**Die Zufällige Familie**
«Nett hier ganz schön große Bude!» Die Kommilitonin Katharina musterte die vier Zimmer mit unverhohlener Neugier. «Du bist ja eine reiche Partie, Lena!»
Lena ließ sich kraftlos in den Sessel fallen. «Was willst du eigentlich? Im Dekanat wissen doch alle, dass ich krank war.»
Katharina plumpste auf das altlederne Sofa, das unter ihrem Gewicht kläglich quiekte. Lena verzog das Gesicht. Die Wohnung war voller Antiquitäten, die ihre Familie über Jahrzehnte gesammelt hatte. «Und?», drängte sie. Ihr war elend, sie wollte nur noch schlafen.
«Nun», zögerte Katharina, «unser Kursvertreter Konstantin hat mich geschickt. Er hat rausgefunden, dass ich in der Nähe wohne. Du kennst ihn ja dieser Besserwisser. Er wollte wissen, ob du etwas brauchst. Schließlich bist du jetzt ganz allein.» Ein Anflug von Neid schwang in ihrer Stimme mit. «Aber in so einer Wohnung…»
Lena rappelte sich mühsam hoch. «Danke für den Besuch, Katharina. Und sag Konstantin, dass ich nichts brauche.» Katharina erhob sich widerwillig und folgte ihr zur Tür. Doch auf der Schwelle platzte es noch aus ihr heraus: «In so einer Wohnung würde ich gern wohnen! Ich würde Feste schmeißen ihr habt echt Glück!»
«Oh? Wir?», fragte Lena gelangweilt.
«Die Seligen. Nicht von dieser Welt», spuckte Katharina heraus.
Lena erwiderte nur: «Alles Gute.» und schloss die Tür.
Sie legte sich hin, doch der rettende Schlaf wollte nicht kommen. So lange sie denken konnte, hatte sie hier mit ihrer Großmutter Antonina gelebt. Oma war streng gewesen von Kindesbeinen an hatte Lena Benimmregeln, Französisch, Englisch und Deutsch pauken müssen. Jederzeit konnte Oma in einer der Sprachen anfangen, und Lena musste antworten.
An ihre Eltern erinnerte sie sich nicht. Oma sprach nur widerwillig von ihrer «undankbaren Tochter», wie sie sie nannte. Die hatte Lena mit einem gewissen Alexander gezeugt, der sie später in eine Sekte lockte. Drei Jahre später kam die Nachricht: Bei einem «Ritual» oder einfach nur beim Saufen waren sie verbrannt. Die Details blieben Lena erspart. Und sie vermisste sie nicht.
Nur wenige Menschen verkehrten in ihrem Haus: die Schneiderin Gisela, die für Oma und sie nähte; der betagte Arzt Elias Heinrich; Omas Freundinnen Elisabeth und Arkadia; und ihr langjähriger Verehrer, Peter Nikolaus, ein ehemals bekannter Juwelier.
In dieser Umgebung war Lena aufgewachsen. Als es Zeit für die Schule wurde, hatte sie Angst gehabt so viel Lärm kannte sie nicht. Doch sie gewöhnte sich daran und lernte, in zwei Welten zu leben: Omas Welt und der draußen, hinter den alten Wohnungsmauern.
Dann kam das Unglück. Oma, die nie etwas von Fremden auf der Straße kaufte, hatte plötzlich Pilze erstanden. «Sie lagen einfach da und erinnerten mich an den Pilzeintopf, den unsere Köchin Seraphine auf dem Landhaus machte.» Der Eintopf war köstlich, der Duft himmlisch. Lena nahm sogar Nachschlag.
Zuerst fühlte sich Oma schlecht, dann Lena. Sie riefen Elias Heinrich an doch sein Telefon war abgestellt. Später erfuhr Lena, dass er in seinem Ferienhaus war. Oma weigerte sich lange, den Notruf zu wählen sie vertraute nur ihrem Arzt. Doch als sie bewusstlos wurde und Lena selbst Kreise vor den Augen sah, wählte sie mit letzter Kraft die 112. Sie schaffte es noch, die Tür aufzuschließen, bevor sie zusammenbrach.
Nun lag das alles hinter ihr bis auf den Verlust der einzigen Familie, die sie kannte. Aber wie sollte sie weiterleben? Die Stipendien reichten nicht, selbst wenn sie erhöht wurden. Die Wohnung kostete viel, trotz aller Sparsamkeit. Und wann sie ihr Studium fortsetzen konnte, war unklar.
Peter Nikolaus half eine Weile er kaufte ihr ein paar Antiquitäten ab, betrog sie dabei zwar, aber Lena kam wenigstens über die Runden. Doch das Problem blieb. Schließlich erinnerte sie sich: Früher war die Wohnung eine Gemeinschaftswohnung gewesen, bis sie ihrem Urgroßvater für seine Verdienste überschrieben wurde.
Lena beschloss, Mitbewohner aufzunehmen. Ihr Zimmer reichte ihr. Drei weitere könnten eine ordentliche Miete einbringen wenn sie anständige Leute fand, am besten Frauen.
Die Anzeige im Internet brachte Anrufe aber nichts Passendes. Mal Gastarbeiter, mal Familien mit Kindern, mal Studentinnen, die kichernd fragten, ob Besuch erlaubt sei. Als die Anfragen ausblieben, wollte Lena zu einer Agentur gehen.
Doch dann sah sie auf dem Weg eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern. Das Mädchen, fünf Jahre alt, kaute an einem altbackenen Lebkuchen. Der Junge lag auf ihrem Schoß und weinte leise. Die Frau telefonierte laut: «Michael, warum tust du uns das an? Die Kinder haben Hunger, ich rede gar nicht von mir. Meine Milch ist versiegt. Besinn dich! Wohin sollen wir? Ich kenne niemanden, der uns aufnimmt. Schon gar nicht deine Freunde. Lass deine Vera mit uns wohnen gib uns ein Zimmer, wir stören euch nicht. Wie nein? Michael, leg nicht auf! MICHAEL» Sie brach in Tränen aus.
Lena konnte nicht einfach vorbeigehen. Sie setzte sich leise neben die Frau. «Entschuldigen Sie ich habe zufällig mitgehört. Brauchen Sie Hilfe?», fragte sie und reichte ein Taschentuch.
Die Frau sie hieß Nadine erzählte ihre Geschichte: Mit zwölf Waise, im Heim großgeworden, dann von ihrem Mann Michael verlassen, der sie und die Kinder für eine andere aus der Wohnung warf.
Lena bot ihnen eines ihrer Zimmer an. Doch daraus wurde nichts stattdessen kamen noch zwei weitere hinzu: Anton Michael, ein alter Mann, den die Schwiegertochter nach dem Tod ihres Mannes aus der Wohnung geworfen hatte, und Paul, ein blinder Junge, den sein Vormund um alles gebracht hatte.
Nun hatte Lena eine große Familie: Nadine arbeitete als Putzfrau, Paul passte auf die Kinder auf kein besserer Babysitter, trotz seiner Blindheit und Anton Michael, einst Koch, zauberte aus einfachen Zutaten Festmähler.
So lebte Lena nun. Und sie bereute nichts. Immer wenn sie nach Hause kam, wartete ihre zufällig gefundene Familie auf sie.







