Entdeckte das Tagebuch meiner Tochter – darin schrieb sie, wie sehr sie mich hasst

Ich fand das Tagebuch meiner Tochter, in dem sie schrieb, wie sehr sie mich hasst

Nein, schau sie dir nur an! Wieder zu Hause! Und was hast du da in der Nase, darf ich fragen?

Elke stand in der Diele, die Arme vor der Brust verschränkt. Ihre sonst so sanfte Stimme klang scharf vor Empörung. Lisa, ihre sechzehnjährige Tochter, zog langsam ihre Turnschuhe aus und vermied es, die Mutter anzusehen. In ihrem Nasenflügel glitzerte ein winziger Stecker wie ein böses Auge.

Das ist ein Piercing, Mama. Ein Ring. Alle tragen das.

Alle? Wer sind alle? Deine neue Freundin Sabine, die sich zehn Löcher in die Ohren stechen lässt? Das sind deine alle? Ich habe dir verboten, dich mit ihr zu treffen!

Sabine ist total normal! Du kennst sie doch gar nicht! Lisa hob endlich den Kopf. In ihren Augen standen wütende, stachelige Tränen. Und ich habe dich nicht um Erlaubnis gefragt. Das ist mein Körper.

Dein Körper?! Elke trat einen Schritt auf sie zu. Solange du in meinem Haus lebst und von meinem Geld, ist dieser Körper meine Sorge! Hast du eine Ahnung, was passiert, wenn das entzündet? Hast du von Tetanus gehört? Wo habt ihr das gemacht, im Keller mit einer schmutzigen Nadel?

In einem richtigen Studio, alles steril! Warum musst du gleich so übertreiben?

Ich übertreibe? Ich warte bis Mitternacht auf dich, du nimmst dein Handy nicht ab! Ich rufe Krankenhäuser und Leichenschauhäuser an! Und du, sieh mal einer an, schmückst dich! Nimm diesen Schrott sofort raus!

Nein! Lisa richtete sich auf, fast so groß wie ihre Mutter. Das ist mein Leben, und ich entscheide, wie ich aussehe! Dir gefällt einfach nichts, was mir gefällt! Meine Musik, meine Freunde, meine Kleidung!

Weil das alles ins Nichts führt! Elkens Stimme überschlug sich vor Wut. Du sollst lernen, studieren, nicht dich verstümmeln und irgendwo rumhängen!

Lisa schob die Mutter von der Tür zu ihrem Zimmer weg.

Ich hasse dich!, warf sie über die Schulter, bevor sie die Tür mit solcher Kraft zuschlug, dass das Geschirr im Wohnzimmerschrank klirrte.

Elke blieb in der Stille der Diele stehen. Das Wort hasse hallte dumpf in ihren Ohren. Sie lehnte sich gegen die Wand, spürte, wie ihr die Knie wegsackten. Ihr Herz pochte bis in den Hals hinauf. Warum? Warum nur? Sie tat doch alles für sie. Arbeitete zwei Jobs, damit Lisa die besten Sachen hatte Kleidung, Nachhilfe, Sommerurlaub am Meer. Sie hatte ihr eigenes Leben aufgegeben, als ihr Mann sie verließ, sich ganz der Tochter gewidmet. Und das war der Dank. Ich hasse dich.

Sie ging in die Küche, stellte den Wasserkocher an. Ihre Hände zitterten. Bilder schossen ihr durch den Kopf: Lisa als kleines Mädchen mit riesigen Schleifen, das ihr vertrauensvoll die Hände entgegenstreckte; Lisa als Erstklässlerin, stolz mit einem Gladiolenstrauß; Lisa, die sie umarmte und flüsterte: Mama, du bist die Beste. Wohin war das alles verschwunden? Wann hatte ihr süßes, liebevolles Kind sich in diesen stacheligen, bösen Igel verwandelt?

Die Tür zu Lisas Zimmer blieb geschlossen. Kein Laut drang heraus. Elke wusste, jedes Gespräch wäre jetzt sinnlos. Jeder Versuch, Frieden zu schließen, würde auf Ablehnung stoßen. Sie musste warten. Immer musste sie warten, bis der Sturm vorüber war.

Am nächsten Tag war Samstag. Elke stand früh auf wie immer. Machte Frühstück. Lisa kam nicht aus ihrem Zimmer. Elke klopfte.

Lisa, komm essen. Sonst wird alles kalt.

Schweigen.

Lisa, hörst du mich?

Ich habe keinen Hunger, kam eine gedämpfte Stimme hinter der Tür.

Elke seufzte. Sie aß allein, spülte ab. Die Stille in der Wohnung lastete schwer, dick und klebrig wie Pudding. Normalerweise räumten sie samstags zusammen auf, gingen zu C&A oder schauten Filme. Doch heute fühlte sich das Haus fremd und kalt an.

Elke beschloss, sauberzumachen. Das half ihr immer, nicht nur die Wohnung, sondern auch die Gedanken zu ordnen. Sie wischte Staub im Wohnzimmer, putzte die Küche. Nur Lisas Zimmer fehlte noch. Normalerweise machte Lisa dort selbst sauber, aber jetzt Jetzt brauchte Elke einen Vorwand, um hineinzugehen, die eisige Blockade zu durchbrechen.

Sie klopfte erneut.

Lisa, ich möchte den Boden wischen. Mach auf.

Die Tür öffnete sich widerwillig. Lisa stand am Fenster, den Rücken zugewandt, Kopfhörer in den Ohren. Elke trat mit Eimer und Lappen ein. Im Zimmer herrschte kreatives Chaos, typisch für Teenager. Verstreute Kleidung, Bücherstapel auf dem Schreibtisch, irgendwelche Skizzen. Elke begann, den Boden zu wischen, möglichst leise. Lisa drehte sich nicht um.

Dann fiel Elkens Blick auf etwas unter dem Bett. Ein rosafarbenes Notizbuch mit hartem Einband und einem winzigen Vorhängeschloss. Ein Tagebuch. Elke erinnerte sich, wie sie es Lisa zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. Ihre Tochter hatte damals gelacht: Mama, wer führt heute noch Tagebuch? Das ist doch von gestern. Offenbar doch nicht.

Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Nein. Das war gemein. Das war das Privatleben ihrer eigenen Tochter. Aber das Wort hasse, gestern so bösartig gesprochen, brannte in ihr. Sie musste verstehen. Den Grund für diesen Hass erfahren. Sonst würde sie verrückt werden.

Sie beendete schnell das Wischen.

Ich bin fertig, sagte sie leise.

Lisa nickte nur, ohne sich umzudrehen. Elke ging hinaus und schloss die Tür hinter sich. Den Rest des Tages war sie wie benommen. Der Gedanke an das Tagebuch ließ ihr keine Ruhe. Sie fragte sich, was darin stehen mochte. Über Jungs, Freundinnen, Schulärger. Vielleicht auch über sie.

Abends verließ Lisa mit einem knappen Ich gehe mit Sabine die Wohnung. Elke wartete zehn Minuten, sicherte sich, dass sie wirklich weg war, und schlich auf Zehenspitzen in ihr Zimmer. Ihre Hände zitterten. Sie fühlte sich wie eine Diebin, eine Verräterin. Aber aufhalten konnte sie sich nicht mehr.

Das Tagebuch lag noch unter dem Bett. Das Schloss war nur symbolisch Elke öffnete es leicht mit einer Büroklammer. Sie setzte sich auf den Rand von Lisas Bett und schlug die erste Seite auf.

Ordentliche, fast kindliche Handschrift. Einträge über die Schule, eine Mathearbeit, ein neues Lied einer Band, deren Namen Elke nie gehört hatte. Sie blätterte weiter, beschämt von ihrem Eindringen in eine fremde Seele.

Dann fand sie den Eintrag von letzter Woche.

Heute war wieder Tante Gisela da. Und wieder dieses: Elke, du bist eine Heldin, allein so eine Tochter großzuziehen! Und unsere Lisa, so klug, so fleißig, der ganze Stolz ihrer Mutter! Ich saß da und lachte blöd. Aber innerlich kochte ich. Mamas Stolz. Mamas Projekt. Habe ich überhaupt etwas Eigenes? Oder soll ich nur ihren Erwartungen entsprechen? Das brave Mädchen sein, gute Noten haben, die richtige Uni besuchen, die sie aussucht. Manchmal fühle ich mich wie eine Puppe, die sie anzieht und herumzeigt.

Elkes Finger wurden eiskalt. So hatte sie nie gedacht. Sie hatte sich nur über die Erfolge ihrer Tochter gefreut, war stolz auf sie. War das denn falsch?

Sie blätterte weiter. Ein Eintrag von vor einem Monat.

Mama hat wieder einen Aufstand gemacht, weil ich eine Stunde zu spät kam. Geschrien, dass es sicher die Nachbarn hörten. Dann fing sie an zu weinen und sagte, sie sei allein, habe nur mich, habe Angst um mich. Ihr klassischer Trick. Erst anschreien, dann Mitleid heischen. Und sofort fühle ich mich schuldig. Furchtbar schuldig. Und kann nicht mehr wütend sein. Sie macht das immer. Als schuldete ich ihr etwas dafür, dass sie mich geboren und erzogen hat. Als müsste ich mein Leben opfern, damit sie ruhig ist.

Ein Kloß stieg ihr in der Kehle auf. Sah Lisa ihre Fürsorge, ihre Angst wirklich so? Als Manipulation? Aber sie hatte doch wirklich Angst! In dieser grausamen Welt konnte man sein Kind so leicht verlieren.

Sie las weiter, jede Zeile traf sie wie ein Schlag. Worte, die sie im Affekt gesagt hatte, ohne nachzudenken, hier aufgeschrieben und durchdacht. Ihre Ratschläge wurden als Kritik empfunden. Ihre Fürsorge als Kontrolle. Ihre Liebe als erdrückende Fessel.

Sie versteht mich nicht. Überhaupt nicht. Sie fragte, was ich höre. Ich spielte ihr einen Song vor. Sie verzog das Gesicht und sagte: Was ist das für ein Gebrüll? Nennst du das Musik? Und ging. Dabei war es mir so wichtig, dass sie wenigstens versucht, mich zu verstehen. Aber meine Welt interessiert sie nicht. Sie will nur, dass ich bequem, brav, vorhersehbar bin. Keine Probleme mache.

Und dann die letzte Seite. Der Eintrag von gestern Abend, nach dem Streit. Die Schrift war krakelig, wütend, die Buchstaben tanzten.

Ich hasse sie. Ich hasse sie! Sie lässt mich nicht atmen. Ich hasse sie! Sie lässt mich nicht atmen. Jeder Atemzug, den ich tue, muss der richtige sein, der sichere, der saubere, der stille. Ich darf nicht schmutzig nach Hause kommen, nicht laut sein, nicht anders. Ich darf nicht ich sein. Ich will nicht mehr das brave Mädchen spielen, das nie genug ist, auch wenn es alles tut. Ich will schreien, tanzen, scheitern, lieben, verlieren ohne Angst haben zu müssen, dass sie es wieder in eine Katastrophe verwandelt. Ich will leben, Mama. Nur leben. Und irgendwo, ganz tief, wünsche ich, du würdest mich endlich sehen nicht das, was du brauchst, sondern das, was ich bin.

Elke ließ das Tagebuch sinken. Die Tränen fielen lautlos auf Lisas Decke. Draußen wurde es dunkel. Sie stand nicht auf, räumte nicht auf, putzte nichts. Stattdessen blieb sie sitzen, hielt das Notizbuch an ihre Brust und flüsterte in die Stille des Zimmers, was sie noch nie gesagt hatte:

Es tut mir leid, Lisa. Bitte vergib mir.

Und zum ersten Mal, seit Jahren vielleicht, dachte sie nicht daran, was ihre Tochter falsch machte sondern daran, was sie selbst tun musste, um sie zurückzugewinnen. Nicht als Besitz, nicht als Pflicht, sondern als Mensch. Als Mutter.

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Entdeckte das Tagebuch meiner Tochter – darin schrieb sie, wie sehr sie mich hasst
Nein, Mama. Ich komme nicht. Alles, was ich brauche, kaufe ich im Geschäft. – Aber… wie soll das gehen? Vorräte! Vitamine!