Ich kenne dein dreißig Jahre altes Geheimnis, flüsterte die Schwägerin.
Anna, deine Kohlrouladen sind einfach himmlisch! Verrätst du mir das Rezept? Sabine reichte ihren leeren Teller nach, ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Bei mir werden sie nie so zart.
Es ist nichts Besonderes, erwiderte Anna und schöpfte nach. Ich knete das Hackfleisch einfach lange und koche den Kohl richtig. Ich kann es dir zeigen, komm doch mal vorbei.
Am festlich gedeckten Tisch zum siebzigsten Geburtstag von Friedrich Wilhelm versammelte sich die ganze Familie Kinder, Enkel, nahe Verwandte. Das sonst geräumige Wohnzimmer von Anna und Friedrich wirkte heute eng, erfüllt von Lachen, Gesprächen und dem Duft hausgemachter Gerichte.
Anna spürte den durchdringenden Blick von Karin, der Schwester ihres Mannes, die extra aus Hamburg angereist war. Sie hatten sich fast zehn Jahre nicht gesehen, und Anna bemerkte mit leiser Unruhe, wie sehr Karin sich verändert hatte. Die einst so lebhafte, energische Frau wirkte kleiner, blasser geworden. Nur die Augen waren geblieben wachsam, leicht spöttisch.
Karin, möchtest du noch etwas? Anna versuchte, die seltsame Spannung zu durchbrechen.
Nein, danke, antwortete Karin, ohne den Blick von ihr zu lassen. Ich bin satt. In jeder Hinsicht.
Etwas in ihrem Ton ließ Anna aufhorchen. Sie wollte fragen, ob alles in Ordnung sei, doch in diesem Moment erhob sich Friedrich und klopfte mit dem Löffel an sein Weinglas.
Meine Lieben! Seine tiefe Stimme füllte den Raum. Ich danke euch allen, dass ihr diesen Tag mit mir teilt. Besonders dir, Schwesterherz. Er nickte Karin zu. Du hast einen weiten Weg auf dich genommen.
Für meinen geliebten Bruder tue ich das gern, erwiderte Karin mit einem Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte.
Und natürlich danke ich vor allem meiner Anna, fügte Friedrich hinzu und legte ihr die Hand auf die Schulter. Dreiundvierzig Jahre zusammen, und jeden Tag bin ich dankbar, dich an meiner Seite zu haben.
Anna errötete unter den Blicken der Gäste und vor allem unter Karins prüfendem Blick.
Der Abend ging weiter, vom Essen zum gemütlichen Beisammensein. Langsam verabschiedeten sich die ersten Gäste. Die älteren Enkel zogen die Jüngeren zum Spielen in ein anderes Zimmer, Sohn und Schwiegertochter übernahmen das Abräumen. Anna ließ sich auf das Sofa sinken, als Karin sich neben sie setzte.
Müde? fragte die Schwägerin mit einem seltsam neuartigen Interesse.
Ein wenig, gestand Anna. Ein anstrengender Tag. Aber schön.
Ja, mein Bruder hat Glück, sagte Karin nachdenklich. Solch eine Familie, solche Frau Dreiundvierzig Jahre. Dabei hätte alles anders kommen können.
Ein Schauer lief Anna über den Rücken.
Was meinst du?
Nichts Besonderes. Karin zuckte mit den Schultern. Nur das Leben nimmt manchmal seltsame Wendungen, nicht wahr?
Bevor Anna antworten konnte, trat Friedrich strahlend und vom Wein gerötet zu ihnen.
Worüber flüstert ihr, meine Damen? Er legte den Arm um Karin. Plant ihr etwas gegen mich?
Ach, Friedrich. Karin tätschelte seinen Arm. Anna und ich schwelgen in Erinnerungen. Stimmts, Anna?
Der Abend neigte sich dem Ende zu. Anna verabschiedete die letzten Gäste, half beim Aufräumen. Friedrich, erschöpft von den Feierlichkeiten, war schon zu Bett gegangen. Karin, die im Gästezimmer übernachtete, hatte sich ebenfalls zurückgezogen.
Als Anna zur Schlafzimmertür ging, sah sie Licht unter Karins Tür. Sie klopfte leise.
Karin, schläfst du schon? Soll ich dir Tee bringen?
Die Tür öffnete sich. Komm herein. Tee nicht, aber reden möchte ich.
Anna betrat das Zimmer, von einer seltsamen Beklemmung erfasst. Das Gästezimmer war schlicht ein Bett, ein Schrank, ein kleiner Fernseher. Karin setzte sich auf die Bettkante und deutete auf einen Stuhl.
Ist etwas passiert? fragte Anna. Du wirkst heute Abend so anders.
Ja, nickte Karin und sah sie direkt an. Vor drei Monaten war ich beim Arzt. Ich habe Krebs, Anna. Im Endstadium.
Anna erstarrte, die Hand vor den Mund gepresst. Mein Gott, Karin! Warum hast du nichts gesagt? Man könnte
Zu spät. Karin schüttelte den Kopf. Sechs Monate, höchstens. Und weißt du, das hat mich vieles überdenken lassen. Auch Dinge, die ich lange verdrängt habe.
Worüber redest du? Anna runzelte die Stirn.
Karin beugte sich vor und flüsterte: Ich kenne dein Geheimnis von vor dreißig Jahren.
Anna erstarrte. Das Blut wich aus ihrem Gesicht, ein Rauschen füllte ihre Ohren.
Welches Geheimnis? Ihre Stimme brach.
Tu nicht so, sagte Karin kühl. Ich weiß von Markus Weber. Von jenem Sommer an der Ostsee. Von dem, was passierte, als Friedrich auf Dienstreise war.
Anna rang nach Luft. Woher?
Ich habe euch gesehen, antwortete Karin einfach. Ich kam überraschend, wollte Urlaub mit euch machen. Die Tür war unverschlossen. Ich hörte und dann sah ich.
Anna bedeckte ihr Gesicht. Die Erinnerung, die sie so lange verbannt hatte, kehrte mit schmerzhafter Klarheit zurück. Markus, Friedrichs alter Freund. Ein Besuch, ein Buch, Wein auf der Terrasse Dann eine plötzliche, überwältigende Leidenschaft. Der einzige Seitensprung in all den Jahren eine Schuld, die sie nie verziehen hatte.
Warum hast du so lange geschwiegen? flüsterte Anna.
Zuerst wollte ich es Friedrich sagen, gestand Karin. Aber er liebte dich so. Und Markus zog nach München. Also ich sah, wie du littest. Es war eure Sache.
Und jetzt? Annas Stimme bebte. Willst du es ihm sagen, bevor du gehst?
Karin schüttelte den Kopf. Nein. Ich bin nicht deswegen gekommen. Ich wollte um Verzeihung bitten.
Verzeihung? Anna starrte sie an. Wofür?
Für das, was danach geschah, sagte Karin leise. Für etwas, das du nicht weißt.
Wovon redest du?
Karin holte tief Luft. Nachdem ich euch gesehen hatte, ging ich in ein Hotel. Ich war wütend. Du weißt, wie sehr ich meinen Bruder liebe. Am nächsten Tag traf ich Markus.
Und? Annas Hände zitterten.
Wir sprachen. Er war betrunken, verzweifelt. Sagte, er habe einen schrecklichen Fehler gemacht. Dann drohte ich, es Friedrich zu erzählen. Und er flehte mich an zu schweigen. Bot mir Geld. Ich lehnte ab. Dann bot er etwas anderes.
Was?, fragte Anna, obwohl sie die Antwort ahnte.
Sich selbst. Karins Stimme war tonlos. Ich willigte ein. Eine Nacht für sein Schweigen. Am Morgen war er weg. Für immer.
Anna starrte sie fassungslos an. Du und Markus? Warum?
Weil ich dir immer neidete, gestand Karin bitter. Schön, klug, von meinem Bruder geliebt. Und dann warst auch du nicht perfekt. Ich nutzte die Gelegenheit. Wollte mich überlegen fühlen.
Mein Gott, flüsterte Anna. Was für ein Albtraum.
Ja. Karin senkte den Blick. Dann erfuhr ich, dass ich schwanger war.
Anna erstarrte. Was?
Von Markus. Ich ließ abtreiben. Sagte niemandem. Ein Jahr später heiratete ich Hans, du kennst ihn. Bekam zwei Kinder. Aber ich vergaß nie.
Anna saß wie betäubt. Die Worte wirbelten in ihrem Kopf.
Warum erzählst du mir das jetzt?
Weil ich sterbe, sagte Karin einfach. Ich will nicht mit dieser Last gehen. Du sollst die Wahrheit kennen. Und vielleicht kannst du mir vergeben. Wie ich dir längst vergeben habe.
Mir?
Für den Betrug an meinem Bruder. Dafür, dass du der Auslöser warst. Karin lächelte schwach. Obwohl natürlich nur ich schuld bin. Mein Neid, meine Schwäche.
Schweigen breitete sich aus. Draußen fuhr ein Auto vorbei, sein Scheinwerferlicht erhellte kurz den Raum.
Du wirst es Friedrich nicht erzählen?, fragte Anna schließlich. Weder von mir noch von dir?
Nein. Wozu? Karin schüttelte den Kopf. Ich sehe, wie glücklich er ist. Wie ihr euch liebt. Das zählt.
Anna ergriff plötzlich Karins Hand. Danke. Und es tut mir leid. Dass du krank bist. Dass wir so viel Zeit verloren haben.
Mir auch, flüsterte Karin. Aber seltsam ich fühle mich leichter.
Was wird jetzt?, fragte Anna. Mit der Behandlung?
Palliativversorgung, Schmerzmittel. Karin zuckte mit den Schultern. Ich will die Zeit zu Hause verbringen. Hans weiß Bescheid, die Kinder auch. Nur Friedrich nicht. Ich wollte seinen Geburtstag nicht trüben.
Anna nickte. Aber wir müssen es ihm sagen. Er hat ein Recht, es zu wissen.
Morgen. Karin seufzte. Jetzt würdest du mich umarmen? Wie eine Schwester, die ich nie für dich war?
Anna stand auf, setzte sich zu Karin und schloss sie fest in die Arme. Sie spürte, wie deren Schultern bebten, und ihre eigenen Augen füllten sich mit Tränen um die Vergangenheit, die verlorene Zeit, den nahenden Abschied.
Bleib bei mir, bat Karin leise. Bis ich einschlafe. Ich habe Angst, allein zu sein.
Natürlich. Anna strich ihr über das ergraute Haar. Ich bleibe hier.
Sie redeten die ganze Nacht leise, um Friedrich nicht zu wecken. Über Kindheit, Jugend, erfüllte und zerplatzte Träume. Über Ehemänner, Kinder, Enkel. Karin erzählte, wie sie Annas und Friedrichs Leben verfolgt hatte durch Briefe, Anrufe, soziale Medien.
Weißt du, gestand sie gegen Morgen, ich hoffte lange, bei euch würde etwas schiefgehen. Dass ihr euch trennt, dass Friedrich von deinem Fehltritt erfährt Schrecklich, nicht? Doch nach Jahren begriff ich: Ich war froh für euch. Dass ihr die Liebe bewahrt habt. Mein Neid wurde zu Bewunderung.
Es war nicht einfach, erwiderte Anna leise. Es gab Streit, harte Zeiten. Meine Schuld lastete jeden Tag auf mir. Ich versuchte, sie gutzumachen mit Liebe, Treue.
Und es ist dir gelungen. Karin lächelte matt. Siehst du? Eine Nacht hat dreiundvierzig Jahre nicht ausgelöscht.
Als es hell wurde, schlief Karin endlich ein, erschöpft von den Geständnissen. Anna deckte sie behutsam zu und verließ leise das Zimmer. Im Flur traf sie auf Friedrich, gerade aus dem Schlafzimmer gekommen.
Wo warst du?, fragte er verschlafen.
Bei Karin. Wir haben die ganze Nacht geredet.
Über was? Er musterte sie besorgt.
Anna zögerte. Die Wahrheit über Karins Krankheit konnte warten.
Über die Vergangenheit. Über Fehler, über Verzeihen.
Und zu welchem Schluss seid ihr gekommen? Er lächelte.
Anna dachte nach. Dass Liebe stärker ist als Groll, Neid oder Schuld. Dass Vergebung befreit. Und dass man nie zu spät anfängt, neu zu leben.
Ihr Philosophen. Friedrich küsste sie auf die Stirn. Komm, lass uns frühstücken. Ich mache Pfannkuchen.
Anna nickte und sah ihn zärtlich an. Dreiundvierzig Jahre und jeder Tag war ein Geschenk. Vielleicht gerade wegen der Fehler. Denn erst durch Verzeihen lernt man wirklich zu lieben.
Noch einmal blickte sie zur Gästezimmertür. Karin, die so lange Rivalin war, war nun eine Vertraute und auf einmal eine Schwester, mit der nur noch wenig Zeit blieb.
Komm, sagte Anna und nahm Friedrichs Hand. Aber leise, Karin schläft. Es war eine schwere Nacht.
Und so gingen sie in die Küche der ergraute Mann im gestreiften Schlafanzug und seine Frau mit feuchten Augen und einem friedvollen Lächeln. Ein neuer Tag lag vor ihnen, mit allem, was das Leben bereithält: Freude, Schmerz, Wahrheiten, Vergebung. Ein Tag, den es zu leben lohnte besonders für jene, deren Zeit fast um war.







