Der ungebetene Kater

**Der ungebetene Kater**

Heute ist Marlene in ihre erste eigene Wohnung gezogen. Und es ist auch egal, dass sie klein ist und am Stadtrand von München liegt. Das Erdgeschoss eines dreistöckigen Hauses war so niedrig, dass man durch das Fenster direkt in den Garten steigen konnte. Das Zimmer mit zwölf Quadratmetern fasste ein Bett, einen Kleiderschrank, einen Couchtisch und zwei Stühle. Die Küche bestand aus einem Tisch, einem Schrank unter dem Spülbecken, einem Hocker und das wars. Mehr passte nicht hinein. Eine winzige Wohnung, aber immerhin ihre eigene.

Marlene hatte das Erbe ihrer Tante erhalten, die sie für ihren sanften Charakter und ihre Hilfsbereitschaft über alles geliebt hatte. Die Summe reichte gerade für diese Wohnung in dieser Stadt gab es nichts Besseres für das Geld.

Die Wohnung ist hell, gemütlich und gut gelegen, hatte die Maklerin gesagt. Perfekt für eine Person.

Für eine Person, ja Aber ich bräuchte noch einen Platz für den Kühlschrank.

Den ganzen Tag schrubbte, wischte und räumte Marlene. Am Abend glänzte alles, die Sachen waren verstaut, und der Wasserkocher auf dem Herd summte. Das Geschirr stand auf der breiten Fensterbank. Immer wieder ging Marlene durch ihre vier Wände und überlegte, wo der geplante Kühlschrank stehen könnte.

Die Nacht brach an. Der Tee war getrunken, aber der Kühlschrank hatte immer noch keinen Platz. Marlene kletterte ins Bett, zog sich die Decke hoch und lauschte den Grillen draußen. Ihr gleichmäßiges Zirpen wiegte sie in den Schlaf

Ein lauter Krach aus der Küche riss sie hoch. Sie griff nach ihrem Handy drei Uhr nachts. Dunkel. Also noch Nacht. Einbrecher? Ein Poltergeist? Der Hausgeist? Oder nur der Wind? Auf Zehenspitzen schlich sie zur Tür und spähte in die Küche.

Das Geschirr von der Fensterbank lag verstreut auf dem Boden. Ihre Lieblingstasse war in zwei saubere Hälften zerbrochen, und dazwischen saß ein Kater. Ein ganz normaler gestreifter Kater. Nur sehr groß. Man könnte sogar sagen, riesig. Er starrte Marlene gelassen an.

Wo kommst du denn her?

Der Kater blickte zum Fenster, als würde er antworten.

Dann verschwinde wieder! Marlene wedelte mit den Händen. Doch mit einem Satz sprang der Kater an ihr vorbei ins Zimmer und ließ sich auf dem Bett nieder.

Den Morgen verbrachten sie zu zweit: Marlene auf dem Stuhl, der Kater auf dem Bett. Um sechs Uhr reckte sich der ungebetene Gast, gähnte und verschwand.

Der Tag verging mit weiteren Einrichtungsarbeiten. Erst gegen Abend erinnerte sich Marlene an ihren nächtlichen Besucher. Vorsorglich räumte sie das Geschirr in den Schrank und schloss das Fenster. Das müsste reichen, dachte sie.

Doch genau um drei Uhr nachts hörte sie ein Rascheln. Auf dem Fenstersims saß derselbe Kater. Mit gesenktem Kopf starrte er sie durch das Glas an ein strenger, unnachgiebiger Blick.

Bleib doch da draußen, murmelte sie und ging zurück ins Bett.

Am Morgen spürte sie ein Gewicht auf ihren Beinen. Marlene öffnete die Augen: Der Kater lag auf ihr.

Ach, du! Sie griff nach dem Kissen, doch der Kater gähnte nur und schlenderte zur gekippten Fensterluke die sie doch sicher verschlossen hatte.

In der nächsten Nacht beschloss Marlene, wach zu bleiben und den Eindringling zu stellen. Sie setzte sich mit ausgeschaltetem Licht auf den Stuhl am Fenster und beobachtete den Garten. Ihre Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit, die Bäume wiegten sich leise, das Grillenzirpen verschmolz zu einem trägen Summen und plötzlich schlief sie ein.

Sie erwachte auf dem Stuhl. Auf ihrem Schoß lag der Kater und schnurrte tief.

Was soll ich nur mit dir machen? Wenn ich dich nicht besiegen kann, muss ich mich wohl arrangieren. Irgendwer muss ja der Mann im Haus sein. Marlene gab sich geschlagen.

Von da an blieb der Kater auch tagsüber. Als der ersehnte Kühlschrank endlich geliefert wurde, hatte Marlene immer noch keinen Platz dafür. Doch der Kater entschied schnell: Er setzte sich in die Ecke des Flurs und miaute laut. Nach einem kurzen Blick wusste Marlene das war die perfekte Stelle.

Der Kühlschrank wurde sein Revier. Er schlief dort, aß dort, putzte sich er lebte dort.

Eines Abends benahm er sich seltsam. Er sprang runter, umkreiste den Kühlschrank, sprang wieder hoch, wühlte herum und wiederholte alles. Schließlich blieb er regungslos wie eine Sphinx sitzen.

Bist du jetzt ruhig? Marlene seufzte. Gut. Schlaf. Ich auch.

Doch mitten in der Nacht riss ein markerschütterndes Heulen sie aus dem Schlaf. Der Kater saß auf seinem Platz und schrie. Keine Sirene der Welt kam an diesen Lärm heran.

Was ist? Bist du krank?

Der Kater sträubte sein Fell, bog den Rücken und heulte weiter. Plötzlich sprang er zu ihr. Im selben Moment zuckte ein Funken hinter dem Kühlschrank auf, und Rauch stieg auf. Der Kater rannte zur Tür und kratzte wild dahinter war der Sicherungskasten. Mit einem Griff schaltete Marlene den Strom ab und riss die Fenster auf.

Morgen kommt der Elektriker. Aber jetzt schlafen wir. Danke, Kater. Wer weiß, was passiert wäre ohne dich.

Am nächsten Morgen war er verschwunden. Auch am Abend tauchte er nicht auf. Oder am Tag darauf.

Manche sagten, es sei Zufall gewesen. Andere meinten, ihre Tante hätte von oben nach ihr gesehen. Doch Marlene war sicher: Er war ihr Schutzengel gewesen. So selbstverständlich, wie er in ihre Wohnung gekommen war, so selbstverständlich hatte er ihr Leben verändert.

Manchmal kommen die wichtigsten Dinge ungebeten und gehen wieder, wenn ihre Aufgabe erfüllt ist.

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Der ungebetene Kater
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