Mama brachte sie direkt nach Neujahr ins Kinderheim…

Die Mama brachte sie gleich nach Neujahr ins Kinderheim…
Die Mädchen weinten. Sie waren behütet aufgewachsen. Während die Mutter ihr Liebesleben regelte und das tat sie ständig lebten die Schwestern, Lina und Greta, bei der Oma. Doch zu Nikolaus war die Oma gestorben, und die Mutter steckte sie ins Heim. Nein, sie war keine Rabenmutter, sie trank nicht und rauchte nicht einmal. Aber ist das nicht unfair, wenn der Ex-Mann macht, was er will, während sie mit zwei Anhängseln allein dasteht?

Die Mutter knöpfte Gretas Mäntelchen auf und murmelte: Heult nicht, die Umstände sind nun mal so, was soll ich machen? Hier gehts euch gut, ihr werdet mir später noch danken! Greta schluchzte schon heftig, sie war erst drei und verstand nicht viel. Doch als sie in die gereizten Augen der Mutter und das verweinte Gesicht ihrer großen Schwester Lina sah, spürte sie: Es ist schlimm. Die Mutter zischte: Macht mich nicht blamiert! Ich geb euch doch nicht weg! Sobald ichs geschafft habe, hol ich euch. Zu Ostern komme ich, versprochen! Die Mädchen schluckten ihre Tränen hinunter Mama hatte gesagt, sie würde zurückkommen!

Die Eingewöhnung ins Heim fiel schwer, obwohl die Erzieherinnen sie mochten. Lina beeindruckte alle mit ihren ernsten schwarzen Augen, und Greta war wie ein kleiner, gutmütiger Schneeball. Greta zupfte an Lina: Wann kommt denn Ostern? Kommt Mama dann? Lina erklärte geduldig: Ostern ist ein Fest im Frühling, weißt du noch, wie Oma Eier gefärbt hat? Greta nickte wichtig, doch dann kullerten Tränen. Lina fragte die Erzieherin, Frau Schneider, die verwundert war: Meist freuten sich Kinder auf Weihnachten oder Geburtstage. Trotzdem gab sie Lina einen kleinen Kalender: Siehst du, hier ist Ostern markiert. Ich habe früher auch die Tage bis zu den Ferien durchgestrichen. Lina strich nun täglich ein Kästchen durch.

Am Ostermorgen kam Greta angestürmt, ein rotes Ei in der Hand: Lina! Heute holt uns Mama! Lina konnte es kaum erwarten. Doch nach dem Mittagsschlaf wurde die Hoffnung dünner. Abends log sie: Mamas Bus ist wohl steckengeblieben. Die Straßen sind schlimm! Morgen kommt sie bestimmt. Greta schluckte die Tränen hinunter. Aber Mama kam nie.

Eines Morgens war Greta weg. Die Erzieher erklärten: Die Mutter hatte sie geholt. Später erfuhr Lina, dass ihre Mama sie offiziell aufgegeben hatte. Doch zwei Jahre später fand Tante Helga sie. Sie war so gutherzig, dass Lina sie bald Mama nannte. Über ihre leibliche Mutter und Greta sprach sie nie obwohl sie wusste, dass Greta damals zu klein war, um zu verstehen.

Jahre vergingen. Lina wurde Krankenschwester, heiratete, bekam einen Sohn. Dann kam ein Brief. Von Greta!

Hallo, Schwesterherz! Du erinnerst dich wohl kaum an mich? Ich weiß nur noch deine Zöpfe und deine karierten Hausschuhe. Ich möchte dich so gern sehen! Wir wohnen jetzt in Birkenau darf ich dich besuchen? Lina zögerte, stimmte aber zu.

Greta humpelte auf sie zu, winkte fröhlich. Sie erkannte Lina sofort, umarmte sie fest und weinte: Schwesterchen, ich wusste gleich: Das ist meine Lina! Lina brummte: Immer noch die Heulsuse, doch ihre Augen brannten.

Beim Abendessen plapperte Greta: Sei nicht böse auf Mama! Onkel Karl nahm sie mit uns, aber sie traute sich nicht, zwei Kinder auf einmal zu bringen. Dann bekamen sie noch zwei süße kleine Engel! Onkel Karl ist Tischler, verdient gut. Wir fahren manchmal an die Nordsee. Aber in der siebten Klasse stieß mich ein Bulle um seitdem humple ich.

Lina fragte: Und Arbeit? Freunde? Greta errötete: Nach dem Unfall war ich lange krank. Ich helfe zu Hause oder Onkel Karl. Mama arbeitet im Rathaus. Freunde? Naja, wer will schon mit einer Humpelnden?

Lina überredete Greta zu bleiben. Als sie schlief, sah Lina ihre Kleider sauber, aber abgetragen und geflickt. Krankenhauspersonal verdient wenig, aber das hier trug nicht mal eine Putzfrau!

Um drei Uhr weckte Lina ihren Mann: Fahr mich nach Birkenau! Er fluchte, aber fuhr. Vor dem Haus der Mutter klopfte Lina wild. Die Mutter erkannte sie nicht. Guten Morgen, Mama! Die Mutter schnauzte: Wo ist Greta? Die soll zurückkommen, die Kinder warten! Lina blieb kühl: Greta bleibt bei mir. Pack ihre Sachen. Und gebt ihr Geld. Ich besorge ihr Arbeit. Und ihr Bein braucht Behandlung! Die Mutter fauchte: Verschwinde! Wir holen Greta selbst! Lina lächelte kalt: Nicht Greta Gretchen! Nenn deine Kuh so! Soll ich das ganze Dorf zusammenrufen? Die würden gern hören, wie die brave Rathausangestellte ihre Kinder im Heim vergaß!

Eine halbe Stunde später kam Onkel Karl mit einem Rucksack: Hier sind Gretchens Sachen. Ich kümmere mich um Geld. Behalten Sie sie. Sie war lange genug Aschenputtel.

Im Auto dachte Lina: Ja, das Leben ist kompliziert. Oder ist es einfach schwer? Dass Männer nicht saufen, Frauen Kinder nicht weggeben, Geschwister sich nicht vergessen.

Einfach menschlich sein.

Оцените статью
Mama brachte sie direkt nach Neujahr ins Kinderheim…
My Precious Daughter