Heute möchte ich meine Gedanken niederschreiben. Es fällt mir nicht leicht, aber vielleicht hilft es mir, Klarheit zu finden.
Früher war ich die stolze Herrin einer hellen, geräumigen Wohnung in München, eine liebevolle Mutter zweier wunderbarer Kinder und die treue Ehefrau eines angesehenen Ingenieurs. Meine Hände, nun von feinen Falten durchzogen, kannten jeden Winkel dieses Zuhauses sie spürten das kleinste Staubkorn auf den Bücherrücken, wussten genau, wie schwer der Kochlöffel war, mit dem ich die dampfende Suppe umrührte, und erinnerten sich an die Wärme des Bügeleisens und die Kühle frisch gewaschener Wäsche.
Ich besaß eine seltene Gabe die Kunst des Zuhörens. Ohne zu unterbrechen, aufmerksam und mit ganzem Herzen versank ich in den Erzählungen meiner Gesprächspartner. Ein sanfter, verständnisvoller Blick reichte oft aus, um Trost zu spenden. Doch die Zeit, unbarmherzig und gnadenlos, nahm keine Rücksicht auf vergangene Verdienste oder einstiges Glück. Sie raubte mir die Jahre, die Kräfte und die vertraute Ordnung meines Lebens.
Vor kurzem wurde ich achtundsiebzig. Eine Zahl, die wie ein stilles Urteil klang. Mein Sohn Thomas lebt nun mit seiner Familie in der ehemals gemeinsamen Dreizimmerwohnung, die einst von Lachen erfüllt war. Meine Tochter Katrin zog vor Jahren nach Hamburg, ruft selten an und beschränkt sich auf knappe Nachrichten: Wie geht es dir? oder Frohe Feiertage. Und Thomas mein geliebter Sohn ist anders geworden verschlossen, ständig müde und gereizt. Seine Frau Sabine, eine Frau mit strengem, geschäftsmäßigem Wesen, zeigte mir von Anfang an eine kühle Höflichkeit, die langsam in unverhohlenen Ärger umschlug.
Mutter, du hast wieder das Licht im Bad angelassen, sagte Thomas, im Vorbeigehen, ohne stehenzubleiben.
Ich wollte gleich zurückkommen und es ausschalten ich war nur kurz abgelenkt
Immer vergisst du etwas. Wir leben nicht im Mittelalter, Strom ist teuer!
Sabine pflegte dann hinzuzufügen:
Und den Herd hast du auch nicht richtig ausgemacht. Gut, dass ich nachgeschaut habe. Bald brennt noch die ganze Wohnung ab.
In solchen Momenten senkte ich nur den Blick, von scharfer Schuld durchdrungen. Tatsächlich begann ich vieles zu vergessen. Manchmal verlor ich den Faden im Gespräch, verwechselte die Wochentage oder stellte die Teetasse auf die Fensterbank statt auf den Küchentisch. Früher, in besseren Zeiten, wäre mir solche Zerstreutheit nie passiert. Damals nannte man mich verlässlich, tüchtig, das Rückgrat der Familie. Nun war meine Anwesenheit nur noch wie ein lästiges Hintergrundgeräusch leise, kaum hörbar, aber störend.
Meine Familie sah mich mit anderen Augen an. Keine Wärme, kein Respekt mehr. Sie sahen keine Mutter, sondern eine Last, ein Problem, das gelöst werden musste.
An jenem verhängnisvollen Tag goss es in Strömen. Ein kalter, anhaltender Herbstregen, als ob der Himmel selbst um jene weinte, die nicht mehr weinen konnten. Ich saß reglos am Fenster, in eine alte, aber geliebte Decke gehüllt, die ich einst für meinen Enkel gestrickt hatte, der nun selten vorbeikam.
Ich erinnerte mich, wie ich früher große Töpfe mit Suppe kochte, wie die Kinder Nachschlag verlangten, wie mein Mann laut lachte und Witze erzählte. Damals schien die Welt warm, vertraut und geborgen.
Nun war diese Welt auf ein kleines Zimmer geschrumpft, auf vier Wände, die sich täglich enger anfühlten, und auf immer dieselben Sätze:
Mutter, wo sind deine Tabletten diesmal?
Mutter, der Fernseher ist zu laut.
Mutter, du störst unseren Rhythmus.
Das Wort stören traf mich besonders es stach wie eine Nadel ins Herz. Niemals hätte ich gedacht, dass ich einmal zur Belastung in meinem eigenen Zuhause werden würde.
An jenem Morgen sagte Thomas, ohne mich anzusehen:
Mutter, Sabine und ich haben ernsthaft darüber gesprochen Vielleicht wäre ein Seniorenheim besser für dich? Dort kümmern sich Fachleute um dich, alles ist organisiert, du hättest mehr Ruhe.
Ich hob langsam den Blick.
Mehr Ruhe? Und wo soll ich diese Ruhe finden? Hier, bei euch, oder hinter den Mauern eines Heims, unter Fremden?
Du verstehst doch unsere Situation, erwiderte er. Wir arbeiten viel, haben Sorgen, das Kind, die Renovierungen Und du brauchst jetzt ständige Betreuung.
Aber ich kann noch laufen, mir einfaches Essen machen, mein Zimmer aufräumen, sagte ich ruhig.
Ja, aber du vergisst ständig etwas! Gestern hast du fast den Backofen angelassen! Das ist gefährlich!
Ich ballte die Hände. Ich erinnerte mich. Ja, ich hatte ein Stück Kuchen aufwärmen wollen, dann aber abgeblasen, weil mein Enkel anrief. Ob ich den Ofen ausgeschaltet hatte? Ich wusste es nicht mehr. Aber nichts war passiert.
Ich will nicht ins Heim, sagte ich fest. Ich bleibe hier. Das ist mein Zuhause.
Es ist unser gemeinsames Zuhause, Mutter, warf Sabine ein, ungefragt hereinplatzend. Und wir entscheiden, wer hier bleibt.
Ihre Worte trafen härter als eine Ohrfeige. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Es war, als würde ich Seite für Seite aus meinem eigenen Leben gestrichen.
Ich antwortete nicht, streitete nicht, schrie nicht. Ich nickte nur, drehte mich um und ging in mein Zimmer.
Drei Tage später war ich verschwunden.
Zuerst bemerkte es niemand. Erst beim Frühstück fragte Sabine:
Hast du heute Nacht geschlafen? Bist du aufgestanden?
Thomas sah nach.
Sie ist nicht da. Nicht in ihrem Zimmer, nicht in der Küche, nirgends.
Sie durchsuchten die Wohnung. Meine alte Tasche fehlte, mein Mantel auch. Auf dem Nachttisch lag ein weißer Umschlag mit meiner zittrigen Handschrift.
Darin ein kurzer Abschied:
Such mich nicht. Ich will euch nicht zur Last fallen. Verzeiht mir. Ich liebe euch. Mutter.
Eine bedrückende Stille legte sich über die Wohnung. Thomas knüllte den Zettel zusammen.
Blödsinn, murmelte er. Wohin soll sie allein gehen, in ihrem Alter?
Vielleicht zu einer Freundin?, vermutete Sabine unsicher.
Die ist vor einem Jahr gestorben, erinnerte Thomas düster.
Sie riefen die Polizei, Krankenhäuser, suchten. Zwei Tage später wurde ich offiziell als vermisst gemeldet. Doch man fand mich nicht als hätte mich die Erde verschluckt.
Dabei ging ich einfach nur. Durch regennasse Straßen, mit einer kleinen Tasche über der Schulter. Ich wusste nicht wohin. Ich kaufte ein billiges Ticket nach Rosenheim. Warum dorthin? Vielleicht weil meine Schwester dort einmal gelebt hatte.
In Rosenheim war es still und melancholisch. Herbstliche Bäume, kleine Häuser. Zufällig traf ich auf die alte Gertrud Schmidt, die ein Zimmer für wenig Geld vermietete.
Ganz allein?, fragte sie.
Ja. Ich bin von meinen Kindern weggegangen. Sie brauchen mich nicht mehr.
Gertrud seufzte.
So geht es vielen. Für die einen sind Eltern Liebe, für andere eine Last.
Ich hängte den nassen Mantel auf und spürte eine seltsame Erleichterung. Als hätte ich damit auch Jahre voll Vorwürfe abgestreift.
Eine Woche verging, dann eine zweite. Ich besuchte die örtliche Kirche, half Gertrud im Haus, saß am Fluss. Die Leute erkannten mich. Der Bäcker grüßte: Guten Tag, Frau Bauer, frisches Brot heute.
Ich nahm die Stricknadeln wieder in die Hand, machte Mützen, Schals. Einen bunten Schal schenkte ich einem Mädchen an der Bushaltestelle ihr strahlendes Lächeln ließ mich spüren, dass ich gebraucht wurde.
Dann, eines Abends, als ich in der Bibel las, klopfte es leise. Ein junger Mann, Mitte zwanzig, mit müden Augen, stand da.
Sind Sie Anna Bauer?
Ja. Wer sind Sie?
Ich bin Ihr Enkel. Matthias.
Ich erstarrte.
Matthias? Aber du bist doch in München
Ich bin extra hergekommen. Oma, warum bist du gegangen? Wir haben dich gesucht! Vater war außer sich!
Ich setzte ihn hin, schenkte Tee ein, konnte ihn kaum ansehen. Er glich seinem Vater in jungen Jahren, doch seine Züge waren meine.
Ich wollte euch nicht stören, flüsterte ich. Sie wollten mich ins Heim schicken
Was?!, fuhr er auf. Vater oder Tante Sabine?
Beide. Sie sagten, ich vergesse alles
Das ist nicht deine Schuld! Du bist meine Oma! Du hast mir Märchen vorgelesen, mich gepflegt, als ich krank war! Du bist keine Last!
Seine Stimme zitterte, Tränen glänzten in seinen Augen.
Und sie sie haben kaum nach dir gesucht, sagte er bitter. Nach einer Woche gaben sie auf. Aber ich konnte nicht. Ich konnte dich nicht vergessen.
Ich weinte. Tränen wie Herbstregen.
Wie hast du mich gefunden?
Gertrud half mir. Ich suchte in allen Dörfern, fragte die Leute. Eine Frau sagte, bei Gertrud wohne eine Anna Bauer.
Gott segne sie, flüsterte ich.
Siehst du?, lächelte er. Hilfe kommt oft von denen, bei denen man es nicht erwartet. Und die, die man am meisten liebt, wenden sich manchmal ab.
Am nächsten Tag brachte er mich nach Hause. Er hörte keine Widerreden, erklärte nichts. Er stellte meinen Koffer hin und sagte:
Sie kommt zurück. Und wer dagegen ist ich gehe mit ihr.
Thomas erbleichte.
Du verstehst nicht es ist nicht so einfach
Doch. Ich lasse nicht zu, dass meine Oma aus ihrem Zuhause vertrieben wird.
Sabine wollte protestieren, doch sein Blick ließ sie verstummen.
Von da an änderte sich etwas. Langsam, aber spürbar. Matthias kam täglich mit Essen, mit lieben Worten. Wir saßen abends zusammen, schauten Filme, schwiegen. Und dieses Schweigen war warm.
Thomas wurde sanfter. Er brachte mir einmal neue Hausschuhe:
Damit deine Füße nicht frieren. Ich habe sie noch heute. Sie sind weich und halten die Wärme gut. Manchmal sitze ich am Fenster, sehe den Kindern beim Spielen im Hof zu und stricke still, aber nicht mehr allein. Matthias liest mir vor, wenn er Zeit hat. Und abends, bevor ich schlafen gehe, lege ich die Hand auf das Kissen neben mir, als würde ich vergangene Jahre zudecken, die schwer waren, aber nicht das letzte Wort. Die Tür zu meinem Zimmer bleibt jetzt immer offen.







