Wahrsage mir die Zukunft, Oma

Es war an einem trüben Herbstabend in München, als Lieselotte Schmidt in der Küche saß und ihren Eintopf rührte. Ihre Enkelin, Marlene, stocherte lustlos in ihrer Suppe herum.

«Was ist los, mein Schatz? Warum bist du so traurig?» Lieselotte beugte sich vor und strich Marlene über das Haar. «Magst du die Suppe nicht? Ich kann dir Bratkartoffeln mit Würstchen machen.»

«Nein, Oma. Ich habe keinen Hunger», murmelte Marlene und blickte kurz auf.

«Etwas bedrückt dich. Sprich mit mir. Vielleicht kann ich helfen?» Lieselottes Stimme war sanft, doch bestimmt.

Marlene seufzte und legte den Löffel beiseite.

«Alle Mädchen an der Uni tragen modische Klamotten. Ich komme mir vor wie ein altes Häuschen. Niemad lacht mich offen aus, aber ich spüre die Blicke. Und die Jungs bemerken mich erst recht nicht.»

«Wegen der Kleidung?» Die alte Frau runzelte die Stirn.

«Auch deshalb. Ich sehe altmodisch aus.»

«Wer sagt so etwas? Du bist wunderschön! Die anderen sind bloß neidisch. Morgen kommt meine Rente, dann kaufen wir dir ein neues Kleid.» Lieselotte lächelte zärtlich.

«Nein, Oma.» Marlene schüttelte den Kopf. «Ich möchte richtige Jeans, Markenware. Aber weißt du, wie teuer die sind? Wovon sollen wir dann leben? Ich hätte lieber eine Arbeit gesucht und nebenher studiert.»

Lieselotte blickte sie streng an. «Unsinn. Solange ich lebe, studierst du ordentlich. Ein Fernstudium ist keine richtige Ausbildung. Du wirst noch genug arbeiten. Und wer dich auslacht, ist dumm. Kleider machen keine Leute.»

«Wer braucht heute noch eine gute Ausbildung? Die Welt hat sich geändert, Oma. Könnte ich nicht wenigstens einen Nebenjob suchen?»

«Keine Diskussion», schnitt Lieselotte das Thema ab. «Die Zuschüsse werden gestrichen, wenn du wechselst. Jeder Euro zählt.»

Marlene senkte den Kopf. Es war sinnlos. Ihre Oma verstand nicht, wie peinlich es mit neunzehn war, in umgenähter Kleidung herumzulaufen.

«Iss jetzt. Ich habe eine Idee.» Lieselotte stand auf und verschwand im Schlafzimmer.

Marlene hörte Schränke knarren und Papier rascheln. Als sie nachschaute, saß die Oma am Fenster und starrte hinaus.

«Oma, es tut mir leid.» Marlene setzte sich neben sie und schmiegte sich an sie.

«Wofür, mein Herz? Du hast recht. Du brauchst längst eine neue Jacke, neue Stiefel.»

«Oma, bitte leihe kein Geld! Wir könnten es nie zurückzahlen.»

«Keine Sorge. Ich habe noch den Ring, den dein Großvater mir schenkte. Den wirst du wohl nie tragen. Morgen bringe ich ihn zum Pfandhaus. Und du? Deine Suppe ist kalt geworden.»

«Später. Erzähl mir lieber meine Zukunft.»

Lieselotte drehte sich abrupt um. «Was fällt dir ein? Ich bin doch keine Wahrsagerin!»

«Doch, Oma.» Marlene lächelte verschmitzt. «Mama sagte, du hast ihr Papa vorausgesagt.»

«Wann hat sie das gesagt?» Die alte Frau wirkte verblüfft.

«Sie hat es erwähnt.»

«Ihr Jungen wollt immer alles vorauswissen. Doch das Schicksal lässt sich nicht betrügen. Was nützt es, Böses zu sehen? Dann grübelst du nur und ziehst es an.»

«Dann sag mir was Gutes.»

«Ohne Karten weiß ich: Es wird alles gut. Hab Geduld.»

«Ach, Oma, bitte!» Marlene schaute sie mit großen Augen an.

«Du kleine Schlitzohr. Na gut.» Lieselotte holte ein verschnürtes Päckchen hervor. «Konzentrier dich auf deinen Herzenswunsch.»

Marlene hielt den Atem an, als die Oma die Karten mischte. Langsam legte sie sie aus.

«Siehst du?» Lieselotte deutete auf zwei Siebener. «Das bedeutet Liebe. Bald.» Sie zeigte auf den Herzkönig. «Und hier stehst du neben ihm.» Plötzlich runzelte sie die Stirn.

«Was ist, Oma?»

«Nichts Schlimmes. Kreuz-Karten bedeuten Sorgen. Doch was wäre das Leben ohne sie? Ohne Verlust kein Glück.» Ihre Stimme wurde leise.

Marlene lauschte gespannt.

«Genug jetzt. Deine Liebe kommt bald. Mach den Tee.»

Am nächsten Morgen ging Marlene mit leichtem Herzen zur Uni. Die Blicke der anderen kratzten nicht mehr an ihr.

Doch dann sah sie den Polizeiwagen vor dem Haus.

«Marlene, mein Kind…» Die Nachbarin hielt sie auf.

«Was ist mit Oma?» Ihr Herz raste.

Drinnen lag alles durcheinander. Ein Beamter trat auf sie zu.

«Frau Marlene Schmidt? Ihre Großmutter… ein Überfall. Sie starb an einem Herzinfarkt.»

Marlene erstarrte.

«Wurde sie… wegen der Rente ermordet?»

«Es sieht so aus. Der Täter ist geflohen. Aber wir kriegen ihn.»

Die Tage danach verloren sich im Nebel. Der Beamte, Hauptmann Bauer, half mit den Beerdigungsformalitäten.

Eines Tages gestand er: «Sie gefallen mir. Rufen Sie an, wenn Sie Hilfe brauchen.»

Sie gingen ins Kino, spazierten. Er erzählte von seinem Jurastudium, seiner kleinen Schwester.

Als er ihr einen Heiratsantrag machte, sagte sie Ja.

Abends, vor Omas Foto, fiel es ihr ein: Die Karten hatten es vorausgesagt.

«Oma, du wusstest es? Warum hast du nichts gesagt?»

Auf dem Bild lächelte Lieselotte still.

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