Alles fing mit einer kurzen Nachricht im Feed an ein Foto von einem Mann mit dem Text: Vermisst im Wald, Hilfe nötig. Thomas Müller starrte lange auf den Bildschirm, als wäre er auf ein Zeichen gewartet. Er war 48, hatte einen sicheren Job, einen erwachsenen Sohn, der in Hamburg lebt, und war normalerweise jemand, der sich nicht in fremde Probleme einmischt. Doch an dem Abend ließ ihn das nicht los, es fühlte sich an, als wäre es ein Verwandter von ihm. Also klickte er auf den Link und schrieb dem Koordinator des Suchtrupps, der sich LisaAlarm nannte.
Die Antwort kam sofort, freundlich und klar. In der Einsteigergruppe gab es eine genaue Anweisung: Treffen am Dorfrand um 19Uhr, Laterne, Wasser und Proviant, warme Kleidung. Sicherheit zuerst. Thomas packte sorgfältig alles in seinen Rucksack: einen alten Thermos für Tee, ein ErsteHilfeSet, Ersatzsocken. Ein leichtes Zittern in den Fingern es war ungewohnt, Teil von etwas Größerem zu sein.
Zuhause wurde es ruhiger: der Fernseher aus, in der Küche duftete frisch gebackenes Brot. Auf dem Handy erinnerte ihn die Koordinatorin an die Sammelzeit. Er fragte sich: Warum gehe ich mit? Will ich mich testen, meinem Sohn etwas beweisen oder kann ich einfach nicht wegschauen? Eine klare Antwort fand er nicht.
Draußen wurde es bereits dunkel, die Autos auf der Autobahn trugen die Sorgen der anderen fort. Die kühle Abendluft kroch an den Kragen seiner Jacke. Das Treffen mit den Freiwilligen verlief zurückhaltend: Gesichter, die zwanzig Jahre jünger oder ein paar Jahre älter waren als seine. Die Koordinatorin, eine Frau mit kurzem Haarschnitt, gab schnell die Anweisung: Nicht von der Gruppe abweichen, Funkgerät hören, zusammenbleiben. Thomas nickte, wie alle anderen.
Wir liefen zum Wald entlang eines niedrigen Zauns. Im Dämmerlicht wirkten die Bäume immer höher und dichter; am Rande des Dorfes hörte man schon die Vögel zwitschern und das Rauschen des Laubs unter den Schuhen. Die Laternen zeigten feuchte Gräser und kleine Pfützen nach dem Regen des Nachmittags. Thomas hielt sich eher in der Mitte der Kolonne nicht vorne, nicht hinten.
Im Inneren wuchs die Anspannung: jeder Schritt ins Dunkel brachte einen neuen Angstschub. Der Wald hatte sein eigenes Geräusch Äste kratzten aneinander bei jedem Windstoß, irgendwo knackte ein Ast. Einer flüsterte einen Witz über ein MarathonTraining. Thomas schwieg, lauschte sich selbst zu: Die Müdigkeit stieg schneller als die Gewöhnung an die Dunkelheit.
Jedes Mal, wenn die Koordinatorin kurz anhielt, um die Funkverbindung zu prüfen, schlug mein Herz stärker. Ich fürchtete, ein Signal zu verpassen oder mich zu verlaufen. Doch alles lief nach Plan: kurze Funkbefehle, Durchsagen, Diskussionen über die Route jemand wollte die nassen Niederungen rechts umfahren.
Nach etwa einer Stunde waren wir so tief im Wald, dass die Lichter des Dorfes hinter den Baumstämmen verschwanden. Die Lampen erhellten nur noch einen kleinen Kreis um unsere Füße; außerhalb davon war eine undurchdringliche Schattenwand. Thomas spürte, wie sein Rücken unter dem Rucksack schwitzte und die Stiefel im nassen Gras langsam nass wurden.
Plötzlich hob die Koordinatorin die Hand, und alle hielten an. In der Dunkelheit erklang eine leise Stimme:
Ist jemand da?
Die Laternen richteten sich auf einen Punkt und hinter Büschen hockte jemand auf den Knien. Thomas ging mit zwei Freiwilligen voraus.
Im Licht tauchte ein älterer Mann auf: dünn, mit silbernen Schläfen und schmutzigen Händen. Er sah verängstigt und verwirrt aus, seine Augen huschten zwischen den Gesichtern hin und her.
Sind Sie Herr Johann Schmidt? fragte die Koordinatorin leise.
Der alte Mann schüttelte den Kopf:
Nein ich heiße Peter habe mich schon tagsüber verfahren mein Bein tut weh ich kann nicht weiter
Ein kurzer Moment der Stille: Wir suchten einen Menschen und fanden einen anderen. Die Koordinatorin meldete sofort über das Funkgerät:
Mann, älteres Alter, nicht unser Gesuch, Evakuierung mit Trage an den aktuellen Koordinaten nötig.
Während sie Details mit dem Hauptquartier klärte, kniete Thomas neben dem Mann, zog aus seinem Rucksack eine Decke und deckte ihm vorsichtig die Schultern zu.
Wie lange schon hier? fragte er leise.
Seit dem Morgen war zum Pilzsammeln unterwegs dann den Pfad verloren und dann das Bein
Seine Stimme war erschöpft, aber gleichzeitig erleichtert.
Thomas spürte, wie sich die Aufgabe in einer Minute veränderte: Statt zu suchen, musste jetzt geholfen werden und das für jemanden, den niemand erwartet hatte.
Sie untersuchten die Verletzung: Eine geschwollene Knöchelregion, er konnte kaum laufen. Die Koordinatorin befahl, bis die Hauptgruppe mit Trage eintrifft, dort zu bleiben.
Die Zeit zog sich, die Dämmerung meldete sich zur Nacht. Thomas Handy zeigte nur noch ein schwaches Signal, das Funkgerät wurde schwächer, die Batterie dank der Kälte schneller leer.
Bald war die Verbindung ganz weg. Die Koordinatorin versuchte, das Hauptquartier zu erreichen, vergeblich. Laut Anleitung sollten wir dort bleiben und alle fünf Minuten ein Lichtsignal geben.
Zum ersten Mal war Thomas ganz allein mit seiner Angst: Der Wald um uns herum wurde dichter, jedes Geräusch wirkte bedrohlich. Doch der alte Mann zitterte unter der Decke und murmelte leise zu sich.
Die Freiwilligen setzten sich im Halbkreis um den Mann, teilten den restlichen Tee aus dem Thermos, boten ein Brot aus den Vorräten an. Thomas bemerkte, wie stark die Hände des Alten vom Kälte- und Erschöpfungszittern zitterten.
Nie gedacht dass jemand mich findet Danke euch, flüsterte er.
Thomas sah ihn still an; etwas in mir rutschte die Angst wich einem festen, ruhigen Gefühl. Jetzt ging es nicht mehr nur um mich, sondern darum, zusammenzuhalten.
Der Wind trug den Duft feuchter Erde und verwelkter Blätter, unser Kleid wurde von der Nachtluft durchnässt. In der Ferne rief eine Eule, als wollte sie die lange Nacht noch weiter dehnen.
Wir saßen, bis die Zeit an Bedeutung verlor. Thomas hörte die Geschichten des Alten vom Krieg, seiner Frau, einem Sohn, der lange nicht mehr kam. In diesem Gespräch fand er mehr Vertrauen und Lebendigkeit als in vielen Begegnungen der letzten Jahre.
Das Funkgerät blinkte nur noch mit einem schwachen roten Licht. Thomas prüfte immer wieder sein Handy, vergeblich. Er wusste nur eines: Wir dürfen nicht gehen, egal was passiert.
Als das erste Licht einer Laterne den Nebel zwischen den Bäumen durchbrach, war Thomas erst skeptisch alles fühlte sich wie ein langes Warten an. Doch dann tauchten zwei Gestalten in gelben Westen aus dem Dunkel, gefolgt von mehreren Leuten mit Tragen. Die Koordinatorin rief den Namen Peter und ihre Stimme war voller Erleichterung, als ob sie nicht nur ihn, sondern alle retten würde.
Die Helfer prüften sofort den Zustand des Mannes, füllten das Papierprotokoll aus, legten ihm eine Schiene an und legten ihn behutsam auf die Trage. Thomas half beim Anheben, spürte die Anspannung in seinen Armen, aber auch eine seltsame Leichtigkeit die Verantwortung war jetzt auf mehrere Schultern verteilt. Ein junger Kerl zwinkerte ihm zu: Halt durch, alles gut. Thomas nickte, ohne viele Worte.
Kurz erklärte die Koordinatorin: Die Funkverbindung war vor einer halben Stunde wiederhergestellt, das Hauptquartier habe zwei Gruppen entsandt eine zu uns, eine nach Norden zu den frischen Spuren eines anderen Vermissten. Sie meldete über das Funkgerät: Gruppe zwölf, älterer Mann gefunden, bereit zur Evakuierung, Zustand stabil, Rückkehr. Das Funkgerät knackte, dann kam klare Stimme: Zielgruppe hat anderen Mann gefunden, lebendig, auf den Beinen. Alles klar, Ende.
Thomas hielt den Atem an. Der alte Mann drückte ihm fest die Hand, als wolle er nicht loslassen.
Danke, hauchte er fast unhörbar.
Thomas sah ihm in die Augen und fühlte sich zum ersten Mal seit Stunden nicht mehr wie ein zufälliger Beobachter, sondern als Teil von etwas Bedeutendem.
Der Rückweg war länger, als er in der Nacht gedacht hatte. Wir wechselten uns beim Tragen ab zuerst die Jüngeren, dann Thomas, der die Tragegriff fest umklammerte, spürte das Zittern des Grases und die kühle Luft im Gesicht. Im Wald erklangen bereits die ersten Vogelstimmen, ein Drossel schwirrte über uns hinweg. Jeder Schritt brachte die Müdigkeit zurück, doch der Kopf blieb überraschend klar.
Am Waldrand traf uns die Morgendämmerung mit dünnen Nebelschleiern. Die Freiwilligen unterhielten sich leise, witzelten über das nächtliche FitnessTraining. Die Koordinatorin blieb ein Stück vorne, prüfte das Funkgerät und markierte den Austrittspunkt für das Hauptquartier. Thomas ging dicht neben dem Alten bis zur Krankenwagen, darauf achtend, dass die Decke nicht verrutschte.
Der Rettungswagen fuhr vorbei, die Koordinatorin bedankte sich bei jedem persönlich. Sie schüttelte Thomas die Hand fester als die anderen:
Sie haben heute mehr geleistet, als Sie am Morgen gedacht haben.
Er errötete leicht, konnte aber nicht den Blick von ihr abwenden. In ihm war das Gefühl, dass die Grenze zwischen eigenem Leben und den Notlagen anderer dünner geworden war.
Auf dem Rückweg zum Dorf wirkte die Straße völlig anders: der Kies war feucht vom Tau, die Stiefel platschten durch das Gras. Die rosafarbenen Strahlen der Morgensonne zerschnitten das graue Firmament über den Dächern. Die Luft war schwer von Feuchtigkeit und Erschöpfung, doch jeder Schritt wurde sicherer.
Das Dorf lag still da, die Fenster noch dunkel, nur vereinzelte Silhouetten huschten zur Bushaltestelle am Laden. Thomas blieb vor dem Tor seines Hauses stehen, ließ den Rucksack ab und lehnte kurz an dem Zaun. Ein leichtes Zittern lief durch ihn, doch es fühlte sich nicht mehr nach Schwäche an.
Er zog das Handy heraus: Auf dem Bildschirm leuchtete eine neue Nachricht von der Koordinatorin kurzer Text: Danke für die Nacht. Darunter: Können wir im Bedarfsfall wieder auf Sie zählen? Thomas antwortete knapp: Ja, gern.
Er dachte darüber nach, wie früher solche Entscheidungen für ihn fremd und unmöglich schienen. Jetzt wirkte alles anders. Die Erschöpfung störte nicht mehr die innere Klarheit: Er wusste, dass er wieder einen Schritt nach vorne machen würde.
Er hob den Kopf, die Morgensonne breitete sich immer weiter aus und färbte Bäume und Dächer in ein rosiges Licht. In diesem Moment wurde ihm klar: Sein Engagement hier und jetzt war die Antwort auf die Frage nach seiner eigenen Bedeutung. Er war nicht mehr nur ein Zuschauer.







