Ich muss gehen; Oma hat ein Testament hinterlassen – ich habe ein Haus am Meer geerbt. Es ist alt und groß, genau wie in meinen Kindheitssommern.

Ich muss los; Oma Liesel hat ein Testament hinterlassenmir wurde ein Haus am Meer vermacht. Das Haus ist alt und groß, und als Kind habe ich dort immer meine Sommerferien verbracht. Die stickige Stadtluft fühlte sich für Anika an diesem Tag besonders erdrückend an, als der Brief ankam. Der Umschlag war vergilbt und roch nach Meer, Salz und etwas schwer Greifbaremdem Duft der Kindheit. Mit zitternden Fingern öffnete sie ihn und las die Zeilen in einer ordentlichen, altmodischen Handschrift. Oma Liesel hinterließ ihr das Hausjenes am tiefblauen Meer, wo die schönsten Sommer ihres Lebens stattgefunden hatten.

Anikas Herz begann zu hämmern, Freude mischte sich mit Wehmut. Sie spürte fast den heißen Sand unter ihren nackten Füßen, hörte die Brandung und spürte die sanften Hände ihrer Oma, die sie immer an der Schwelle begrüßt hatte.

Sie rief sofort Lars an. Seine Stimme klang distanziert und etwas gereizt, als hätte sie ihn von etwas Wichtigem abgelenkt.

«Lars, ich muss weg», begann sie und versuchte, entschlossen zu klingen. «Oma sie hat ein Testament hinterlassen. Ich habe das Haus am Meer geerbt.»

Eine Sekunde Stille.
«Das Haus? Das windschiefe, halb verfallene Ding?», fragte er mit einem spöttischen Unterton.

«Es ist nicht windschief!», fuhr sie auf. «Es ist alt, groß und voller Geschichte. Du erinnerst dich, ich habe jeden Sommer dort verbracht. Meine Eltern haben mich bedenkenlos dorthin geschickt, weil Oma Liesel mich vergötterte und ein wachsames Auge auf mich hatte. Sie hat mich als Kleine sogar an der Hand ans Meer geführt. Und später, als ich größer war, bin ich mit den Nachbarskindern dorthin gerannt. Oh, wir hatten das Meer so satt! Wir packten Brote und Obst ein und waren den ganzen Tag weg, bis zum Abend. Sonne, Wellen, Gelächter»

«Und für wie lange?», unterbrach sie seine trockene, geschäftsmäßige Stimme und riss sie zurück in die drückende Stadt.

«Ich bin mir nicht sicher, aber sicher nicht nur drei Tage», seufzte sie. «Ich muss mich umsehen und Ordnung schaffen. Ich war seit Ewigkeiten nicht mehr dort. Das letzte Mal war im zweiten Studienjahr. Und jetzt bin ich seit drei Jahren im Beruf. Ich nehme mir Urlaub und fahre. Und du», sie hielt inne und packte all ihre Hoffnung in die Worte, «du könntest später nachkommen. Es ist nur eine Tagesreise. Früh losfahrenabends bist du da. Nimm dir ein paar Tage frei, notfalls unbezahlt, und wir entspannen uns. Am Meer.»

«Kann nicht sagen, dass ich das Meer vermisse», kam seine lustlose Antwort. «Gut, ich verspreche nichts, aber ich sehe mal, wie die Arbeit läuft»

Die Worte hingen schwer in der Luft. Er würde «sehen». Wie immer. Und am Ende in der Stadt bleiben, vertieft in seine Angelegenheiten, die stets wichtiger waren als sie.

Drei Tage vergingen. Anika packte ihre Koffer; ihr Herz flatterte vor Vorfreude und der leisen Hoffnung, Lars würde es sich anders überlegen, sie zum Bahnhof bringen, sie zum Abschied küssen und sagen, dass er sie vermissen würde. Stattdessen kam drei Stunden vor der Abfahrt sein Anruf.

«Anika, tut mir leid, ich kann dich nicht fahren. Dringende Arbeit. Du schaffst das mit dem Taxi, oder?», sagte er, und sie hörte die Falschheit in seiner Stimme.

«Natürlich», antwortete sie, während sich ein Kloß in ihrer Kehle bildete. «Mach dir keine Sorgen.»

Sie bestellte ein Taxi und starrte aus dem Fenster, ohne die vorbeiziehenden Straßen wahrzunehmen. Die Stadt verabschiedete sie mit einem grauen, gleichgültigen Blick. Und dann stockte ihr Herz. An einer Ampel stand sein Auto. Und nicht nur das. Larsihr Larshalf einer jungen, schlanken Frau in einem hellen Sommerkleid galant aus dem Wagen. Sie lächelten sich an, er sagte etwas, und dann gingen sie in ein gemütliches Café an der Ecke.

«Ohbitte, halten Sie hier!», brach es aus ihr heraus; ihre Stimme zitterte. «Ich zahle für die Wartezeitich muss aussteigen!»

Sie sprang aus dem Auto, ohne den Boden unter ihren Füßen zu spüren. Eine heiße Welle aus Wut und Schmerz stieg in ihr auf. Sie riss die Cafétür auf und erstarrte auf der Schwelle. Sie saßen am Fenster, über eine einzige Speisekarte gebeugt, ihre Fingerspitzen fast berührend.

«Hallo», klang ihre Stimme, kalt und klar wie Eis. «Ich sehe, du bist wirklich unglaublich beschäftigt. Ich habe nur eins zu sagenleb wohl. Und ruf mich nie wieder an. Niemals.»

Sie drehte sich um und ging, ohne ihm eine Chance zu geben, etwas zu erwidern. Sie sah nicht sein verdutztes Gesicht, hörte nicht, wie er ihren Namen hinter ihr herrief. Sie war schon zurück im Taxi, die Fäuste so fest geballt, dass sich ihre Nägel in die Handflächen gruben.

Die ganze lange Fahrterst das Taxi zum Bahnhof, dann der stickige Schlafwagen, dann ein weiteres Taxi über Landstraßenversank sie in einem Strudel aus Wut und Verzweiflung. Immer wieder spielte sie die Szene vor sich ab: sein Lächeln, das nicht ihr galt, seine zuvorkommenden Gesten. Verräter. Lügner. Nichts.

Der wortkarge, mürrische Fahrer hielt schließlich vor einem hohen schmiedeeisernen Tor, das von wildem Wein überwuchert war.

«Wir sind da», murmelte er.

Anika bezahlte und zog ihre Koffer heraus. Der Fahrer rief ihr noch zu: «Ruf an, wenn du was brauchst», dann gab er Gas und ließ sie allein vor dem Tor zurück, hinter dem ihr neues, altes Haus stand.

Die Stille war ohrenbetäubend. Die Luft, dick und süß, roch nach Beifuß, Meer und dem Staub vergangener Tage. Sie holte den schweren Schlüsselbund mit den antiken Schlüsselndas Erbe ihrer Omaund fand nach etwas Herumprobieren den Richtigen. Das rostige Vorhängeschloss gab mit einem dumpfen Klicken nach, das wie ein Schuss klang, der den Start in ein neues Leben ankündigte.

Das schwere Tor knarrte, und Anika blieb auf der Schwelle stehen. Der Garten war verwildert. Oma Liesels Blumenbeete waren von üppigen Stauden überwuchert, die trotz allem blühteneine Erinnerung an frühere Gemütlichkeit. Oma Liesel hatte jedes Jahr Blumen gepflanzt, und den ganzen Sommer über duftete der Garten unwahrscheinlich. Jetzt war es Anfang Juli, die Hitze unerträglich, und die Luft flimmerte über dem Boden.

Sie ging zur massiven Eichentür. Das Schloss war schwerfällig; Zeit und Vernachlässigung hatten es steif werden lassen. Endlich öffnete sich die Tür mit einem müden Seufzer.

Stille. Staub tanzte im Licht, das durch die hohen Fenster fiel. Die Luft war kühl, fast andächtig, als würde das Haus atmen, langsam und tief, wie nach einem langen Schlaf. Anika trat ein, ließ die Koffer fallen, und schloss die Tür hinter sich. Der Geruch von altem Holz, Wachstuch und dem ganz leisen Hauch von Oma Liesels Lavendelpuder stieg ihr in die Nase. Auf dem Flur hing noch der Spiegel, in dem sie als Kind ihre Piratenmütze aufgesetzt hatte. Vorsichtig strich sie mit den Fingern über die Tapete, an der sich die Farbe wellte. Kein Laut außer dem Knistern der Dielen unter ihren Schritten. Im Wohnzimmer stand der Sessel ihrer Oma noch am selben Fleck, das Kissen leicht eingesunken, als hätte sie ihn gerade verlassen. Anika sank darauf nieder, zog die Knie an die Brust und atmete aus, als könnte sie zum ersten Mal seit Jahren wieder frei sein. Draußen rauschte das Meer, sanft und beharrlich, wie ein Versprechen, das längst gegeben worden war.

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