Überraschung

**Die Überraschung**

Lust, auf ein Bier ins Café zu gehen? Quatschen, abschalten?, fragte Niklas am Ende des Arbeitstages.

Tut mir leid, ich muss nach Hause. Schau mal. Jonas zog eine kleine Schachtel aus der Tasche und öffnete sie.

Echt jetzt? Du traust dich?, staunte Niklas und musterte den Ring. Ich dachte, du heiratest nie. Er klopfte seinem Freund auf die Schulter.

Lina und ich sind seit vier Jahren zusammen, es wird Zeit. Sie weiß von nichts eine Überraschung. Wenn ich es jetzt nicht tue

dann tust dus nie, vollendete Niklas den Satz. Zweifelst du noch? Komm schon, Lina ist eine tolle Frau. Ich beneide dich fast.

Na ja, ich gehe dann. Jonas steckte die Schachtel weg. Hab versprochen, früher zu kommen. Er eilte zum Aufzug.

Auf dem Heimweg stoppte er beim Blumenladen und kaufte einen Strauß dunkelroter Rosen. Lina liebte sie. Im Auto legte er sie auf den Beifahrersitz. An jeder Ampel übte er im Stillen: *Schatz, du wartest schon so lange Lina, ich liebe dich, heirate mich.* Nein, das klang alles falsch.

Er fand keine richtigen Worte. Nach dem Parken griff er zum Strauß und ging zum Hauseingang. Gerade als er die Tür öffnen wollte, klingelte sein Handy.

Jonas, mein Junge

An Mamas Stimme merkte er sofort: Etwas war passiert.

Was ist los?

Mit mir ist alles gut. Aber Lena ist tot, mein Junge.

Herrgott Jonas ließ die Türklinke los.

Es machte keinen Sinn. Lena, die er seit der Kindheit kannte. Tot. Wie?

Ein Auto hat sie erwischt. Sofort tot. Der Fahrer ist geflüchtet. Beerdigung morgen. Kommst du? Sie mochte dich so gern Mama schluchzte. Und jetzt ist Sophie allein. Was sollen wir bloß tun? Sie kommt sonst ins Heim

Ich versuche, rechtzeitig da zu sein, versprach Jonas.

Bitte komm

*Lena ist weg.*

Er hatte sie nie so geliebt, wie sie ihn. Sie hatte Besseres verdient.

Wie er in die Wohnung kam, wusste er nicht. Plötzlich stand er im Flur, der Rosenstrauß in der Hand deplatziert. Der Schock saß tief. Jetzt einen Heiratsantrag machen? Unmöglich.

Für was sind die Blumen?, fragte Lina, aus dem Wohnzimmer kommend. Erst jetzt bemerkte er den Duft von Abendessen. Normalerweise hätte er genüsslich geschnuppert, aber heute fühlte sich alles falsch an.

Lina wartete, dass er ihr den Strauß gab. Doch er zögerte, als wüsste er nicht mehr, was er damit sollte.

Blumen brauchen keinen Anlass. Er gab ihr die Rosen und drückte einen Kuss auf ihre Wange.

Sie senkte den Blick, enttäuscht, und verschwand in der Küche. Bald hörte er Wasser rauschen.

Als er nachkam, standen die Rosen in einer Vase, und Lina deckte den Tisch.

Kein Hunger, aber er setzte sich trotzdem.

Isst du nichts?, fragte sie.

Kein Appetit. Mama hat angerufen. Lena ist tot. Beerdigung morgen.

Lena deine?

Meine Ex-Frau. Ich muss hin, wegen Sophie. Unserer Tochter.

Lina erstarrte. Du hast nie erwähnt, dass du ein Kind hast. Wie alt ist sie?

Zwölf, glaube ich.

Und du willst sie hierherholen? Zu uns?

Ich weiß nicht. Lena hatte niemanden. Meine Mutter ist krank Ich muss packen.

Du fährst wirklich zur Beerdigung?, fragte Lina misstrauisch.

Ja, Nachtzug. Hab schon beim Chef Bescheid gesagt.

Ihr seid seit Jahren geschieden. Sie hatte sicher jemanden

Lina, nicht jetzt. Das Auto lasse ich hier. Du kannst es nutzen.

Das ist also die Überraschung? Sie stand abrupt auf.

Nein. Ich sags dir, wenn ich zurück bin. Seine Hand grub sich in die Tasche, umklammerte die Schachtel.

***

Im Zug fand er keinen Schlaf. Er lag da und erinnerte sich

Sie kannten sich seit dem Kindergarten, gingen in dieselbe Schule. Die zierliche, blonde Lena war oft krank, immer mit Schal um den Hals.

Als ihre Eltern starben, folgte die Oma kurz darauf. Jonas Eltern nahmen Lena auf.

Sein Vater scherzte: *Da hast du deine Braut.* Doch er wehrte sich.

Vor dem Abi blieben sie allein im Haus. Er wusste nicht mehr, wie es passierte nur, dass Lena schwanger wurde. Seine Eltern bestanden auf Heirat.

Für ihn war sie eine Freundin, fast wie eine Schwester. Liebe sollte anders sein, romantischer. Doch er heiratete. Als Sophie geboren wurde, spürte er nichts. Die Wahrheit traf ihn: Er liebte Lena nicht, kümmerte sich nicht um das Kind. Er floh, zog nach Berlin.

Sein Vater sagte: *In unserer Familie lässt man Kinder nicht im Stich. Wenn du gehst, bist du nicht mehr mein Sohn.*

Seitdem war er nie mehr daheim, nicht mal zur Beerdigung des Vaters.

Lena zog später mit einem neuen Mann zusammen. Seine Mutter schickte Fotos von Sophie sie wurde Lena immer ähnlicher. Jonas fühlte nichts.

Und jetzt fuhr er heim. Nein, er würde Sophie nicht mitnehmen. Was für ein Vater war er schon?

Dann kam Lina in sein Leben. Unwiderstehlich. Doch er zögerte mit dem Antrag. Und als er endlich den Ring kaufte, musste er zur Beerdigung seiner Ex Als wollte Lena sich rächen.

Ehrlich gesagt, war ohnehin wenig zu zerstören. Die Leidenschaft war längst erloschen, sie lebten mehr aus Gewohnheit zusammen. Er heiratete nur, um Lina nicht zu verlieren.

Mit dem Gedanken *Es wird schon irgendwie gehen* schlief er ein.

***

Seine Mutter weinte vor Freude. Sophie stand abseits, misstrauisch.

Sophie, komm her, das ist dein Papa.

Das Mädchen schnaubte, drehte sich abrupt um und verschwand in seinem alten Kinderzimmer.

Gib ihr Zeit, flüsterte die Mutter.

Lenas Sarg war geschlossen. Es war, als hätte es sie nie gegeben. Sophie weinte nicht, starrte nur finster vor sich hin.

Er versuchte, mit ihr zu reden vergeblich. Am Abend saß Sophie allein auf der Treppe vor dem Haus. Jonas setzte sich neben sie, sagte nichts, nur das Knistern der alten Holzdielen unter ihren Schuhen war zu hören. Nach einer Weile legte sie vorsichtig ihren Kopf an seine Schulter. Er spürte, wie etwas in ihm brach und gleichzeitig neu zusammenwuchs. Als er am nächsten Morgen das Haus verließ, stand sie im Fenster, die Hand zum Abschied erhoben. Er winkte zurück, den Ring noch immer in der Tasche, doch plötzlich wusste er: Manche Versprechen gelten erst, wenn man gelernt hat, sie zu halten.

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