Vergessen, verziehen, verheilt…

AUSGELIEBT, AUSGELEIDET

Hat man dir als Kind nicht gesagt, dass man auf dem Unglück anderer kein Glück aufbauen kann? Anna blickte mich mit leichtem Vorwurf an.

Doch. Stand in Büchern. Aber als Kind brauchte ich das nicht. Und überhaupt in der sorglosen Kindheit versteht man doch gar nicht, worum es geht. Was ist Glück, was Unglück? Und wie soll man dieses unbegreifliche Glück auf dem Leid anderer aufbauen? Als Kind träumt man von was anderem. Von mehr Süßigkeiten und Eis. Oder dass man die Zeichentrickfilme nicht verpasst, ins Kino geht

Ehrlich gesagt, alle meine Tanten und Onkel waren in zweiten oder dritten Ehen Woher sollte ich also Moral lernen?

Anna ist meine Freundin, immer korrekt und unbestechlich. Sie hat mich nie verurteilt, sondern sich stattdessen gerne (bei einem Glas Wein) meine verwickelten Liebesgeschichten angehört.

Sie selbst konnte sich solche Freiheiten nicht erlauben. Immerhin ist sie Dozentin, unterrichtet an der Akademie. Die Position verlangt, bestimmte Etiketten einzuhalten.

In Annas Familie war alles stabil und unerschütterlich. In jungen Jahren hing ihr Mann oft in den Armen von Bacchus, randaliert, hat versucht, sie zu betrügen.

Den alkoholsüchtigen Ehemann hat meine Freundin für immer kodieren lassen. Ihr Wowi beschwerte sich manchmal am Festtagstisch. Er müsse sich doch auch mal entspannen. Darauf antwortete Anna gelassen:

Wowa, wenn du dich in Gesellschaft nicht benehmen kannst, dann lass es einfach.

Wowa schwieg, und mit den Jahren lernte er, sich daran zu erfreuen, dass ihm das Einschenken der Getränke für die Gäste anvertraut wurde.

Er füllte feierlich die Gläser, kontrollierte penibel, wer wie viel getrunken hatte, und reichte höflich die Häppchen. Manchmal nahm Anna Wowa mit in die Türkei oder nach Spanien. Doch selbst dort benahm er sich daneben.

Stell dir vor, empörte sich Anna nach ihrer Rückkehr aus Barcelona, dieser Köter hat sich an der Bar mit so einer flotten Dame angefreundet, während ich im Pool war. Ich sehe das sie lachen, trinken Cocktails. Und in den Augen dieser Frau steht nur Ich will deinen Mann. Na, denk ich mir, Wowa, wenn du ins Zimmer kommst, zeig ich dir, wo der Hammer hängt! Da kriegst du was auf die Ohren!

Wowa hat sicher alles abgestritten, oder? fragte ich grinsend.

Hmpf Natürlich! Er sagte, ich spinne maßlos, Anna zog spöttisch eine Grimasse.

Und du?

Ach, lass ihn Soll er von jungen Frauen träumen. Wo soll Wowa denn hin? Wer will ihn schon mit seinem Hungerlohn? Selbst wenn ihn eine einsame Witwe auflesen würde, wirft sie ihn nach einem Monat raus. Er hat nichts außer diesem lüsternen Glanz in den Augen. Anna beruhigte sich selbst.

Als Sergej in mein Eheleben trat, spürte ich etwas Beengendes, Unheilvolles. Sergej war verheiratet, hatte zwei Söhne. Ich wehrte mich, so gut ich konnte, gegen die überflutenden Gefühle. Doch sie stürzten wie eine Lawine unaufhaltsam den Berg hinab. Es war eine Liebe, die zerriss.

Gewissen und Vernunft flüsterten mir ins Ohr:

Halt! Fass das heiße Eisen nicht an. Erwarte nichts Gutes von diesem rutschigen Unterfangen. Du hast deine eigene Familie. Wozu ein verheirateter Mann? Du wirst nur leiden. Kein Licht mehr sehen Blutige Tränen weinen.

Doch ich stürmte blindlings vorwärts. Keinen Tag konnte ich ohne Sergej leben. Alles drehte sich nur um ihn. Wir ertranken ineinander. Die Liebe hielt uns ein Messer an die Kehle kein Entkommen

Und dann waren alle Hindernisse gefallen.

Wir blieben allein mit unserer zerstörerischen Leidenschaft. Und begannen, im Kreis zu laufen.

Nach einem halben Jahr Zusammenleben stellte sich heraus: Wir hatten nichts gemeinsam. Doch wir täuschten uns, unsere Liebe lebe noch, atme noch. So oft hatte ich sie wiederbelebt, gerettet.

Sergej soff maßlos, log dreist, schlug sogar zu. Wir waren Menschen aus verschiedenen Welten. Ich warf ihn raus, nahm die Wohnungsschlüssel, schaltete sein Handy ab, verhängte Schweigen. Sergej verschwand für Wochen, Monate. Dann kam er zurück, mit Blumen und glühender Leidenschaft.

Ich nahm ihn auf, weil ich krankhaft liebte, ihn nicht auslöschen konnte. Dabei hätte ich es müssen. Sergej hatte mich so ausgelaugt, die Seele leer geschöpft, mich zermürbt, dass ich mich in eine neue, rettende Beziehung stürzte. Ich wollte mich rächen, ihm wehtun. Nicht ich allein sollte leiden.

Wieder einmal war Sergej über alle Berge. Wir hatten uns, wie immer, endgültig gestritten. Ich rief einen alten Verehrer an. Manche Frauen haben eben einen Notfallplan

Viktor war das genaue Gegenteil von Sergej. Ruhig, zuvorkommend, ein Nichtraucher und Abstinenzler. Zuerst gefiel er mir. Doch nach einem Monat wurde es mit Viktor unerträglich langweilig, farblos, lahm. Kein Feuer, nur eine gerade Linie. Und ich? Ich sehnte mich nach Kurven, nach Achterbahn. Später bereute ich, Viktor näher gekommen zu sein. Nicht meins. Doch er rief noch lange an, meldete sich. Bis er endlich begriff: Er war endgültig abserviert.

Ich blieb allein. Genoss die Freiheit. Atmete auf. Wollte niemanden, war müde vom Karussell des Lebens. Ein Monat verging in stolzer Einsamkeit.

Dann bat Sergej plötzlich um ein Treffen. Ich rannte, stolperte. Liebte noch immer ungestüm, hoffte noch.

Lara, lass uns Schluss machen. Sonst bringen wir uns um. Diese Hitze ist unerträglich. Sergej wich meinem Blick aus.

Gut. Du hast recht, Sergej, zusammen geht es nicht. Wir hängen am Abgrund. Gehen übers Messer. Mein Herz brach, doch ich riss mich zusammen.

Wir gingen getrennte Wege. Für drei Tage Dann klingelte es. Sergej stand vor der Tür. Mit Sekt, mit Blumen, mit brennendem Blick.

Die Nacht brannte, unsere Körper verschmolzen. Wir stürzten in den Himmel, erstickten an Liebe.

Ich wusste: Der Morgen würde nichts Gutes bringen. Die vergangene Nacht war zu perfekt, zu süß, zu viel

Doch all mein vorheriges Leiden war nur Vorgeplänkel. Sergej gestand, dass er ernsten Leuten eine große Summe schuldete. Spielschulden. Wenn er nicht zahle, sei es sein Pech.

Es dauerte lange, doch schließlich tilgten wir die Schulden. Verkauften Sergejs Wohnung, sein Auto Und danach erlosch meine Leidenschaft für ihn rasch. Diese Schulden waren der letzte Tropfen.

Heute bin ich völlig gleichgültig. Wir leben wie gute Freunde, wie entfernte Verwandte. Reden, lachen, schlafen unter getrennten Decken. So treiben wir dahin. Nichts erwärmt mehr. Ich habe den bitteren Kelch bis zur Neige geleert. Glück habe ich nicht gefunden. Anna hörte schweigend zu, strich nur leicht über den Rand ihres Weinglases. Dann sagte sie leise: Manchmal denke ich, wir suchen nicht die Liebe, sondern das Ende des Schmerzes. Und wenn selbst das vorübergeht, bleibt nur das, was war. Ich nickte, blickte aus dem Fenster, wo der Herbstwind die letzten Blätter von den Bäumen riss. Irgendwo zwischen all den Stürmen war auch ich stumm geworden.

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