Das Wochenendhaus für drei Freunde

28.September

Heute war die Luft im Eingangsbereich des Notariats fast erdrückend, obwohl draußen noch die frische Juniluft lag. Ich strich mir über den Rock, um nicht den Blick von Sabine oder Heike zu treffen. Die Schwestern kamen pünktlich, jede auf ihre Art: Sabine im strengen Blazer, das Smartphone fest umklammert; Heike in einer leichten Strickjacke, das Lächeln warm, als wäre sie zufällig zur Tasse Tee bei einer Freundin vorbeigeschaut. Ich bemerkte sofort den Unterschied in ihrem Sitzverhalten: Sabine sitzt am Türrahmen, gerade Rücken, den Blick nach draußen gerichtet; Heike rückt näher zum Couchtisch, umgeben von abgegriffenen Zeitschriften.

Draußen dröhnt die Stadt Köln, Autos stauen sich, doch hier schien die Zeit langsamer zu laufen. Das Schweigen zwischen den Schwestern war dicht und gespannt: Jeder wusste, warum wir hier waren, doch niemand wagte, das Gespräch zu beginnen.

Mein Blick wanderte zur Tür des Notariats. Dahinter lag ein Teil unserer Vergangenheit das Ferienhaus unserer Eltern in Tannenwald, das wir jeden Sommer gemeinsam nutzten. Nach Mamas Tod stand das Haus lange leer. Wir drei waren erwachsen, hatten Familien und Verpflichtungen. Jetzt hing das Schicksal unseres gemeinsamen Anwesens an diesem Raum.

Als die Sekretärin uns hereinbat, stand Sabine zuerst auf und atmete leise aus. Das Büro war lichtdurchflutet, große Fenster zeigten auf den grünen Platz. Auf dem Tisch lagen ordentliche Aktenordner und ein langer Holzstift.

Die Notarin, Frau Dr. Becker, begrüßte jede von uns namentlich. Sie sprach ruhig und sachlich, erklärte den Ablauf und erinnerte an die notwendige schriftliche Einwilligung. Die Unterlagen lagen bereits bereit; sie prüfte unsere Nachnamen und fragte nach den Pässen. Alles verlief formal und zügig fast wie eine Prüfung.

Mir blieb der Satz im Gedächtnis: Das Ferienhaus in Tannenwald geht zu gleichen Teilen in Eigentum der drei Töchter über. Sabine runzelte die Stirn, Heike senkte den Blick. Keiner widersprach laut.

Nach den Unterschriften erläuterte die Notarin unsere Rechte: Jede Schwester kann nun nach Gesetz über ihren Anteil verfügen. Änderungen benötigen das Einverständnis aller Miteigentümer oder ein Gerichtsurteil. Es wurde eine Frist von sechs Monaten für die offizielle Erbannahme genannt, doch praktisch hing alles von unserem gegenseitigen Einvernehmen ab.

Als wir den Flur wieder verließen, fiel das Abendlicht in Streifen durch das beschlagene Glas. Ich spürte die Müdigkeit, als wäre etwas Wichtiges zurückgelassen und die Zukunft ungewiss.

Kaum draußen brach Heike das Schweigen:

Vielleicht gehen wir zum Ferienhaus? Dann können wir sehen, was ist

Sabine zuckte mit den Schultern:

Ich kann nur am kommenden Wochenende. Danach haben die Kinder Urlaubsschulungen.

Ich dachte an die bevorstehende Arbeitswoche mit vielen Eilaufgaben im Büro. Nein zu sagen, fühlte sich an wie eine vorzeitige Niederlage.

Lassen Sie uns versuchen, gemeinsam zu fahren, sagte ich langsam. Wir müssen zumindest das Ausmaß der Arbeit verstehen.

Sabine senkte den Kopf:

Ich würde alles sofort verkaufen, flüsterte sie. Wir können uns ja nicht darauf einigen, wer es nutzt und die Steuern?

Heike leuchtete auf:

Verkaufen? Das ist doch unser einziger Ort Mamas Erdbeeren wachsen dort noch!

Und was? Wir sind keine Kinder mehr, schnitt Sabine ein. Wer kümmert sich? Wer zahlt die Reparaturen?

Das altbekannte Spannungsfeld zwischen uns schien erneut aufzusteigen: Jeder zog in eine Richtung, jeder hatte seine Gründe. Ich erinnerte mich an die Sommerabende auf der Veranda damals ging es nur um das Abwaschen oder das Verstecken von Aprikosenmarmelade vor dem Herbst. Jetzt standen Steuerfragen und Anteile statt Kompott und Sandkasten.

Schließlich sagte ich: Vielleicht, wenn wir Ordnung schaffen und ein wenig investieren könnten wir im Sommer vermieten? Das Geld teilen wir gerecht.

Sabine blickte mich aufmerksam an:

Und wenn jemand selbst dort wohnen will?

Heike mischte sich ein:

Ich würde ab und zu mit meinem Sohn kommen vielleicht eine Woche im Sommer. Das Geld mit der Miete brauche ich nicht.

Die Diskussion drehte sich im Kreis: Wir könnten abwechselnd selbst wohnen oder zusammen, an Fremde vermieten oder an Nachbarn, eine umfassende Sanierung durchführen oder nur das Dach vor der Saison flicken, das Haus verkaufen oder komplett auf den Markt bringen.

Alte Kränkungen kratzten unverhofft hervor: Wer hatte früher mehr investiert, wer hatte sich um Mama gekümmert, wer hatte einmal ohne Rückfrage die Fensterläden neu gestrichen.

Das Gespräch blieb scharf und kurz. Ein Kompromiss wurde nicht gefunden. Wir verabredeten uns nur, in zwei Tagen wieder am Ferienhaus zusammenzukommen jeder verstand das als Chance, den anderen zu überzeugen oder zumindest seine Position ernst zu nehmen.

Das Haus empfing uns mit dem Geruch feuchter Erde nach dem nächtlichen Regen und den scharfen Geräuschen der Rasenmäher der Nachbarn. Der Anblick war fast unverändert: abblätternde Farbe am Vordermann, heruntergekommene Apfelbäume vor den Fenstern, die alte Bank am Schuppen mit einem Riss im Bein.

Im Inneren war es trotz offener Fenster stickig. Mücken schwirrten träge um den Tisch mit einer dicken Glasvase, die Mama einst im örtlichen Baumarkt gekauft hatte. Die Schwestern gingen schweigend durch die Räume: Sabine prüfte Zähler und Fenster, Heike begann sofort, Kartons mit Büchern im Schlafzimmer zu sortieren, ich war in der Küche, um die Gasherd und den Kühlschrank zu überprüfen beide funktionierten nur sporadisch.

Der Streit entbrannte fast sofort nach der Besichtigung:

Hier bricht alles zusammen, bemerkte Sabine verärgert. Wir brauchen eine umfassende Sanierung! Und das kostet Geld

Heike schüttelte den Kopf:

Wenn wir jetzt verkaufen, erhalten wir das Meiste nicht Das Haus lebt, solange wir zusammenkommen!

Ich versuchte zu vermitteln:

Wir können jetzt das reparieren, was wir selbst schaffen, den Rest später detailliert besprechen

Doch der Kompromiss blieb eine Illusion: Jeder hielt bis zum Tagesende an seiner Position. Am Abend sprachen wir kaum miteinander. Heike versuchte, aus den Resten von Grütze und Dosen zu kochen, ich sah Nachrichten auf dem Handy das Signal kam nur am Küchenfenster, Sabine blätterte durch Arbeitsunterlagen neben dem Wasserkocher.

Um acht Uhr wurde es dunkel; ein lauter Klick ertönte, als die Lampe über dem Vordermann ausging. Schwere graue Wolken zogen über den Garten.

Ein plötzliches Gewitter brach über das Haus herein, der erste Donnerschlag ertönte, als wir bereits ins Bett gehen wollten. Blitze zuckten durch die Fenster, Regen prasselte auf das Dach so laut, dass wir im Haus lauter sprechen mussten.

Plötzlich hörte ich im Flur ein seltsames Geräusch Wasserplätschern gemischt mit dem Knarren der Dachbalken. Ein dünner Wasserstrahl lief die Wand neben dem Bücherregal hinunter. Heike schrie zuerst:

Da leckt es! Schaut!

Ich rannte zum Schuppen, um einen Eimer zu holen. Zuerst konnte ich ihn zwischen den Marmeladengläsern nicht finden. Nachdem ich endlich den Plastikbehälter mit Griff entdeckt hatte, kam ich zurück, während der Regen stärker wurde und das Wasser schneller tropfte.

Sabine hielt einen Wischmopp, versuchte das Wasser von den Steckdosen fernzuhalten. Kurze Lichtblitze erhellten die Räume, Schatten tanzten an der Decke. Die Luft roch nach Ozon, feuchtem Holz, etwas Scharfem.

Sabine drehte sich plötzlich zu uns:

Das ist unser Familiennest! So kann weder wohnen noch vermieten!

Nun diskutierten wir nicht mehr, sondern eilten, um Bücher vom Regal zu retten, den Stuhl umzuschichten und den alten Teppich quer über die Pfütze zu legen. Nach wenigen Minuten wurde klar: Wenn wir das Leck nicht sofort schließen, müssten wir am Morgen die Hälfte der Möbel austauschen.

Vor diesem Hintergrund wirkten frühere Vorwürfe plötzlich klein. Die Lösung kam von selbst: Schnell Material für eine provisorische Reparatur besorgen.

Als das Wasser vom Dach aufhörte, atmete das Haus zusammen mit mir, Sabine und Heike auf. Ein Eimer stand halb gefüllt mit trübem Wasser neben dem Regal, der Teppich war an den Rändern durchnässt, Bücher stapelten sich an der Wand. Der Flur roch nach feuchtem Holz, draußen ließ der Regen nach, vereinzelte Tropfen trommelten gegen das Fensterbrett.

Ich wischte mir die Stirn am Ärmel und sah zu den Schwestern: Sabine hockte kniend bei der Steckdose, prüfte, ob kein Wasser eingedrungen war; Heike saß auf der Treppe und hielt ein altes Handtuch, das wir als Lappen benutzten. Es war still, nur das Knarren der Schuppentür im Wind zu hören.

Wir müssen das Dach sofort reparieren, sagte Sabine müde. Sonst passiert das beim nächsten Regen wieder.

Ich nickte:

Im Schuppen sollte die Bitumenbahn und Nägel liegen ich habe die Rolle im Regal gesehen.

Heike stand auf:

Ich helfe, aber nehmt bitte eine Taschenlampe es ist dunkel dort.

Der Schuppen war kühl und roch nach Erde. Ich fand eine alte Stirnlampe, die Batterien waren schwach, das Licht flackerte an den Wänden. Die Bitumenbahn war schwerer als gedacht. Heike hielt die Nägel bereit, Sabine griff zum Hammer dem, den unser Vater früher zum Reparieren des Torzauns benutzte.

Keine Zeit zu verlieren, der Regen konnte jederzeit zurückkehren. Wir drei kletterten über die schmale Luke zum Dachboden hinter der Küche. Dort war stickig, Staub und vergangene Jahre lagen in der Luft.

Wir arbeiteten schweigend. Ich hielt die Bitumenbahn, während Sabine sie an die Balken schlug das Hämmern klang schrill in der Enge. Heike reichte die Nägel, murmelte leise vor sich hin, vielleicht die Schläge zählend oder einfach nur, um die Anstrengung zu überbrücken.

Durch die Spalten sah man den Nachthimmel, Wolken zogen über den Garten, der Mond beleuchtete die nassen Apfelbäume.

Halte fester, bat Sabine. Wenn wir es nicht gut befestigen, reißt der Wind das erste Stück ab.

Ich drückte das Ende der Folie stärker an.

Heike lachte plötzlich:

Nun, wenigstens haben wir etwas zusammen geschafft

Das Lachen klang überraschend warm das erste des Tages.

Ein wenig Entspannung kehrte in mir ein, mein Rücken entspannte sich erst jetzt, als ich mich ein wenig zurücklehnen konnte.

Vielleicht ist das der Weg, flüsterte ich. Gemeinsam das zu reparieren, was zerbricht.

Sabine sah mich an, ihr Blick war nicht mehr wütend, sondern müde.

Anders geht es sowieso nicht

Wir beendeten die Arbeit rasch, befestigten das letzte Stück Bitumen und stiegen hinab.

In der Küche war es kühl, das Fenster blieb nach dem Gewitter offen. Wir setzten uns an den Tisch: jemand stellte den Kessel auf den Herd, jemand fand im Schrank ein Päckchen Kekse.

Ich streifte mir das Haar aus der Stirn und betrachtete die Schwestern jetzt ohne Ärger oder Groll.

Wir müssen weiter verhandeln, sagte ich. Diese Reparatur ist nur der Anfang.

Heike lächelte:

Ich will das Ferienhaus nicht verlieren. Sie zuckte leicht mit den Schultern. Und ich will nicht streiten deswegen.

Sabine seufzte:

Ich habe Angst, allein mit dem ganzen Haushalt dazustehen. Sie blickte auf den Tisch. Aber wenn wir alles zusammen machen vielleicht klappt es.

Ein kurzer Moment der Stille folgte, das Tropfen von Blättern zu hör’n, ein Hund in der Ferne bellte.

Ich fasste einen Entschluss:

Lassen wir es nicht länger warten. Ich zog ein Blatt Papier und einen Stift aus meiner Tasche. Wir malen einen Kalender: wer wann im Sommer kommen kann. So ist es fair für alle.

Heike wurde lebhafter:

Ich nehme die erste Juliwoche.

Sabine überlegte:

Mir passt August besser die Kinder haben dann frei.

Ich schrieb die Daten, zog Linien zwischen den Wochen; nach und nach entstand ein Raster möglicher Besuche und Dienste.

Wir stritten über Kleinigkeiten wer im nächsten Mai kommt, wie wir die Kosten für den Rasenmäher und Strom teilen, was wir im Herbst mit den Äpfeln machen. Doch jetzt fehlte die Wut, nur der Wunsch, etwas zu klären und nicht zu verlieren.

Die Nacht verlief ruhig, kein Wasser oder Wind erwachte uns. Am Morgen schien die Sonne durch die offenen Fenster; der Garten glänzte vom Tau auf den Apfelblättern und dem Gras entlang des Weges zum Tor.

Ich stand früher als die Schwestern auf und trat auf die Veranda: die nackten Dielen kühl unter meinen Füßen. Neben mir hörte ich die Nachbarin, die über den Zaun mit jemandem über Wetter und Ernte sprach.

In der Küche duftete bereits Kaffee: Heike hatte ihn auf dem Herd gebrüht und ein Stück Brot aus der Tüte darauf gelegt.

Sabine kam zuletzt, das Haar zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden, ein leicht verschlafener, aber ruhiger Blick.

Wir frühstückten gemeinsam, teilten das Brot und besprachen die Pläne für den Tag ohne Hast oder Ärger.

Wir müssen noch mehr Bitumen besorgen, merkte Sabine an. Das reicht gerade so.

Und die Glühbirne am Vordermann austauschen, fügte Heike hinzu. Ich bin neulich fast im Hof gefallen.

Ich lächelte: Ich trage alles in unseren ReparaturKalender ein

Die Schwestern sahen sich an; keine offene Wunde mehr blieb übrig.

Das Ferienhaus wirkte ruhiger als sonst; durch die offenen Türen drangen Stimmen der Nachbarn und das Klirren von Geschirr. Das Haus schien wieder lebendig nicht nur, weil das Dach nicht mehr leckte, sondern weil wir drei wieder hier waren: jede mit ihren Eigenheiten, aber nun nicht mehr getrennt.

Kurz vor der Abreise gingen wir noch einmal durch die Zimmer, schlossen Fenster, prüften Steckdosen und räumten das restliche Baumaterial vom Dachboden weg. Auf dem Küchentisch lag das Blatt mit den eingetragenen Ankunftsterminen und den Notizen zu den notwendigen Einkäufen.

Sabine legte die Schlüssel ordentlich auf das Regal neben die Tür:

Dann telefonieren wir in der Woche? Ich kläre das mit dem Dachdecker, den ich kenne

Heike nickte:

Ich schaue nächste Woche nach der Erdbeersaison vorbei. Rufe dich vorher an.

Ich blieb noch einen Moment im Flur stehen, sah die Schwestern an und flüsterte leise:

Danke euch für den gestrigen Abend und für heute.

Wir sahen uns erneut an, die Blicke offen und ruhig ohne die früheren, scharfen Schatten des Misstrauens.

Als das Tor hinter uns schloss, war der Garten nach dem Regen trocken; der Weg glänzte im Sonnenlicht. Auf dem Kalenderblatt standen unsere Namen neben den Daten neuer Treffen ein kleines Versprechen, einander nicht zu verlieren, selbst im härtesten Sommer.

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¿Y tú por qué llegas tan temprano a casa?» – asomó desde el dormitorio un marido asustado