Lieben durch Geduld, Dulden durch Liebe

**Tagebucheintrag: Liebe, die aushält, und Aushalten, das liebt**

Johann und Lieselotte hatten eine kirchliche Trauung. An ihrem Hochzeitstag, als der Brautzug schon fast an der Kirche angekommen war, brach plötzlich ein heftiger Sommersturm los. Der Wind riss Lieselottes Schleier vom Kopf, wirbelte ihn wie einen Ballon in die Luft und ließ ihn schließlich erschöpft in einer schmutzigen Pfütze landen. Die Gäste waren sprachlos. Der Sturm legte sich so schnell, wie er gekommen war. Johann wollte den Schleier noch retten, aber es war zu spät.

Lass ihn liegen, Johann! Ich ziehe ihn nicht mehr an!, rief Lieselotte entsetzt.

Die alten Frauen, die immer vor der Kirche saßen, flüsterten hinter vorgehaltener Hand: Das sei ein böses Omen ihr gemeinsames Leben würde voller Stürme sein.

Im nächsten Laden kauften sie Lieselotte eine künstliche weiße Blume für ihr Haar. Eine neue Schleier zu besorgen, dafür war keine Zeit mehr. Man konnte schließlich nicht zu seiner eigenen Trauung zu spät kommen!

Vor dem Altar standen sie, hielten die Brautkerzen, sprachen ihre Ehegelübde für Gott. Doch zuvor hatten sie schon standesamtlich geheiratet und eine prächtige Hochzeit gefeiert für die Menschen.

Drei Jahre später hatten sie zwei Kinder: die Tochter Sophie und den Sohn Thomas. Sie lebten ihr beschauliches Familienleben, ohne Sorgen.

Doch nach zehn Jahren klopfte eine fremde Frau an ihre Tür.

Lieselotte war immer gastfreundlich, ob erwartet oder unerwartet. Jeder wurde herzlich empfangen, bekam etwas zu essen, wurde mit Tee bewirtet und mit guten Gesprächen getröstet. Doch diesmal war die Besucherin anders. Sie kam, als Johann nicht zu Hause war.

Mit einem Blick erfasste Lieselotte die Fremde: gut gebaut, freundlich, sehr hübsch und jung.

Guten Tag, Lieselotte. Ich bin Hannah. Ich bin die zukünftige Frau Ihres Mannes.

Wie interessant!, erwiderte Lieselotte verblüfft.

Seit wann ist Johann Ihr Verlobter?

Seit Langem. Aber ich kann nicht länger warten. Johann und ich erwarten ein Kind.

Ah, der klassische Dreieckskonflikt: Ehefrau, Geliebte, uneheliches Kind. Lieselotte versuchte, ihr klarzumachen: Wissen Sie, dass Johann und ich kirchlich getraut sind? Dass wir Kinder haben?

Ich weiß alles. Aber wir lieben uns für immer! Verstehen Sie? Sie können sich doch scheiden lassen. Er ist Ihnen doch nicht treu. Das geht doch.

Hören Sie, junge Frau, mischen Sie sich nicht in meine Familie ein! Wir regeln unsere Treue und Liebe ohne Sie! Auf Wiedersehen!

Hannah zuckte nur mit den Schultern, als wollte sie sagen: Ich habe gewarnt, und ging.

Lieselotte knallte die Tür hinter ihr zu. Sie weiß alles diese Natter! Johann kriegst du nicht!

Plötzlich fiel ihr ein, wie Johann sich in letzter Zeit verändert hatte: Er blieb länger auf der angeblich Arbeit, hatte unerwartete Dienstreisen, interessierte sich plötzlich für Angeln oder Jagd obwohl er vorher nie Hobbys hatte. Frauen spüren so etwas. Sie riechen die Lüge, die Spannung in der Luft.

Doch Lieselotte verbannte die düsteren Gedanken. Vielleicht hatte sie sich alles nur eingebildet?

Als Johann abends heimkam, bat sie ihn zum Essen. Zuerst den Mann satt machen, dann über Probleme reden.

Johann, bist du verliebt?, fragte sie direkt.

Ja.

Deine Freundin war heute hier. Ist das ernst?

Ich bin ein Schuft! Ich kann ohne Hannah nicht leben! Ich habe versucht, Schluss zu machen es geht nicht! Lass mich gehen, Lieselotte!

Dann geh.

Sie wusste, dass Appelle an sein Gewissen sinnlos waren. Das Leben würde richten.

Johann ging.

Lieselotte suchte Trost beim Pfarrer. Er hörte ihr zu und sagte:

Meine Tochter, die Liebe ist langmütig, sie hört niemals auf. So steht es in der Schrift. Du hast das Recht, die Ehe zu lösen, denn dein Mann hat gesündigt. Oder du kannst vergeben, beten und warten. Gottes Wege sind unergründlich.

Zwei Monate später merkte Lieselotte, dass sie ein Kind erwartete Johanns Kind. Sie freute sich, sah es als Zeichen: Vielleicht würde er zurückkommen.

Der kleine Jan wurde geboren. Lieselottes Mutter half, kümmerte sich um alle Kinder, erzog sie, erzählte Geschichten.

Johann vergaß Sophie und Thomas nicht. Er schenkte ihnen Spielzeug, nahm sie mit ans Meer, gab Lieselotte Geld.

Doch sie verbot den Kindern, Johann von Jan zu erzählen. Doch Sophie plauderte es aus, als sie bei ihm zu Besuch war. Johann dachte, Lieselotte hätte einen neuen Mann. Sein Herz zog sich zusammen er hätte nie gedacht, dass Jan sein Sohn war.

Währenddessen lag Hannah im Krankenhaus. Sie hatte Krebs. Schon seit Monaten kämpfte sie schweigend. Johann erfuhr es erst, als sie im Sterben lag. In ihren letzten Tagen bat sie ihn, Lieselotte zu bitten, für sie zu beten. Sie war besser als ich, flüsterte Hannah.

Johann kehrte zurück. Nicht mit Lügen, nicht mit Forderungen nur mit gebrochenem Herzen und reuigen Händen. Lieselotte sagte nichts, öffnete nur die Tür.

Jahre vergingen. Die Kinder wuchsen heran. Jan lernte laufen, sprechen, lachen und nannte Johann Vati, ohne je zu fragen, warum es so lange gedauert hatte.

Manchmal, wenn der Wind im Herbst durch die Bäume fuhr, erinnerte Lieselotte sich an den Schleier, der in der Pfütze lag. Und sie dachte: Manchmal hält die Liebe nicht, weil alles leicht ist sondern weil man ausharrt, wenn alles zerbricht.

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Lieben durch Geduld, Dulden durch Liebe
Don’t Touch My Tomatoes! They’re All I Have Left!» — Shouted the Neighbour Over the Garden Fence