Nur mein Schicksal

Nur mein Schicksal

Mama, was machst du hier? fragte Alina überrascht, als sie ihre Mutter in der Frauenarztpraxis erblickte.

Oh, Linchen, hast du etwa auch heute einen Termin? Du hast mir gestern nichts davon erzählt…, erwiderte Svetlana verlegen und senkte den Blick.

Mama, das ist doch für Schwangere. Warum bist du hier? Alina strich über ihren gewölbten Bauch.

Lina, ich wollte es dir sagen… Die Frau blickte sich um, suchte nach Worten. Also, ich erwarte auch ein Kind.

…Svetlana hatte Alina mit achtzehn bekommen. Der Vater des Mädchens hatte sich nie für sie interessiert, zahlte lächerlich geringen Unterhalt, und selbst das nur nach gerichtlicher Anordnung.

Doch Svetlana hing mit ganzer Seele an ihrer Tochter. Sie arbeitete zwei Jobs, nähte nachts Auftragsarbeiten. Freundinnen schüttelten den Kopf: Warum quälst du dich so? Du ruinierst dir deine ganze Jugend! Doch Svetlana hörte nicht hin. Hauptsache, ihrem Mädchen fehlte es an nichts. Die feinste Schokolade, modische Jacken, teure Puppen alles, was Alina sich wünschte. Sie selbst verzichtete auf alles, doch ihre Tochter spürte niemals einen Mangel.

Alina war das Beste gewöhnt. Geld spielte keine Rolle wollte sie etwas, kaufte sie es, sogar eine Klassenfahrt ans Meer war drin. Als es Zeit fürs Studium wurde, wählte sie die elitärste Uni, die Studiengebühren waren hoch. Svetlana widersprach nicht einmal.

Im dritten Semester traf Alina auf Tom. Er war älter, stand kurz vor dem Abschluss. Svetlana mochte ihn sofort ein vernünftiger Junge, mit beiden Beinen im Leben. Sie freute sich: Endlich würde ihre Tochter einen zuverlässigen Mann an ihrer Seite haben. Selbst wenn sie ein Kind bekäme, wäre sie nicht allein.

Und so geschah es. Alina wurde schwanger. Tom hielt sofort um ihre Hand an, sie feierten eine prächtige Hochzeit. Die Hälfte der Kosten übernahmen seine Eltern, die andere Hälfte Svetlana, die den beiden sogar eine Reise nach Sylt schenkte.

Tom, lass uns spazieren gehen, schlug Alina vor.

Klar, komm. Das Wetter ist super, und da ist ein neues Café in der Nähe. Wir können was essen, lächelte er und strich über ihren Bauch.

Sie schlenderten durch den Park, fütterten Tauben, dann setzten sie sich ins Café. Kaum hatten sie Platz genommen, erbleichte Alina plötzlich.

Was ist? Tom runzelte die Stirn.

Mama…, warf sie nur hin.

Zwei Tische weiter saß Svetlana mit einem fremden Mann.

Oh, stimmt! Tom drehte sich um.

Svetlana bemerkte sie, lächelte verlegen.

Lass uns hallo sagen. Wer ist das mit ihr? Tom stand bereits auf.

Nein! Ich will sie nicht sehen! Alina sprang auf und stürmte hinaus.

Tom bezahlte und holte sie ein. Draußen hatte Alina ihre Mutter bereits zur Rede gestellt:

Wer ist das?! Hast du vergessen, dass du bald Oma wirst?

Alinchen, du bist erwachsen. Ich habe dich großgezogen darf ich kein eigenes Leben haben?

Tom mischte sich taktvoll ein: Alles in Ordnung, Svetlana?

Tommy, ja, es ist nur…

Komm! Alina packte ihren Mann am Arm und zog ihn fast rennend mit.

Alina war gewöhnt, dass ihre Mutter ihr allein gehörte. Der Gedanke, dass Svetlana einen Mann haben könnte, war ihr fremd. Und tatsächlich hatte Svetlana all die Jahre niemanden kennengelernt aus Angst vor Alinas Reaktion.

Bis ihr Chef, Thomas Weber, vor zwei Jahren begann, sich um sie zu bemühen. Svetlana mochte ihn schon lange, unternahm aber selbst nichts. Als er Interesse zeigte, gab sie nach.

Sie wurden ein Paar. Thomas bat sie sogar, zu ihm zu ziehen. Svetlana zögerte, willigte aber schließlich ein. Nur wie sollte sie es Alina sagen? Und dann diese unglückliche Begegnung…

Dann erfuhr Svetlana, dass sie schwanger war. Mit dreiundvierzig spät, gewiss. Doch an Abtreibung dachte sie nicht. Thomas war überglücklich er hatte keine Kinder, und nun würde er Vater.

Nach dem Café ging Alina nicht mehr ans Telefon. Nur Tom berichtete Svetlana, wie es ihnen ging. Dann ein weiteres unerwartetes Treffen in der Praxis. Danach brach Alina den Kontakt ganz ab. Blockierte die Nummer, ignorierte Nachrichten.

Von der Geburt ihrer Enkelin erfuhr Svetlana durch ihren Schwiegersohn.

Ein Mädchen, 53 cm, 3200 Gramm! verkündete Tom freudig.

Herzlichen Glückwunsch! Dürfen wir vorbeikommen? Ich möchte sie so gern sehen, flüsterte Svetlana fast weinend.

Ich versuche, Alina zu überreden…

Doch sie lehnte kategorisch ab. Svetlana litt, obwohl sie selbst im sechsten Monat war und Ärzte ihr Stress verboten.

Vier Monate später brachte sie ein Mädchen zur Welt. Sie schrieb Alina, dass sie jetzt eine Schwester habe. Keine Antwort. Nur Tom schickte Blumen und rief an.

Die Jahre vergingen. Die Mädchen wuchsen. Alina und Tom nannten ihre Tochter Sophie. Svetlana und Thomas Anna, nach der Großmutter. Tom schickte hin und wieder Fotos: Erster Zahn! oder Sie läuft allein! Svetlana hoffte, Alina würde bis zur Einschulung nachgeben. Doch sie blieb hart obwohl es doch keinen Grund für Groll gab.

Zum siebten Geburtstag Sophies rief Svetlana Tom an:

Kommt mit Sophie zu uns. Wir freuen uns so.

Ich versuche, sie zu überzeugen…

Abends gab Tom die Einladung weiter.

Wir fahren nicht, schnitt Alina ihm das Wort ab.

Aber das ist doch deine Mutter und deine Schwester, versuchte er sie zu besänftigen.

Sie hat mich verraten. Und das Mädchen will ich nicht sehen.

So lebten sie nebeneinander her. Svetlana und Thomas in einem Landhaus, Alina und Tom in einer Wohnsiedlung. Manchmal hörte Alina durch Bekannte von ihrer Mutter: Im Krankenhaus, Anna hat Fieber. Irgendwo in ihr keimte der Wunsch, hinzufahren, sie zu umarmen wie früher. Doch Eifersucht und Wut siegten.

Tom, wir müssen noch Schleifen und Hausschuhe für Sophie kaufen, sagte Alina beim Abendessen.

Wir schaffen das. Kaum zu glauben, dass schon sieben Jahre vergangen sind…

Mama, muss ich wirklich zum Englisch an diesem Tag?, platzte Sophie in die Küche.

Ja! Wir haben extra für diese Schule die Wohnung gewechselt!, erwiderte Alina streng.

Wie einst Svetlana gab sie ihrer Tochter alles, was sie konnte.

Einschulung. Tom nahm frei, um Sophie zu begleiten. Die Schule war weit entfernt, dafür eine Eliteeinrichtung mit Sprachenzweig.

Glockenklang, Glückwünsche, Ermahnungen…

Klasse 1A!, rief die Lehrerin.

Unsere!, flüsterte Alina und führte Sophie zur Gruppe.

Plötzlich sah sie unter den Eltern ihre Mutter. Für eine Sekunde trafen sich ihre Blicke. Alina konnte nicht länger an sich halten, stürzte auf Svetlana zu, und die Tränen, die sie so lange zurückgehalten hatte, brachen endlich hervor. Svetlana umarmte sie fest, wie in alten Zeiten, und in diesem Moment verschwanden alle Vorwürfe, als hätte es sie nie gegeben.

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Nur mein Schicksal
To Honor Mother with a Gentle Prayer