Wir haben nicht mit dir gerechnet, sagte die Schwester und schloss die Tür.
Mutter ist vor drei Tagen gestorben, und du kommst erst jetzt! Die Stimme am Telefon zitterte vor unterdrücktem Zorn.
Greta presste das Handy ans Ohr, während sie gleichzeitig versuchte, ihre schwere Tasche zu halten und den Autoschlüssel aus der Jackentasche zu fischen. Der Regen prasselte lauter auf das Bahnhofsdach, ein eisiger Wind zog durch die Halle.
Clara, ich habe es dir erklärt. Ich war auf einer Dienstreise in Südostasien, dort gab es keinen Empfang. Sobald ich es wusste, bin ich sofort losgeflogen.
Die Dienstreise war wichtiger als unsere Mutter?
Hör auf damit. Ich bin unterwegs. In einer Stunde bin ich da.
Die Schwester legte auf. Greta setzte sich in den Mietwagen und starrte eine Weile auf die verschwommenen Lichter der Stadt, die im Regen verschwammen. Ihre Heimatstadt, die sie vor fünfzehn Jahren verlassen hatte. Damals war sie fünfundzwanzig gewesen, voller Entschlossenheit, die große Karriere in Frankfurt zu machen. Die Mutter hatte geweint, der Vater geschwiegen, und Clara ihre jüngere Schwester hatte sie eine Verräterin genannt.
Die Fahrt zum Elternhaus dauerte länger als erwartet. Die Stadt hatte sich verändert neue Wohnviertel, Einkaufszentren, verkehrsberuhigte Zonen. Doch je näher sie dem alten Zentrum kam, desto vertrauter wurden die Straßen. Da war die Bäckerei, in der sie und Clara als Kinder warme Brezeln gekauft hatten. Da die Schule, deren Fassade noch immer abblätterte. Und dann ihre Straße ruhig, mit kleinen Vorgärten und Bänken vor den Häusern.
Das Elternhaus stand am Ende einer Sackgasse. Zweistöckig, mit einem Satteldach, einst strahlend weiß, jetzt grau vom Wetter. Im Wohnzimmer brannte Licht, Schatten bewegten sich hinter den Gardinen. Greta parkte vor dem Tor, griff nach ihrer Tasche und holte tief Luft.
Das Gartentor war nicht verschlossen. Unter dem Vordach standen Tische mit weißen Tischdecken die Beerdigungsfeier. Ein paar Gäste rauchten auf der Terrasse und sprachen leise miteinander. Als sie Greta sahen, verstummten sie.
Guten Abend, sagte sie.
Niemand antwortete. Tante Helga, eine Freundin der Mutter, wandte sich weg. Onkel Klaus, der Nachbar, schüttelte nur den Kopf. Greta ging an ihnen vorbei, stieg die Treppe hoch und zog an der Haustür.
Verschlossen.
Sie klingelte. Schritte, das Klicken des Schlosses. In der Tür stand Clara. Gealtert, mit bitteren Falten um den Mund, in einem schwarzen Kleid.
Wir haben nicht mit dir gerechnet, sagte die Schwester und schloss die Tür.
Greta stand wie erstarrt auf der Terrasse. Hinter ihr flüsterten die Raucher. Sie klingelte erneut. Stille. Sie klopfte.
Clara! Mach auf! Das ist doch absurd!
Die Tür öffnete sich einen Spalt, die Sicherheitskette blieb eingerastet.
Fahr wieder weg, sagte Clara. Du hast hier nichts verloren.
Ich will mich von Mutter verabschieden!
Zu spät. Gestern war die Beerdigung.
Aber du hast gesagt, sie ist vor drei Tagen gestorben!
Und? Hast du gedacht, du schaffst es noch? Fünfzehn Jahre warst du weg, und auf einmal ist es dir wichtig?
Clara, lass mich rein. Lass uns vernünftig reden.
Vernünftig? Hast du vernünftig gehandelt, als Vater starb? Du bist nicht einmal gekommen!
Ich war in Afrika! Auf Expedition! Ohne Empfang!
Immer hast du Ausreden. Afrika, die Antarktis, Dienstreisen. Und wir waren hier. Mit Mutter. Sie war drei Jahre krank, Greta. Drei Jahre! Wo warst du?
Greta schwieg. Sie hatte gewusst, dass ihre Mutter krank war. Sie hatte angerufen, Geld für die Behandlung geschickt. Aber gekommen? Immer hatte etwas dazwischengehalten. Arbeit, Projekte, Forschungsaufträge.
Ich habe Geld geschickt.
Geld? Clara lachte bitter. Sie brauchte nicht dein Geld, Greta. Sie brauchte dich. Ihre Tochter. Aber du hast deine Karriere gewählt.
Das ist unfair.
Was ist unfair? Dass ich meinen Job aufgegeben habe, um mich um Mutter zu kümmern? Dass mein Mann mich verlassen hat, weil ich mehr im Krankenhaus war als zu Hause? Dass mein Sohn kaum eine Mutter hat, weil ich immer bei Oma war?
Die Tür knallte zu. Greta ging die Treppe hinunter und setzte sich auf die Gartenbank. Der Regen hatte aufgehört, aber von den Bäumen tropfte es noch. Aus dem Haus drangen Stimmen und das Klirren von Geschirr.
Greta? Eine fremde Frau mittleren Alters stand neben ihr. Ich bin Monika, die Nachbarin. Wir sind vor fünf Jahren hierhergezogen. Ihre Mutter hat oft von Ihnen erzählt.
Wirklich?
Sie war so stolz. Sie sagte immer: Meine Tochter ist Wissenschaftlerin, reist um die Welt, schreibt wichtige Artikel. Sie hat Zeitungsausschnitte aufgehoben.
Gretas Augen brannten.
Und hat sie auch erzählt, dass ich sie im Stich gelassen habe?
Sie hat niemanden im Stich gelassen. Jeder lebt sein Leben. Anna hat das verstanden.
Clara versteht es nicht.
Clara ist verbittert. Es war schwer für sie. Aber das heißt nicht, dass sie recht hat.
Monika setzte sich neben sie.
Wissen Sie, Ihre Mutter hat Ihnen vor ihrem Tod einen Brief geschrieben. Sie hat ihn mir gegeben für den Fall, dass Sie kommen.
Ein Brief?
Monika zog einen Umschlag aus der Tasche. Darauf stand in der vertrauten Handschrift ihrer Mutter: Für mein Gretchen.
Danke. Greta nahm den Brief mit zitternden Händen.
Wenn Sie etwas brauchen ich wohne im Haus nebenan, das mit dem grünen Tor.
Monika ging. Greta blieb mit dem Brief in der Hand sitzen. Sie hatte Angst, ihn zu öffnen. Schließlich stand sie auf und ging zum Auto. Da kam Onkel Walter, der Bruder ihrer Mutter, aus dem Haus.
Greta? Du bist wirklich gekommen.
Onkel Walter. Sie umarmte ihn. Wenigstens einer, der sich freut.
Natürlich freue ich mich. Komm rein.
Clara lässt mich nicht.
Unsinn. Das ist auch dein Elternhaus.
Er nahm sie an der Hand und führte sie zur Tür, die er mit seinem Schlüssel öffnete.
Clara!, rief er. Ich bringe Greta mit.
Die Schwester kam aus der Küche, die Hände an der Schürze abtrocknend.
Onkel Walter, ich habe dich gebeten
Du hast gar nichts gebeten. Greta hat ein Recht, hier zu sein. Das ist das Haus ihrer Eltern.
Die sie im Stich gelassen hat!
Hör auf, Clara. Anna hätte nicht gewollt, dass ihr euch streitet.
Woher willst du wissen, was Mutter gewollt hätte?
Weil ich in ihren letzten Tagen bei ihr war. Sie hat nur von Greta gesprochen. Sie wollte, dass du ihr verzeihst, falls sie nicht mehr kommen kann.
Clara lehnte sich an die Wand und verbarg ihr Gesicht in den Händen.
Das ist nicht fair. Ich habe alles für sie getan, und sie hat nur an Greta gedacht.
Sie hat dich auch geliebt, sagte Onkel Walter und zog sie in den Arm. Aber auf andere Weise. Du warst bei ihr, und Greta war weit weg. Um die Ferne sorgt man sich mehr.
Im Wohnzimmer saßen etwa zwanzig Menschen um den Tisch. Verwandte, Nachbarn, Freundinnen der Mutter. Alle verstummten, als Greta eintrat.
Guten Abend, sagte sie.
Einige nickten, andere wandten sich ab. Tante Leni, die Schwester ihres Vaters, stand auf und kam zu ihr.
Gretchen, mein Beileid. Deine Mutter war eine wunderbare Frau.
Danke, Tante Leni.
Langsam kamen auch die anderen, sprachen ihr Beileid aus. Nur Clara blieb in der Ecke stehen, die Arme verschränkt.
Setz dich, iss etwas, sagte Tante Helga und stellte einen Teller vor Greta hin. Du bist sicher hungrig von der Reise.
Danke, ich habe keinen Hunger.
Du musst. Deine Mutter hätte es gewollt.
Greta nahm einen Löffel und probierte die Suppe. Mutters Rezept. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals.
Erzähl, wie es dir geht, bat Onkel Walter. Anna hat gesagt, du arbeitest jetzt in einem Forschungsinstitut?
Ja, beim Institut für Meeresbiologie. Ich forsche über marine Ökosysteme.
Und reist viel?
Muss ich. Expeditionen, Konferenzen.
Und noch immer nicht verheiratet?, fragte Tante Leni.
Nein. Hat nicht geklappt.
Karrierefrau, warf Clara ein. Eine Familie braucht sie nicht.
Clara, hör auf, sagte Onkel Walter.
Warum? Es ist die Wahrheit. Kein Mann, keine Kinder. Nur die Arbeit zählt.
Greta stand auf.
Weißt du was? Ja, ich habe mich für die Karriere entschieden. Und ich bereue es nicht. Ich mache wichtige Arbeit. Meine Forschung hilft, den Ozean für zukünftige Generationen zu bewahren.
Aber deine eigene Mutter bewahren konntest du nicht, konterte Clara.
Gegen Krebs hilft keine Forschung!
Aber da sein hilft! Ihre Hand halten, Tee bringen, nachts wach bleiben, wenn die Schmerzen kommen!
Ich hätte es nicht ertragen!, rief Greta. Verstehst du das? Ich hätte nicht ertragen können, sie so leiden zu sehen! Ich bin feige, ja! Ich bin weggelaufen! Aber das heißt nicht, dass ich sie nicht geliebt habe!
Es wurde still. Clara trat auf ihre Schwester zu.
Weißt du, was sie in ihren letzten Stunden gesagt hat? Wo ist mein Gretchen? Warum kommt sie nicht? Und ich habe gelogen. Ich habe gesagt, du wärst bald da. Jeden Tag.
Verzeih mir.
Wofür? Dass ich alles alleine geschultert habe? Dass Mutter mit deinem Namen auf den Lippen gestorben ist und nicht mit meinem?
Clara
Nein, hör zu. Du kommst hierher und denkst, du kannst einfach auftauchen, auf der Beerdigung weinen und dann zurück in dein schönes Leben fahren. Aber ich bleibe hier. In einem leeren Haus, mit Schulden für die Behandlung, mit einem Sohn, der ohne Vater aufwächst.
Welche Schulden? Ich habe doch Geld geschickt.
Ja. Aber die Behandlung war teurer. Ich habe das Haus belasten müssen.
Was? Warum hast du nichts gesagt?
Der Stolz hat es mir nicht erlaubt. Und was hätte es geändert? Du hättest mehr Geld geschickt? Danke, nein.
Greta griff zum Handy.
Was machst du?
Ich rufe die Bank an. Ich will wissen, wie hoch die Schulden sind.
Greta, lass das
Nein. Das kann ich tun. Ich habe das Geld.
Während sie mit der Bank sprach, verabschiedeten sich die Gäste. Bald blieben nur die Schwestern und Onkel Walter zurück.
Mädels, sagte er. Hört auf zu streiten. Eure Mutter hätte das nicht gewollt.
Mutter hat vieles nicht gewollt, murmelte Clara. Aber was ist, ist.
Lies, sagte Onkel Walter und nickte zu dem Brief in Gretas Händen. Vielleicht verstehst du dann etwas.
Er ging. Die Schwestern blieben allein. Greta öffnete den Umschlag und entfaltete das Blatt.
*Mein Gretchen, meine liebe Tochter. Ich weiß, dass du dich schuldig fühlst. Tu das nicht. Ich bin nicht böse. Du lebst dein Leben, wie du es solltest. Ich bin stolz auf dich. Stolz, dass meine Tochter eine Wissenschaftlerin ist, dass sie wichtige Dinge tut. Clara ist wütend, aber das wird vergehen. Sie ist gut, nur müde. Helft einander. Ihr seid Schwestern, ein Blut. Vater wäre traurig, wenn er wüsste, dass ihr im Streit lebt. Pass auf dich auf, mein Mädchen. Und denk daran ich habe dich immer geliebt und liebe dich noch. Mutter.*
Greta reichte Clara den Brief. Sie las ihn, setzte sich auf einen Stuhl und weinte.
Sie war immer so. Hat alle entschuldigt, alle verstanden.
Sie war gütig.
Zu gütig. Ich bin die Böse. Wütend auf dich, auf mich, auf die ganze Welt.
Greta setzte sich neben sie und legte einen Arm um ihre Schwester.
Du hast jedes Recht dazu. Ich habe mich wie die letzte Egoistin benommen.
Aber Mutter hat dir verziehen.
Und du?
Clara schwieg eine Weile, wischte sich die Tränen ab.
Ich weiß nicht. Vielleicht eines Tages. Aber jetzt noch nicht.
Ich verstehe.
Sie saßen nebeneinander im leeren Wohnzimmer. Draußen wurde es dunkel. Im Haus roch es nach Trauerkaffee und Blumen.
Erzähl mir von Mutter, bat Greta. Von den letzten Jahren.
Was soll ich erzählen? Sie war krank, wurde behandelt, hat gehofft. Hat viel gelesen. Deine Artikel kannte sie fast auswendig. Hat damit vor den Nachbarn geprahlt.
Und wie wie war es am Ende?
Sie ist friedlich eingeschlafen. Ich bin morgens mit Tee rein, und sie hat nicht mehr geatmet. Ihr Gesicht war ruhig, fast ein Lächeln.
Gut, dass sie nicht gelitten hat.
Sie hat gelitten. Nur hat sie es nicht gezeigt. Sie sagte immer: Warum soll ich euch belasten?
Euch das heißt dich und mich?
Und Tobias. Mein Sohn. Er war mehr an ihr hängen als an mir.
Wo ist er jetzt?
Bei einer Freundin. Ich wollte nicht, dass er bei der Beerdigung dabei ist. Er ist erst zehn.
Darf ich ihn kennenlernen?
Morgen. Wenn du bleibst.
Ich bleibe. Das Haus muss geregelt werden, die Papiere.
Und dann? Verschwindest du wieder?
Greta schwieg.
Ich weiß nicht. Die Arbeit
Natürlich, die Arbeit. Die steht bei dir immer an erster Stelle.
Clara, ich kann meine Forschung nicht aufgeben. Sie ist wichtig.
Wichtiger als die Familie?
Das ist auch Familie. Meine Kollegen, meine Projekte. Menschen, die von mir abhängen.
Und ich? Hänge ich nicht von dir ab?
Wie meinst du das?
Ich bin müde, Greta. Zehn Jahre allein mit einem Kind. Drei Jahre mit einer kranken Mutter. Manchmal möchte ich, dass sich jemand um *mich* kümmert.
Zieh zu mir nach Frankfurt.
Was?
Zieh zu mir. Ich habe eine Dreizimmerwohnung, Platz ist genug. Tobias kann eine gute Schule besuchen. Du findest Arbeit.
Meinst du das ernst?
Absolut. Wir verkaufen das Haus, tilgen die Schulden. Ihr fangt neu an.
Clara schüttelte den Kopf.
Ich kann nicht. Das ist mein Zuhause. Unser Zuhause.
Zuhause sind nicht die Wände. Es sind die Menschen. Und Menschen können überall leben.
Leicht für dich zu sagen. Du bist an Umzüge gewöhnt.
Denk drüber nach. Entscheide nicht sofort.
Am nächsten Morgen wachte Greta in ihrem alten Zimmer auf. Es hatte sich nichts verändert dieselben Tapeten mit kleinen Blümchen, derselbe Schreibtisch, dieselben Bücher im Regal. Als wäre die Zeit stehen geblieben.
In der Küche bereitete Clara Frühstück. Neben ihr saß ein Junge das Ebenbild ihrer Schwester als Kind. Dieselben braunen Augen, dasselbe energische Kinn.
Tobias, das ist Tante Greta. Meine Schwester.
Hallo, sagte der Junge und streckte die Hand aus.
Hallo, Tobias. Deine Mutter hat mir von dir erzählt.
Oma auch von dir. Sie sagte, du erforschst Wale.
Nicht nur Wale. Den ganzen Ozean.
Cool. Kann ich mal mit auf Expedition?
Tobias, mahnte Clara.
Klar kannst du, sagte Greta lächelnd. Wenn du groß bist.
Wie lange dauert das noch?
Acht Jahre oder so.
Das ist ja eine Ewigkeit!
Beim Frühstück kam ein Gespräch zustande. Tobias war neugierig, belesen. Er stellte Fragen über das Meer, über Fische und Korallen. Greta antwortete, erzählte von ihren Reisen.
Mama, können wir Tante Greta in Frankfurt besuchen?, rief er plötzlich.
Tobias
Da gibt es doch ein Meeresmuseum! Und das Senckenberg! Und
Wir werden sehen, sagte Clara.
Nach dem Frühstück gingen die Schwestern zum Friedhof. Ein frischer Hügel, ein provisorisches Schild, Kränze. Greta legte einen Strauß weißer Rosen nieder die Lieblingsblumen ihrer Mutter.
Vergib mir, Mama, flüsterte sie.
Clara nahm ihre Hand.
Sie hat verziehen. Du hast den Brief gelesen.
Trotzdem tut es weh.
Das wird vergehen. Nicht sofort, aber es wird.
Sie standen schweigend da, Hand in Hand. Zwei Schwestern, so verschieden und doch so verbunden.
Weißt du, sagte Clara plötzlich. Ich denke über Frankfurt nach.
Wirklich?
Tobias verdient eine gute Ausbildung. Hier gibt es keine Perspektiven.
Ich helfe dir. Mit der Wohnung, der Arbeit, der Schule.
Ich weiß. Du hast immer geholfen. Auf deine Weise.
Auf dem Rückweg blieb Clara plötzlich stehen.
Erinnerst du dich, wie wir als Kinder davon geträumt haben, zusammen zu wohnen, wenn wir groß sind?
Ja. Du wolltest ein Haus mit Garten.
Und du eine Wohnung mit Meerblick.
Nun, in Frankfurt gibt es kein Meer, aber den Main.
Das reicht, lächelte Clara. Für den Anfang.
Am Abend, als Greta abreisen wollte, kam Clara mit hinaus.
Es tut mir leid, dass ich dich gestern nicht reingelassen habe. Das war die Wut.
Ich verstehe. An deiner Stelle hätte ich genauso gehandelt.
Nein, du hättest mich reingelassen. Du bist nicht nachtragend. Das bin ich.
Dafür bist du ehrlich. Das ist wichtiger.
Sie umarmten sich. Fest, so wie früher, als es noch keine Vorwürfe und Missverständnisse gab.
Komm in einem Monat wieder, sagte Clara. Dann hilfst du beim Umzug.
Ich komme.
Und verschwinde nicht wieder für fünfzehn Jahre.
Versprochen.
Greta stieg ins Auto und winkte. Clara und Tobias standen am Tor und winkten zurück. Das Haus hinter ihnen wirkte nicht mehr so verlassen.
Auf der Fahrt zum Flughafen dachte Greta darüber nach, dass ihre Mutter recht gehabt hatte. Familie ist kein Ort, sondern die Menschen. Und diese Menschen gehören zusammen, sollten einander helfen, Fehler verzeihen.
Sie nahm ihr Handy und schrieb Clara eine Nachricht: *Danke, dass du die Tür geöffnet hast. Beim zweiten Mal.*
Die Antwort kam sofort: *Sie stand immer offen. Ich habe nur im Weg gestanden. Nicht mehr.*
Greta lächelte. Alles würde gut werden. Mutter hätte sich gefreut.







