**Tagebucheintrag**
Gestern war ein Tag, den ich nie vergessen werde. Ich fuhr zu meinem Ex, um meine Sachen abzuholen und traf dort meine Schwester im Bademantel.
Was weißt du schon über Liebe?, schrie ich, während mein Telefon fast aus meiner zitternden Hand rutschte. Drei Monate Restaurants, Blumen, und dann bist du einfach verschwunden, als wäre nichts gewesen!
Hör mal, antwortete Tobias mit dieser eiskalten Ruhe, die mich nur noch wütender machte. Ich habe dir nie ewige Liebe versprochen. Wir hatten einfach eine gute Zeit.
Eine gute Zeit? Ich holte tief Luft, um meine Stimme unter Kontrolle zu halten. Fantastisch. Dann komme ich morgen und hole meine Sachen. Und danach siehst du mich nie wieder.
Morgen geht nicht. Ich habe… etwas vor.
Etwas vor? Ein Date mit der nächsten Naiven?
Lena, fang nicht schon wieder an. Ich bin bis abends beschäftigt. Komm nach acht.
Vergiss es. Ich komme um zwölf. Deine Termine interessieren mich nicht. Es dauert zehn Minuten, dann kannst du dein wunderbares Leben ohne mich weiterführen.
Ich legte auf, ohne auf eine Antwort zu warten. Mein Telefon flog aufs Sofa, und ich ließ mich daneben fallen, das Gesicht in den Händen vergraben. Die Tränen, die ich die ganze Woche zurückgehalten hatte, brachen endlich hervor. Warum immer dasselbe? Warum wählte ich Männer, die mich nur als vorübergehende Ablenkung sahen?
Ein vorsichtiges Klopfen an der Tür.
Lena, geht es dir gut? Meine Mutter stand da, eine Tasse Tee in der Hand.
Alles gut, log ich und wischte mir heimlich die Tränen ab. Ich bin nur müde.
Sie stellte den Tee ab und setzte sich neben mich, legte den Arm um meine Schultern.
Ich habe alles gehört. Schon wieder dieser Tobias?
Ich nickte, unfähig zu sprechen.
Mein Schatz, wie lange willst du dich noch wegen jemandem quälen, der dich nicht wertschätzt?
Ich quäle mich nicht, widersprach ich trotzig. Ich will nur meine Sachen holen und einen Schlussstrich ziehen.
Was liegt da überhaupt noch? Ein paar Bücher, ein Pullover?
Mein Lieblingsparfüm, zwei Blusen und Omas Fotoalbum. Das kann ich nicht einfach dort lassen.
Meine Mutter seufzte und strich mir über das Haar.
Soll ich hingehen? Oder soll Katharina?
Bei dem Namen meiner älteren Schwester zog ich die Stirn kraus.
Auf keinen Fall Katharina! Mit ihr rede ich gerade sowieso nicht.
Meine Güte, schon wieder Streit? Worum geht es diesmal?
Um nichts. Sie denkt einfach, sie wüsste immer, was richtig für mich ist. Sie sagte, Tobias sei oberflächlich und ich verschwende meine Zeit. Jetzt ist sie wohl stolz auf sich sie hatte Recht!
Sie meint es nur gut, erwiderte meine Mutter sanft.
Ich schüttelte den Kopf. Katharina war immer perfekt gewesen: Klassenbeste, beste Abschlüsse, erfolgreiche Karriere, der richtige Mann. Ihr fiel es leicht, Ratschläge zu geben. Und ich? Mit 32 ein gebrochenes Herz, eine Mietwohnung und ein Job, den ich hasste.
Ich hole meine Sachen selbst, sagte ich entschlossen. Und dann ist dieses Kapitel endlich vorbei.
Am nächsten Morgen wachte ich mit Kopfschmerzen auf. Die Nacht war lang gewesen, voller Gedanken an das bevorstehende Treffen mit Tobias. Ich wollte makellos aussehen damit er bereut, was er verloren hatte. Schminke, ein neues Kleid, hohe Absätze.
Im Taxi probte ich den Dialog im Kopf. Kalt und gefasst. Keine Tränen, keine Vorwürfe. Sachen holen und mit erhobenem Kopf gehen.
Das Haus von Tobias war still. Der Aufzug brachte mich in den siebten Stock, und mein Herz klopfte so laut, dass es im Flur hätte zu hören sein müssen. Ich atmete tief durch und klingelte.
Nichts. Keine Reaktion. Vielleicht war er doch unterwegs? Ich drückte noch einmal, länger diesmal. Schritte hinter der Tür. Ich richtete mich auf, bereit für die Konfrontation.
Die Tür öffnete sich und ich erstarrte. Da stand Katharina. Mein Bademantel, nasses Haar, ein verwirrter Blick.
Lena? Sie trat zurück. Was machst du hier?
Ich brachte kein Wort heraus. Mein Verstand raste, aber keine Erklärung ergab Sinn.
Was machst du hier? In meinem Bademantel. In der Wohnung meines Exfreunds.
Katharina strich sich über das Gesicht, als könnte sie die Situation wegwischen. Lena, es ist nicht so, wie du denkst, sagte sie leise.
Wie dann?, fragte ich, die Stimme brüchig vor Wut und Enttäuschung.
Sie senkte den Blick. Ich habe hier nicht geschlafen. Ich war heute Morgen joggen, bin nass geworden und Tobias hat mir seinen Bademantel geliehen. Ich warte nur, bis mein Auto abgeholt ist Reifenpanne vor seiner Tür.
Ich starrte sie an, suchte nach einem Zeichen der Lüge, fand keins.
Und das Fotoalbum?, presste ich hervor.
Ich habe es gestern mitgenommen, weil es nass war. Es lag unter dem Balkontisch. Ich wollte es dir bringen, sobald es trocken ist.
Langsam löste sich der Knoten in meiner Brust. Nicht aus Liebe, nicht aus Versöhnung sondern aus Scham.
Ich hatte alles falsch verstanden. Wieder einmal.
Ohne ein Wort drehte ich mich um, ging zum Aufzug, ließ meinen Stolz wie einen Mantel fallen, den ich nicht mehr tragen konnte.
Unten auf der Straße atmete ich tief die kalte Luft ein und begann zu lachen. Tränen mischten sich hinein, aber diesmal waren sie leichter.







