Was für ein Zufall – Ehefrau völlig überrascht, als sie ihren Mann mit einer anderen in ihrem Abteil traf

Es war eine seltsame Begegnung dachte sich die Frau, als sie in ihrem Abteil ihrem Mann mit einer anderen begegnete.

Andi, hast du meinen blauen Schal gesehen? Den, den du mir letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hast? Sabine durchwühlte den Schrank, tat so, als wäre sie ganz in ihre Suche vertieft.

Schau mal im obersten Fach, hinter den Kartons, antwortete Andreas aus der Küche. Da hast du ihn nach deiner letzten Dienstreise versteckt.

Sabine erstarrte. In seiner Stimme lag etwas Seltsames. Oder bildete sie es sich nur ein? Nach fünfzehn Jahren gemeinsamen Lebens konnten sie die kleinsten Nuancen in der Stimme des anderen erkennen. Doch sie hatten auch gelernt, geschickt so zu tun, als bemerkten sie nichts.

Gefunden!, rief sie freudig nach einem Moment. Tatsächlich, hinter den Kartons. Du hast wirklich ein erstaunliches Gedächtnis für solche Dinge.

Berufsbedingt, lächelte Andreas, als er mit zwei Tassen Kaffee ins Zimmer kam. Ein LKW-Fahrer ohne gutes Gedächtnis ist aufgeschmissen. Man muss sich jede Route, jede Abzweigung, jeden Stopp merken

Und jede Ausrede, fügte Sabine im Stillen hinzu, doch laut sagte sie etwas ganz anderes:

Stell dir vor, ich muss nach München zu einer Dienstreise. Ausgerechnet vor Weihnachten! Die Chefs bestehen auf persönlicher Anwesenheit, der Jahresabschluss muss vor den Feiertagen fertig sein.

Sie packte sorgfältig ihre Sachen in den Koffer und vermied es, ihrem Mann in die Augen zu sehen. In Wahrheit gab es keinen Jahresabschluss. Es gab Markus den Regionalmanager aus Stuttgart, den sie vor drei Jahren auf einer Firmenfeier kennengelernt hatte. Seitdem trafen sie sich alle paar Monate unter dem Vorwand beruflicher Verpflichtungen.

Was für ein Zufall!, setzte sich Andreas auf die Bettkante und reichte ihr eine Tasse Kaffee. Ich muss nach Nürnberg. Dringende Lieferung, der Kunde verlangt sie bis zum 29.

Sabine lächelte kaum merklich. Sie wusste, dass es keine dringende Lieferung gab. Da war das Handy, das ihr Mann vor drei Monaten in der Küche vergessen hatte. Da waren die Nachrichten von einer gewissen Laura, einer Disponentin aus Nürnberg. Da waren die Fotos, die Sabine gesehen hatte, bevor sie das Telefon zurücklegte. Seitdem wusste sie genau, wohin ihr Mann wirklich fuhr, wenn er Routen über Nürnberg wählte.

Bis wann bleibst du auf Dienstreise?, fragte Andreas beiläufig.

Ich denke, ich bin am 29. zurück, antwortete Sabine. Ich muss noch alles für die Feiertage vorbereiten. Und du?

Ich versuche auch, bis zum 29. fertig zu sein.

Sie sahen sich an und lächelten. Beide wussten, dass der andere log. Sabine hatte ein Hotelzimmer im Sonnenhof bis zum 30. gebucht, und Andreas plante, ein paar Tage mit Laura in ihrem Häuschen am Stadtrand zu verbringen.

Am Abend saßen sie in der Küche, tranken Tee und sprachen über ihre Pläne für Silvester. Das Gespräch floss leicht und ungezwungen nach so vielen Jahren hatten sie gelernt, den Anschein einer perfekten Ehe aufrechtzuerhalten.

Sollen wir deine Eltern zu den Feiertagen einladen?, schlug Sabine vor.

Sie fahren zu meiner Schwester nach Hamburg, antwortete Andreas. Und deine?

Mein Bruder hat Nachwuchs bekommen, sie fahren zu ihm nach Köln.

Beide spürten Erleichterung sie mussten sich keine weiteren Ausreden ausdenken.

Im Abteil des ICE war es warm und gemütlich. Sabine setzte sich ans Fenster, holte ein Buch und eine Decke hervor. Noch zehn Minuten bis zur Abfahrt. Draußen huschten Gestalten eiliger Passagiere vorbei, Fragmente von Gesprächen und Durchsagen drangen durch die geschlossenen Fenster.

Entschuldigung, ist das Ihre Tasche?, erklang eine Frauenstimme aus dem Gang. Sie stand wohl am Wageneingang.

Nein, meine ist hier, antwortete eine männliche Stimme, die Sabine irgendwie bekannt vorkam. Lassen Sie mich Ihnen helfen, Ihr Abteil zu finden.

Sabine erstarrte. Diese Stimme Unmöglich! Langsam hob sie den Blick vom Buch, genau als sich die Abteiltür öffnete.

Auf der Schwelle stand Andreas. Neben ihm eine junge Frau in einem eleganten beigen Mantel. Sabine erkannte sie sofort die Laura von den Fotos im Handy ihres Mannes. In Wirklichkeit war sie noch schöner groß, schlank, mit lockigem rotem Haar und markanten grünen Augen.

Einige Sekunden starrten sie sich schweigend an. Die Zeit schien stillzustehen, dieser Moment dehnte sich ins Unendliche.

Das nenne ich eine Überraschung!, brach Sabine als Erste die Stille, bemüht, ruhig zu klingen, obwohl ihr Herz wild pochte. Du wolltest doch nach Nürnberg?

Ich, Andreas blickte verstört von seiner Frau zu Laura und zurück. Sein Gesicht zeigte ein Wechselbad der Gefühle Überraschung, Angst, Verwirrung, Scham.

Die Route wurde kurzfristig geändert, murmelte er schließlich.

Ich dachte, du fährst mit dem LKW, Sabine lächelte nur mit den Lippen. Dringende Lieferung, sagtest du?

In diesem Moment erschien ein großer Mann in einem teuren dunkelblauen Mantel im Abteil.

Entschuldige die Verspätung, sagte er. Sabinchen, ich war noch in einer Besprechung

Jetzt war Andreas an der Reihe, die Augenbrauen hochzuziehen. Er wusste sofort, wer dieser Mann war.

Markus, stellte sich der Neuankömmling vor und musterte die seltsame Gesellschaft. Und das ist

Mein Mann, Andreas, sagte Sabine gelassen. Und seine Kollegin?

Laura, flüsterte die Rothaarige.

Da erschien die Schaffnerin:

Ihre Tickets, bitte. Es gibt wohl eine Verwechslung mit den Plätzen.

Alle vier reichten gleichzeitig ihre Tickets hin. Die Schaffnerin studierte sie aufmerksam und schüttelte den Kopf:

Seltsam, aber alle haben Sie Tickets für dieselben Plätze. Passiert manchmal vor den Feiertagen, das Buchungssystem spielt verrückt. Ich muss Sie in verschiedene Wagen verteilen.

Nicht nötig, sagte Sabine plötzlich entschlossen. Lassen Sie uns alle hierbleiben und reden. Wir haben wohl einiges zu besprechen. Niemand hat etwas dagegen?

Sie sah ihren Mann an. In seinen Augen blitzte etwas wie Erleichterung auf.

Stimmt, pflichtete er ihr bei. Wenn das Schicksal uns alle hier zusammengeführt hat

Markus und Laura wechselten unsichere Blicke. Sie wirkten verwirrt, wagten aber keinen Widerspruch.

Die Schaffnerin zuckte mit den Schultern und ging. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Vier Menschen, verbunden durch unsichtbare Fäden aus Lügen und heimlichen Treffen, blieben allein im engen Abteil.

Also, Sabine lehnte sich zurück. Wir haben vier Stunden Fahrt vor uns. Vielleicht ist es Zeit für ein ehrliches Gespräch?

Die ersten Minuten herrschte drückende Stille. Das Rattern der Räder unterstrich die peinliche Pause. Markus vertiefte sich in sein Handy, Laura spielte nervös mit einem Anhänger, Andreas starrte aus dem Fenster, Sabine blätterte in ihrem Buch, ohne zu lesen.

Seit wann?, fragte Sabine plötzlich und sah Laura an.

Vier Jahre, antwortete diese leise. Wir haben uns kennengelernt, als sein LKW in der Nähe von Nürnberg liegenblieb.

Und ihr?, Andreas blickte Markus an.

Vor drei Jahren, auf einer Firmenfeier in München.

Interessant, lächelte Sabine. Wir haben also beide ungefähr zur gleichen Zeit angefangen, uns anderweitig umzusehen.

Und was habt ihr gesucht?, fragte Markus unvermittelt. Ihr schient doch alles zu haben

Alles, nickte Andreas. Genau das. Alles war zu perfekt. Wie nach Fahrplan. Aufstehen, frühstücken, zur Arbeit, heimkommen, schlafen. Und so Tag für Tag, Jahr für Jahr.

Mir fehlten die Emotionen, gestand Sabine. Früher konnten Andreas und ich stundenlang reden. Irgendwann drehten sich die Gespräche nur noch um Rechnungen und Wochenendpläne.

Und mir fehlte das Verständnis, ergänzte Andreas. Sabine hat nie gefragt, wie meine Fahrt war, sich nie Sorgen gemacht, wenn ich später kam

Weil ich wusste, wo du wirklich warst, unterbrach ihn Sabine. Ich habe die Nachrichten von Laura vor drei Monaten in deinem Handy gesehen.

Und ich habe die Hotelquittung vom Sonnenhof in deiner Tasche gefunden, konterte Andreas. Und die Fotos mit Markus in deinem Telefon.

Und all die Zeit habt ihr geschwiegen?, fragte Laura verblüfft.

Was hätte man sagen sollen?, zuckte Sabine mit den Schultern. Schatz, ich weiß, dass du mich betrügst, aber mach dir nichts draus, ich bin auch nicht ohne Sünde?

Es war einfacher, so zu tun, als wäre nichts, fügte Andreas hinzu. Wir hatten uns gut eingerichtet. Jeder hatte sein eigenes Leben, seine kleinen Freuden

Kleine Freuden, erwiderte Sabine. Und die großen? Erinnerst du dich, wie wir davon träumten, ein Haus auf dem Land zu kaufen? Einen Hund zu halten? Zusammen zu reisen?

Ich erinnere mich, antwortete Andreas leise. Jedes Mal, wenn ich an den Reihenhäusern vorbeifahre, denke ich daran.

Und ich stelle mir jedes Mal vor, wie wir darin leben könnten, wenn ich Hausanzeigen sehe.

Markus und Laura sahen sich an. Sie fühlten sich plötzlich fehl am Platz.

Wisst ihr, sagte Laura langsam, Andreas und ich haben nie über die Zukunft geredet. Nur über das Jetzt.

Sabine und ich auch, ergänzte Markus. Vielleicht, weil wir tief im Inneren wussten: Diese Beziehung hat keine Zukunft.

Und haben wir eine?, fragte Sabine plötzlich und sah ihren Mann an. Eine Zukunft, meine ich.

Andreas schwieg lange, blickte aus dem Fenster. Dann wandte er sich seiner Frau zu:

Erinnerst du dich, wie wir uns kennengelernt haben? Du hast die letzte S-Bahn verpasst, und ich habe dir angeboten, dich in meinem alten Golf mitzunehmen.

Ich erinnere mich, lächelte Sabine. Er ist auf halber Strecke stehengeblieben, und wir saßen drei Stunden am Straßenrand und redeten über Gott und die Welt.

Genau das. Wir konnten über alles reden. Und irgendwann haben wir es verlernt.

Vielleicht ist es noch nicht zu spät, es neu zu lernen?, fragte Sabine leise.

In diesem Moment verlangsamte der Zug. Draußen tauchten die ersten Lichter Münchens auf.

Ich gehe, sagte Markus und stand auf. Sabine, tut mir leid, aber ich denke, du solltest nicht mehr kommen.

Und tut mir leid, Andreas, fügte Laura hinzu. Wir sollten alle aufhören, bevor es zu weit geht.

Auf dem Bahnsteig standen Sabine und Andreas lange schweigend da, sahen Markus und Laura nach, wie sie davon gingen. Passagiere eilten vorbei, Koffer rollten, Durchsagen erklangen.

Fahren wir nach Hause?, fragte Andreas schließlich.

Und deine Lieferung in München?

Es gibt keine Lieferung. So wenig wie deinen Jahresabschluss.

Ich weiß, Sabine nahm seinen Arm. Weißt du, ich habe ein schönes Haus zum Verkauf gesehen, in der Nähe von Augsburg. Zweistöckig, mit Garten. Da könnte man einen Hund halten

Einen großen?, lächelte Andreas.

Sehr groß. Und eine Garage für deinen LKW.

Sie kauften Tickets für den nächsten Zug nach Berlin. Unterwegs redeten sie viel, offen, wie in den ersten Jahren. Über ihre Fehler. Über ihre Ängste, das zu verlieren, was noch blieb. Dass sie sich eigentlich all die Jahre vermisst hatten.

Ein halbes Jahr später kauften sie tatsächlich das Haus. Sie holten sich einen Deutschen Schäferhund. Sie verbrachten mehr Zeit miteinander. Sabine holte Andreas manchmal mit einem selbstgekochten Abendessen von der Tour ab, und er lernte, nach ihrem Tag zu fragen.

Sie begriffen, dass sie nach fünfzehn Jahren mehr als nur Ehepartner waren sie waren Familie. Sie waren einander vertraut geworden, konnten verzeihen, verstehen und neu anfangen. Und das war wichtiger als jede flüchtige Leidenschaft.

Und diese seltsame, scheinbar sinnlose Begegnung im Zug wurde zu ihrer Familiengeschichte, die sie manchmal auf der Veranda ihres neuen Hauses erzählten. Eine Geschichte darüber, wie ein Zufall ihnen half, einander wiederzufinden und zu begreifen, dass sie das Wichtigste schon lange besaßen. Sie mussten es nur wieder schätzen lernen.

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