt Gertrud mit ihren Koffern in unserer Wohnung, als wäre sie hier zu Hause!
Am anderen Ende der Leitung antwortete ihre Freundin etwas, doch Monika unterbrach ungeduldig:
Ja, ich verstehe, dass sie nirgendwo hin kann. Das ist mir klar! Aber warum konnte er das nicht vorher mit mir besprechen? Wir sind doch Mann und Frau, verdammt noch mal! Über solche Dinge entscheidet man nicht allein!
In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Markus betrat die Küche ein großer Mann mit müden Augen und beginnender Glatze. Monika verstummte und warf ihm einen angespannten Blick zu.
Ich rufe später zurück, sagte sie knapp und legte auf.
Schweigen breitete sich aus. Markus öffnete den Kühlschrank, holte eine Flasche Wasser heraus, schenkte sich ein Glas ein und vermied es dabei, seine Frau anzusehen.
Wo ist Gertrud?, fragte Monika als Erste.
Sie ruht sich im Wohnzimmer aus, antwortete Markus. Die Reise war anstrengend.
Im Wohnzimmer, wiederholte Monika tonlos. Auf unserer Couch.
Und wo sonst?, fügte Markus gereizt hinzu. Wir haben kein Gästezimmer.
Genau, Markus, versuchte Monika, ruhig zu bleiben. Wir haben kein Gästezimmer. Wir haben überhaupt eine kleine Wohnung. Sechzig Quadratmeter für drei Personen das ist schon eng. Und du bringst einfach deine Mutter hierher, ohne mit mir zu reden!
Was hätte ich denn tun sollen?, Markus stellte das Glas so heftig auf den Tisch, dass Wasser überschwappte. Ihr Haus ist abgebrannt! Sollte ich sie etwa auf der Straße schlafen lassen?
Ich wollte, dass du vorher mit mir sprichst!, Monikas Stimme wurde lauter, doch sie brach ab, als sie an ihre Schwiegermutter im Nebenzimmer dachte. Wir hätten andere Lösungen finden können. Vielleicht hätten wir ihr ein Zimmer mieten können. Oder sie hätte vorübergehend bei deiner Schwester wohnen können die hat eine Dreizimmerwohnung, da wäre mehr Platz.
Andrea wohnt in Hamburg, das weißt du doch, seufzte Markus und rieb sich die Schläfen. Und ein Zimmer mieten kostet Geld. Wir kommen jetzt schon kaum über die Runden.
Monika schüttelte den Kopf:
Es geht nicht ums Geld, Markus. Es geht darum, dass du alles für uns beide entschieden hast. Nicht einmal angerufen, um Bescheid zu sagen! Ich komme nach Hause und zack, Überraschung: Deine Mutter steht mitsamt Koffern in unserer Wohnung.
Ich habe versucht, dich anzurufen, murmelte Markus. Du bist nicht rangegangen.
Ich war in einer Besprechung!, rief Monika. Und? Konntest du nicht zwei Stunden warten? Musstest du mich unbedingt vor vollendete Tatsachen gestellt sehen?
Markus schwieg und starrte in sein Wasserglas, als stünden dort alle Antworten.
Also gut. Monika atmete tief durch. Was geschehen ist, ist geschehen. Aber lass uns wenigstens klären, wie lange das hier so bleiben soll. Hat deine Mutter eine Versicherung? Wird das Haus wieder aufgebaut?
Das Haus ist nicht mehr zu retten, schüttelte Markus den Kopf. Es war schon vorher baufällig. Und eine Versicherung? Wer versichert denn auf dem Land sein Haus? Also… das wird auf Dauer sein, Moni. Vielleicht für immer.
Für immer? Monikas Knie wurden weich, und sie sank auf einen Stuhl. Markus, bist du verrückt? Wir haben doch keinen Platz für drei Personen hier!
Und wohin soll sie sonst? Markus blieb die Antwort schuldig. Sie ist meine Mutter, verdammt noch mal. Und außer mir hat sie niemanden.
Und ich?, fragte Monika leise. Was bin ich dann? Ich bin deine Frau. Und ich habe auch niemanden außer dir.
In diesem Moment betrat Gertrud die Küche eine kleine, rundliche Frau mit grauen Haaren, die zu einem Dutt zusammengesteckt waren. Sie trug ein altmodisches Blumenkleid und eine Strickjacke, obwohl draußen warmes Wetter herrschte.
Entschuldigt, dass ich mich einmische, begann sie unsicher. Aber ich habe alles mitgehört. Die Wände sind dünn.
Monika und Markus verstummten und sahen die ältere Frau an. Diese wechselte nervös von einem Fuß auf den anderen.
Monikachen, fuhr Gertrud fort. Ich verstehe, dass ich wie ein Schock für dich komme. Und wenn ich störe, kann ich gehen. Vielleicht finde ich einen Platz in einem Altenheim.
Mama, hör auf, Markus stand auf und legte einen Arm um ihre Schultern. Du gehst nirgendwohin. Das hier ist jetzt auch dein Zuhause.
Monika spürte, wie ihr die Wut hochstieg. Das hier ist jetzt auch dein Zuhause das sagte ihr Mann zu seiner Mutter, ohne sie, die eigentliche Hausherrin, auch nur zu fragen. Doch laut sagte sie nur:
Gertrud, es geht nicht darum, dass Sie stören. Nur… diese Entscheidung hätten wir gemeinsam treffen müssen. Markus und ich sind eine Familie, wir entscheiden wichtige Dinge zusammen. Und jetzt hat er einfach alles allein bestimmt.
Ich verstehe, mein Kind. Gertrud nickte. Ihr seid jung, ihr seid besser zu zweit. Und dann komme ich, eine alte Frau, die euch nur im Weg steht.
Mama!, rief Markus. Hör auf! Niemand sagt, dass du im Weg stehst. Monika hat recht ich hätte zuerst mit ihr reden müssen.
Gertrud seufzte schwer und setzte sich an den Tisch:
Mein Junge, du musst mich nicht verteidigen. Ich sehe doch, dass ich zur falschen Zeit komme. Monika kommt müde von der Arbeit, und dann stehe ich hier mit meinen Problemen.
Monika bemerkte, dass ihre Schwiegermutter genau das sagte, was Markus hätte sagen sollen. Und das löste unwillkürlich ein warmes Gefühl in ihr aus.
Gertrud, sagte sie sanfter. Lassen Sie uns in Ruhe darüber reden. Die Situation ist schwierig, aber nicht aussichtslos. Wann ist Ihr Haus abgebrannt?
Vor drei Tagen, antwortete Gertrud. Ich war bei der Nachbarin, habe Kuchen gebacken, und dann gab es einen Kurzschluss. Als ich zurückkam, stand es schon in Flammen. Zum Glück habe ich die Papiere und Fotos retten können die Freiwillige Feuerwehr hat geholfen. Aber sonst… alles weg. Vierzig Jahre habe ich dort gelebt, und jetzt…
Ihre Stimme brach, und die alte Frau holte ein besticktes Taschentuch hervor und tupfte sich die Augen. Monika stand langsam auf, ging um den Tisch herum und legte vorsichtig eine Hand auf Gertruds Schulter. Es tut mir leid, dass Sie das alles durchmachen mussten, sagte sie leise. Niemand sollte so plötzlich sein Zuhause verlieren. Markus sah sie überrascht an, und in seinem Blick lag etwas wie Hoffnung. Wir finden eine Lösung, fuhr Monika fort. Aber wir finden sie gemeinsam. Gertrud nickte stumm, Tränen in den Augen, und drückte dankbar ihre Hand. Schweigend saßen sie da, drei Menschen, die in diesem Moment noch nicht wussten, wie es weitergehen würde aber zumindest fühlte es sich an, als stünden sie nun nicht mehr ganz so allein da.







