Als er seine Mutter als Last empfand, brachte der Sohn sie ins billigste Altenheim. ‚Ihr Mädchenname?‘ …

Der Sohn, der seine Mutter als Last empfand, brachte sie in das billigste Altenheim. Ihr Mädchenname?…

Annemarie Brandt drehte langsam den Kopf und blickte ihn direkt an. Lüg nicht, Viktor, sagte sie leise, aber mit klarer Stimme. Wenigstens jetzt nicht. Seinem Blick begegnend, der kein Urteil, nur unendlichen mütterlichen Schmerz enthielt, überkam Viktor das plötzliche Verlangen, aus dem Auto zu springen und davonzurennen.

Er begriff, dass er den schlimmsten Fehler seines Lebens beging einen Fehler, den er vielleicht nie wieder gutmachen konnte. Doch das Taxi bog bereits durch das rostige Tor mit der verwitterten Aufschrift. Es gab kein Zurück mehr. Der Wagen hielt vor einem zweistöckigen, grauen Backsteingebäude, umgeben von kahlen Bäumen.

Die Schrift Pflegeheim Stille Zuflucht war in steifen Lettern aufgemalt, darunter sickerte Rost durch. Doch diese Zuflucht glich eher einem Schiffbruch, einer letzten Anlaufstelle für jene, deren Lebensschiff längst gesunken war. Viktor bezahlte den Taxifahrer, ohne ihn anzusehen, und half seiner Mutter auszusteigen. Ihre Hand in seiner war kalt und federleicht wie ein Vögelchen.

Die Luft hier roch anders als in der Stadt nach Feuchtigkeit, modrigen Blättern und etwas Unbestimmbarem, Verfallendem. Durch ein angekipptes Fenster drangen das Rauschen eines Fernsehers und ein trockener, alter Husten. Annemarie blieb stehen und musterte die triste Umgebung.

Keine Angst oder Verzweiflung lag auf ihrem Gesicht, nur eine distanzierte Neugier, als sei sie eine Touristin an einem fremden, unwirtlichen Ort. Na, da sind wir, sagte Viktor mit aufgesetzter Munterkeit und griff nach ihrer Tasche. Komm, man erwartet uns schon. Drinnen empfing sie ein langer, düster beleuchteter Flur.

Die Wände, in einem kränklichen Beigegrün gestrichen, waren von Rissen durchzogen. Der abgewetzte Linoleumboden knarrte bei jedem Schritt. In der Luft hing der schwere Geruch von Chlor, billigem Essen und Alter. Hinter angelehnten Türen hörte man Fragmente von Gesprächen, Stöhnen, unverständliches Gemurmel.

An der Wand saßen zwei alte Frauen in gleich aussehenden Baumwollkitteln auf einer durchgelegenen Couch und starrten teilnahmslos ins Leere. Eine von ihnen drehte langsam den Kopf, ihr zahnloser Mund verzerrte sich zu einem gespenstischen Lächeln. Viktor erschauderte. Er spürte das fast körperliche Bedürfnis, seine Mutter sofort von hier wegzubringen zurück in ihre alte Wohnung, in sein halbfertiges Haus.

Doch dann sah er das Gesicht seiner Frau Claudia vor sich, ihre kalten, verurteilenden Augen. Er hörte ihre Stimme: Schon wieder zeigst du Schwäche, Viktor. Ich wusste, man kann sich nicht auf dich verlassen. Also zwang er sich weiterzugehen.

Als Kind hatte er sich die Hölle oft ausgemalt Feuersbrünste, kochendes Pech. Doch nun wusste er: Die wahre Hölle riecht nach Desinfektionsmittel, ist beige gestrichen und erfüllt von der betäubenden Stille der Hoffnungslosigkeit.

Plötzlich tauchte eine Erinnerung auf, grell und unerwartet. Er war sieben. Zusammen mit seinem Bruder Thomas baute er eine Hütte aus Ästen hinter dem Haus. Viktor hatte sich geschnitten, das Blut tropfte, er weinte vor Schmerz und Angst. Thomas, drei Jahre älter, untersuchte die Wunde ernst, wusch sie mit Wasser aus der Pumpe und verband sie mit einem Spitzwegerichblatt. Heul nicht, Kleiner, sagte er mit seiner tiefen Stimme. Ich bin immer da, um dich zu beschützen. Immer.

Wo bist du jetzt, Thomas? Warum bist du nicht hier? Der Gedanke war so deutlich, dass Viktor zusammenzuckte. Jahrelang hatte er nicht an seinen Bruder gedacht, hatte sein Bild verdrängt. Thomas’ Tod beim Bundeswehrdienst war eine Tragödie gewesen doch insgeheim hatte Viktor es auch als Befreiung empfunden. Endlich war er dem Schatten des älteren, klügeren, stärkeren Bruders entkommen, den die Mutter, so schien es, mehr geliebt hatte.

Sie können zur Leiterin, rief eine Stimme. Hinter dem mit Papieren überhäuften Empfangstresen lugte eine junge Frau im weißen Kittel hervor. Sie ist beschäftigt. Warten Sie oder geben Sie die Unterlagen der Pflegerin zur Aufnahme.

Frau Schneider, hier ist eine Neue. Die Tür des Nachbarzimmers öffnete sich, und eine Frau mittleren Alters erschien. Sie wirkte müde, hatte aber ein freundliches Gesicht, kurze Haare und aufmerksame braune Augen. Ihr sauberer, gebügelter Kittel stach in dieser Umgebung heraus. Kommen Sie herein, sagte sie und nickte Viktor und Annemarie zu. Ihr Blick glitt über das Gesicht der alten Frau professionell einfühlsam , dann blieb er an Viktor hängen. Kein Urteil, nur eine stille Traurigkeit.

Das Zimmer der Pflegerin war klein, doch überraschend gemütlich. Ein Geranientopf auf der Fensterbank, ein Kalender mit Kätzchen an der Wand eine Insel des Lebens in diesem Reich des Verfalls. Setzen Sie sich, bat Frau Schneider und deutete auf zwei Stühle. Ich bin Monika Schneider. Die Pflegerin Ihrer Mutter. Annemarie setzte sich gehorsam, die Handtasche auf dem Schoß. Viktor blieb am Türrahmen stehen. Er fühlte sich fehl am Platz.

Geben Sie mir die Unterlagen. Viktor reichte ihr den Ordner mit Pass, ärztlichen Bescheinigungen und der Einweisung. Monika begann, die Aufnahmebögen auszufüllen. Geburtsdatum, Blutgruppe, Vorerkrankungen, Allergien. Viktor antwortete für seine Mutter, die wie abwesend wirkte. Er sprach hastig, wollte diese demütigende Prozedur schnell hinter sich bringen.

Plötzlich wandte sich Monika direkt an Annemarie, und ihre Stimme wurde unerwartet sanft. Machen Sie sich keine Sorgen. Es ist kein Luxus hier, aber wir kümmern uns um unsere Bewohner. Niemand wird Ihnen wehtun. Annemarie sah auf, und in ihren Augen blitzte etwas wie Dankbarkeit auf. Die erste Person hier, die sie wie einen Menschen behandelte.

Viktor spürte einen Stich der Eifersucht. Eine Fremde fand in Minuten Zugang zu seiner Mutter, während er, ihr eigener Sohn, auf der ganzen Fahrt kein Wort von ihr bekommen hatte. Fast fertig, sagte Monika und blätterte um. Noch ein paar Formalitäten. Familienstand: verwitwet. Kinder. Sie blickte Viktor an. Sohn. Viktor Meier. Richtig?

Ja, brummte er.

Sie notierte es. Ihre Handschrift war so ordentlich wie sie selbst. Viktor betrachtete ihren gepflegten Stift, ihre gepflegten Hände. Diese Frau war hier fehl am Platz zu intelligent, zu kultiviert für dieses armselige Heim.

Monika hob den Blick. Wieder musterte sie Annemaries Gesicht, doch diesmal lag darin nicht nur Mitgefühl, sondern eine seltsame, angespannte Neugier. Fast schien es, als wolle sie etwas fragen, wage es aber nicht. Viktor schob es auf Berufsroutine Ärzte sahen in jedem Patienten ein Rätsel.

Doch er konnte nicht ahnen, dass die nächste Frage dieser stillen, müden Frau seine Welt zerreißen würde. Letzter Punkt, sagte Monika, und ihre Stimme klang plötzlich gedämpft, als spräche sie unter Wasser. Ihr Mädchenname. Für die Akten.

Diese harmlose Frage ließ Annemarie zusammenzucken. Sie senkte den Blick, ihre schmalen, faltigen Finger nestelten nervös am Verschluss ihrer Handtasche. Viktor seufzte ungeduldig. Brandt, sagte Annemarie leise. Annemarie Brandt.

Monika Schneider erstarrte. Der Stift fiel ihr aus der Hand. Langsam hob sie den Kopf, blickte von Annemarie zu Viktor, dann wieder zurück. Ihre Lippen bebten. Brandt, wiederholte sie leise. Sie Sie sind *meine* Mutter.

Stille. Nicht einmal das Ticken der Uhr war noch zu hören.

Viktor starrte sie an, begriff nicht. Doch dann sah er es den gleichen feinen Haaransatz, die gleiche Art, den Kopf leicht zur Seite zu neigen, wenn sie nachdachte. Jahre vergangen, Leben zerbrochen, Wege auseinandergerissen. Monika, das Mädchen, das er selbst vor dreißig Jahren im Krankenhaus zurückgelassen hatte, als Annemarie sie zur Adoption freigegeben hatte im Krieg, in Schande, in Verzweiflung.

Annemarie weinte stumm.

Viktor taumelte rückwärts, der Boden unter ihm brach ein. Die Welt, wie er sie kannte, löste sich auf in Asche.

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