«Die unscheinbare graue Maus! Wer braucht schon so eine?!» — lachten alle. Doch mit der Zeit…

Diese graue Maus! Wer braucht schon so eine?, lachten alle. Doch mit der Zeit wurde klar: Jeder neue Tag glich dem vorherigen. Anna saß an ihrem Schreibtisch, und der Stapel Papiere vor ihr schien ein lebendiges Wesen zu sein, das leise, aber unaufhaltsam wuchs und den freien Raum und die Zeit verschlang. Ordner, Akten, Berichte alles türmte sich zu einem hohen Berg auf, der jeden Moment einzustürzen drohte. Kollegen kamen mit Lächeln und Bitten zu ihr, die klangen, als sei es selbstverständlich. Annchen, du sagst doch nicht nein, oder?, Schätzchen, hilf mir, ich komme überhaupt nicht hinterher, Du bist bei uns die Verlässlichste, nur du kannst das. Und Anna konnte nicht nein sagen. Sie fand einfach nicht die Worte, die einen anderen Menschen enttäuschen würden.

Die Uhr tickte langsam, und schon zeigte der Zeiger auf acht Uhr abends. Das geräumige Büro war in Stille getaucht, unterbrochen nur vom gleichmäßigen Klappern der Tastatur und dem leisen Schnarchen des Wachmanns, der an seinem Posten döste. Anna saß immer noch vor dem Monitor, und das kalte Licht des Bildschirms fiel auf ihr müdes Gesicht, betonte die Schatten unter ihren Augen. Sie war zweiunddreißig Jahre alt, trug einen schlichten grauen Cardigan und band ihre Haare ordentlich zu einem Dutt. Sie war diejenige, auf die man zählen konnte, die nie enttäuschte. Die Bequeme.

Plötzlich durchbrach das Vibrieren des Handys die Stille. Auf dem Display leuchtete das Wort Mama. Anna holte tief Luft und nahm den Anruf an.

Annchen, Schatz, wo bist du? Wieder bei der Arbeit?, klang die Stimme der Mutter besorgt, voll versteckter Angst.

Ja, Mama, ich hab mich etwas verspätet. Alles gut.

Mein Kind, ich mache mir solche Sorgen! Du bist nur noch bei der Arbeit, wann lebst du denn?, seufzte die Mutter, als läge die Last aller Sorgen der Welt auf ihren Schultern. Ich hatte in deinem Alter schon deinen Vater kennengelernt, und du

Mama, mach dir bitte keine Sorgen, Anna drückte mit den Fingern ihre Nasenwurzel, spürte, wie ein Kopfschmerz aufkam. Ich also, ich habe einen Freund.

Stille in der Leitung. Anna verstand selbst nicht, was sie dazu gebracht hatte, diesen Satz zu sagen. Die Worte waren ihr einfach so herausgerutscht, wie ein Schild, das sie vor weiteren ängstlichen Fragen schützen sollte.

Wirklich?!, jubelte die Mutter. Annchen, warum hast du nichts gesagt? Wie heißt er? Erzähl sofort alles!

Wir wir sind noch nicht lange zusammen. Ich wollte warten, bis alles gefestigt ist.

Dann kommt doch am Samstag! Zum Mittagessen! Ich koche deine Lieblingssuppe, backe den Apfelkuchen! Ich will ihn unbedingt kennenlernen!

Anna schloss die Augen, stellte sich dieses Mittagessen vor. Bis Samstag war noch eine ganze Woche Zeit. Sieben lange Tage, um einen Mann zu finden, der bereit war, diese Rolle zu spielen und die wichtigste Frau ihres Lebens nicht zu enttäuschen.

Gut, Mama. Wir kommen.

Nach dem Gespräch ließ sie den Kopf auf ihre verschränkten Arme sinken. Was hatte sie nur getan? Wo sollte sie jetzt jemanden finden, der zu diesem Abenteuer bereit war?

Der nächste Morgen begann mit einem schweren Kopf und dunklen Ringen unter den Augen. Die ganze Nacht hatte Anna auf Dating-Websites verbracht, doch jedes Profil schien ihr trist und unaufrichtig. Wie sollte sie sich selbst beschreiben? Bescheidene Buchhalterin sucht Mann für temporäre Auftritte in der Öffentlichkeit?

Ann, alles in Ordnung? Du siehst total erschöpft aus, ertönte eine helle Stimme. Es war Jana, eine Kollegin aus der Marketingabteilung, eine lebhafte, immer lächelnde Blondine. Sie waren keine engen Freundinnen, aber Jana hatte die Angewohnheit, ungebeten in Annas Privatsphäre einzudringen.

Alles gut, nur nicht ausgeschlafen, antwortete Anna automatisch.

Das glaub ich dir nicht. Was ist los?

Und Anna erzählte. Vielleicht aus Erschöpfung, vielleicht weil sie es nicht mehr in sich tragen konnte, platzte alles aus ihr heraus. Von der Mutter, vom Versprechen, vom Mittagessen am Samstag und dem nicht existierenden Freund.

Jana hörte aufmerksam zu, nickte, dann klatschte sie in die Hände, als hätte sie eine Lösung gefunden.

Alles klar! Also: Ich nehme deine Verwandlung in die Hand. In einer Woche machen wir aus dir eine Königin, finden einen anständigen Mann, und deine Mutter kann beruhigt schlafen. Einverstanden?

Jana, nein, lass mal, ich schaffe das schon

Alleine versinkst du nur in diesen Akten. Beschlossen! Heute nach der Arbeit treffen wir uns am Haupteingang.

Anna wollte widersprechen, doch Jana war schon verschwunden, hinterließ eine Wolke intensiven Parfüms und das Gefühl eines nahenden Sturms.

Am Abend führte Jana sie in ein schickes Restaurant im Herzen der Stadt. Glänzendes Besteck, strahlend weiße Tischdecken, Kellner, die zwischen den Tischen hin und her glitten, und Preise in der Speisekarte, die einem den Atem raubten.

Jana, ich kann hier nicht bleiben, das ist viel zu teuer, flüsterte Anna und drückte sich in ihren Stuhl.

Beruhige dich! Hier verkehrt die bessere Gesellschaft. Man muss sich nur richtig präsentieren.

Doch Anna konnte sich nicht präsentieren. Sie saß da, in ihrem alten Cardigan, während Jana unbefangen mit anderen Gästen scherzte und Telefonnummern austauschte. Anna fühlte sich fehl am Platz, als stünde sie auf einer Bühne, ohne ihre Rolle zu kennen.

Schau, da ist Lars, Besitzer einer Café-Kette, flüsterte Jana und winkte einem gepflegten Mann mit selbstsicherem Blick zu.

Lars erzählte zehn Minuten lang von seinen Expansionsplänen, ohne Anna auch nur nach ihrem Namen zu fragen, dann entschuldigte er sich und kehrte zu seinem Tisch zurück. Dann kam Markus, dann Stefan. Alle warfen ihr einen flüchtigen Blick zu und verloren schnell das Interesse.

Kopf hoch, ermutigte Jana sie auf dem Heimweg. Morgen haben wir ein Coaching-Seminar zur Potenzialentfaltung. Da sind bestimmt vernünftige Leute.

Das Seminar erwies sich als noch seltsamer. Ein kleiner Raum voller Fremder, die über Selbstliebe brüllten und sich gegenseitig umarmten. Anna stand an der Wand, spürte, wie Panik sie überkam. Als der Seminarleiter, ein Mann in einem grellgrünen T-Shirt, sie bat, nach vorne zu kommen und ihre tiefsten Ängste zu teilen, schien der Boden unter ihr zu verschwinden.

Du blockierst deine Gefühle!, rief der Coach. Erlaube dir, glücklich zu sein!

Anna schwieg. Sie wollte ihre Ängste nicht mit Fremden teilen. Sie sehnte sich nach zu Hause, nach Stille und Sicherheit, mit einer Tasse heißem Tee.

Die nächsten Tage wurden zu einer Reihe ähnlicher Erlebnisse. Jana schleppte sie zu Partys, Präsentationen, gesellschaftlichen Events. Anna gab ihr Bestes, lächelte, versuchte, Gespräche zu führen, doch mit jeder Stunde fühlte sie sich leerer und einsamer. Es war eine fremde Welt, voller Masken und Vorstellungen.

Am Freitag, einen Tag vor dem schicksalhaften Mittagessen, blieb Anna wieder lange im Büro. Alle Kollegen waren gegangen, nur sie arbeitete noch an einem Quartalsbericht. Nicht ihrem, sondern dem einer Kollegin aus der Nachbarabteilung. Die hatte einfach gefragt, und Anna hatte, wie immer, nicht nein sagen können.

Du bist immer noch hier?, tauchte eine vertraute Gestalt in der Tür auf. Es war Maxim, ein Mitarbeiter aus der IT-Abteilung. Groß, ruhig, mit einer schlichten Brille. Er kam manchmal vorbei, um Technik zu reparieren, und tat das stets schweigend und konzentriert. Sie arbeiteten seit Jahren im selben Unternehmen, hatten aber kaum mehr als ein paar Worte gewechselt.

Ja, fast fertig, nickte Anna, ohne vom Bildschirm aufzublicken.

Maxim blieb einen Moment stehen, dann trat er näher.

Anna, darf ich fragen? In letzter Zeit bist du irgendwie anders. Alles in Ordnung?

Sie sah ihn an. Sein Blick war frei von Spott oder Herablassung, voller aufrichtiger Anteilnahme.

Es ist kompliziert, seufzte sie.

Und wieder, wie damals mit Jana, erzählte sie alles. Von der Mutter, vom erfundenen Freund, von den endlosen Partys und Seminaren. Maxim hörte schweigend zu.

Weißt du, begann er, als sie fertig war, vielleicht solltest du nicht an Orten nach etwas Wichtigem suchen, wo du dich unwohl fühlst? Wenn du dich verstellst, findest du auch nur etwas Unechtes.

Diese einfachen Worte trafen Anna wie eine Offenbarung.

Aber das Mittagessen ist morgen. Ich kann die Enttäuschung in ihren Augen nicht noch einmal ertragen.

Willst du, dass ich dich begleite?, schlug Maxim unerwartet vor. Als Freund. Wir lernen uns kennen, unterhalten uns. Und später, nach einer Weile, sagen wir einfach, dass es nicht gepasst hat. Deine Mutter ist beruhigt, und du hast Zeit, alles in Ruhe zu überdenken.

Anna starrte ihn verblüfft an.

Du du hättest wirklich nichts dagegen?

Natürlich nicht. Wir sind Kollegen. Ich will nicht, dass du dich so quälst.

Am Samstag holte Maxim Anna ab. Er trug ein einfaches blaues Hemd, in der Hand hielt er einen kleinen Strauß Gänseblümchen und eine Schachtel Pralinen.

Für deine Mutter, lächelte er. Sie betraten gemeinsam das kleine Haus am Stadtrand, wo der Duft von frisch gekochter Suppe in der Luft lag. Annas Mutter strahlte, als sie die beiden sah, umarmte Maxim herzlich und stellte ihm tausend Fragen, die er geduldig beantwortete. Beim Essen erzählte er von seiner Arbeit, seinen Hobbys, lachte über Annas altmodische Angewohnheiten, als sei nichts natürlicher auf der Welt. Anna beobachtete ihn verstohlen, wie er mit ihrer Mutter plauderte, wie er ihr den Salat reichte, wie er über ihren alten Teddy sprach, den er angeblich auf dem Dachboden entdeckt hatte.

Später, auf dem Heimweg, gingen sie schweigend nebeneinander, bis Maxim sagte: Weißt du, ich glaube, sie mochte mich.

Anna lachte leise. Ich glaube, sie plant schon die Hochzeit.

Nicht übereilen, sagte er mit einem sanften Lächeln. Aber wenn du willst, können wir uns ja irgendwann wirklich kennenlernen. Unter echten Umständen.

Anna nickte, spürte zum ersten Mal seit Langem, wie sich etwas in ihrer Brust lockerte. Und als sie zu Hause angekommen war, blieb sie noch eine Weile an der Tür stehen, den Blick auf die Sterne gerichtet, das Herz leichter als seit Jahren.

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