Probier’s einfach – es lohnt sich!

**Tagebucheintrag: Einfach mal versuchen**

Die Familie Bergmann lebte in einer Plattenbauten-Wohnung am Stadtrand von Dresden. Der Familienvater, Markus, hatte nach seiner Entlassung vom Stahlwerk als Fernfahrer angefangen und war monatelang unterwegs. Die Mutter, Heike, schuftete in zwei Jobs: tagsüber als Kassiererin, abends putzte sie Büros.

Ihre älteste Tochter, die 22-jährige Lina, war der Stolz der Familie. Schon immer ernst für ihr Alter, hatte sie nach der Schule eine Ausbildung zur Buchhalterin gemacht, um schnell Geld zu verdienen und den Eltern zu helfen. Alles drehte sich um ein Ziel: ihrem jüngeren Bruder Ben ein Studium zu ermöglichen, der in der Grundschule ein Talent für Mathe gezeigt hatte. Er war das Familienprojekt, ihre einzige Hoffnung auf sozialen Aufstieg.

Nach der Arbeit schrieb Lina heimlich Geschichten. Zarte, melancholische Erzählungen über Menschen, die träumen, lieben und ihren Platz in der Welt suchen. Es war ihre Flucht vor der grauen Realität.

Eines Tages überredete sie eine Schulfreundin ihre einzige Leserin , eine Geschichte bei einem Literaturwettbewerb einzureichen. Zu Linas Überraschung gewann sie. Der Preis: 500 Euro und ein Praktikum bei der Sächsischen Zeitung.

Bei einem Abendessen mit Nudeln und Soße wagte sie es, es den Eltern zu sagen.

Mama, Papa, ich hab eine Einladung bekommen. Von der Zeitung. Ein Monat Praktikum. Das ist meine Chance.

Was für ne Zeitung? Markus rieb sich müde die Augen. Du hast doch einen sicheren Job bei Herrn Schmidt.

Papa, das ist was anderes. Ich… ich schreibe Geschichten. Und jetzt wurde ich entdeckt.

Heike ließ das Geschirr sinken. Geschichten? Wann hattest du denn Zeit dafür? Du musst dich ausruhen! Und Ben braucht Hilfe in Mathe!

Ich weiß. Aber das ist mein Traum! Linas Stimme zitterte. Ich will es wenigstens versuchen!

Traum? Markus stand auf, seine Schatten fielen auf sie. Und wer ernährt die Familie? Meinst du, ich fahre LKW, weil ichs liebe? Deine Mutter arbeitet zwei Jobs aus Pflicht! Nicht aus Spaß! Bis Ben studiert, gibts keine Experimente!

Warum darf Ben von der Uni träumen, und ich nicht?

Weil Ben ein Junge ist! Er wird mal eine Familie versorgen! Er brüllte: Du suchst dir lieber einen Mann, statt Unsinn zu schreiben!

Die Worte trafen sie wie Schläge. Am nächsten Morgen ließ sie fast das gesamte Preisgeld mit einem Zettel liegen: *Für Bens Nachhilfe*. Mit ihrem Laptop, Kleidung und den ausgedruckten Geschichten im Rucksack ging sie.

Das Praktikum war unbezahlt, die Arbeit eintönig. Doch Lina liebte die Atmosphäre, die neuen Gesichter. Sie zog in ein Hostel, jobbte nachts in einer Bar und lebte von Butterbroten und Tee.

Eines Nachts rief Heike an. Lina… Papa ist im Krankenhaus. Sein Herz… Er hat sich so Sorgen gemacht. Gehts dir wenigstens gut?

Lina starrte auf ihr trockenes Brot. Alles gut, Mama. Wie gehts Ben?

Er vermisst dich. Seine Noten brechen ein.

Er schafft das. Sie log: Ich komme bald.

Statt zu fahren, schickte sie die Hälfte ihres kargen Lohns nach Hause. Ein halbes Jahr später bekam sie eine Festanstellung, mietete ein Zimmer in einer Altbauwohnung und war glücklich.

Eines Tages stand Ben vor ihrer Tür. Er war größer, aber finster. Ich geh nicht studieren, sagte er. Ich werde Koch.

Was? Aber du…

Ich hasse Mathe! Seine Stimme brach. Aber ich hatte Angst, es zu sagen… bis du gegangen bist.

Er lief davon. In diesem Moment verstand Lina: Ihre Flucht hatte nicht nur ihr geholfen.

***

Ein Jahr später kam ein Brief von Markus. Kritzellig auf kariertem Papier:

*Tochter. Dein Name stand in einer Zeitschrift. Habs den Kollegen gezeigt. Sie glaubten nicht, dass du meine bist. Bleib gesund. Vermisse dich. Papa.*

Sie las die Zeilen immer wieder. Es war keine Vergebung. Aber eine Anerkennung. Dass es sie gab. Dass ihre Stimme gehört wurde.

Sie trat auf den klapprigen Balkon. Es regnete, die Nachbarn stritten, doch sie sah auf die nassen Dächer und spürte: Dies war *ihr* Leben. Sie war nicht mehr die Stütze. Sie war Lina. Autorin. Und das war unbezahlbar.

**Was ich gelernt habe:** Manchmal muss man sich selbst retten, um anderen zu zeigen, dass es geht.

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