Man lachte über sie, nannte sie Giraffe oder Schlaks, doch als sie Jahre später zum Klassentreffen kam
Gisela hatte sich schon als Kind wie ein Wesen aus einer anderen Welt gefühlt verloren zwischen schlanken, grazilen Klassenkameradinnen. Ihr hochgewachsener, etwas ungelenker Körper, die langen Arme und ihr eigentümlicher Gang machten sie zur Zielscheibe neugieriger und oft böser Blicke. Sie war wie eine junge, unbeholfene Esche in einem Garten voller zierlicher Rosen.
Hey, Giraffe!, rief einmal ihr Banknachbar und stupste sie mit dem Finger in die Schulter. Pass auf, dass du nicht mit dem Kopf an den Türrahmen stößt!
Die Luft im Klassenzimmer füllte sich mit lautem Gelächter, das gegen die Wände zu prallen und in ihren Ohren nachzuhallen schien.
Gisela spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht schoss, und senkte den Blick auf die linierte Seite ihres Heftes. Sie hatte längst gelernt, Sticheleien zu ignorieren, sich in ihren Notizen und den kleinen Fantasiezeichnungen am Rand zu verstecken. Schweigendes Erdulden war sicherer als der Versuch, etwas zu beweisen jedes Wort hätte nur Öl ins Feuer gegossen.
Der Heimweg nach der Schule war ihre kleine Atempause, der Übergang zwischen zwei Welten. Sie wohnte mit ihrer Mutter am Rand des Dorfes in einem kleinen, aber gemütlichen Haus, das nach Äpfeln und altem Holz roch.
Komm, Tochter, hilf mir mit diesem Stoff, sagte ihre Mutter und deutete auf eine Rolle einfachen, grauen Baumwollstoffs vom letzten Markt. Daraus lässt sich ein hübsches Frühlingskleid nähen.
Gisela setzte sich an die alte, aber zuverlässige Nähmaschine und tauchte konzentriert in die Arbeit ein. Die Naht verlief perfekt, der Faden verzog sich nicht, und der monotone, rhythmische Prozess beruhigte sie, ordnete ihre Gedanken. In diesen stillen Minuten, begleitet vom Summen der Maschine, fühlte sie sich am richtigen Platz gebraucht und verstanden.
Doch die Schulmauern holten sie schnell zurück in die alte Realität. In den Pausen tuschelten die Mädchen in Grüppchen, ohne Rücksicht auf Lautstärke oder Empfindungen:
Sieh dir mal ihren Rock an! Sieht aus, als wäre er aus Omas Vorhang genäht.
Und sie läuft, als hätte sie Stelzen an den Beinen!
Gisela ging vorbei, atmete tief ein und tat so, als wäre sie in Gedanken versunken. Abends lag sie dann im Bett, starrte an die Decke und weinte leise, während sie sich immer wieder dieselbe quälende Frage stellte: Warum ist bei den anderen alles so einfach und schön? Ihr Aussehen, ihre Kleidung, ihre Bewegungen. Und bei mir ist alles irgendwie schief, falsch, als wäre ich aus fremden Teilen zusammengesetzt
Nach der neunten Klasse verließ Gisela ihr Dorf und zog in die nächstgrößere Stadt, um eine Ausbildung zur Schneiderin zu beginnen. Die neue Stadt überwältigte sie mit ihrem Lärm, den grellen Schaufenstern und dem hektischen Rhythmus doch sie schenkte ihr auch eine leise, zagende Hoffnung: Hier, vielleicht, beginnt dein richtiges Leben. Das Leben, von dem du immer geträumt hast.
Die Berufsschule, in der sie ihre Ausbildung begann, schien auf den ersten Blick eine andere Welt: helle, großzügige Räume, neue, ernsthafte Lehrer, unbekannte Gesichter. Es schien ihre Chance, alles neu zu beginnen. Doch diese Hoffnung war zerbrechlich und begann schnell zu schwinden.
Schon in der ersten Woche musterten ihre Mitschülerinnen sie genau.
Schaut mal, ihre Bluse Hat die die selbst genäht?, kicherte eine und zupfte demonstrativ an Giselas Ärmel.
Und hier, der Faden hängt raus!, fiel eine andere ein.
Die Jungen grinsten offen, und sie senkte wieder den Blick, als wäre sie in einen alptraumhaften Kreislauf geraten wieder war sie die Komische, die Unpassende.
Einmal setzte sich ihre Zimmergenossin im Wohnheim, ein Mädchen namens Sabine, neben sie.
Gisela, nimms nicht so hart, sagte sie mit einem halb mitleidigen Lächeln. Du hast halt nun ja, ein ungewöhnliches Aussehen. Vielleicht solltest du deine Zöpfe auflösen, ein bisschen Lippenstift tragen? Dann wärst du wie alle anderen, und niemand würde dich mehr auslachen.
Gisela war verunsichert von der Offenheit:
Ich habe keinen Lippenstift, keine Haarklammern und was würde das schon ändern? Sie finden immer etwas.
Sabine zuckte nur mit den Schultern:
Na gut, deine Sache. Aber ich finde, du gibst dir keine Mühe.
Und wieder, wie einst in der Schule, fühlte Gisela, wie sich die Kluft zwischen ihr und der Welt weiter öffnete.
Ihre einzige Zuflucht waren die Lehrbücher und Schnittmuster. Bei den praktischen Übungen saß sie still wie eine Maus, doch ihre Linien auf dem Zeichenpapier waren die präzisesten. Die Lehrerin bemerkte das einmal sogar laut:
Gisela, Sie haben ein natürliches Gespür für Maße. Mit etwas Übung werden Sie eine hervorragende Schneiderin.
Einmal ließ sie im Flur ihre Mappe mit Schnittmustern fallen, und die Blätter verteilten sich über den schmutzigen Boden. Eine Gruppe vorbeigehender Mädchen kicherte sofort:
Da haben wir sie, unsere zukünftige Modeschöpferin! Bewundert ihre Meisterleistung!
Gisela, fast ohne zu atmen, sammelte hastig die Papiere auf, während ihr die Tränen in die Augen schossen
Mädchen, eure Aufmerksamkeit bitte, ertönte die Stimme des Schulleiters. Das ist Herr Bauer. Er wird euren Kurs für Schnittgestaltung übernehmen.
Gisela blickte auf und bemerkte sofort, dass er anders war als die anderen. Groß, schlank, in einem makellos sitzenden Anzug, mit einem gepflegten Bart und ruhigen, aufmerksamen Augen, die eine tiefe innere Sicherheit verrieten.
Schnittgestaltung, sagte er mit einer bedächtigen, fast hypnotisierenden Stimme, ist nicht einfach das mechanische Zeichnen von Linien. Es ist die Fähigkeit, die fertige Form zu sehen, bevor sie auf dem Papier entsteht. Und um das zu lernen, braucht man Geduld.
Das Wort Geduld traf Gisela wie ein Pfeil denn das war das Einzige, was sie wirklich besaß und worauf sie stolz sein konnte.
Als die Stunde endete und alle Schüler hinausströmten, blieb sie zurück, um ihre Zeichnungen ordentlich einzupacken. Plötzlich fiel ein Schatten darauf. Herr Bauer stand neben ihr.
Gisela Meier, richtig?, fragte er und betrachtete eines ihrer Schnittmuster.
Ja, antwortete sie und spürte, wie sie errötete.
Interessant Sie haben ein sicheres Auge und eine ruhige Hand. Diese Linien als wären sie mit dem Lineal gezogen, obwohl Sie freihand gearbeitet haben?
Freihand, nickte sie. Ich nähe seit meiner Kindheit. Meine Mutter ist Schneiderin.
Er lächelte, und kleine Fältchen zeigten sich an seinen Augenwinkeln.
Nun Hätten Sie Lust, an einem zusätzlichen Kurs für Modedesign teilzunehmen? Ich starte eine Gruppe, das erste Treffen ist nächsten Samstag.
Gisela errötete bis in die Haarspitzen. Es kam ihr wie ein böser Scherz vor, eine neue Art, sie zu verhöhnen.
Mich?, fragte sie ungläubig. Wieso? Ich bin doch nichts Besonderes.
Sie glauben nur nicht an sich, erwiderte er ruhig. Das sind zwei verschiedene Dinge. Kommen Sie einfach, Sie werden es nicht bereuen.
Dann drehte er sich um und ging, hinterließ eine Spur von Kölnisch Wasser und ein seltsames, warmes Gefühl als hätte sich in ihrem Leben eine winzige, aber wichtige Tür geöffnet.
Die ganze Woche schwankte sie zwischen Zweifeln. Abends nähte sie sich eine schlichte, aber ordentliche Bluse nur um nicht aufzufallen. Am Samstag erschien sie schließlich und bereute es keine Sekunde.
Der Kursraum war klein, aber unglaublich einladend: breite Holztische, makellose Zeichenbögen, Scheren, Maßbänder, Stoffreste. Der Raum roch nach Kreide und frischem Papier. Die anderen Mädchen, allesamt stilvoll gekleidet, hatten sich bereits verteilt. Gisela setzte sich ganz hinten hin, möglichst unauffällig.
Herr Bauer betrat den Raum, nickte und begann mit ruhiger Stimme:
Heute entwerfen wir eine einfache Blusenform. Habt keine Angst vor Fehlern. Jeder Irrtum ist ein Schritt zum Verständnis.
Er ging durch die Reihen, korrigierte Entwürfe, half beim Abmessen. Als er zu Gisela kam, zitterte ihr der Stift in der Hand.
Gut. Aber hier, sehen Sie, ist die Schulterpartie etwas zu eng. Verschieben Sie die Ärmellinie hierher.
So?, fragte sie vorsichtig.
Genau so. Er lächelte. Sie haben eine gute Intuition trauen Sie ihr nur.
An diesem Abend blieb sie am längsten. Die anderen waren längst gegangen, doch Gisela saß noch an der Nähmaschine und arbeitete an ihrer ersten Übungsbluse. Herr Bauer trat näher.
Zeigen Sie mal.
Sie reichte ihm das Kleidungsstück. Der Stoff lag nicht perfekt, der Kragen war leicht schief, eine Naht verzogen.
Es wird einfach nichts, flüsterte sie enttäuscht.
Er betrachtete die Bluse sorgfältig.
Keineswegs. Sehen Sie hier Ja, es ist nicht perfekt, aber es hat etwas Echtes. Es ist keine leblose Kopie, es trägt einen Teil von Ihnen.
Ihr Herz klopfte bei diesen Worten. Niemand hatte je so zu ihr gesprochen als wäre sie nicht nur eine Schülerin, sondern jemand mit etwas Wertvollem in sich.
In den folgenden Wochen besuchte sie den Kurs mit wachsender Freude. Sie stand vor Sonnenaufgang auf, frühstückte hastig und lief über den Schulhof, um als Erste da zu sein. Ihre einst unsicheren Hände wurden ruhiger, die Nähte gleichmäßiger, und Herr Bauers Blick, früher nur aufmerksam, wurde warm, fast väterlich.
Einmal blieb er lange an ihrem Tisch stehen, während sie den Schnitt für einen Puffärmel zeichnete.
Wissen Sie was?, sagte er schließlich. Ich habe etwas bemerkt. Wenn Sie arbeiten, hören Sie auf, sich zu verkriechen.
Wirklich?, fragte sie überrascht und richtete sich unwillkürlich auf.
Absolut. Man richtet sich automatisch auf, wenn man etwas tut, das einen wirklich erfüllt.
Gisela lächelte. Es war ihr erstes echtes, ungekünsteltes Lächeln seit Jahren eines, das tief aus dem Herzen kam.
Nach dem Unterricht gingen sie zufällig gemeinsam. Die Abendsonne tauchte die Fenster in goldenes Licht, ein leichter Wind wirbelte die ersten Blätter über den Asphalt. Herr Bauer trug seine Ledermappe, sie ein Stoffbündel für ihr nächstes Projekt.
Sind Sie sehr müde?, fragte er höflich.
Nein, antwortete sie ehrlich. Ich fühle mich als wäre ich neu geboren.
Das ist wunderbar, sagte er und sah sie an. Wissen Sie, Gisela, Talent ist nicht so selten. Die wahre Stärke liegt in Fleiß und Geduld.
Sie schwieg, aber in ihr war es hell und still. Denn bis heute hatte niemand ihr je so einfache, doch so wichtige Worte gesagt.
Von da an begann sich ihre Welt langsam zu ändern. Selbst die Hänseleien der Mitschüler trafen sie nicht mehr so tief, als wäre eine unsichtbare Mauer um sie gewachsen.
Jeder Tag bekam einen neuen Sinn, eine süße Vorfreude und eine leise, helle Freude. Sie flog zu jedem Kurs, hing an Herrn Bauers Lippen. Er wurde mehr als nur ein Lehrer in seiner Gegenwart wurde die Welt klarer, sicherer, wärmer.
Sie blieb oft nach dem Unterricht, um Zeichnungen zu vollenden oder Schnitte vorzubereiten.
Wieder die Letzte?, lächelte er, als er in den fast leeren Raum trat. Hier scheint es Ihnen besser zu gefallen als im Wohnheim.
Hier ist es still, und hier lacht niemand über mich, antwortete sie leise.
Manchmal korrigierte er sanft ihre Hand, wenn sie eine schwierige Linie zog.
So. Die Bewegung muss fließend sein nicht zu fest aufdrücken.
Seine Finger berührten ihr Handgelenk nur kurz, doch sie errötete bis in die Haarwurzeln. Ihr Herz raste wie eine Nähmaschine, die sich in zu dickem Stoff verhakt hatte.
Ihre Gespräche gingen bald über das Schneiderhandwerk hinaus.
Einmal fragte er unvermittelt:
Was lesen Sie gern, Gisela?
Thomas Mann, antwortete sie leicht verlegen. Ich mag seine schlichte, klare Art. In seinen Büchern ist das Leben, wie es ist ohne Verzierungen.
Er nickte zustimmend.
Eine gute Wahl. Einfachheit ist die seltenste und teuerste Luxus.
Und Sie?, wagte sie zu fragen.
Ich liebe Rilke, sagte er nachdenklich. Er schreibt, als wäre jedes Wort mit seinem Atem verbunden.
Später unterhielten sie sich über Musik er liebte Bach, sie die alten Vinylplatten ihrer Großmutter.
Manchmal, besonders nach späten Kursen, brachte er sie zur Bushaltestelle. Sie gingen schweigend, doch die Stille war nicht unbehaglich, sondern voll stillen Verstehens.
Einmal, nach einem besonders langen Abend, sagte Herr Bauer:
Wissen Sie, Gisela, Sie überraschen mich immer wieder. In Ihnen steckt so viel Geduld, als hätten Sie Ihr ganzes Leben auf etwas gewartet.
Vielleicht tue ich das auch, gab sie leise zu. Ich weiß nur noch nicht, was es ist.
Er sah sie lange an, länger, als es höflich gewesen wäre, dann sagte er ruhiger:
Hören Sie nie auf zu suchen. Das Echte kommt nur zu denen, die nicht aufgeben.
In dieser Nacht konnte sie kaum schlafen. Sie lag wach, starrte in die Dunkelheit und spürte, wie etwas Neues, Zartes in ihr erwachte wie das erste Schneeglöckchen unter dem Eis.
Die Jahre vergingen schnell. Zur Abschlussfeier war Gisela wie verwandelt. Ihre Haltung war gerade, ihre Bewegungen graziös, ihre Augen ohne die alte Traurigkeit. Doch tief in ihr lebte noch immer das ängstliche Mädchen, das Spott fürchtete.
Als die Vorbereitungen für den Abschlussball begannen, diskutierten die Mädchen aufgeregt über ihre Kleider. Gisela hörte schweigend zu, doch sie hatte längst entschieden: Ich nähe es selbst. Für mich. Genau so, wie ich es fühle.
Sie wählte einen tiefblauen Stoff, der an einen klaren Abendhimmel erinnerte. Nächte lang saß sie an der Nähmaschine, passte jede Naht an. Jeder Stich saß perfekt, als würde der Stoff ihr gehorchen.
Am Abend des Balls betrat sie als eine der Letzten den Saal. Zuerst beachtete sie niemand, doch dann verstummte das Gemurmel, und alle drehten sich um.
Sie stand in ihrem blauen Kleid schlicht, ohne Schnörkel, aber perfekt sitzend. Ihr einst unbeholfener Körper wirkte nun elegant, ihre zu einem Knoten gebundenen Haare vervollständigten das Bild einer stolzen, sinnlichen Frau.
Das hast du selbst gemacht?, fragte eine der Mädchen, die sie einst verspottet hatten.
Ja, antwortete Gisela ruhig.
Unmöglich!, flüsterte jemand.
Herr Bauer lehnte an der Wand und betrachtete sie. Sein Blick war tief, durchdringend als sähe er nicht nur das Kleid, sondern die innere Kraft, die endlich durch jahrelange Zweifel gebrochen war.
Später, als der Abend zu Ende ging, trat er zu ihr. Die Musik war leise, das Licht gedämpft, die anderen unwichtig.
Gisela, sagte er sanft, Sie haben keine Ahnung, wie wundervoll Sie sind.
Sie sah ihn an. In seinen Augen war keine Zurückhaltung mehr, nur Wärme.
Sie haben mir geholfen, ich selbst zu sein, flüsterte sie. Ohne Sie hätte ich nie gewusst, was ich kann.
Er lächelte, mit einem Hauch von Wehmut.
Nein, Gisela. Ich habe Ihnen nur gezeigt, was schon immer in Ihnen war.
Ihre Blicke trafen sich und zwischen ihnen zuckte etwas wie ein Funke. Sie senkte als Erste die Augen, ihr Herz schlug bis zum Hals.
Die Musik wechselte zu einem langsamen Walzer. Einige Paare tanzten. Herr Bauer trat näher.
Darf ich bitten?
Sie zögerte, dann nickte. Seine Hände waren warm und sicher. Zuerst waren ihre Bewegungen steif, doch bald fanden sie einen Rhythmus, und die Welt um sie verschwand. Es gab nur sie beide und die Musik.
Als der Walzer endete, flüsterte er ihr ins Ohr:
Sie sind erwachsen geworden, Gisela. Nicht nur als Schneiderin.
Und als was noch?, fragte sie leise.
Er sah ihr direkt in die Augen.
Als Mensch. Als jemand, den man in der größten Menge nicht übersehen kann.
Sie lächelte nicht aus Glück, sondern aus der Gewissheit: Alles, wovon sie geträumt hatte, war wahr geworden. Nicht wegen Anerkennung oder Schönheit, sondern weil sie endlich gesehen worden war.
Ihre Hochzeit war schlicht. Sie heirateten im kleinen Kreis, dann spazierten sie durch die Stadt, hielten sich an den Händen. Der Mai war warm, die Luft voll vom Duft blühender Kastanien. Es schien, als läge eine ganze Ewigkeit vor ihnen voll Licht, Verständnis und gemeinsamer Arbeit.
Herr Bauer unterrichtete weiter, die Schüler liebten ihn für seine Geduld und Professionalität. Gisela begann in einer örtlichen Schneiderei und spürte sofort die skeptischen Blicke der Kolleginnen.
Seht mal, das Landmädchen!, zischte eine. Was versteht die schon von richtiger Arbeit?
Gisela hörte es, doch sie wusste nun, was sie wert war.
Zuerst bekam sie nur einfache Aufgaben Säume, Nähte bügeln. Doch sie arbeitete sorgfältig, ohne Hast. Bald bemerkte es die Meisterin.
Du arbeitest sauber, sagte sie. Aber dir fehlt ein bisschen Fantasie.
Gisela lächelte.
Die Fantasie habe ich zu Hause in meinen Entwürfen. Eines Tages zeige ich sie Ihnen.
Bald brachte sie ihre Skizzen mit schlicht, aber mit Gespür für Form: Kleider mit weich betonter Taille, lässige Jacken, asymmetrische Kragen.
Nicht schlecht!, staunten die Kolleginnen. Ganz und gar nicht provinziell.
Ich entwerfe für Frauen, die arbeiten, erklärte Gisela. Sie sollen sich wohlfühlen und schön.
Nach und nach wurden ihre Modelle in kleiner Serie genäht, später im Fabrikladen ausgestellt. Die Damen der Stadt kauften diese blauen Kleider von der Meier.
Zu Hause unterstützte sie ihr Mann bedingungslos.
Zeigst du mir deinen neuen Entwurf?, fragte er abends und reichte ihr eine Tasse Tee.
Natürlich. Ich möchte hier eine kleine Falte probieren praktisch und hübsch.
Du hast die Gabe, aus einfachen Dingen kleine Kunstwerke zu machen, sagte er stolz.
Er wusste, dass in ihr mehr wuchs als handwerkliches Können ihre wahre Berufung erwachte. Als sie eines Abends zögernd sagte:
Ich möchte mich selbstständig machen. Eine eigene Werkstatt, ganz klein., nickte er nur.
Natürlich. Es wird dir gelingen. Ich habe schon lange darauf gewartet, dass du es aussprichst Das ist dein Weg, Gisela.
Zuerst war es bescheiden: ein Raum im Keller, drei gebrauchte Nähmaschinen, zwei Kolleginnen als Helferinnen.
Unser Modeimperium, scherzte Gisela und blickte sich im leeren Raum um. Aber es wird wachsen.
Die ersten Aufträge waren einfach: Schuluniformen, Kleider für Nachbarinnen. Doch Gisela behandelte jedes Stück wie ein Kunstwerk wählte Stoffe mit Bedacht, plante jedes Detail.
Das Wichtigste ist, dass sich eine Frau in unseren Sachen schön und sicher fühlt selbst wenn sie nur Brot kauft oder mit dem Kind spazieren geht.
Nach einem halben Jahr lief es gut. Die Aufträge wurden anspruchsvoller: Abendkleider, Business-Outfits.
Eure Sachen haben Seele, sagten die Kolleginnen. Man spürt die Liebe zum Detail.
Gisela blieb bescheiden. Ihr Mann half abends oft sortierte Stoffe, baute Regale, korrigierte Schnitte.
Bist du nicht müde?, fragte sie besorgt.
Nein. Bei dir schöpfe ich Kraft.
Bald sprach die ganze Stadt von ihr. Ihre Kreationen waren anders nicht standardisiert, sondern mit Persönlichkeit. Schlicht, aber elegant.
Als sie eine Einladung zur regionalen Modenschau erhielt, zweifelte sie.
Was, wenn sie mich auslachen? Meine Einfachheit?
Lass sie nur, sagte er gelassen. Deine Arbeiten sind anders. Sie leben. Das spüren die Richtigen.
Die Schau wurde ein Triumph. Ihre Kollektion schlichte Kleider, weiche Mäntel, selbst Tücher erhielt Standing Ovations.
Nach der Show sprach sie eine elegante Frau an:
Woher kommen Sie?
Aus einem kleinen Dorf.
Ihr Stil ist außergewöhnlich. Wir möchten Sie zur Landesausstellung einladen.
Von da an erschien ihr Name in Zeitungen. Gisela Meiers Kreationen bestechen durch Klarheit, hieß es.
Als der erste große Artikel erschien, saß sie am Küchentisch und konnte es kaum glauben.
Das schreiben sie über mich Ist das wahr?
Natürlich, sagte er und schenkte Tee ein. Ich sagte dir immer deine Schlichtheit ist mehr wert als jeder Prunk.
Die Werkstatt zog in größere Räume, das Team wuchs. Acht Schneiderinnen arbeiteten nun unter ihrer Leitung.
Mädchen, wir nähen nicht nur Kleider, sagte sie. Wir schenken Frauen Selbstvertrauen. Sie ziehen unser Kleid an und gehen aufrechter, weil sie spüren, wie schön sie sind.
Einmal kam eine ältere Frau mit vom Arbeiten rauen Händen.
Nähen Sie mir etwas Schlichtes, bat sie. Ich will nicht, dass man mich bemitleidet.
Gisela wählte einen zarten Grünton und setzte eine Brosche ans Dekolleté. Als die Frau das fertige Kleid sah, kamen ihr Tränen.
Danke. Ich hätte nie gedacht, dass ich schön aussehen kann.
Sie waren es immer, sagte Gisela sanft. Das Kleid zeigt es nur.
Abends saß sie oft am Fenster der Werkstatt, beobachtete die Lichter der Stadt. Ihr Mann legte ihr die Hände auf die Schultern.
Woran denkst du, mein Vogel?
Dass all das die Tränen, der Spott nicht umsonst war, flüsterte sie. Ohne sie hätte ich nie verstanden, was wahre Schönheit ist.
Ich wusste es immer, sagte er leise. Du musstest dich nur selbst durch meine Augen sehen.
Sie standen umschlungen in ihrer Werkstatt, umgeben von Stoffen, Fäden und der Wärme zweier Herzen, die einen langen Weg gegangen waren von Ängsten zu Sicherheit, von Spott zu Anerkennung.
Draußen blinkten die Straßenlaternen wie goldene Fäden.
In ihrem Zuhause blieb alles wie immer gemütlich und vertraut. Er kochte abends, sie zeichnete Entwürfe.
Wie viele Ideen hast du schon?, neckte er sie. Genug für Jahre?
Ideen gibt es immer mehr, als Stoff zum Nähen, lachte sie. Aber das ist ein schönes Problem.
Manchmal, an Winterabenden, erinnerten sie sich an die Vergangenheit. Sie tranken Tee mit Marmelade und schauten sich an, als könnten sie kaum glauben, wie ihr Leben sich gewendet hatte.
Erinnerst du dich, wie ich damals war?, fragte sie. Ungeschickt, schüchtern, in umgenähten Kleidern?
Er nickte und lächelte wehmütig.
Natürlich. Aber ich sah damals schon, was in dir steckte.
Und was war das?, fragte sie schelmisch.
Eine unglaubliche Stärke. Und grenzenlose Güte. Der Rest war nur eine Frage der Zeit.
Sie blickte ihn voller Zärtlichkeit an.
Wer hätte das gedacht, sagte sie einmal. Das lange, unbeholfene Mädchen vom Land und jetzt eine Modedesignerin. Klingt wie ein Märchen.
Eher wie die Chefdesignerin eines der angesehensten Labels, korrigierte er.
Ach, übertreib nicht, lachte sie. Hauptsache, unseren Kundinnen gefällts.
Und mir am aller meisten.
Abends, wenn die Werkstatt still war, stand sie oft vor ihrem eigenen, nun beleuchteten Schild und betrachtete das warme Licht hinter den Fenstern. Unter dem Namen prangte eine kleine Bronzetafel:
Mit Liebe zum Detail gemacht.
Sie lächelte, strich sich über die nun so sicheren Hände und flüsterte:
Danke, Leben. Für alles.
Manchmal, selten, träumte sie noch von den alten Schulgängen, in denen sie einst an den Wänden entlangschlich, in Angst vor Spott. Doch jetzt, beim Aufwachen, fühlte sie keine Furcht. Nur eine leise Wehmut und unendliche Dankbarkeit. Denn ohne diese schwere Zeit wäre sie nie geworden, wer sie war stark, erfolgreich, geliebt.
Jeden Morgen sagte sie zu ihren Schneiderinnen:
Mädchen, näht mit Herz. Jeder Stich soll wie ein gutes Wort sein. Denn ein einziges Kleid, mit Liebe gemacht, kann ein Leben verändern.
Eines Tages fand sie eine Einladung zum Klassentreffen im Briefkasten.
Sie zögerte lange. Die alten Wunden taten wieder weh.
Fährst du hin?, fragte ihr Mann.
Ja, sagte sie schließlich. Ich will sehen, ob die Schule noch so ist wie in meiner Erinnerung. Und mich selbst treffen. Das Mädchen, das ich einmal war.
Für den Besuch wählte sie ein schlichtes, elegantes Kostüm aus eigenem Entwurf dunkelblau, perfekt sitzend, mit einem Seidenschal. Die Haare zum Knoten gebunden, wenig Schmuck. Zurückhaltend, aber von makellosem Stil.
Am Tag des Treffens klopfte ihr Herz, als das Taxi auf das vertraute Schulgebäude zufuhr. Es sah genauso aus wie damals gelber Putz, blanke Geländer. Nur sie hatte sich verändert.
Im Saal war bereits Musik, Gelächter, Gläserklirren. Ehemalige Klassenkameraden standen in Gruppen, einige mit Kindern, andere mit Babybäuchen.
Wer ist das denn?, hörte sie hinter sich.
Keine Ahnung Vielleicht eine neue Lehrerin?
Gisela drehte sich langsam um und lächelte.
Hallo allerseits. Gisela Meier. Schön, euch zu sehen.
Stille. Dann ein erschrockenes Flüstern:
Das kann nicht sein! Die Gisela? Die, die wir
Das muss eine andere sein
Sie ging ruhig auf sie zu, schüttelte Hände.
Die Zeit steht nicht still, sagte sie sanft. Wir haben uns alle verändert.
Eine der damaligen Anführerinnen, ein Mädchen namens Helga, starrte sie an.
Gisela, ich hätte dich nicht erkannt! Du bist so so erwachsen!
Ach was, lachte Gisela. Ich bin nur älter geworden. Und hoffentlich ein bisschen klüger.
Dann trat der ehemalige Klassenclown vor derjenige, der sie einst am meisten geneckt hatte.
Mensch, Gisela! Wir dachten echt, aus dir wird nichts!, rief er unbedacht.
Die anderen lachten verlegen.
Gisela sah ihn an und sagte gelassen:
Das Leben entscheidet selbst. Und ich bin dankbar dafür.
Er rutschte unbehaglich hin und her.
Ja ich hörte, du bist jetzt so ne Berühmtheit Dieser Modedesign-Laden? Dachte erst, das wär eine andere.
Ein Modeatelier, korrigierte sie höflich. Ja, mein Mann und ich haben das.
Die Frauen wechselten neidische Blicke.
Manche haben halt Glück!, seufzte eine. Talent, Familie und siehst du aus!
Gisela schüttelte den Kopf.
Das ist kein Glück. Das ist harte Arbeit. Und der Glaube an sich selbst.
Sie plauderten noch lange, erinnerten sich an alte Streiche. Doch Gisela spürte, dass diese Erinnerungen wie ein verblasster Film waren ihr wirkliches Leben war jetzt hier, in einer Welt aus Stoffen, Licht und Liebe.
Zum Abschluss machten sie ein Gruppenfoto. Als der Fotograf das Bild einstellte, sah sie ihr Spiegelbild im Fenster ein ruhiges, gereiftes Gesicht mit Lachfältchen. Das Mädchen, das einst Angst vor Blicken hatte, war verschwunden. Sie hatte sich gefunden.
Abends holte ihr Mann sie ab.
Na, haben sie dich erkannt?
Ja. Und doch nicht, sagte sie und ließ sich ins Sofa sinken. Sie sahen mich wie eine Fremde. Vielleicht bin ich das auch.
Das ist gut so, sagte er. Du bist eine andere geworden. Und das ist wunderbar.
Ja, lächelte sie. Aber tief in mir bin ich dieselbe. Ich weiß nur endlich, wer ich bin.
Sie ging in ihr Arbeitszimmer. Auf dem Tisch lagen neue Entwürfe, bereit für den nächsten Tag. Die Lampe warf warmes Licht, die Bleistifte glänzten.
Müde?, fragte er, als er nachkam.
Ein bisschen. Aber eine gute Müdigkeit. Sie nahm einen Stift, berührte damit das Papier. Das wird der Anfang unserer Frühlingskollektion.
Hast du schon einen Namen?
Ja. ,Weiter. Denn das Leben ist kein Punkt es ist ein Komma. Es geht immer weiter.
Er legte ihr die Hände auf die Schultern, betrachtete die Skizze.
Und was kommt dann, mein Genie?
Dann, sagte sie leise, nähen wir. Schöne Dinge für schöne Frauen.
Sie strich über den Stoff auf dem Tisch glatt, schwer, seidig. Das Lampenlicht fiel auf ihre Hände, ließ die sicheren Linien hervortreten.
Draußen regnete es leise. In der Werkstatt roch es nach Bügeldampf, frischem Papier und neuen Ideen.
Gisela sah ihren Mann an und sagte leise, aber klar:
Das Wichtigste kommt noch. Das weiß ich genau.
Und irgendwo in ihr, begleitet vom Regen und dem Rascheln des Papiers, war da wieder dieses alte Gefühl der Glaube, dass wahre Schönheit nicht im Spiegel liegt, sondern in den Händen, die sie erschaffen.







