«Er hat sich eine neue Stereoanlage gekauft», flüsterte Lena, ohne ihre Haltung zu ändern. «Eine wahnsinnig teure. Und ich spare von meinem Gehalt für eine neue Waschmaschine, weil unsere heult wie eine Sirene. Er sagte: ‘Du schätzt Investitionen in Kunst nicht.’ In Kunst, Vera… Hörst du?»
Der Tee in der Kanne war kalt geworden, nur noch bitterer, dunkler Satz. Auf dem Teller lagen vertrocknete Brotscheiben, der Käse hatte eine wächserne Kruste angesetzt, und Vera wusste nicht, wie sie ihre Freundin trösten sollte. Lena war nach einem erneuten Streit mit ihrem Mann zu ihr gekommen, hatte sich ausgeweint und saß nun mit hochgezogenen Knien da, den Blick leer an die Wand gerichtet.
Sie hatten sich in den letzten drei Jahren kaum gesehen Lenas Mann ließ sie nie allein weggehen und mochte ihre Freundinnen sowieso nicht. Doch diesmal hatte er sie geschlagen, und sein Verbot hatte nicht mehr gezählt.
Um Lena von ihren düsteren Gedanken abzulenken, schlug Vera vor:
«Lena, soll ich dir eine alte Liebesgeschichte erzählen? Ich habe einmal wahre Treue gesehen.»
Lena nickte teilnahmslos:
«Ja. Aber bitte keine kitschigen Märchen über Prinzen. Mir ist sowieso schon übel.»
Vera stand auf, ging zum Herd und drehte die Flamme unter dem Wasserkocher auf. Das leise Zischen des Gases füllte die Stille.
«Keine Prinzen, Liebes, das habe ich selbst erlebt», lächelte Vera. «Und es geht nicht einmal um Menschen. Ich habe mal in einem Lager in einem Industriegebiet gearbeitet. Du kennst solche Orte, da läuft immer ein paar streunende Hunde herum. Irgendwann hat man uns zwei Welpen zugeschleust: einen dicken, schwarzen Bären namens Balu und ein rötliches Mädchen Lotte. Sie waren unzertrennlich. Balu ein aufgeweckter Raufbold, Lotte ruhig, klug, mit den Augen einer alten Frau, die alles versteht. Alle mochten die Welpen, verwöhnten sie.»
Vera machte eine Pause. Als sie sah, dass Lena sie ansah, wenn auch mit abwesendem Blick, fuhr sie fort:
«Dann passierte etwas Schlimmes. Lotte wurde einmal von einem Auto erfasst der Fahrer hatte sie nicht gesehen. Wir dachten, sie würde es nicht schaffen, aber Straßenhunde sind zäh. Nur richtig laufen konnte Lotte nicht mehr, sie schleifte die Hinterbeine hinterher. Und sie verstand alles. Es brach einem das Herz, sie so zu sehen.»
«Das arme Ding…», seufzte Lena.
«Aber weißt du was?», lächelte Vera. «Sie gab nicht auf. Sie wurde unsere beste Wachhund! Sobald ein Fremder das Gelände betrat, schlug sie als Erste Alarm. Und Balu und die anderen stürmten los, wohin Lotte sie führte. So ein Team waren sie.»
Veras Gesicht wurde ernst.
«Dann wurde Lotte geschlechtsreif, und plötzlich strömten alle Rüden der Gegend auf unser Gelände. Eine Meute hungriger, frecher Hunde. Die arme Lotte konnte weder fliehen noch sich wehren sie kroch, winselte, verkroch sich bei uns. Wir jagten die Rüden weg, aber sie gaben nicht auf.»
Lena hörte gespannt zu.
«Und Balu? Wo war Balu?»
«Balu…», seufzte Vera. «Zuerst war er verwirrt. Bellte, rannte herum, aber traute sich nicht, gegen die Meute anzukämpfen. Instinkte, Gerüche… alles verwirrte ihn. Doch dann… verschwanden er und Lotte. Drei Tage später kamen sie zurück. Und Balu war nicht wiederzuerkennen. Er ging voraus, gesträubt, mit einem tiefen Knurren in der Kehle. Lotte folgte. Und wenn sich ein anderer Rüde ihr näherte, wurde Balu zum Wirbelsturm. Er stürzte sich auf sie, als wollte er sie zerreißen. Er hatte es VERSTANDEN. Dass er sie beschützen musste.»
Lena ballte die Fäuste, Tränen liefen ihr übers Gesicht doch diesmal waren es andere.
«Wir dachten, das wäre das Ende. Welpen? Unmöglich… Doch einen Monat später war Lotte rund. Und Balu, stell dir vor, wich nicht von ihrer Seite. Brachte ihr das beste Futter aus seinem Napf, leckte sie, schlief neben ihr, den Kopf an ihre Seite gelegt. So viel Fürsorge, so viel Zärtlichkeit… Wir alle fütterten sie extra, machten uns Sorgen. Vor allem die Frauen.»
Vera drehte sich weg, ihre Stimme brach.
«Die Wehen setzten an einem heißen Tag ein. Wir merkten es nicht gleich. Balu war der Erste, der Alarm schlug. Er heulte nicht. Er stieß einen seltsamen, herzzerreißenden Schrei aus, rannte zwischen unseren Beinen hindurch und zerrte an unseren Hosenbeinen, um uns zu der Stelle unter der alten Veranda zu führen, wo Lotte sich versteckt hatte. Doch es war zu spät… Sie starb bereits… konnte nicht gebären.»
Das Ticken der Wanduhr war plötzlich laut zu hören.
«Wir wickelten sie in eine alte Jacke… begruben sie hinter der Garage. Balu mussten wir vorübergehend im Lager einsperren. Er raste, kratzte an der Tür, heulte… Dieses Heulen… es verfolgt mich manchmal im Schlaf. Als alles vorbei war und wir ihn freiließen, rannte er über das ganze Gelände, schnüffelte in jeder Ecke… Suchte sie. Und am Abend… war er weg. Ging und kam nicht zurück.»
Vera wischte sich die Augen. Lena saß reglos da, die Hände gefaltet.
«Mein Gott…», flüsterte sie. «Das… ist Liebe. Und Maxim und ich… zwei Fremde, die sich eine Wohnung teilen. Wir nehmen uns nicht einmal wahr. Nur wenn wir uns streiten. Ansonsten existieren wir in Parallelwelten.»
«Vielleicht ist es nur eine Krise? Am Anfang hast du doch vor Glück geschwebt. Es war doch gut.»
«Es war nie gut, Vera. Schon am ersten Tag haben wir uns wegen jeder Kleinigkeit gestritten. Ich wollte unbedingt heiraten, also habe ich Maxim zum Standesamt geschleppt, ohne zu denken, dass ich alles alleine tragen muss. Jetzt zahle ich den Preis. Okay, ich gehe. Danke dir.»
***
Nach diesem Abend hatten die Freundinnen monatelang kaum Kontakt. Arbeit, Alltag. Und sie hatten sich an die seltenen Treffen gewöhnt. Ab und zu tauchten kurze Nachrichten auf: «Hey, wie gehts?» «Geht. Und dir?» «Auch.»
Dann, an einem trüben Herbstabend, schrieb Lena: «Vera, Lust auf Tee? Ich bringe Kuchen.» Zwei Stunden später stand sie in der Tür. Hinter ihr ein großer Mann mit ruhigem, etwas schüchternem Gesicht.
«Vera, das ist Stefan», stellte Lena vor, und ihre Augen strahlten, wie sie es noch nie getan hatten. «Wir heiraten bald.»
Vera, völlig überrascht, ließ sie herein. Beim Tee überzeugte Stefan durch seine ruhige, natürliche Art. Er gab sich keine Mühe, Eindruck zu machen, doch wie er Lena die Tasse reichte, wie er sie ansah, sprach Bände.
Als Stefan auf den Balkon ging, starrte Vera ihre Freundin an.
«Und? Wo hast du ihn gefunden? Was ist mit Maxim?»
Lena lächelte ihr neues, glückliches Lächeln.
«Weißt du, nachdem ich bei dir war, habe ich den ganzen Weg geweint. Aber nicht wegen Maxim. Wegen Balu und Lotte. Weil ich plötzlich die einfache Wahrheit über meine sogenannte Ehe sah, in der mich nie jemand geliebt hat. Ich wusste, ich will nicht mehr so leben. Dass ich Anstand verdiene. Treue. Fürsorge. Wenn schon Hunde das können… Kurz gesagt, am nächsten Morgen packte ich meine Sachen und ging.»
«Und Maxim?»
«Er hat es erst gar nicht bemerkt, dann war er wohl froh. Hat wohl auch längst gemerkt, dass wir nicht zusammenpassen. Ich suchte auch niemanden, wollte erst mal allein leben. Stefan traf ich, als ich gerade vom Gericht kam. Bin ihm buchstäblich in die Arme gelaufen. Ich war total aufgelöst, fast am Weinen, und er fragte: ‘Geht es Ihnen gut?’. Dann stellte sich heraus, er war auch gerade frei geworden. Wir unterhielten uns… gingen Kaffee trinken. Und… nun ja», Lena legte die Hand auf ihren Bauch. «Bald gibts ein Baby.»
«Du bist schnell, Mama», grinste Vera.
«Ja, selbst ich bin überrascht. Aber weißt du, mit ihm fühle ich mich endlich geborgen. Endlich verstehe ich, was es heißt, Teil von etwas Ganzem zu sein. Beschützt. Geliebt. Siehst du das nicht?»
Vera betrachtete ihre Freundin, nickte und lächelte durch die Tränen.







