Verbittert und voller Groll

Eine alte Rechnung

Nach der Schule absolvierte Tanja eine medizinische Ausbildung und kehrte in ihr Heimatdorf zurück. Schon lange träumte sie davon, als medizinische Fachangestellte in der örtlichen Arztpraxis zu arbeiten. Zumal dort kürzlich ein neues Gebäude errichtet und moderne Geräte angeschafft worden waren. Und Vera Timofejewna wurde langsam alt. Sie hatte ihr ganzes Leben als Dorfärztin gearbeitet und freute sich deshalb umso mehr, als Tanja ihre Nachfolge antreten wollte.

Ach, Tanjalein, endlich! Ich bin doch schon viele Jahre alt und eigentlich längst im Ruhestand. Ich wollte schon früher aufhören, aber dein Vater, der Johann, bat mich zu warten, bis du dein Diplom hast. Mit gutem Gewissen und großer Erleichterung übergebe ich dir jetzt alles.

Ja, Tante Vera, ich fange gleich an. Ruhen Sie sich aus aber wenn was ist, störe ich Sie. Ich hab ja noch nicht so viel Erfahrung.

Natürlich, Tanjalein, ich helfe, wo ich kann. Frag einfach.

So begann Tanjas Arbeitsalltag. Die Dorfbewohner kamen mit Wehwehchen, ließen sich den Blutdruck messen oder testeten, ob die junge Ärztin wirklich Ahnung hatte. Doch nach einem Jahr vertrauten die Leute ihr langsam. Sie war aufmerksam und half jedem, wo sie konnte.

Dann tauchte Maxim immer häufiger in ihrer Praxis auf mal schmerzte der Rücken, mal das Knie, mal hatte er sich in den Finger geschnitten. An Tanjas Seite war stets die Arzthelferin Anna Iwanowna, auch nicht mehr die Jüngste, aber noch nicht in Rente.

Der Maxim kommt aber oft mit Beschwerden, lachte die Helferin. Sie hatte längst bemerkt, wie der junge Mann Tanja ansah und irgendwann auch ihren Blick erwidert.

Die Liebe zwischen Maxim und Tanja entbrannte. Bald gingen sie Hand in Hand durchs Dorf, vermissten einander schmerzlich. Schließlich machte Maxim ihr einen Heiratsantrag, und sie sagte freudig zu. Tanja bemerkte gar nicht, dass der gutaussehende Traktorist Michi sie kaum aus den Augen ließ. Einmal versuchte er sogar, sie nach Hause zu begleiten, doch sie wies ihn streng ab.

Michi, hast du nicht gehört? Ich heirate Maxim, unsere Hochzeit steht bald an.

Gehört hab ichs, knurrte er. Die Weiber im Dorf plapperns ja an jeder Ecke aus. Aber ich mag dich auch und bin noch hübscher als dein Maxim. Was hab ich denn weniger?

Lass gut sein, Michi. Ich liebe Maxim, und er liebt mich. Es gibt genug andere Mädchen such dir eine und sei glücklich.

Tanja ahnte nicht, wie tief sie den stolzen Michi damit kränkte und sie bemerkte es auch nicht, denn ihre Gedanken und Träume gehörten ganz Maxim. Bald wurde Hochzeit gefeiert, die Eltern beider Seiten gaben sich Mühe, und das ganze Dorf feierte mit.

Ein Jahr später brachte Tanja ihren Sohn Steffi zur Welt. Alle vergötterten ihn: die jungen Eltern ebenso wie die Großeltern. Tanja blieb zu Hause, während Anna Iwanowna die Praxis allein schmiss sie hatte Erfahrung, und wenns zu kompliziert wurde, schickte sie Patienten ins Kreiskrankenhaus oder rief den Notarzt. Manchmal rief sie Tanja aber auch zur Beratung an.

Tanja versank im Mutterglück und bemerkte zwischen Windeln und Haushalt gar nicht, wie sich ihr Mann von ihr entfernte. Als sie es schließlich realisierte, war es zu spät. Eines Tages kam Maxim von der Arbeit und fragte düster:

Kennst du den Michi schon lange?

Natürlich, er ist doch Dorfkind Einmal kam er sogar mit einer Verletzung in die Praxis.

Ausgerechnet zu dir?

Nicht zu mir, in die Praxis. Ich war nicht allein, Anna Iwanowna hat ihn versorgt. Was soll die Fragerei? Bist du etwa eifersüchtig? Tanja lächelte.

Im Dorf heißt es, Steffi sei nicht von mir, sondern vom Michi, sagte Maxim und warf seinem Sohn einen misstrauischen Blick zu.

Maxim, bist du vom Pferd gefallen? Was für ein Michi? Wovon redest du?

Davon, dass das ganze Dorf über diese Neuigkeit in Aufruhr ist. Sogar dein Vater war beim Michi und der hat bestätigt, dass ihr was hattet.

Wann denn? Tanja stand wie vom Donner gerührt.

Plötzlich fiel ihr ein, dass ihre Eltern seit Wochen nicht mehr zu Besuch gekommen waren. Ihr war gar nicht aufgefallen, dass sie ihrer Tochter böse waren. Sie verließ ja kaum das Haus.

Michi hatte die Schauermärchen von der leichtfertigen Tochter des Johann im ganzen Dorf verbreitet ganz ungeniert hatte er Tanja verleumdet. Die Gerüchte brachten das Dorf in Aufruhr.

Unsere brave Ärztin hat sich was anderes gesucht und ein Kind gekriegt, das gar nicht von ihrem Mann ist, sondern vom Michi er hats selbst zugegeben!, tuschelten die Frauen an jeder Ecke, und die Männer waren nicht besser.

Johann, unser Sohn wird deine liederliche Tochter aus dem Haus werfen, verkündete Schwiegermutter ihrem Schwiegersohn. Wer hat denn so was schon erlebt ein Kind vom Fremdgehen

Hör auf mit dem Unsinn, verteidigte Johann seine Tochter.

Was für Unsinn? Frag den Michi doch selbst!

Zorn stieg in Johann auf, die Adern an seinem Hals traten hervor. Er konnte nicht fassen, dass seine fromm erzogene Tochter so etwas tun sollte. Er suchte Michi auf und fragte direkt:

Was erzählst du im Dorf, mein Enkel sei nicht vom Maxim, sondern von dir? Bist du das, der diese Lügen verbreitet?

Was für Lügen? Es ist doch wahr. Deine Tochter hat sich an mich rangemacht, ist von ihrem Mann zu mir gelaufen, wollte ihn sogar verlassen. Aber was soll ich mit so einer Flittchen?, grinste Michi frech.

Johann war sprachlos. Er wollte sofort zu Tanja gehen, überlegte es sich dann aber anders. Und Tanja wusste noch tagelang nichts von dem Tratsch im Dorf bis Maxim von der Arbeit kam, seine Sachen packte und zu seinen Eltern zog.

Mein Gott, was hab ich bloß falsch gemacht? Ich liebe meinen Mann doch, konnte Tanja ihn nicht aufhalten.

Nun saß sie seit Tagen mit Steffi am Fenster. Über dem Dorf brannte der Abendhimmel. Der kleine Sohn schnarchte friedlich in seinem Bettchen, sie hatte ihn gerade hingelegt. Er würde bald ein Jahr alt werden eigentlich wollte sie wieder arbeiten gehen.

Ach, Steffilein, wir brauchen wohl niemanden, Tränen kullerten ihr übers Gesicht, als sie seufzend an ihren Mann dachte.

Es war schwer, allein mit dem Kind sie wusste nicht, wie sie sich rechtfertigen sollte. Dabei war sie doch unschuldig! Aber wie sollte sie den Klatschbasen, den Verwandten und ihrem Mann beweisen, dass sie niemanden betrogen hatte? Ihr Herz krampfte sich vor Kummer zusammen, sie wischte sich die Tränen weg und wusste: Verleumdungen hinterlassen Spuren und sie wieder loszuwerden, ist fast unmöglich.

Nur ihre treue Freundin Liesel kam regelmäßig vorbei und brachte Lebensmittel mit.

Dein Maxim hat falsch gehandelt, den Gerüchten zu glauben. Und der Michi ach, Michi, seufzte Liesel. Ich liebe ihn ja schon lange, weißt du? Er behauptet, du wärst ihm an den Hals gefallen. Ich glaub ihm kein Wort und sags auch jedem aber wer hört schon auf mich?

Liesel, warum macht er das mit mir?

Ich vermute, Tanja, er steht einfach total auf dich. Er hats ja öfter probiert, und du hast ihn immer abblitzen lassen. Da hat sich wohl der Groll angestaut. Jetzt, wo Maxim weg ist, hat er freie Bahn. Ach, Michi wenn ich ihm doch nur so gefallen würde! Aber er beachtet mich ja kaum.

Aber ich hab doch einen Mann, Liesel! Was soll ich mit Michis Avancen? Seit Maxim weg ist, hat er sich nicht mal blicken lassen. Alle haben sich von mir abgewandt: die Schwiegermutter, sogar meine Eltern ganz zu schweigen von meinem Mann. Und mit Michi war nie was, das schwör ich dir.

Tanjalein, ich glaub dir. Aber du musst mit ihm reden Ich habs versucht, aber er hat mich abgewimmelt.

Tanja wusste, dass sie mit Michi sprechen musste aber wie? Was würden die Leute denken, wenn sie zu ihm ging? Und was, wenn er noch mehr Lügen verbreitete? Vielleicht würde alles nur schlimmer. Doch dann bot sich eine Gelegenheit. Zwei Tage später stürmte Liesel atemlos herein.

Komm schnell, wir müssen jemandem helfen! Ich hab den Notarzt gerufen, aber ob der durchkommt Drei Tage Regen, die Straßen sind Matsch.

Was ist denn so dringend? Ich kann Steffi doch nicht allein lassen.

Frag doch die Nachbarin, die Oma Martha! Ich hol sie schnell, du packst unterdessen die nötigen Medikamente ein. Sie stürmte hinaus und kam kurz darauf mit der Nachbarin zurück.

Tanja, du bist die Einzige, die helfen kann, jammerte Liesel. Tante Anna, die Helferin, ist gestern in die Stadt gefahren und kommt erst heute Abend zurück. Komm! Sie packte Tanja am Arm und zog sie mit.

Erst als sie vor Michis Haus standen, begriff Tanja.

Da geh ich nicht rein!, wehrte sie ab. Doch Liesel flehte mit tränenerstickter Stimme:

Bitte, Tanjalein, hilf ihm für mich. Wenn er stirbt, überleb ich das nicht

Ich helf ihm aber nur, wenn er den Leuten gesteht, dass er mich verleumdet hat.

Ja, ja, Freundin, wir werden ihn darum bitten.

Tanja half Michi, als Liesel sie darum bat. Er hatte zu viel gebechert, wahrscheinlich eine Alkoholvergiftung. Sie spülte seinen Magen und legte einen Tropf. Der Notarzt kam nicht die Straßen waren unpassierbar, drehte um. Als es Michi besser ging, rief sie die Klinik an und meldete, die Entgiftung sei erfolgreich.

Verärgert verließ sie ihn.

Zwei Tage später war Michi wie neu. Liesel bedrängte ihn, endlich die Wahrheit zu sagen.

Ich wollte nicht, dass es so weit kommt, gestand er ihr. Ich bins nicht gewohnt, dass Mädchen mich abweisen. Fast schüchtern fügte er hinzu: Es tut mir leid.

Ach, Michi ich hab bis zuletzt gehofft, dass du es nicht warst. Gesteh es den Leuten du hast Tanja das Leben ruiniert, alle haben sich von ihr abgewandt. Niedergeschlagen verließ Liesel ihn.

Zwei Tage später ging das Gerücht um, Michi wolle für immer in die Stadt ziehen. Er selbst dementierte die Lügen, stand mit einem Rucksack über der Schulter mitten im Dorf vor dem Gemeindehaus gleich neben der Bushaltestelle , umringt von neugierigen Dorfbewohnern.

Vergebt mir, gute Leute. Ich hab Tanja geliebt, und sie hat mich abgewiesen, mich nicht mal in ihre Nähe gelassen. Aus Wut und Groll hab ich sie verleumdet Ich wars, der die Gerüchte gestreut hat. Und sie sie hat mir fast das Leben gerettet. Ich hatte einen fiesen Plan: dachte, wenn Maxim geht, heirate ich sie und adoptiere ihren Steffi. Bei Gott, ich war wie von Sinnen. Es hat nie was gegeben zwischen uns ich hab alles erfunden.

In diesem Moment kam Johann, Tanjas Vater, hinzu.

Und du, Johann, vergib mir. Ich hab deine Tochter bloßgestellt. Ich kann keinem mehr in die Augen sehen deshalb verlass ich das Dorf für immer. Vergebt mir, gute Leute, und lebt wohl.

Nur Liesel weinte doch er sah sie nicht einmal an.

So ein Schurke, dieser unverschämte Halunke!, empörte sich Tanjas Schwiegermutter am lautesten.

Doch alles ging vorüber, die Gerüchte verblassten. Tanjas Eltern kamen zu ihr, versöhnten sich und entschuldigten sich. Die Schwiegermutter lief bald darauf herbei, wäre ihr fast zu Füßen gefallen. Und dann kam auch Maxim von der Arbeit zurück.

Lange noch lebte Tanja mit dem Gefühl, von allen verraten worden zu sein. Anfangs begegnete sie ihrem Mann mit Misstrauen. Doch bald fing sie wieder an zu arbeiten, lächelte wieder, half und heilte die Dorfbewohner und sie liebten und respektierten sie alle.

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