Fehler korrigieren, doch nun ist es zu spät

Mit sechzig Jahren überkamen Klaus Reuegefühle für die Taten seiner Jugend. In letzter Zeit drängten sich ihm immer öfter Erinnerungen an vergangene Fehler auf wohl eine Begleiterscheinung des Alters. So sehr er sie auch verdrängte, die Gedanken ließen ihn nicht los.

Schon als Kind war Klaus hitzköpfig. Sein Gerechtigkeitssinn war übermäßig ausgeprägt. Ungerechtigkeit konnte er nicht ertragen, und oft genug endeten solche Situationen in einer Schlägerei.

Mit den Jahren wurde er zum Schlichter unter den Jungs im Dorf. Wenn Streitigkeiten nicht selbst geklärt werden konnten, holten sie seinen Rat ein.

*»Klaus, sag mal, wer ist schuld? Max und Tim sind in Opa Friedrichs Garten eingestiegen, haben Äpfel geklaut, und der Alte hat nur Tim erwischt. Max konnte abhauen. Als Opa Friedrich Tim fragte, wer dabei war, hat der ihn sofort verraten. Daraufhin hat Max Tim verprügelt, weil er ihn angeschwärzt hat. Und dann hat Tim seinem Vater alles erzählt da gabs auch für Max was hinter die Ohren.»*

Solche Fälle löste Klaus, und die Jungs respektierten ihn dafür. Die Jahre vergingen. In der achten Klasse kam es dann zu einer Situation, die ihn besonders aufbrachte. Klaus war sportlich, spielte Fußball und Volleyball in der Schule, und im Winter war er der beste Skiläufer weit und breit.

Bei den regionalen Skirennen sollte die Schule einen Teilnehmer entsenden. Es gab ein schulinternes Rennen, und natürlich gewann Klaus mit großem Vorsprung.

*»Klaus, war ja klar, dass du erster wirst», sagte sein Freund Tom. *»Der Sportlehrer schickt dich sicher zu den Wettkämpfen wen denn sonst?»*

Doch der Sportlehrer entschied anders. Plötzlich setzte er seinen eigenen Günstling, den Neffen seines Freundes, an erste Stelle.

*»Für die Bezirksmeisterschaft fährt Kevin», verkündete er, und der grinste Klaus höhnisch an.

Die Schüler murrten über diese Ungerechtigkeit, doch der Lehrer schnitt jeglichen Protest ab. Klaus, kaum noch an sich haltend, trat vor.

*»Warum diese Schieflage?»*

*»Weil Kevin die neunte Klasse abschließt und die Schule verlässt. Dieses Jahr fährt er, nächstes Jahr du. Punkt.»* Mit diesen Worten schob er Klaus leicht zur Seite.

Auf dem Heimweg stellte Klaus Kevin. Er meinte, nicht allzu hart zugeschlagen zu haben, doch der Junge war zu verletzt, um an den Rennen teilzunehmen. Klaus selbst wurde ebenfalls disqualifiziert, und es gab Ärger mit der Schulleitung. Kein Wunder Kevins Mutter unterrichtete Geschichte.

Von da an machten ihm der Sportlehrer und die Geschichtslehrerin das Leben schwer. Klaus hielt es nicht aus. Nach der achten Klasse verließ er die Schule, ohne den Abschluss zu machen. Seine Eltern schimpften, aber er fing stattdessen an zu arbeiten.

*»Mutter, hör auf, mich zu nerven», sagte er. *»In der neunten Klasse hätte ich kein Leben gehabt. Und ich fürchte, ich hätte meine Hand gegen sie erhoben»* Sie kannte seinen Jähzorn und ließ ihn gewähren.

Auf dem Land gab es nicht viele Arbeitsmöglichkeiten klar, dass er auf dem Hof landete. Klaus half oft dem alten Tierarzt Heinrich. Ihm gefiel die Arbeit, und Heinrich erkannte sein Talent.

*»Klaus, schade, dass du nicht weiter zur Schule gegangen bist», sagte er häufig. *»Du hättest meine Stelle übernehmen können. Du hast ein Händchen für Tiere.»*

*»Ja, mir macht es Spaß, ihnen zu helfen», gab Klaus zu.

Ausgerechnet Kevin jedoch wurde später Tierarzt und übernahm Heinrichs Stelle, als dieser in Rente ging. Klaus beobachtete heimlich seine Arbeit und merkte schnell, dass dem Neuling die Erfahrung fehlte. Theorie war das eine, Praxis etwas ganz anderes und die hatte Klaus bei Heinrich gelernt.

Er mischte sich nicht ein.

*»Er hat einen Abschluss, also weiß er mehr», dachte Klaus. *»Schließlich hat er studiert»*

Eines Tages ordnete der Hofleiter an, alle Tiere impfen zu lassen. Klaus konnte das problemlos er hatte es von Heinrich gelernt. Doch Kevin war überfordert und bat den alten Tierarzt um Hilfe. Der hatte sich jedoch gerade das Bein gebrochen und lag im Gips.

*»Frag doch Klaus», riet Heinrich. *»Der kann das gut. Er kennt sich aus.»*

Kevin blieb nichts anderes übrig, als Klaus um Hilfe zu bitten.

*»Hilf mir, die Kühe und Schweine zu impfen. Ich schaffe das nicht allein.»*

Doch Klaus konnte die alte Schuld nicht vergessen.

*»Du bist der Fachmann, das ist deine Aufgabe», erwiderte er kühl. *»Wenn ich dir helfe, kassierst du das Geld dafür. Behalt es.»* Damit ging er.

Am nächsten Tag machte der Hofleiter Kevin vor allen Angestellten herunter, weil er die Aufgabe nicht bewältigt hatte. Daraufhin kam Kevin noch einmal zu Klaus.

*»Klaus, entschuldige bitte die Sache damals in der Schule. Ich denke auch noch daran.»* Er hatte Mut angetrunken und kämpfte mit den Tränen. *»Bitte hilf mir.»*

Da wurde Klaus weich. *»Man kann doch nicht ein Leben lang wegen alter Geschichten grollen», dachte er. *»Vor allem, wenn der andere um Verzeihung bittet.»*

Er half Kevin, und die Arbeit war schnell erledigt. Der Hofleiter lobte beide. Doch als Dank überreichte Kevin ihm eine Flasche Schnaps. Klaus nahm sie, warf Kevin einen durchdringenden Blick zu und zerschmetterte die Flasche an einem Stein. Er trank ohnehin nicht.

*»Ein einfaches Danke hätte gereicht», dachte er und ging.

Mit der Zeit half Klaus den Dorfbewohnern unentgeltlich. Als die Löhne nicht mehr pünktlich kamen, begann er, Jungrinder zu züchten und das Fleisch zu verkaufen.

Eines Tages bat ihn die alte Nachbarin Gertrud:

*»Bring mich bitte mit deinem Auto ins Krankenhaus. Der Bus ist zu anstrengend, und dort muss ich noch weit laufen.»*

Klaus fuhr sie hin und wollte kein Geld nehmen. Doch sie ließ trotzdem etwas auf dem Sitz liegen.

*»Klaus, das ist fürs Benzin. Und wer weiß, vielleicht brauche ich dich noch mal.»*

Später erzählte sie im ganzen Dorf, wie nett Klaus gewesen war. Bald baten auch andere um Fahrten. Klaus lehnte nie ab. Manche bezahlten, was sie konnten, andere gar nichts. Er half einfach.

Ein halbes Jahr lang ging das gut, bis der neidische Nachbar Rainer anfing, selbst Fahrten anzubieten zu festen Preisen. Die Leute beschwerten sich bei Klaus.

*»Warum verlangst du so viel von den Leuten?», konfrontierte er Rainer. *»Und dann verbreitest du noch Lügen über mich!»*

*»Was geht dich das an? Ich nehme, was ich will. Bist du neidisch, weil ich dir die Kunden wegnehme? Die werden schon zahlen, wenn sie müssen!»* Er lachte Klaus ins Gesicht.

Der verlor die Beherrschung und schlug zu. Rainer versuchte, daraus ein großes Drama zu machen, doch niemand stand auf seiner Seite. Die Leute fuhren weiter mit Klaus.

Im Laufe seines Lebens setzte Klaus sich oft für Gerechtigkeit ein. Einmal arbeitete er mit dem Dorfbewohner Frank an Abwasserprojekten. Die Aufträge häuften sich, also holten sie zwei Helfer.

Das Geld floss, bis Klaus krank wurde. Die Männer beendeten die Arbeit ohne ihn und Frank behielt seinen Anteil.

*»Vielleicht hat Armin ihm nicht bezahlt», dachte Klaus und ging zu ihm.

*»Klaus, warum glaubst du, ich hätte nicht gezahlt? Frank hat das ganze Geld bekommen und versichert, es dir zu geben. Hat er es etwa selbst behalten?»*

*»Na gut, Armin, ich kläre das.»*

Die beiden Helfer waren wütend. Frank hatte ihnen nur einen Bruchteil gegeben und geschwiegen.

Da explodierte Klaus.

*»Wo ist das Geld?»*, fauchte er Frank an.

*»Also Armin hat kaum was gegeben, ich hab den Jungs was abgezweigt und du warst ja krank», stammelte Frank.

*»Und du findest das fair?»*

Frank trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.

*»Wir haben alles ausgegeben im Supermarkt, auf dem Markt», gestand er. *»Ich hab nichts mehr.»*

Klaus schlug erneut zu. Sie arbeiteten nie wieder zusammen.

Doch je älter Klaus wurde, desto mehr quälte ihn sein Gewissen. Selbst in der Kirche hörte er von den Sünden, die Menschen begehen, und er begann nachzudenken.

*»Ich dachte, ich kämpfe für Gerechtigkeit, aber vielleicht habe ich im Leben viele Fehler gemacht. Hätte nie die Hand gegen andere erhoben, egal wie sehr sie mich reizten. Frank ist tot nicht wegen mir, er hat zu viel getrunken. Trotzdem: Ich lag falsch.»*

Diese Gedanken verfolgten Klaus nun ständig. In einem halben Jahr würde er sechzig. Die alten Fehler, die er bereute, die Wunden, die er anderen zufügte sie ließen ihn nachts nicht schlafen.

*»Vielleicht liegt es daran», dachte er. *»Wenn jemand meine Söhne schlagen würde, würde ich das nicht wollen. Ich habe unrecht gehandelt, selbst wenn ich dachte, es sei gerecht. Jetzt wäre es zu spät, diese Fehler zu korrigieren. Ich bereue zutiefst, aber was vorbei ist, ist vorbei. Eines Morgens stand Klaus früh auf, zog seinen alten Mantel an und ging zum Friedhof. Vor Franks Grab blieb er lange stehen, legte eine kleine Holzskulptur darauf geschnitzt aus dem Baum, unter dem sie einst gemeinsam gerastet hatten. Dann wanderte er zum Dorfplatz, setzte sich auf die Bank am Brunnen und wartete, bis die Nachbarin Gertrud vorbeikam.

Klaus, sagte sie überrascht, was sitzt du hier im Kalten?

Er lächelte schwach. Ich hab nachgedacht. Über früher. Über alles. Ich war oft grob. Zu schnell mit der Faust, zu lang mit dem Groll. Ich will nicht, dass die Erinnerung an mich nur aus Wut besteht.

Gertrud setzte sich neben ihn.

Ich helfe weiter, fuhr Klaus leise fort, aber nicht mehr stumm. Ich sage jetzt Danke, wenn man mir eines entgegenbringt. Und wenn jemand mich braucht auch Kevin , ich helfe, ohne zu rechnen. Nicht, weil ich etwas gutmachen will. Sondern, weil es das Richtige ist.

Ein paar Tage später kam Kevin mit einem zitternden Kälbchen auf den Hof. Seine Hand zitterte, als er den Notfall meldete. Ohne ein Wort nahm Klaus das Tier, trug es in die Scheune, behandelte es, wie Heinrich es ihn gelehrt hatte. Kevin sah zu, sagte nichts. Als das Kälbchen stabil war, legte Klaus ihm die Hand auf die Schulter.

Mach besser, sagte er. Aber du lernst.

Und zum ersten Mal in vielen Jahren fühlte Klaus, dass die Ruhe, die er suchte, nicht in der Vergangenheit lag sondern in den kleinen Dingen, die er heute noch tun konnte.

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Fehler korrigieren, doch nun ist es zu spät
I’m Pregnant with Your Husband’s Child,» Declares the Best Friend at the Hen Party.