Gib mir noch eine Chance, flehte das Mädchen erneut, zog aus ihrer winzigen Tasche ein Taschentuch, wischte hastig die Tränen von den Wangen. Das Tuch war weiß, mit einem hellblauen Saum und zarten Blumen in den Ecken.
Wie rührend, dachte Professor Andreas Jürgens. Ach, die Sensibilität ich kann die Tränen einer Frau nicht ertragen!
Keine Hoffnung heute. Versuchen Sie es nächstes Jahr, meine Liebe. Doch bis dahin kann ich Ihnen eine Stelle als Ordinationshilfe anbieten. Der Job ist schmutzig und schwer, aber Sie sehen dann das Innere der Klinik all das weiße KittelWunder, die glänzenden Instrumente, die sterilen Flure. Sie gehen dann als halbgötterhafte Heldinnen daher, nicken den Patienten zu, und sie schauen Sie flehend an.
Er blickte über den Innenhof der Fakultät, wo Studenten in Gruppen standen, und fuhr fort: Stellen Sie sich den schneeweißen Kittel, die funkelnden Werkzeuge, den sonnendurchfluteten Flur vor und Sie, die stolz nicken, während die Patienten Sie mit bittenden Blicken auffordern.
Wie viele Sommersprossen hast du, Krüger, sagte er plötzlich, beugte sich unter die Mütze des Mädchens, verweilte einen Moment. Die Sonne küsst dich, du kleine Blumenprinzessin.
Ein Lachen brach aus ihm heraus. Die zarten Sommersprossen auf Liselottes Haut, das Sonnenlicht, das sie küsste, sein eigener Hochzeitstag, die bevorstehende Fahrt zum Schrebergarten, wo Karpfen und Hechte im Teich schwimmen, die Bienen, die laut in den Bienenstöcken summen, und er selbst, der mit ihnen zu reden schien.
Liselotte hob überrascht den Kopf, verengte die Augen. Professor, Sie lachen? Das ist seltsam.
Er senkte die Stimme: Entschuldigung, ich will Sie nicht verspotten. Sie, Liselotte, sind eine wunderschöne junge Frau.
Ein kurzer Moment der Stille, dann: Wie wäre es mit Eis? Es ist heiß, nicht wahr? Er zog den Kragen seiner Hemdjacke zurück, griff nach seiner abgenutzten Aktentasche. Hier, nehmen Sie das Geld. Er durchwühlte die Tasche, zog zerknitterte EuroScheine hervor. Geh und kauf dir und mir je ein Eis. Ich warte hier auf der Bank.
Liselotte zuckte die Schultern, fragte leise: Welches soll ich nehmen?
Beliebig, aber schnell. Sonst bleibt das EisLöcher, und Sie bekommen nie diese Stelle.
Er beobachtete, wie Liselotte mit ihren zierlichen Beinen zum Eisstand schlenderte. Du bist noch ein Kind, ein Mädchen! schüttelte er den Kopf.
Auf einer Bank setzte er sich, legte die Aktentasche neben sich und zog ein anderes Taschentuch aus seiner Jacke groß, mit grobem blaugrün gemusterten Karos, schlicht und hässlich. Er wischte sich die Stirn, verzog das Gesicht. Es ist widerlich, schwitzig, müde und alt zu sein, neben diesem zarten Mädchen.
Ich liebe meine Frau mehr als alles, murmelte er, und sehe niemals auf Studentinnen. Doch ein Funken Bedauern glomm: das junge, mutige Leben von Liselotte, ihr entschlossener Wille, erschien ihm als das, wonach er einst selbst gestrebt hatte.
Liselotte reichte ihm das Eis, verneigte sich leicht. Und jetzt? fragte sie, den Blick auf seine leeren Hände gerichtet.
Nimm ein zweites, befahl er, die Stimme rau vor Ärger. Du hörst nicht, was ich sage.
Sie rannte zurück, kaufte ein weiteres Eis, setzte sich keuchend auf die Bank neben seine Aktentasche.
Iss, befahl er, und dann verabschiede dich. Ich muss meine Frau zum Schrebergarten bringen, Gepäck tragen und Kisten stemmen.
Liselotte wischte sich den Mund, schüttelte die Nase. Das Eis schmeckte zu süß, zu fettig, ließ nur Durst zurück.
Wie können Sie nicht wissen, woher Sie kommen? schimpfte er, stampfte mit dem Fuß.
Liselotte erklärte, sie sei bei ihrer Tante, die bald Verwandte aus dem Norden erwartet, und müsse bald weiterziehen.
Wo wohnen Sie?, fragte er, während er das Eis kaute.
Egal, sagte sie. Geben Sie mir noch eine Prüfung.
Er schüttelte den Kopf, winkte ab: Das ist unmöglich, nicht alle Dinge passen zusammen.
Ein junger Mann, Vojtěch, kam vorbei, nahm Liselottes kleinen Koffer, und sie streckte nach ihm, rief: Gib mir den zurück!
Er schnaufte, hielt den Koffer und sagte: Ich habe immer für dich gekämpft.
Sie fiel ihm in die Arme, weinte kindlich, dann küssten sie sich, während das Publikum aus staunenden Augen zusah.
Der Professor, jetzt etwas älter, trat aus dem Büro der Zulassungsstelle, schüttelte die Hände, rief nach den Namen: Krämer, Krüger, Kraus Und dann: Wo ist Liselotte Krüger?
Eine Studentin, Nadine, zog ein weißes Taschentuch mit blauen Rändern aus ihrer Handtasche.
Ich habe es auf dem Markt gekauft, sagte sie verlegen.
Der Professor schrie: Wo ist das Taschentuch?!
Nadine senkte den Kopf, zog ein Stück Apfel aus der Tasche, kaute nervös.
Sie ist nicht hier, brüllte er, und ich habe meine Frau wegen ihr verrückt gemacht.
Er verließ den Raum, stürmte zur EiswaffelKutsche, kaufte ein weiteres Eis, setzte sich wieder auf die Bank und dachte:
Warum gerade sie? Viele wollten mich bestechen, doch sie hat nichts verlangt nur zu lernen.
Später, in der kleinen Stadt Kleinburg, saß Liselotte auf einer Bank, ihr Koffer versteckt zwischen Sträuchern, und flüsterte: Alles ist vorbei.
Die Geschichte der Stadt, halb Stadt, halb Land, mit Fachwerkhäusern und bunten Fassaden, glaubte niemand, dass ein Mädchen wie ein Grillenchen Medizin studieren und eines Tages im weißen Kittel durch die Klinik wandern würde.
Der Oberarzt des örtlichen Krankenhauses, Dr. Klaus Fink, war ein hagerer Mann mit roter Nase, blauen Adern im Gesicht, dunklen Lippen, und er verließ das Gebäude selten.
Liselotte wollte ihn herausfordern, doch die Prüfungen fielen ihr schwer Biologie, Genetik, Physik.
Der Professor war längst verschwunden, Liselotte blieb mit dem Eiskübel in der Hand zurück.
Jetzt will ich nur noch trinken, dachte sie, griff nach ihrem Koffer und ging zur Haltestelle, um den Zug zu erreichen.
Sie fürchtete die Nacht, jedes Gebüsch schien Gespenster zu bergen, die Geschichten ihrer Großmutter wiederholten sich.
Der alte Großvater schnarchte laut im Zimmer, murmelte und fluchte im Schlaf, was Liselotte unbeholfen beruhigte.
Der Großvater starb an Lungenentzündung, Dr. Fink verschrieb nur noch alte Umschläge.
Eine Krankenschwester, Tamara Egger, rief hinterher: Er hat es kaum überlebt.
Der dunkle Weg nach Hause blieb dieselbe, Gestrüpp, alte Backsteinhäuser, überall Ungeheuer.
Ein junger Mann, Vojtěch, holte den Koffer, Liselotte schrie: Gib zurück, ich trage ihn selbst.
Er antwortete: Ich habe immer für dich gekämpft.
Sie fiel ihm in die Arme, weinte, dann küssten sie sich und das Publikum sah zu.
Der Professor, nun in seiner alten Jacke, griff nach der Liste der Bewerber, rief: Krüger, Liselotte!
Er sah die schimmernden Sommersprossen auf seiner Nase, lächelte traurig.
Liselotte, warum bist du hier? fragte er, doch sie legte den Finger an die Lippen, verlangte Ruhe.
Ich komme nächstes Jahr zurück, flüsterte sie. Ich will Ärztin werden, die hier alles ändert.
Der Professor schnaufte, schlug das Kissen, rief: Wir müssen das alte Haus zerreißen!
Eine Stimme drängte: Andreas, beruhige dich!
Liselotte lächelte, sagte: Du siehst aus wie ein Zauberer, Herr Professor.
Was? rief er.
Ich bin Liselotte Krüger.
Der alte Dr. Fink, jetzt mit grauem, schmutzigem Kittel, trat ein, sah die Szene und sagte: Das ist nicht mehr zu retten.
Liselotte nahm ihm eine Tasse Tee, stellte ihn zur Ruhe.
Der Professor, erschöpft, verließ das Zimmer, ließ das Licht hinter sich aus.
In der kalten, grauen Klinik, die Fenster vom ersten Licht des Morgens durchbrochen wurden, lag Andreas Jürgens leblos, während seine Frau schlief.
Eine Krankenschwester in blau kam, reichte ihm Wasser.
Krüger? Sie? flüsterte er, kaum zu glauben.
Ich bin hier, antwortete Liselotte, und ich werde zurückkommen.
Der Professor schloss die Augen, während das Licht der Morgendämmerung den Raum erhellte.
Und so stand Andreas Jürgens, stolz die Liste zu lesen, die endlich Liselottes Namen trug.
Liselotte Krüger, zugelassen. Der Arzt lächelte, ging zur EiswaffelKutsche, bereit, die nächste Herausforderung anzugehen.







