Beim Durchstöbern der Sachen meiner verstorbenen Großmutter entdeckte ich ihr Tagebuch und erfuhr, wer wirklich mein Vater ist.

12. Oktober 2023

Heute begann ich, die Kisten meiner verstorbenen Großmutter Frieda zu durchforsten. Dabei fand ich ihr altes Tagebuch und entdeckte ein Geheimnis, das meine ganze Familiengeschichte in ein neues Licht tauchte.

Mama, ich kann ihre Sachen nicht einfach wegwerfen! schrie ich am Telefon, während ich die alte Wählscheibe in der Hand hielt. Es mag altes Gerümpel sein, aber es ist die Erinnerung an Frieda!

Greta, meine Mutter, erwiderte müde: Ich will nicht, dass du alles wegwirfst, aber du hast keine Ahnung, wie viel Kram dort liegt alte Lappen, Zeitungsfetzen, Kisten aus den Dreißigern Frieda hat nie etwas aussortiert.

Genau das habe ich an ihr bewundert, sagte ich. Im Gegensatz zu uns, die ständig das Neueste jagen, hat sie ihre Dinge geschätzt.

Sie seufzte: Okay, mach, was du willst. Aber bis Ende der Woche muss die Wohnung leer sein, die neuen Eigentümer wollen den Kaufvertrag unterschreiben.

Ich legte auf und sah mich um. Die kleine Einzimmerwohnung am Rand von Köln wirkte noch kleiner, weil jedes Zimmer von Friedas Besitzungen erstickt war. Frieda war leise im Schlaf gestorben, und kaum dass die Beerdigung vorbei war, wollte Greta die Wohnung verkaufen. Eine leerstehende Wohnung im anderen Stadtteil ist kein Geld, das wir brauchen, erklärte sie. Und weil ich gerade im Sommerurlaub war, blieb mir nichts anderes übrig, als die Kisten zu sortieren.

Zuerst räumte ich die Küche aus. Ich legte ein paar Erinnerungsstücke beiseite: einen antiken Teekessel, eine bemalte Zuckerdose und ein Set perlmuttfarbener Teelöffel. Den Rest packte ich in Kartons für das Sozialkaufhaus.

Am Abend des ersten Tages war mein Rücken von der Arbeit verrenkt. Ich kochte Tee im alten Kessel und sah mir die in der Speisekammer gefundenen Fotos an. Da war Frieda jung, ihr Haar zu einem dicken Zopf geflochten, fast genauso wie mein eigener Zopf. Dann meine Mutter als Schulmädchen im Pionierkragen. Und schließlich ein winziges Bündel, das mich in den Armen meiner stolzen Großmutter zeigte.

Fast keine Bilder von meinem Großvater Viktor. Er war schon lange tot, bevor ich geboren wurde, und in der Familie sprach man kaum über ihn. Er war ein guter Mann, aber das Leben hat ihm nicht gegönnt, hatte meine Mutter einst müde gesagt.

Am zweiten Tag kam ich zum Schlafzimmer. Ein Berg von Kleidung ließ mich fast verzweifeln: ordentlich gefaltete Nachthemden, Wollpullover, Stoffreste Frieda hatte gern genäht. Fast alles war alt, aber sauber und gebügelt.

Während ich ein Regal nach dem anderen durchsuchte, fand ich in einer hinteren Ecke des Schranks eine mit Juteschnur zusammengebundene Schuhkarton. Vorsichtig löste ich den Knoten. Darin lagen Briefe, ein paar Notizbücher und ein abgenutztes Heft in braunem Einband.

Ein vergilbter Brief mit einem Stempel aus den fünfziger Jahren fiel mir in die Hand:

Liebe Frieda! Ich schreibe dir von unterwegs. Morgen komme ich in die Kaserne Dein Andreas.

Der Absender war also Andreas, Friedas Jugendliebe. Wer war dieser Andreas?

Ich schlug das Heft auf und las die erste Zeile: Tagebuch Frieda Wagner. Beginn 12. April 1954. Die ersten Einträge erzählten von ihrem Studium, ihren Freundinnen und ihrer ersten Liebe eben diesem Andreas, den sie beim Tanz kennengelernt hatte. Sie hatten Pläne geschmiedet, bis er eingezogen wurde.

Im August 1956 schrieb sie: Heute kam ein Brief von Andreas. Er sagt, er kommt bald zu Besuch. Wie sehr ich ihn vermisse! Im November desselben Jahres schrieb sie: Andreas ist weg. Die zwei Wochen mit ihm waren die glücklichsten meines Lebens. Jetzt muss ich ein Jahr bis zu seiner Entlassung warten. Wir wollen heiraten, sobald er zurück ist. Ich habe sein Foto unter das Kopfkissen gelegt.

Die Einträge wurden immer romantischer, bis ein Eintrag vom Februar 1957 die Stimmung abrupt änderte:

Heute habe ich die Nachricht erhalten. Andreas ist im Dienst gefallen. Keine Details, ich kann es nicht fassen. Wie soll ich weiterleben?

Ich fühlte einen Kloß im Hals. Die erste große Liebe meiner Großmutter war im Krieg ums Leben gekommen. Es war kein Wunder, dass sie darüber nie sprach.

Am nächsten Tag las ich weiter und erfuhr, dass Frieda nach Andreas Tod in tiefe Depression verfiel. Dann trat Viktor in ihr Leben ein Kamerad des gefallenen Andreas, der ihr Trost spendete.

10. September 1957. Viktor hat mir einen Heiratsantrag gemacht. Ich liebe ihn nicht wie Andreas, aber er ist verlässlich. Mama sagt, ich soll mir ein Leben aufbauen, ich bin jetzt 23 und sollte heiraten. Doch ich kann Andreas nicht loslassen

Die Hochzeit war schlicht. Frieda bemühte sich, eine gute Ehefrau zu sein, doch Andreas blieb in ihren Gedanken. Viktor ahnte vielleicht, zeigte es aber nicht.

Ein Eintrag ließ mich erstarren:

20. Juni 1958. Ich bin schwanger, drei Monate. Das Kind ist nicht von Viktor. Kurz vor Viktors Einsatz traf ich Sascha, den Cousin von Andreas. Wir kannten uns schon seit seiner Jugend. Er sah aus wie Andreas dieselben Augen, dieselben Gesten. Wir trafen uns zufällig im Park, redeten über Andreas und das war ein kurzer Rausch. Jetzt erwarte ich ein Kind. Viktor glaubt, es sei sein, er ist glücklich. Ich kann ihm die Wahrheit nicht sagen, das würde ihn zerbrechen. Was soll ich tun?

Plötzlich war mir klar: Meine Mutter Greta war nicht die leibliche Tochter von Viktor. Wer war dann ihr richtiger Großvater? Der Cousin Sascha?

Ich schlug das Tagebuch zu, mein Herz pochte. Die Wahrheit war, dass Frieda ihr Geheimnis aus Liebe und Angst bewahrt hatte. Sie wollte Viktor nicht verletzen, und Sascha wusste nichts von der Schwangerschaft.

Ein weiteres Foto am Boden des Kartons zeigte einen jungen Soldaten im Helm, unterschrieben Andreas, 1955. Daneben ein Bild mit der Aufschrift Sascha, 1958. Beide sahen fast identisch aus besonders die Augen.

Ich sah in den Spiegel im Flur und erkannte die Ähnlichkeit. Jetzt verstand ich, warum Greta immer sagte: Warum sehe ich aus wie kein Vater von mir?

Die Tür schlug plötzlich zu.

Greta! Bist du hier? rief meine Mutter aus dem Flur.

Ja, im Schlafzimmer!, rief ich und stapelte das Tagebuch hastig zurück in die Schachtel.

Greta trat ein, sah die verstreuten Kisten und fragte: Was hast du da?

Nur ein paar Briefe und das Tagebuch meiner Großmutter, murmelte ich.

Ein Tagebuch? Ich wusste gar nicht, dass Frieda eines führte.

Ich erklärte ihr vorsichtig, dass Frieda nie über Andreas gesprochen hatte. Möchtest du es wirklich wissen?, fragte ich.

Greta nickte, setzte die Brille auf und blätterte. Ihr Gesicht wechselte von Überraschung zu Schock, dann zu Wut.

Das kann nicht sein! Mein Vater er hat mich immer als sein eigenstes Kind bezeichnet. Sie hielt das Tagebuch an die Brust: Ich bin sechzig, und das hier ändert nichts an dem, was er für mich war. Er hat mich großgezogen und geliebt. Die Biologie ist nur ein Detail.

Ich legte meine Hand auf ihre Schulter: Wahre Väterschaft ist mehr als Gene. Viktor war für dich ein echter Vater. Und das Geheimnis von Sascha? Vielleicht gibt es noch Verwandte, von denen wir nichts wissen.

Greta seufzte: Ich muss das verarbeiten. Vielleicht finde ich ja noch Brüder oder Schwestern, die ich nie gekannt habe.

Wir setzten uns auf das alte Sofa, das noch den Duft von Friedas Parfüm trug, und redeten lange. Am Ende sagte Greta: Ich bin dankbar, dass du das Tagebuch gefunden hast. Die Wahrheit kann schmerzhaft sein, aber besser als ein Leben in Unwissen.

Ich fragte: Wollen wir die Wohnung doch nicht sofort verkaufen? Wir brauchen noch Zeit, alle Unterlagen zu prüfen.

Sie nickte: Ja, ruf den Makler an. Sieben Jahrzehnte Geheimnis dürfen wir nicht einfach über den Tisch schieben.

Wir schlossen das Tagebuch, legten es zurück in die Kiste und bewahrten das Foto von Sascha für uns. Ich umarmte meine Mutter und spürte, wie ein neues Band zwischen uns entstand ein Band aus gemeinsam geteiltem Wissen und Akzeptanz.

Das Leben geht weiter, nun mit mehr Fragen, aber auch mit klarerem Blick. Am Ende habe ich gelernt, dass Familie nicht allein durch Blut definiert wird, sondern durch die Fürsorge, die wir einander schenken. Und dass das Aufdecken von Geheimnissen, so schwer sie auch sein mögen, uns die Freiheit gibt, mit offenen Augen weiterzuleben.

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