Alina wuchs im Kinderheim auf, und so weit sie sich erinnern konnte, waren immer andere Kinder wie sie und die Betreuer um sie herum. Das Leben war nicht einfach, aber sie lernte, für sich selbst und die Kleineren einzustehen. Sie hatte ein starkes Gerechtigkeitsgefühl und konnte es nicht ertragen, wenn Schwächere ungerecht behandelt wurden. Manchmal traf es auch sie, aber sie weinte nicht sie wusste, sie litt für das, was richtig war.
Eigentlich hieß sie seit ihrer Kindheit Alwine, aber im Heim wurde ihr Name verkürzt, und alle nannten sie nur noch Alina. Kaum war sie achtzehn geworden, entließ man sie aus dem Heim in ein eigenständiges Leben. Zum Glück hatte sie bereits eine Ausbildung zur Köchin abgeschlossen und arbeitete seit ein paar Monaten als Küchenhilfe in einem Café. Man gab ihr ein Zimmer im Studentenwohnheim, aber es war in einem schrecklichen Zustand.
Zu dieser Zeit war sie bereits mit Jürgen zusammen, der drei Jahre älter war als sie und im selben Café arbeitete als Fahrer für den Lieferwagen. Schnell zogen sie zusammen in seine Einzimmerwohnung, die er von seiner Oma geerbt hatte.
Alwine, komm zu mir, was sollst du in diesem schäbigen Wohnheim? Hier kann man nicht mal richtig abschließen, alles muss renoviert werden, schlug er vor, und sie willigte sofort ein.
Jürgen gefiel ihr, weil er älter und ernster war. Einmal sprachen sie über Kinder, und er sagte:
Ich kann diese kleinen Nervensägen nicht ausstehen nichts als Lärm und Ärger.
Jürgen, sagte Alina überrascht, wenn es unser Kind wäre, dein eigenes Fleisch und Blut, wie kannst du so über Kinder reden?
Ach, lass gut sein, ich mag sie einfach nicht, Punkt, winkte er ab.
Irgendwie verletzten sie seine Worte, aber sie dachte sich:
Wenn wir heiraten, kommen Kinder sowieso irgendwann. Vielleicht ändert er bis dahin seine Meinung.
Alina arbeitete fleißig im Café und konnte sogar die Köchin Helga vertreten, wenn diese mit Kopfschmerzen zu Hause blieb. Dabei wusste jeder, was für Kopfschmerzen Helga hatte sie trank zu viel und konnte nicht aufhören.
Helga, wenn du noch einmal unentschuldigt fehlst, fliegst du raus, drohte der Café-Besitzer, obwohl er wusste, dass sie eine gute Köchin war und die Gäste ihr Essen lobten.
Tolle Köchin hast du da, Klaus, sagten Freunde und Bekannte.
Also hielt Helga sich noch eine Weile, nahm die Warnungen schweigend hin. Sie wusste, sie blieb nur wegen ihrer Kochkünste. Helga sah, wie geschickt ihre junge Hilfskraft Alina war sie kochte mit Leidenschaft. Übrigens beobachtete auch Klaus sie genauer.
Einmal hörte Alina zufällig ein Gespräch zwischen dem Café-Besitzer und dem Kellermeister.
Die Helga fliegt beim nächsten Mal. Alina ist zwar jung, aber ich sehe, wie sie sich reinhängt sie kocht genauso gut. Unverdorben, verantwortungsbewusst… Der Rest verlor sich, als sie weitergingen.
Ah, Klaus beobachtet mich also. Aber es tut mir leid für Tante Helga, sie ist nett, nur ihre Angewohnheit ruiniert sie, dachte sie und beschloss, nichts zu erzählen nicht mal Jürgen.
Die Zeit verging. Helga blieb eine Woche unentschuldigt fern, und Alina übernahm die Küche. Kein Gast beschwerte sich, niemand merkte den Wechsel. Als Helga zurückkam, war sie ein Bild des Jammers: zitternde Hände, dunkle Augenringe, kaum in der Lage, den Blick zu heben.
Der Besitzer betrat die Küche.
Helga, sofort in mein Büro.
Klaus feuerte sie und kam dann zurück.
Ab heute bist du die Köchin, Alina. Ich glaube, du schaffst das. Du kochst gut, hast noch Potenzial ich sehe das. Viel Erfolg.
Danke, sagte sie etwas verunsichert die Verantwortung war groß.
Alina freute sich, denn das Gehalt war gut, und sie war noch so jung und schon eine eigenständige Köchin. Sie nahm sich vor:
Ich gebe alles, werde mich reinhängen und Klaus Vertrauen rechtfertigen.
Abends brachte Jürgen Sekt.
Lass uns deine Beförderung feiern, Glückwunsch, du hast es geschafft, Alina. Endlich Anerkennung, grinste er.
Sie lebten schon lange zusammen, aber heiraten? Fehlanzeige.
Die Zeit verging. Alina arbeitete, der Chef lobte sie ab und zu. Sie hatte wirklich Talent. Mit Jürgen lebte sie fast drei Jahre. Er trank nicht, war meist unterwegs, und er behandelte sie anständig. Natürlich gab es Streit, aber sie vertrugen sich schnell. Nur heiraten? Kein Wort darüber, und sie drängte nicht. Aber sie dachte nach.
Wir leben schon so lange zusammen, und er sagt nichts. Vielleicht, wenn ich schwanger werde, entscheidet er sich. Eine Familie sollte doch richtig sein.
Sie erinnerte sich an das Gespräch, in dem Jürgen sagte, er möge keine Kinder. Seitdem kam das Thema nicht mehr auf. Alina wusste, ein Kind war noch nicht nötig sie stand erst auf eigenen Beinen, der Job war gut, das Gehalt auch.
Dann, einige Zeit später, merkte Alina, dass sie ein Kind erwartete. Sie ging zum Arzt, der bestätigte es und nahm sie in Betreuung. Noch war es früh, aber sie war glücklich.
Ich habe keine Familie, aber das wird mein eigenes, geliebtes kleines Wesen sein, strich sie über ihren noch flachen Bauch, wo doch schon jemand war.
Als Jürgen von der Arbeit kam und ihre strahlende Miene sah, fragte er:
Was ist denn los, du strahlst ja.
Ja, ich freue mich. Ich war heute beim Arzt wir bekommen ein Baby.
Jürgen erstarrte, sah zu Boden und sagte ruhig, fast beiläufig:
Das will ich nicht. Entweder du wirst das Kind los, oder du kannst gehen. Ich halte dich nicht. Ich habe dir gesagt, ich kann Kinder nicht ausstehen. Du hast dich über mich hinweggesetzt. Dann sei auf die Konsequenzen gefasst.
Jürgen hatte nie laut geschrien, aber sein Ton ließ ihr das Blut gefrieren. Er hatte nie verheimlicht, dass er kein Vater werden wollte. Doch Alina hatte gehofft, er würde umdenken, wenn er von ihrem Baby erführe. Sie sah, wie er die Lippen zusammenzog, sich abwandte und dann kalt hinzufügte:
Du bist aus dem Heim wohin willst du schon, noch dazu schwanger? Denk nach und mach Schluss. Dann leben wir weiter wie bisher… Wo willst du auch hin?
Am nächsten Tag, nach der Arbeit, packte Alina ihre Sachen und fuhr ins Wohnheim ihr altes Zimmer wartete. Sie stand vor der abblätternden Tür mit der Nummer 35, die jemand mit Edding über das verblasste Schild gekritzelt hatte. Seufzend stemmte sie sich gegen die Tür sie war nicht verschlossen.
Die alten Angeln quietschten, als sie ihren neuen Unterschlupf betrat. Wenn man das überhaupt so nennen konnte. Feuchtigkeit und Staub empfingen sie. Der Putz bröckelte von der Decke, in der Ecke ein dunkler Fleck, auf der schmutzigen Fensterbank lagen tote Fliegen.
Na toll, dachte sie.
An der Wand stand ein Eisenbett mit schmutziger Matratze und fleckiger Decke. In der Ecke ein wackliger, dreckiger Tisch mit einem ebensolchen Stuhl, daneben ein abgenutzter Schrank, dessen Tür lose danebenlehnte.
Alina stellte ihre Tasche ab. Darin ein paar Klamotten, Bücher, Tassen und Teller. Sie strich über ihren noch flachen Bauch dort war schon jemand, der ihr alles bedeutete.
Alles gut, wir schaffen das, flüsterte sie.
Hinter der Wand brüllte jemand ein betrunkener Nachbar fluchte, dann knallte eine Tür. Alina zuckte zusammen.
Also dann, Alina, willkommen zu Hause, murmelte sie.
Die Küche im Wohnheim war gemeinsam genutzt: eine ramponierte Herdplatte, ein uralter Kühlschrank. Neben dem Mülleimer huschten Kakerlaken umher hier fühlten sie sich sichtlich wohl.
Zurück in ihrem Zimmer schob sie den Riegel vor. Ihr Herz war schwer, sie hätte am liebsten geweint, aber sie unterdrückte es. Plötzlich fühlte sie sich frei. Jürgens Worte hallten nach:
Wo willst du denn hin?
Nun, hierher. In dieses Zimmer, ihr eigenes. Sie würde aufräumen, putzen Arbeit scheute sie nicht. Hier war ihre Freiheit. Der Beginn eines neuen Lebens. Und sie war nicht mehr allein sie waren jetzt zu zweit. Sie ging zum Fenster, die Scheiben waren schmutzig, aber das änderte sich. Draußen war es trüb der Sommer in diesem Jahr war kühl und verregnet.
Wir schaffen das. Wir haben keine andere Wahl. Ich habe mich für dieses Leben entschieden. Ich werde mein Kind bekommen. Ich werde nicht das tun, was meine Eltern mit mir taten mich weggeben. Ich habe Arbeit, verhungern werde ich nicht, ich habe etwas Geld beiseitegelegt. Ich werde aus diesem Zimmer ein Zuhause machen.
Sie zögerte nicht lange, holte einen Eimer, ein altes Oberteil als Lappen und ein Handtuch und fing an zu putzen. Bald saß sie auf einem sauberen Stuhl, blickte durchs gereinigte Fenster, staubfrei war es jetzt, alles blitzte. Der Boden war sauber, sie hatte ihn zweimal gewischt die Kalkflecken waren weg. Frische Luft wehte herein.
Gut, etwas Pause. Dann gehe ich einkaufen: Decke, Kissen, Bettwäsche, Handtücher, Seife, Waschpulver. Und vor allem ein neues Schloss für die Tür ich muss jemanden fragen, der es einbaut. Dann brauche ich Geschirr…
Langsam fand Alina ihr Leben. Onkel Karl, der Hausmeister, ein gutmütiger, lustiger Mann, baute das Schloss ein und unterstützte sie.
Im Café ging das Leben weiter. Timo, ein neuer Kellner, beobachtete sie oft. Bald wussten alle, dass sie in Mutterschutz gehen würde.
Eines Tages begleitete er sie zum Wohnheim. Aus Höflichkeit lud sie ihn auf Tee ein er nahm an. An diesem Abend merkte sie, dass er Interesse hatte, aber sie schob den Gedanken weg sie erwartete ein Kind.
Doch Timo gab nicht auf. Eines Tages gestand er:
Alwine, lass uns heiraten. Du bist allein, ich auch. Meine Oma lebt noch auf dem Land, aber hier habe ich niemanden. Ich mag dich ich liebe dich sogar. Ich denke ständig an dich… und an dein Baby.
Aber Timo, sie deutete auf ihren Bauch.
Sag nichts. Es wird auch mein Kind sein. Ich liebe Kinder und möchte eine große Familie.
Unwillkürlich verglich sie ihn mit Jürgen wie unterschiedlich sie waren. Timo war warmherzig, fürsorglich, arbeitete hart. Alina sagte ja. Bald darauf brachte Timo sie ins Krankenhaus und wartete, bis ihr Sohn zur Welt kam.
Überglücklich eilte er heim, um das Zimmer neu zu tapezieren, die Wiege und den Kinderwagen vorzubereiten. Als er Alina und den Kleinen abholte, überreichte er ihr Blumen. Betrat sie das Zimmer, erkannte sie es kaum wieder Timo hatte ganze Arbeit geleistet. Alles war sauber, bunte Luftballons schmückten den Raum.







