Ich heiße Friedrich, einundsechzig Jahre alt. Meine Frau starb vor acht Jahren, und seitdem war mein Leben wie ein endloser Korridor der Stille. Meine Kinder kümmerten sich hin und wieder um mich, aber ihr eigenes Leben raste davon, schneller, als ich mithalten konnte. Sie kamen mit Umschlägen voller Geld, brachten Medikamente vorbei und verschwanden wieder.
Ich dachte, ich hätte mich mit der Einsamkeit abgefunden bis ich eines Nachts auf Facebook einen Namen entdeckte, den ich nie wieder zu lesen erwartet hätte: *Lieselotte Brenner*.
Lieselotte meine erste Liebe. Das Mädchen, das ich einst heiraten wollte. Sie hatte Haare wie Herbstlaub und ein Lachen, das noch immer in meinen Erinnerungen widerhallte, vierzig Jahre später. Doch das Leben hatte uns auseinandergerissen. Ihre Familie war plötzlich weggezogen, und sie wurde verheiratet, bevor ich mich verabschieden konnte.
Als ich ihr Foto sah graue Strähnen im Haar, aber immer noch dieses sanfte Lächeln fühlte es sich an, als würde sich die Zeit zurückfalten. Wir begannen zu reden, tauschten alte Geschichten aus, telefonierten stundenlang, trafen uns schließlich zum Kaffee. Die Wärme zwischen uns war sofort da, als hätten die Jahrzehnte nie existiert.
Und so heirutete ich mit einundsechzig meine erste Liebe.
Unsere Hochzeit war schlicht. Ich trug einen dunkelblauen Anzug, sie ein cremefarbenes Seidenkleid. Freunde flüsterten, wir sähen aus wie Teenager. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich mein Herz lebendig an.
In dieser Nacht, nachdem die Gäste gegangen waren, schenkte ich zwei Gläser Wein ein und führte sie ins Schlafzimmer. Unsere Hochzeitsnacht ein Geschenk, von dem ich dachte, das Alter hätte es mir längst genommen.
Doch als ich ihr half, das Kleid abzulegen, bemerkte ich etwas Seltsames: eine Narbe am Schlüsselbein, eine weitere am Handgelenk. Ich runzelte die Stirn nicht wegen der Narben selbst, sondern wegen der Art, wie sie zusammenzuckte, als ich sie berührte.
Lieselotte, sagte ich leise, hat er dir wehgetan?
Sie erstarrte. Ihre Augen flackerten Angst, Schuld, Zögern , dann hauchte sie etwas, das mein Blut gefrieren ließ.
Friedrich mein Name ist nicht Lieselotte.
Das Zimmer wurde still. Mein Herz schlug dumpf.
Was was meinst du?
Sie senkte den Blick, zitternd.
Lieselotte war meine Schwester.
Ich taumelte zurück. Mein Kopf drehte sich. Das Mädchen, an das ich mich erinnerte deren Lächeln ich vierzig Jahre lang bewahrt hatte tot?
Sie ist gestorben, flüsterte die Frau, Tränen strömten über ihr Gesicht. Sie ist jung gestorben. Unsere Eltern haben sie still beerdigt. Aber alle sagten immer, ich sähe aus wie sie redete wie sie ich war ihr Schatten. Als du mich auf Facebook fandest, konnte ich nicht widerstehen. Du dachtest, ich sei sie. Und zum ersten Mal in meinem Leben sah mich jemand so an, wie sie Lieselotte angesehen hatte. Ich wollte das nicht verlieren.
Die Welt drehte sich unter mir. Meine erste Liebe war fort. Die Frau vor mir war nicht sie nur ein Spiegel, ein Geist, der Lieselottes Erinnerungen trug.
Ich wollte schreien, fluchen, wissen, warum sie mich belogen hatte. Doch als ich sie ansah zitternd, zerbrechlich, ertrinkend in Scham sah ich keine Lügnerin, sondern eine Frau, die ihr ganzes Leben im Schatten einer anderen verbracht hatte, unsichtbar und ungeliebt.
Tränen brannten in meinen Augen. Meine Brust schmerzte vor Trauer um Lieselotte, um die gestohlenen Jahre, um den grausamen Scherz des Schicksals.
Wer bist du wirklich?, fragte ich heiser.
Sie hob ihr Gesicht, gebrochen.
Mein Name ist Edeltraud. Und alles, was ich wollte, war einmal zu spüren, was es heißt, erwählt zu sein. Nur ein einziges Mal.
In dieser Nacht lag ich wach neben ihr, unfähig, die Augen zu schließen. Mein Herz war zerrissen zwischen dem Geist des Mädchens, das ich einst geliebt hatte, und der einsamen Frau, die ihr Gesicht geliehen hatte.
Und ich verstand: Liebe im Alter ist nicht immer ein Geschenk.
Manchmal ist sie eine Prüfung eine so grausame, dass sie dich daran erinnert, dass das Herz, selbst nach all den Jahren, noch immer brechen kann.







