«Lass meinen Mann bitte gehen»
Wohin gehst du so spät, Klaus?, fragte Greta und beobachtete, wie ihr Mann hastig sein Hemd zuknöpfte.
Die Uhr zeigte halb acht abends. Klaus sah sie nicht einmal an, während er sich fertig machte.
Ein Projekt brennt auf der Arbeit. Ich wurde dringend gerufen, warf er über die Schulter und griff nach seiner Jacke vom Haken. Warte nicht auf mich, geh schlafen.
In letzter Zeit häuften sich solche Notfälle. In Gretas Bauch keimte eine Unruhe, die sie mühsam unterdrückte.
Schon wieder? Das ist diese Woche das dritte Mal, sagte Greta und versuchte, den Vorwurf aus ihrer Stimme zu halten.
Was soll ich machen? So ist der Job, Klaus blickte sie endlich an, doch sein Blick war leer, distanziert. Ich versuche, nicht zu lange zu bleiben.
Die Haustür fiel mit einem dumpfen Klicken ins Schloss. Greta starrte noch ein paar Sekunden auf den leeren Flur, bevor sie sich langsam umdrehte.
Mama, wo ist Papa hingegangen?, kam Heidi aus dem Kinderzimmer, ihre siebenjährige Tochter. In der Hand hielt sie ein Brettspiel. Er hat mir doch versprochen, heute mit mir zu spielen.
Greta ging in die Hocke und strich Heidi sanft über die Schulter. In den Augen des Mädchens glänzten Tränen der Enttäuschung.
Papa hat viel zu tun auf der Arbeit, Schatz. Er muss dringend ein wichtiges Projekt fertigstellen, log Greta, obwohl sie ihren eigenen Worten längst nicht mehr glaubte.
Heidi seufzte schwer, ließ die Schultern hängen und schlurfte zurück ins Zimmer. Greta sah ihr nach, dann ging sie in die Küche.
Um Heidis Laune etwas aufzuhellen, beschloss Greta, ihre Lieblingskekse mit Rosinen zu backen. Während sie den Teig knetete, liefen ihre Gedanken davon.
All die Anzeichen für einen Betrug waren da: ständige Verspätungen, Geheimnistuerei, Kälte zwischen ihnen. Klaus umarmte sie nicht mehr am Morgen, küsste sie nicht mehr vor der Arbeit. Ihre Gespräche drehten sich nur noch um den Haushalt und Heidis Schule.
Beim Abendessen hellte sich Heidis Stimmung etwas auf. Sie aß die warmen Kekse mit Milch und plapperte über die Neuigkeiten aus der Schule. Greta hörte zu, nickte, stellte Fragen, doch ihre Gedanken waren woanders. Nach dem Essen brachte sie Heidi ins Bett, las ihr eine Geschichte vor, küsste sie auf die Stirn.
Zurück in der Küche begann Greta, das Geschirr zu spülen. Warmes Wasser strömte über ihre Hände, während sich eine Frage in ihrem Kopf festfraß: Sollte sie Klaus zur Rede stellen? Ihn zu einem Geständnis zwingen? Ihr Magen verkrampfte sich bei dem Gedanken, dass Klaus wohl eine andere Frau hatte. Doch was würde aus Heidi, wenn sie sich scheiden ließen? Das Mädchen liebte ihren Vater und sehnte sich so sehr nach seiner Aufmerksamkeit. Andererseits wurde es unerträglicher, mit einem Lügner zusammenzuleben.
Zwei Wochen vergingen. Klaus wurde noch nervöser, zuckte bei jedem Telefonklingel zusammen. Er versteckte sein Handy, sobald Greta den Raum betrat.
Dann blieb er an einem Samstag unerwartet zu Hause. Sie saßen auf dem Sofa vor dem Fernseher, während Heidi Hausaufgaben machte. Das Telefon klingelte. Eine unbekannte Nummer.
Hallo?
Guten Tag, spreche ich mit Greta?, fragte eine fremde Frauenstimme.
Ja, Greta. Mit wem spreche ich?
Ich heiße Monika Vogel. Ich muss mit Ihnen über etwas Wichtiges reden.
Entschuldigung, aber Sie müssen sich irren. Ich verstehe nicht
Die Frau schnaubte ungeduldig:
Ich irre mich nicht. Ich spreche doch mit der Frau von Klaus, oder?
Greta erstarrte. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Klaus sich zu ihr drehte. Das Gespräch hatte seine Aufmerksamkeit erregt.
Ja, das stimmt, sagte Greta langsam.
Sie schaltete auf Lautsprecher und legte das Handy auf den Couchtisch.
Gut. Ich bin die Mutter von Laura, der jungen Frau, mit der Ihr Mann seit einem Jahr eine Beziehung führt, erklärte Monika Vogel, als rede sie über das Wetter. Meine Laura ist erst zwanzig, und Klaus ist ihr erster Mann. Sie liebt ihn abgöttisch! Ich bitte Sie, lassen Sie meiner Tochter ihren Mann und ruinieren Sie ihr Leben nicht! Wir sind doch moderne Menschen, oder?
Greta hob langsam den Blick zu Klaus. Sein Gesicht war aschfahl, sein Mund stand leicht offen.
Laura weint jede Nacht, fuhr Monika fort. Sie kann nicht frei mit dem Mann zusammen sein, den sie liebt. Was die beiden haben, ist so rein und groß! Sie müssen ihm den Weg freimachen! Sie wissen doch: Liebe lässt sich nicht erzwingen.
Greta räusperte sich, bemüht, ruhig zu bleiben. In ihr kochte es, doch ihre Stimme blieb gefasst:
Danke für die Information, Frau Vogel. Ich werde sehen, was sich machen lässt, und melde mich.
Sie beendete das Gespräch und musterte Klaus. Er krallte sich in die Armlehne.
Nun, Klaus? Was hast du dazu zu sagen?, fragte Greta und wunderte sich selbst über ihre Gleichgültigkeit.
Greta, das das ist alles gelogen! Dreiste Lügen!, Klaus sprang auf, fuchtelte mit den Händen. Diese Frau spinnt sich etwas zusammen! Ich kenne keine Laura!
Gretas Handy piepte eine Nachricht. Sie öffnete sie und sah Fotos: Klaus, wie er eine blonde junge Frau umarmte, küsste, mit ihr im Café saß, Händchen hielt.
Frau Vogel hat Beweise für eure Liebe geschickt. Schau selbst, Greta drehte das Handy zu ihm.
Sein Gesicht verzog sich vor Wut, wurde rot.
Ja! Ja, es stimmt!, schrie er. Ich habe eine Affäre mit Laura! Wir haben uns auf einer Konferenz kennengelernt, und dann ging alles los! Und was hast du erwartet?
Greta stand langsam auf. Ihre Augenbrauen hoben sich vor Erstaunen.
Und was habe ich damit zu tun? Habe ich dich in ihre Arme geschubst?, sie verstand seine Logik nicht.
Du! Du bist an allem schuld!, Klaus fuchtelte wild, sein Gesicht glühte. Du hast mir keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt! Du liebst mich nicht mehr, kümmerst dich nicht um mich! Wann hast du dich das letzte Mal nach meinem Tag erkundigt? Wann mein Lieblingsessen gekocht? Wann mich angelächelt?
Greta traute ihren Ohren nicht. Klaus redete sich immer mehr in Rage:
Wenn du mir Zuneigung gezeigt hättest, mehr mit mir geredet, mich verwöhnt ich hätte nie eine andere angesehen! Aber du bist in Arbeit und Haushalt versunken! Dir ist Sauberkeit wichtiger als ich! Wir sind uns entfremdet!
Moment mal, Greta hob die Hand. Funktioniert das nicht in beide Richtungen? Du bist seit Jahren kalt zu mir, verwöhnst mich auch nicht. Aber ich bin nicht zu einem anderen Mann gerannt!
Das ist was völlig anderes!, Klaus explodierte. Ich bin mit Arbeit beschäftigt! Ich verdiene das Geld für die Familie! Ich schufte wie ein Ackergaul! Die Beziehung am Leben zu halten das ist die Aufgabe der Frau! Du sollst mein Rückhalt sein, nicht ich!
Greta trat zurück. Ihre Augen wurden groß vor Entsetzen.
Wo steht das geschrieben? In welchem Gesetz? Zeig mir den, der das erfunden hat!, sie schüttelte den Kopf. Und ich arbeite auch! Vollzeit! Danach kümmere ich mich um unser Kind, wasche, putze, koche! Und jetzt soll ich dich auch noch wie ein Baby umsorgen?
Klaus öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Er fand keine Antwort. Schweigen breitete sich aus.
Greta nickte langsam. Die Entscheidung war gefallen.
Weißt du was? Ich habe dich lange verdächtigt. Alle Zeichen waren da. Jetzt, da die Karten auf dem Tisch liegen, kann ich mit ruhigem Gewissen die Scheidung einreichen. Sei glücklich mit deiner Laura. Ich werde euch nicht im Weg stehen.
Nein!, Klaus stürzte auf sie zu, griff nach ihren Händen, doch Greta wich zurück. Keine Scheidung! Verzeih mir! Mit Laura ist nichts Ernstes, nur eine Affäre! Ein Fehler.
Verzeihen? Ein Fehler?, Greta lachte über die Absurdität. Machst du Witze?
Greta, bitte, lass uns in Ruhe reden, Klaus wechselte plötzlich den Ton, flehte. Ich kann die Familie nicht verlassen! Das geht nicht.
Kannst nicht? Warum denn nicht?, Greta musterte ihn scharf.
Wo soll ich denn wohnen? Unter einer Brücke?, platzte es aus ihm heraus.
Da fiel es Greta wie Schuppen von den Augen.
Aha, sie lachte heiser. Du hast geschwiegen, nicht weil du mich schützen wolltest. Du hattest Angst, obdachlos zu werden!
Klaus schwieg, Blick gesenkt. Sein Schweigen sprach Bände.
Pack deine Sachen, befahl Greta. Sofort.
Sie ging zu Heidi, die bei den lauten Stimmen herausgelaufen war. Greta umarmte sie, drückte sie fest.
Komm, Schatz, ich helfe dir bei den Hausaufgaben, sagte sie sanft und führte das Mädchen ins Zimmer.
Die nächste Stunde verbrachte Greta mit Heidi, erklärte Aufgaben, kontrollierte Deutschübungen. Heidi warf ihr immer wieder fragende Blicke zu, doch Greta lächelte nur beruhigend. Hinter der Tür hörte man gedämpftes Geräusch Klaus packte.
Als Greta herauskam, stand Klaus mit zwei großen Taschen im Flur. Er sah erbärmlich aus: zerknittertes Hemd, zerzauste Haare, leerer Blick.
Greta, gib mir eine zweite Chance, flehte er, als sie zur Tür ging. Ich werde alles wieder gutmachen, ich schwöre! Ich beende es mit Laura, wir fangen neu an!
Greta öffnete die Tür und deutete hinaus.
Geh zu Laura. Lass sie dich trösten, Klaus. Wenn du für sie Frau und Kind verrätst!
Klaus trat über die Schwelle. Greta knallte die Tür zu und drehte den Schlüssel um. Sie lehnte sich gegen die Tür, schloss die Augen. In ihr war Leere doch irgendwo tief begann Erleichterung. Einen Betrüger in ihrem Haus würde sie nicht länger dulden. Um nichts in der Welt.







