Die späte Liebe der Katharina
Die Schatten waren bereits lang und dicht, als der Bus, der täglich seinen Weg aus der lärmigen, staubigen Stadt in die stille ländliche Abgeschiedenheit zurücklegte, mit einem Zischen der Luftbremsen an der bekannten Haltestelle hielt. Die Tür öffnete sich, und sie trat hinaus. Katharina. Die Müdigkeit ihrer zwölfstündigen Schicht als Pflegerin im städtischen Krankenhaus lastete schwer wie Blei auf ihren Schultern, schmerzte in ihrem Kreuz. Die Luft, erfüllt vom Duft frisch gemähten Grases und dem Rauch der Holzöfen, war der erste Balsam für ihre erschöpfte Seele.
Und er war der zweite.
Er stand dort, wie immer, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Seine große, kräftige Gestalt schien mit diesem Ort verwachsen zu sein, ein fester Anker in ihrem Leben. Jürgen. Als er sie sah, erhellte sich sein sonst so ernstes Gesicht mit einer Wärme, die selbst die dämmernden Schatten zurückdrängte.
Schweigend nahm er ihr die abgenutzte Arbeitstasche ab, ihre Finger berührten sich flüchtig, und diese winzige Geste genügte, um einen Teil ihrer Erschöpfung fortzuspülen. Sie gingen den Feldweg entlang, der zu ihrem Haus führte, langsam, im Gleichschritt, ihre Schritte eine stille Melodie des gemeinsamen Lebens.
Was für ein schönes Paar, flüsterte eine der Dorfbewohnerinnen, die auf der Bank vor ihrem Haus saß, mit einem Hauch von Neid. Jürgen, unser eigenes Märchen, so stark wie ein Riese. Und sie immer noch so anmutig, trotz der Jahre. Woher nimmt sie nur die Kraft nach solchen Schichten?
Katharina hat Glück gehabt, keine Frage, warf eine andere ein. Sie hat sich einen jüngeren Mann geschnappt, was soll das? Zehn Jahre jünger, und er sieht sie an, als wäre sie vom Himmel gefallen.
Katharinas Nachbarin und Freundin Birgit, eine resolut warmherzige Frau, konnte nicht schweigen. Hört ihr beiden jemals auf zu tratschen? Zehn Jahre leben sie schon glücklich zusammen! Zehn! Und Katharina blüht neben ihm auf, während ihr euch nur in eurem Neid verzehrt.
Katharina und Jürgen hörten nichts davon. Ihre Hand ruhte in seiner, seine Schulter war ihre Stütze, auf die sie sich immer verlassen konnte.
Vor fünfzehn Jahren war ihr Leben kein Weg, sondern ein morastiger Pfad gewesen, auf dem sie fast versunken wäre. Damals nannte man sie nicht Katharina, sondern spöttisch Katharina, die Frau des Säufers. Ihr erster Mann, einst ein stattlicher Bursche, hatte sich im Alkohol verloren. Sie hatte gekämpft Flaschen ausgeschüttet, gefleht, geheult, Geld versteckt. Doch die Antwort waren Schläge, blutige Lippen und ein zerstörtes Selbstwertgefühl.
Der letzte Strohhalm war der Abend, an dem er, betrunken und wütend, nach ihrem Sohn griff. Noch in derselben Nacht packte sie seine Sachen und warf ihn hinaus. Geh zurück zu deiner Mutter. Du bist keine Hilfe, du bist eine Last. Er verschwand in der Stadt, wie so viele vor ihm.
Geblieben waren ihre beiden Kinder: der fünfzehnjährige Stefan, dessen jugendlicher Trotz sich in bittere Verantwortung verwandelt hatte, und die elfjährige Lena, ein zartes Mädchen mit ängstlichen Augen. Sie waren unschuldig an ihrer Wahl. Und Katharina schwor sich: Sie würden nicht nur überleben. Sie würden leben.
Sie war eine Bäuerin, verwurzelt in dieser Erde, und wusste: Der Boden betrügt nicht. Sie nahm die Axt, die einst ihr Mann geschwungen hatte, und lernte, Holz zu spalten. Die schweren Scheite widersetzten sich, ihre Hände bluteten, aber sie spaltete weiter. Sie vergrößerte den Garten, pflanzte Kartoffeln, kaufte eine Sau, bald füllte fröhliches Grunzen den Hof. Eine Kuh, Hühner, Truthähne ihr kleines Reich, das sie allein regierte. Die Arbeit in der Stadt gab sie nicht auf das Geld war knapp.
Stefan wurde früh erwachsen. Schulter an Schulter mit ihr trug er Säcke, reparierte den Zaun, mähte Heu. Ihr Haus, einst baufällig, begann sich zu wandeln. Neue Fenster, ein gebrauchter Pickup Katharina lernte selbst zu fahren, unter den belustigten Blicken der Nachbarn.
Langsam besserte sich ihr Leben. Die Wunden vernarbten.
Dann wurde Stefan eingezogen. Seine Abwesenheit hinterließ eine Lücke. Manchmal halfen Tagelöhner, doch die Last blieb auf ihren Schultern. Zierlich, aber ungebrochen.
Als Stefan zurückkehrte, war er ein Mann. Er fand Arbeit in einer Agrargenossenschaft, die ein strenger, aber fairer Geschäftsmann aufgebaut hatte.
Und dann, an einem Sommerabend, brachte Stefan einen Freund mit. Kamerad aus der Armee Jürgen. Groß, schlaksig, mit hellen, traurigen Augen.
Armes Ding, wird zu Hause nicht genug zu essen bekommen, dachte Katharina mütterlich, als sie den Tisch deckte.
Wie schön sie ist, dachte Jürgen, und sein Herz pochte unruhig.
Seitdem kam Jürgen oft. Er spürte, wo Hilfe gebraucht wurde reparierte den Zaun, half beim Heuen, flickte den Motor. Katharina freute sich: Was für ein zuverlässiger Freund.
Doch langsam veränderten sich ihre Gefühle. Etwas längst Vergessenes erwachte in ihr. Sie fing seinen Blick auf, errötete. In seinen Augen lag eine stumme Frage.
Er kam seltener. Und sie kämpfte mit Gedanken, die sie beschämten. Sie taten, als sei nichts doch wenn sie allein waren, hing Spannung in der Luft. Mit vierzig fühlte sie sich wie ein Mädchen, ihr Herz schlug wild.
Irgendwann war es offensichtlich. Das Dorf war wie ein Aquarium alles wurde gesehen, besprochen.
Jürgens Mutter und Schwestern tobten. Sie könnte deine Mutter sein! Eine Schande! Der schwerste Moment war das Gespräch mit Stefan. Sie gingen an den Fluss, weg von neugierigen Ohren.
Was soll das, Jürgen?, fragte Stefan leise, gefährlich. Meine Mutter. Erklär dich.
Ich liebe deine Mutter, Stefan, gestand Jürgen. Als Frau. Die stärkste, schönste, die ich kenne.
Es gab eine Prügelei. Hart, aber ehrlich. Am Ende lachten sie, blutig und zerschlagen. Der Zorn war verraucht.
Hört auf, euch zu verstecken, keuchte Stefan. Aber pass auf wenn du sie je weinen lässt, bringe ich dich um. Und Vater nenne ich dich nicht.
Jürgen zog zu Katharina. Das Dorf war empört. Fast alles war perfekt doch die sechzehnjährige Lena rebellierte. Für sie war Jürgen ein Eindringling. Sie schmollte, schlug Türen. Sie warteten. Liebten sie. Erst als Lena selbst verliebt war, verstand sie: Liebe kennt kein Alter.
Stefan heiratete eine ruhige, gute Frau. Das Leben ging weiter.
Dann das Unglaubliche: Mit dreiundvierzig wurde Katharina wieder schwanger. Die Ironie ihre Schwiegertochter erwartete ebenfalls ein Kind. Sie gingen gemeinsam zu den Untersuchungen, zur Freude der Ärzte.
Sie lagen nebeneinander im Krankenhaus, hielten sich an den Händen. Katharina gebar zuerst einen gesunden Jungen, Max. Zwei Tage später kam ihr Enkel zur Welt, der kleine Paul.
Das Dorf war fassungslos. Die Klatschbasen verstummten nicht, doch ihr Ton war jetzt bewundernd.
Katharina und Jürgen heirateten schließlich. Ohne Pomp. Beim Verlassen des Standesamts flüsterte er: Jetzt für immer, Kathi.
Sie gingen denselben Weg wie vor Jahren. Er stark, ihr Fels. Sie strahlend, jung wirkend. Seine Hand hielt ihre Tasche, ihr Herz war voll.
Mochten andere urteilen. Sie waren zwei. Zusammen. Und das zählte.
Leben mit Jürgen war Katharinas Neugeburt. Jeder Tag hatte Sinn. Max brachte Freude ins Haus. Lena akzeptierte sie schließlich. Stefan, nun selbst verantwortlich, sah den Frieden in ihrem Zuhause.
An einem Abend saßen sie auf der Veranda, umarmt.
Ich dachte nie, ich würde noch einmal so glücklich sein, flüsterte Katharina.
Jürgen lächelte. Glück kommt nie zu spät. Man muss nur den Mut haben, es zu ergreifen.
Katharinas Geschichte wurde zur Inspiration. Jeden Morgen, wenn sie ihre Familie sah, wusste sie: Spätes Glück ist möglich. Man muss ihm nur Raum geben.
Und wenn der Weg auch steinig war in ihrem Haus herrschte nun die Stille, nach der sie sich jahrelang gesehnt hatte. Mit dieser Liebe war sie bereit für alle Tage. Denn wahres Glück kennt keine Uhr.







