Einfach müde von dir

Einfach müde von dir, flüsterte Heike, während Lars sie sanft an den Schultern umfasste und an sich drückte. Keine Sorge, wir haben noch viel Zeit vor uns. Eines Tages werden wir Eltern sein. Dann wird unser Kind unser beider Ebenbild sein hörst du? Das wird geschehen.

Heike nickte, das Gesicht an seinem Rücken gelehnt, und wollte an diese Worte glauben. Doch tief in ihr hatte sich ein kalter, schwerer Nebel breitgemacht, der ihr das Atmen erschwerte. Drei Jahre Ehe, drei Jahre voller Hoffnungen, Enttäuschungen, endloser Arztbesuche, Bluttests und Bildgebungen alles ohne Ergebnis.

Ich weiß es, murmelte Heike leise, obwohl sie nicht mehr an sich selbst glaubte.

Lars küsste sie auf die Stirn; ein warmes Lächeln schien ihr zuzufließen. Doch Heike hatte das Gefühl, er trüge eine Maske, die Verzweiflung und Ärger verbirgt.

Anfangs hielt Lars seine Versprechen. Er war da, unterstützte, kümmerte sich. Ohne Grund brachte er Blumen, kochte sonntags Frühstück, umarmte sie nachts, wenn Heike nach einem weiteren negativen Test weinend ins Kissen sank. Er war freundlich, geduldig, liebevoll.

Nach und nach änderte sich etwas, zunächst kaum bemerkbar. Lars blieb länger im Büro, dann kamen Dienstreisen, immer öfter. Morgendliche Umarmungen verschwanden, er zog sich zurück, wenn Heike abends auf dem Sofa neben ihm sitzen wollte. Gespräche verkürzten sich zu knappen, offiziellen Antworten, die Augen suchten Niederungen.

Heike versuchte, das zu ignorieren, redete sich ein, es sei nur vorübergehend, dass Lars von der endlosen Anspannung, den ständigen Enttäuschungen müde sei und alles wieder gut werden würde, wenn man nur warte.

So verging ein weiteresinhalbjähriges Schweigen.

Heike, wir müssen reden, sagte Lars eines Abends, während sie nach dem Abendessen das Geschirr abspülte.

Heike erstarrte mit der Platte in der Hand, seine Stimme klang zu ernst, zu geschäftlich. Langsam drehte sie sich zu ihm.

Worum? ihre eigene Stimme kam ihr fremd vor.

Ich will die Scheidung einreichen.

Vier Worte, und Heikes Welt zerbrach. Die Platte glitt ihr aus den Händen, zerschellte auf dem Fliesenboden. Sie stand wie erstarrt, die Augen weit geöffnet, versuchte zu begreifen, was sie gehört hatte.

Was?!

Es tut mir leid, wendete Lars den Blick ab. Ich kann nicht mehr. Ich bin müde vom Warten, vom Hoffen. Das ist nicht das Leben, das ich wollte. Ich will Kinder, eine echte Familie. Aber wir sind nur zwei Menschen unter einem Dach. Es ist Zeit, das Vorspiegeln zu beenden.

Heike sank schwer auf einen Stuhl, die Beine versagten, ein Vakuum füllte ihr Inneres.

Ich mache dir nichts vor. Es ist einfach so gekommen. Ich kann nicht länger so tun, als wäre alles in Ordnung. Es tut mir leid.

Lars drehte sich um, verließ die Küche. Heike hörte, wie er im Schlafzimmer seine Sachen zusammenpackte, dann das leise Klicken des Schlosses, und Stille.

Die Zeit verschmolz zu einem einzigen Fleck. Heike ging weiter zur Arbeit, kochte für sich, räumte die Wohnung, tat alles wie früher, doch ein gähnendes Loch erfüllte sie. Einsamkeit umhüllte sie wie ein kalter Nebel, dem man nicht entkommen konnte.

Sie gab sich die Schuld, weil sie die Ehe nicht retten konnte, weil sie Lars nicht geben konnte, was er wollte.

Ein Lichtstrahl in dieser Dunkelheit war Klara, ihre Freundin seit dem Studium in München. Sie hatten gemeinsam die Vorlesungen überlebt, Geheimnisse geteilt, von der Zukunft geträumt. Klara war da, als Lars ging, brachte Kuchen und Tee, setzte sich neben Heike, umarmte, hörte zu, gab keine Ratschläge, sondern war einfach da.

Alles wird gut, Heike, strich Klara ihr über den Rücken. Du schaffst das. Du bist stark.

Heike nickte, obwohl sie nicht an die Worte glaubte, doch Klaras Nähe wärmte sie, erinnerte sie daran, dass sie nicht völlig allein war.

Sie trafen sich wöchentlich, in Cafés oder bei jemandem zu Hause. Klara erzählte von ihrer Arbeit, ihrem Mann, ihren Plänen. Heike hörte zu, versuchte, sich für die Freundin zu freuen, während ihr Inneres von Schmerz zusammenzog. Klara schien ein perfektes Leben zu führen ein liebevoller Mann, Stabilität, all das, was Heike verloren hatte.

Doch nach und nach bemerkte Heike Eigenheiten. Klara antwortete seltener auf Nachrichten, fand immer neue Gründe, Treffen in letzter Minute abzusagen. Ihr Lächeln wirkte gezwungen, ihr Blick flüchtig. Sie verließ das Gespräch hastig mit der Ausrede dringender Termine.

Nicht nur Klara. Das ganze Freundeskreisen schien sich zurückzuziehen. Der Gruppenchat verstummte, niemand schrieb Heike zuerst, Einladungen blieben aus. Sie fühlte sich unsichtbar, als hätten alle beschlossen, sie zu ignorieren.

Heike schenkte dem alles keine Bedeutung, dachte, alle seien nur beschäftigt, jeder habe sein eigenes Leben. Doch ein kalter Kloß setzte sich in ihrer Brust und ließ sie nicht los.

Dann kam Klaras Geburtstag. Heike kannte das Datum wie ihren eigenen Puls. Sie hatten jedes Jahr gefeiert Torte, Sekt, Geschenke, Lachen bis in die Morgenstunden. Eine Tradition, die seit Studienzeiten bestand.

Dieses Jahr jedoch kein Anruf, keine Nachricht, keine Einladung. Heike wartete bis zum letzten Moment, hoffte, Klara habe einfach vergessen, aber das Telefon blieb stumm, der Tag verging ohne ein einziges Signal.

Am Abend reißte Heike sich zusammen, kaufte ein Geschenk einen Schal, den Klara sich schon lange gewünscht hatte wickelte ihn in hübsches Papier und fuhr zu Klaras Wohnung, um einfach zu gratulieren, um zu zeigen, dass sie noch an sie dachte.

Schon auf dem Treppenabsatz hörte Heike gedämpfte Musik und Stimmen, das Fest war in vollem Gange. Sie stand einen Moment, sammelte ihren Mut, klopfte an die Tür. Die Klänge drangen weiter, ein weiteres Mal öffnete sich die Tür.

Am Eingang stand Klara, im eleganten Kleid, ein Glas Champagner in der Hand. Ihr Lächeln erstarrte, als sie Heike sah, die Augen weiteten sich, das Bild einer überraschenden Begegnung.

Heike, hauchte Klara, was machst du hier?

Ich wollte dir gratulieren, sagte Heike und reichte das Geschenk, ein Lächeln aufgesetzt, das innerlich zu einem Knoten zusammenzog. Zum Geburtstag.

Klara nahm das Geschenk nicht, stellte sich breit in den Türrahmen, ihr Blick war kühl, als würde sie etwas Unangenehmes abschütteln wollen.

Ich danke, aber stotterte sie.

Warum habe ich keine Einladung bekommen?, platzte Heike heraus. Wir haben immer zusammen gefeiert. Was ist passiert, Klara? Warum ignoriert ihr mich alle?

Klara wandte den Blick ab, fuhr sich durch das Haar. Hinter ihr hörte Heike ein Lachen, sah in die Wohnung. Dort stand Lars, umarmte eine blondhaarige, lachende Frau, küsste sie lange, zärtlich.

Heike konnte nicht atmen, die Welt schwemmte. Lars war hier, bei Klaras Geburtstag, mit einer anderen.

Klara packte Heikes Hand, zog sie in den Flur und schloss die Tür hinter sich.

Heike, hör zu

Erkläre mir warum ist er hier? Warum wurde ich nicht eingeladen?

Klara atmete schwer, lehnte sich an die Wand, ihr Gesicht zeigte Verlegenheit und Ärger. Sie blickte zur Seite.

Wir hatten nach deiner Scheidung Kontakt zu Lars, weil er ja einst dein Ehemann war. Wir haben uns oft getroffen, und jetzt er ist wieder Teil unseres Lebens. Er ist ein netter Kerl, es ist interessanter mit ihm.

Und ihr habt seine Seite gewählt, fuhr Heike fort, ihr Inneres fror. Wir kennen uns seit der Uni, Klara. Jahrelang. Wie konntest du das?

Heike, das ist nicht so einfach, zog Klara die Arme vor der Brust zusammen. Mit ihm ist es leichter. Er meckert nicht, er beschwert sich nicht. Und ehrlich, keiner wollte mehr deine ständigen Klagen hören. Die Atmosphäre war zu schwer, wir waren alle müde von dir.

Heike sah ihre einstige Freundin mit einem Ausdruck, der kaum noch Freundschaft war, sondern bloße Gleichgültigkeit.

Außerdem, fuhr Klara hastig fort, Lars ist jetzt glücklich. Er hat eine neue Partnerin, bald Hochzeit, das Kind wartet. Alles läuft perfekt für ihn. Wenn wir hier zusammen wären, wäre es zu peinlich für alle. Wir wollten keinen Aufruhr.

Heike nickte mechanisch, ein letztes Stück ihres Herzens brach. Lars würde bald Vater, ein neues Leben, eine neue Familie alles, was er sich gewünscht hatte, das er nie mit ihr hatte erreichen können.

Und Heike war plötzlich völlig überflüssig.

Ich verstehe, flüsterte Heike und reichte Klara das Geschenk. Nimm es. Alles Gute zum Geburtstag.

Klara nahm die Schachtel, ohne Heike anzusehen.

Nach all den Jahren hättest du das hier im Gesicht sagen können, fuhr Heike fort, ihr Blick fest auf Klara gerichtet. Anstatt zu verstecken und zu rechtfertigen, nur wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Ich dachte, wir seien ehrlich zueinander, aber offensichtlich lag ich falsch.

Klara schwieg, starrte auf den Boden, die Hände um das Geschenk geklammert.

Herzlichen Glückwunsch, schloss Heike und drehte sich zur Treppe. Ich wünsche euch alles Gute. Lebt glücklich.

Ihre Schritte hallten laut auf dem Treppenhaus. Heike ging nach unten, hielt sich an dem Geländer fest, die Beine zitterten, der Atem stockte. Nur das Ziel, die Straße zu erreichen, trieb sie voran.

Ein kalter Luftzug drang in die Lungen, als Heike das Treppenhaus verließ. Tränen, die sie lange zurückgehalten hatte, strömten in einem heißen, brennenden Strom über ihr Gesicht. Sie lief die menschenleere Straße entlang, weinte aus Schmerz, aus Wut, aus Einsamkeit.

Innerhalb eines Jahres hatte sie den Mann verloren, und, wie sich herausstellte, alle Freunde, die sie für nah gehalten hatte. Die alte Redensart kam ihr in den Sinn: Freunde zeigen sich in der Not. Es schien, als gäbe es keine wahren Freunde mehr. Vielleicht hatte es sie nie gegeben.

Heike wischte die Tränen ab und ging nach Hause, zu der Wohnung, in der niemand auf sie wartete. Doch tief in ihr glomm ein schwacher Gedanke, dass das nicht ewig so bleiben würde. Und dass vielleicht, ganz leise, alles, was nicht funktioniert, doch zu etwas Besserem führt.

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Einfach müde von dir
Granny hasn’t got long left—time to sell the old house before it’s too late…