Besondere Verbindung

**Eine besondere Verbindung**

Finn war sich sicher, dass er gleich was auf die Mütze kriegen würde und nicht vom Dorfrowdy Kalle, sondern von seiner eigenen Mutter.

Er pfiff vor sich hin, während er nach Hause ging, doch sein Herz machte einen Satz. Oh ja, gleich gabs was.

Tante Erika, die Freundin seiner Mutter, hatte ihn mit einer Zigarette gesehen. Er hätte natürlich flunkern können, dass er sie nur halten sollte aber nein! Tante Erika hatte gesehen, wie er selbst daran zog! Was sollte er jetzt seiner Mutter erzählen? *Hat mir wer die Kippe in den Mund gestopft?* So nach dem Motto: *Hier, probier mal, ist wie halt mal kurz?*

Finn tat so, als hätte er Tante Erika nicht bemerkt, und sie Gott sei Dank schrie nicht rum, gab ihm auch keine Ohrfeige, sondern sah ihn nur scharf an und ging weiter.

Aber Finn war nicht dumm. Er wusste genau: Tante Erika hatte schon alles ausgeplaudert, und seine Mutter wartete mit dem Gürtel. Finn machte schon die dritte Runde ums Haus, als er Oma Erna sah.

Aha, schwere Geschütze wurden aufgefahren. Das war ein verbotener Trick! Jetzt würde Oma loslegen, Tränen vergießen und erzählen, wie sie eine verdiente Lehrerin der DDR Hunderte Kinder erzogen hatte, aber ihren eigenen Enkel vernachlässigt hatte. Wie peinlich! Wie sich der Opa, der Urgroßvater und alle Ahnen im Grab umdrehten!

Als Kind hatte Finn schreckliche Angst davor gehabt, wenn Oma von den Ahnen sprach. Er stellte sich vor, wie die Erde sich hob und senkte, wenn sie sich drehten. Bis er eines Tages begriff: *Na gut, wenn sie sich wälzen wenigstens bekommen sie keine Wundliegen wie Oma Schorsch!*

Oma packte sich ans Herz. Seine Mutter fing an zu lachen, vergaß sogar, Finn zu verhauen, und kassierte dafür selbst eine mit dem Nudelholz von Oma.

Jetzt stand Oma Erna vor ihm, atemlos.

Was machst du hier? Warum bist du nicht zu Hause?, fragte sie, während ihre Augen nervös hin und her flackerten, als hätte nicht er, sondern sie selbst heimlich geraucht. Hast du dich mit deiner Mutter gestritten?

N-nein Ich war noch gar nicht da.

Wie, noch nicht da? Wo warst du denn die ganze Zeit?

In der Schule, dann Training, und jetzt geh ich heim.

Aha *Jetzt geht’s los*, dachte Finn. *Gleich kommt Pust mal!, und dann das große Theater.*

Was ist das? Warum sind deine Hände so rot? Wo sind deine Handschuhe? WO?

Hab sie vergessen, Oma.

Wie, vergessen? Und deine Mutter? Warum passt sie nicht auf? Zeig mal deine Beine!

Oma krempelte seine Hose hoch, stöhnte theatralisch.

Was ist DAS?

Was, Oma?, fragte Finn erschrocken.

Warum sind deine Knöchel so rot? Warum hast du keine Unterhosen an? Und wo ist dein Schal?

Finn schämte sich plötzlich zu Tode. Noch schlimmer: Aus dem Hinterhof lugte Kalles rote Mütze hervor. *Oma, echt jetzt? Wer hat dich darum gebeten?* Vielleicht hatte sie na, wie heißt das noch? Altersstarrsinn? Oma war sonst ganz normal, aber heute

Oma wie viel ist fünf mal fünf?

Fünfundzwanzig, sagte Oma verdutzt.

Was ist das Quadrat der Hypotenuse?

Die Summe der Kathetenquadrate Finn? Hast du deine Hausaufgaben nicht gelernt? Sie kontrolliert nicht mal das? Das lasse ich nicht durchgehen! Komm mit!

*Was? Oma ist auf MEINER Seite?* Vielleicht entging er doch der Standpauke. Oder war das ein Paralleluniversum? Waren sie von Robotern übernommen worden? War das überhaupt noch seine Oma?

Oma auf welcher Seite ist meine Blinddarmnarbe?

Rechts. Welche Narbe? Du hattest nie eine Blinddarm-OP.

Okay, doch noch Oma.

Sie hasteten nach Hause, Oma zerrte ihn am Arm, keuchte vor Anstrengung.

Seine Mutter war da, aus der Küche duftete es lecker. Sie trug ihr schickes Kleid, Lockenwickler in den Haaren, neue Ohrringe und Schuhe mit Absätzen? Was ging hier vor?

Finni, rief sie und drückte ihn an sich. Zieh dich aus, wasch die Hände, gleich gibts Abendessen. Mutti, isst du mit?

Warum läuft das Kind allein draußen rum? Will nicht nach Hause, was? Na klar, du hast es ja geschafft dein eigenes Fleisch und Blut gegen Wo sind seine Handschuhe? Seine Unterhosen? Es ist eiskalt! Dir ist das egal, was? Brauchst ja kein Kind du hast doch

Mama, hör auf. Bitte. Isst du mit uns?

Nein! Ich setze keinen Fuß mehr hierher, verstanden? Und weißt du was? Finn, mein Junge, drehte sie sich zu ihm um, pack deine Sachen. Du kommst mit zu mir.

Wieso, Oma?, fragte Finn verdutzt.

Zum Wohnen, Finni. Zu mir.

Nee, will ich nicht

Finn stellte sich vor, wie Oma ihn ständig nerven würde. Nein danke!

Mama, Finn bleibt hier. In seinem Zuhause. Bei seiner Familie.

Wo ist sein Zuhause? WO? Du du hast alles weggeworfen! Finn, pack deine Sachen!

Mama, wenn du nicht aufhörst, dann dann muss ich

Was? WAS? Wirfst du deine eigene Mutter raus?

JA!

Ach, du Gemeine! Ich habe dich großgezogen, und du

Mutter ließ Oma nicht ausreden. Finn sah etwas Unglaubliches: Sie packte Oma am Arm und bugierte sie kurzerhand auf den Flur, knallte die Tür zu.

Oma schrie, sie würde die Polizei rufen, dass Mutter ihm Finn geben solle und leben könne, wie sie wolle. Irgendwas von einem Knasti.

Mutter zerrte Finn ins Wohnzimmer, wo ein fremder Mann saß und ihn misstrauisch musterte.

Finn ich werde nicht lügen. Das ist dein Vater.

Oma heulte vor der Tür, Mutter stand mit hängenden Armen da, der Mann stand auf groß, schlaksig, mit Finns Augen.

Hallo Sohn.

Finn fuhr zurück, stemmte sich gegen die Tür.

Aber du hast gesagt, er sei tot

Anja, seufzte der Mann.

Das war nicht ich, Frank. Das war Mama. Sie sagte, es wäre besser für dich, wenn du denkst, er

Es klingelte und hämmerten an der Tür.

Polizei! Öffnen!

Anja, soll ich gehen?

Nein, es reicht. Finn, wir erklären dir alles. Hab keine Angst

Mutter öffnete die Tür.

Eine aufgelöste Oma, der Dorfpolizist und neugierige Nachbarinnen stürmten herein.

Hier wurde eine Gefahrenmeldung abgegeben

Hier ist alles in Ordnung. Mein Mann ist von der Arbeit zurück, vom Norden. Das ist unser Sohn.

Aber Ihre Mutter

Er ist ein entflohener Sträfling! Verhaften Sie ihn! Finn, komm her! Er tut dir nichts!

Oma, hör auf mit dem Theater.

Dokumente, bitte.

Natürlich.

Vorbestraft?

Nein. Ich arbeite seit Jahren im Norden, gleich nach der Schule

Entschuldigung

Verhaften Sie ihn! Er hat das Leben meiner Tochter ruiniert! Sie hatte so gute Verehrer

Mama, hör auf, mich bloßzustellen! Die Vorstellung ist vorbei!

Mutter schloss die Tür.

Ein Vater? Er hatte einen Vater? Elf Jahre lang hatte Finn ohne ihn gelebt wozu brauchte er ihn jetzt? Er hatte Mutter, Oma und einen lebendigen Vater? Aber Oma hatte doch gesagt

Finn hatte sich immer für seinen Vater geschämt einen Dieb, mehrfach vorbestraft, in einer Schlägerei erstochen. So hatte Oma es ihm erzählt. *Damit niemand es erfährt, diese Schande.*

Und jetzt jetzt stellte sich heraus, dass sie ihn sein ganzes Leben belogen hatten. Mutter, Oma der Vater, der gar nicht tot war.

Finn, sagte Mutter. Sie sah, was kommen würde. Aber sie war zu langsam. Finn schnappte sich seine Jacke, seine Schuhe und stürmte raus.

Er rannte, weinte. Wem sollte er noch trauen? Wenn die Nächsten ihn betrogen, belogen

Finn!, rief Mutter hinterher. Doch er hörte nicht. Er rannte barfuß, die Kleidung an sich gepresst.

Hey, Kleiner Finn wusste, dass das Kalle war. Egal. Schlimmer konnte es nicht werden. Warte doch wer jagt dich?

Kalle griff nach seinem Arm.

Wer bist du?

Keiner. Lass mich.

Es ist Herbst, du erkältest dich. Ich war letztes Jahr im Krankenhaus hab mich dick und rund gefuttert, sagte Kalle verträumt. Aber du, du bist ein Häuslicher.

Und du? Ein Straßenkind?

Na ja, kann man so sagen, grinste Kalle. Komm mit. Ich mag dich, Finn. Hätte ich doch so einen Bruder Meine Mutter ist nicht da, sie ist auf Tour.

Wie?

Sie ist Zugbegleiterin. Komm schon.

Du lebst allein?

Jep.

Die Holztür sah aus, als hätte ein Tier daran genagt. Drinnen war es sauber, aber Finn fand kein Wort.

Zieh die Schuhe nicht aus. Komm in mein Zimmer.

In Kalles Zimmer stand ein Sofa, Plakate an den Wänden: Die Toten Hosen, Rammstein, die Ärzte andere kannte Finn nicht.

Seine Mutter erlaubte keine Plakate. Er hatte eines von Einstein und hatte gegen fünf Glitzeraufkleber eines von Modern Talking getauscht. Unter einer Glasplatte lagen Sammelkarten auch so ein Wunsch, den Mutter nie erfüllte.

Und eine Gitarre. Wow.

Deine?

Joa.

Tee?

Finn nickte. Er merkte, dass er Hunger hatte. Mist, hätte er vor dem Ausreißen wenigstens gegessen.

Hör mal, ich hab Kohldampf willst was essen? Nudeln mit Sardellen?

Finn zuckte mit den Schultern. Kannte er nicht.

Alter, das ist das Beste!

Kalle kochte Nudeln, schüttete sie ab, brutzelte Zwiebeln in der Pfanne und schmiss eine Dose Sardellen in Tomaten dazu. Alles vermengt.

Finn hatte noch nie so was Köstliches gegessen.

Dann tranken sie Tee aus Gläsern mit blauen Zug-Motiven, Zuckerwürfel dazu.

Hör mal wie heißt du eigentlich?

Kalle lachte.

Kevin. Kevin Meier.

Warum

Kalle? Keine Ahnung. Hängengeblieben. Willst du was hören?

Klar.

Und Kevin spielte und sang. Richtig gut.

Du bist echt ein Star, Kevin. Wer ist das?

Alter! Das sind die Ärzte! Und das? Kennst du die?

Nee, Clowns?

Selber Clown! Das sind die Beatles!

Englisch?

Ja! Legenden!

Ich kenn nur Rammstein. *Du hast*, sang Finn, und Kevin griff in die Saiten. So sangen sie zusammen.

Du musst heim. Die suchen dich bestimmt mit der Polizei.

Finn runzelte die Stirn.

Was ist?

Also erzählte er alles.

Sei nicht blöd. Das ist doch super, dass dein Vater lebt. Ich hab keinen.

Wo ist er?

Keine Ahnung. Mutti sagt, er sei Astronaut.

Ah

Quatsch. Sie hat mich aus nem Zug mitgebracht Ich hab keine Omas, Opas, Tanten. Mutti war im Heim. Aber sie hat mich behalten, hörst du? Ich lerne was und verbiete ihr die Touren. Aber du, Finn reg dich nicht auf wie ne Prinzessin. Das sind Erwachsenendinge.

Danke, Kevin.

Wofür?

Für alles. Finn trat plötzlich vor und umarmte ihn fest.

Kevin hatte recht. Er brachte Finn nach Hause.

Alle suchten ihn: Mutter, Oma, Nachbarn, der Dorfpolizist und dieser Mann. Sein Vater.

Später erklärten sie alles. Wie Mutter schwanger geworden war, wie Oma nicht wollte, dass sie sich an Finns Vater band.

Doch sie taten es.

Dann fuhr Vater zum Arbeiten, Mutter blieb mit Finn. Oma schrieb Vater, Mutter hätte neu geheiratet, er solle nicht schreiben.

Vater schrieb wütend zurück heiratete selbst. Mutter erfuhr es, ließ sich scheiden.

Vor drei Jahren begannen sie wieder zu schreiben. Vater lebte allein, die Ehe hielt nicht er konnte nicht lügen.

Warum?, fragte Finn Oma. Warum?

Ich wollte Glück für meine Tochter. Für dich

Und für meinen Vater?

Verzeih mir

An Finns Geburtstag lud er Kevin ein. Kevin schenkte ihm ein Rammstein-Poster und Mutter erlaubte es an der Wand.

Nicht Kevin. Das Poster. *Du hast*

Finn verzieh allen. Oma, seinen Eltern.

Das sind Erwachsenendinge, hatte Kevin gesagt.

Und als Oma erfuhr, dass Kevin allein lebte, adoptierte sie ihn quasi: kochte ihm Kuchen, brachte ihm Mathe bei plötzlich hatte er Einsen.

Seitdem sind Finn und Kevin wie Brüder.

Wenn sie auf dem Land sind, singen sie Gitarrenlieder *Du hast* und essen Nudeln mit Sardellen, als gäbs nichts Besseres.

Und Finn liebt seinen Vater. Der hat noch zwei andere Kinder alle verstehen sich. Doch zwischen Finn und ihm gibts diese besondere Verbindung.

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UNFAMILIAR LETTERS