Wenn deine Schwiegermutter…: Kultige Geschichten und unvergessliche Momente

**Tagebucheintrag:**

«Klaus, Klaus wach auf, ja? So verschläfst du noch dein ganzes Leben!»

Ich blinzele müde. «Adelheid, lass mich doch noch ein bisschen schlafen, verdammt nochmal.»

«Schlafen kannst du im Grab! Jetzt steh auf!»

«Genau, und im Himmel dann ausgiebig ausschlafen, ne?»

Sie schnaubt. «Wirst du nicht. Komm, hoch mit dir!»

Ich starre mich im Spiegel an unrasiert, mit roten Augen.

«Na?»

«Immer dieses Getue. Geh dich waschen, rasieren, mach dich halbwegs menschlich. Beeil dich!»

«Was soll die Eile, Adelheid?»

«Frag nicht so dumm.»

Seufzend schleppe ich mich ins Bad, fluchend unter meinem Atem. Widerworte bringen nur eins: einen Pantoffel gegen den Kopf. Diese Frau verdammt nochmal.

«Klaus, hab ich dir schon mal gesagt, dass ich manchmal deine Gedanken hören kann?» Sie thront lotossitzend auf meinem Bett. «Nebenwirkung, weißt du. Also los, Zähne putzen, rasieren du siehst aus wie ein Wildschwein.»

Diskutieren bringt nichts. Zu Lebzeiten schon nicht.

Adelheid ist keine gewöhnliche Schwiegermutter. Sie ist nun ja. Ein Geist.

Nein, ich bin nicht verrückt. Nein, ich habe mich nicht zu Tode gesoffen. Aber eines Tages stand sie einfach da.

Nach ihrer Beerdigung.

«Ich höre dich, Klaus», sagt sie und schwebt näher. «Wie hat meine Lotte nur mit dir ausgehalten? Du bist ein Dinosaurier, ein echter Urzeitbrocken.»

Ich winke ab und verschwinde im Bad.

Mit Charlotte habe ich mich vor einem Jahr scheiden lassen. Die Kinder sind erwachsen, haben ihr eigenes Leben. Lotte warf mir vor, ich würde sie «unterdrücken», packte ihre Sachen und knallte die Tür hinter sich zu.

Ich rief sie an. Sie schrie etwas von «patriarchalischem Ungeheuer» und «Frauenfeind». So hatte noch nie jemand mit mir gesprochen.

Wie soll ich denn kein «patriarchalisches Ungeheuer» sein? Ich baue Häuser. Scheunen. Bäder. Was für eine komische Frau. Und dann diese ganzen «Coaches» wer zum Teufel ist dieser «Waldemar Wunderlich»?

Plötzlich schießt mir ein Gedanke durch den Kopf. Halb rasiert stürze ich ins Wohnzimmer.

«Adelheid Adelheid!»

«Was brüllst du denn?»

«Könnten Sie mir Ihren Kohlsuppen-Geheimrezept verraten? Bitte?»

«Ha! Als ob ich mein Familienrezept preisgeben würde!»

«Wozu brauchen Sie es denn noch? Kochen Sie etwa für den Teufel?»

«Pfui!»

«Naja, Lottes Suppe war eh besser.»

«WAS? Ich habe sie beigebracht!»

Ich bürste weiter. «Tja, manchmal übertrifft der Schüler den Meister.»

Adelheid flackert wütend. «Ach ja? Welches Fleisch nimmt Lotte?»

«Schwein, natürlich.»

«Dummkopf! Rind gehört da rein!»

«Und gekocht wird nicht in diesem Topf, sondern in dem da.»

«Genau! In dem Warte!»

Am Ende koche ich die beste Kohlsuppe meines Lebens.

«Mmm Mama Sie sind ein Genie.»

«Wie bitte?»

«Ihre Suppe ist unglaublich.»

«Und Lottes?»

«Pah! Nicht mal annähernd so gut. Heulen Sie etwa? Können Geister weinen?»

«Keine Ahnung», schnieft sie. «Du bist ein Schuft, Klaus.»

«Wieso denn jetzt?»

«Du du hast mich ‘Mama’ genannt. Und jetzt jetzt heule ich.»

Sie wollte mir eigentlich «das Schicksal bescheren». Um 6:45 hätte ich den Müll runterbringen sollen und dabei auf Gertrud treffen müssen, die neue Nachbarin. Eine Begegnung mit Folgen.

«Warum haben Sie es dann nicht getan?»

Sie schaut weg. «Weil weil du mit deiner dämlichen Suppe angefangen hast!»

Ich lache. «Ich bin glücklich, Adelheid. Ich atme. Ich habe das beste Kohlsuppen-Rezept der Welt. Und Sie sind hier. Sie lassen mich nicht verhungern, nicht verzweifeln. Ich bin nicht allein. Ich habe Sie Mama.»

«Verdammt nochmal!» kreischt sie und verschwindet im Schrank.

***

Charlotte schläft schlecht. Sie träumt von ihrer Mutter jung, schön, mit ausgestreckten Armen.

Sie will ihren Coach anrufen, aber «Waldemar Wunderlich» hebt nicht ab. Stattdessen brüllt eine fremde Stimme: «Wer ruft um sieben Uhr morgens an, Sie bekloppte Kuh?!»

Lotte fährt zu mir. Warum? Sie weiß es selbst nicht.

Sie findet mich in der Küche lachend, Schach spielend mit niemandem.

«Klaus alles okay?»

«Super! Deine Mutter sagt, du hast abgenommen. Hungrig? Ich habe Kohlsuppe.»

Lotte starrt. «Klaus welche Mutter?»

«Deine. Sie ist hier. Seit einem Jahr.»

«Klaus sie ist tot.»

«Trotzdem.»

Lotte fragt Dinge, die nur ihre Mutter wissen kann und bekommt Antworten.

Dann sieht sie sie. Nur für Sekunden.

«Sie verliert Energie», flüstere ich. «Aber sie liebt dich. Sie will, dass du dass wir»

Plötzlich wachen wir auf. Es war nur ein Traum.

Doch dann hämmert es an der Tür.

«Immer noch am Pennen? Los, aufstehen! Wir fahren ins Wochenendhaus. Da werde ich dir, Lotte, mal den Kopf zurechtrücken. Und du, Klaus, lernst endlich Kohlsuppe kochen. Für alle Fälle.»

Lotte und ich starren uns an.

«Adelheid? Sie leben noch?»

«Leider. Also los, ihr Faulpelze!»

***

Später fragt sie: «Klaus warum hast du mich in dreißig Jahren nie ‘Mama’ genannt?»

Ich zucke die Achseln. «Weiß nicht Mama. Sie lächelt, einen Moment lang weich, fast menschlich. Dann haut sie mir mit der Zeitung auf den Kopf. Nächstes Mal weckst du mich um sechs, verstanden? Und wehe, die Suppe ist versalzen! Lotte lacht, ich reibe mir den Schädel und denke, dass manchmal das Unglaubliche einfach vor der Tür steht. Mit Pantoffeln in der Hand.

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