Schicksal: Die ungeschriebenen Wege des Lebens

Der Tag war einfach mies.

So was passiert, Markus, das wusste er, aber trotzdem alles nervte. Er grübelte über sein Leben. Was hatte er erreicht? Fast vierzig, Schule und Lehre hinter sich, Bundeswehr gemacht. Eine Wohnung, eine Frau, zwei Kinder, ein klappriges Auto und dieser bescheuerte Schrebergarten, wo man nur schuften muss.

Nicht, dass er faul wäre aber ständig musste was gemacht werden: Beete umgraben, Unkraut jäten, Laub rechen. Erde karren, Rasen mähen, das Dach reparieren, der Zaun war umgekippt.

Die Straßenbahn quietschte und ratterte wie eine rostige Konservendose. Markus saß am Fenster, beobachtete die Laternen, die wie eine leuchtende Kette in der Dunkelheit aufblitzten, und dachte.

Er dachte über sein Leben nach.

Eigentlich hatte er alles, was man so hat Familie, Job, Garten, Vorschuss, Gehalt, Kinder, Eltern, Schwiegereltern. Fußball am Wochenende, Bier nach der Sauna im Garten Geburtstage und Feiertage im Kreis der Familie, alles normal.

Plötzlich kam ihm alles so öde vor. Ruhig, langweilig, ohne Würze. Er sehnte sich nach Abwechslung, nach etwas Neuem.

Da wurde ihm klar er war immer der Brave, der Unkomplizierte gewesen, der, der nie aus der Reihe tanzt. Als hätte er sein Leben lang nur den Weg gegangen, den andere für ihn vorgesehen hatten.

Was, wenn er noch mal von vorn anfangen könnte?

Unvermittelt fiel ihm Sabine ein, seine erste Liebe. Wie sie Hand in Hand spazierten, träumten, der erste Kuss wie sie sich leidenschaftlich küssten, bis ihnen schwindelig wurde. Markus wurde ganz wehmütig und wischte sich die feuchten Augen.

Hätte alles anders kommen können?

Sabine Fröhlich, laut, immer mit diesem schelmischen Grinsen. Wie sehr er gelitten hatte, als sie Schluss machten. Dann kam Heike das genaue Gegenteil: ruhig, verlässlich. Mit ihr war alles erwachsen, keine Albernheiten, alles geplant und geregelt.

«Willst du mich ins Bett kriegen? Erst nach der Hochzeit.»

«Blumen geklaut aus dem Park vor dem Gemeindehaus? Wie peinlich, du hättest erwischt werden können!»

So war das immer.

Gleich nach der Hochzeit nannte sie seine Eltern «Mama» und «Papa». Sie war perfekt seine Eltern liebten sie. Klug, lieb, fügsam, eine mustergültige Hausfrau.

Aber war es das, was er wollte?

Markus verlor sich in Gedanken.

Sie hatten sich nicht mal gestritten. Er hatte damals einfach nicht den Mut gehabt, den entscheidenden Schritt zu machen. Und dann war Sabine einfach weg. Später hörte er, sie hätte schnell geheiratet.

Die Bahn ruckelte, die Türen quietschten. Eine Welle von Menschen strömte raus, eine andere drängte sich rein, verteilte sich im Wagen.

Markus stand auf und zwängte sich nach hinten. In drei Stationen war er dran. Öffentlicher Verkehr daran war er nicht mehr gewöhnt. Normalerweise fuhr er Auto, alt zwar, aber sein eigenes. Tja

Er drehte sich zum Fenster, als er eine vertraute Stimme hörte.

«Markus, halt mal still, ja?»

Er suchte mit den Augen, fand sie aber nicht.

Müde, abgekämpfte Menschen, jeder in seinen eigenen Problemen versunken, starrten aus dem Fenster oder ins Leere.

Da stand eine korpulente Frau, hielt einen etwa zehnjährigen Jungen fest an der Hand. Der zappelte, wollte ihr etwas erzählen, etwas Aufregendes, das ihn nicht ruhig bleiben ließ.

«Mama, weißt du, bei der Lisa»

«Markus, sei bitte mal ruhig.»

«Aber Mama, ich will dir doch was erzählen!»

«Später zu Hause.»

«Nein, jetzt! Zu Hause kochst du wieder, dann hörst du der Anna zu, die erzählt dir von ihren Verehrern, dann kommt der Stefan mit seinem Unikram. Und dann redest du mit Papa über den blöden Schrebergarten! Und ich? Warum bin ich der Jüngste? Und warum hab ich so einen doofen Namen?»

«Was redest du da? Dein Name ist schön!»

«Ja, klar. Markus Spatz, fiel vom Pferd, blieb ohne Hose So hänseln die mich! Mama Mama»

«Sie sollten Ihren Sohn anhören», mischte sich eine alte Dame mit rot gefärbten Haaren und rotem Baskenmützchen ein. «Wenn er erst groß ist und Sie mit ihm reden wollen, wird er keine Lust mehr haben.»

«Wieso?», fauchte die Frau.

«Weil er dann nicht mehr will.»

Die Frau schnaubte und warf Markus einen kurzen Blick zu. Ihre Augen trafen sich, sie zuckte zusammen und wandte sich schnell wieder ihrem Sohn zu.

«Erzähl schon, aber leise.»

Der Junge plapperte los, die Frau hörte plötzlich aufmerksam zu.

Und dann begriff Markus das war Sabine.

Natürlich, Sabine! Wieso hatte er sie nicht gleich erkannt?

So also sah sein ungelebtes Leben aus. Das hätte sein Sohn sein können, den sie jetzt nicht hören wollte. Das wären seine älteren Kinder, die sie bevorzugt hätte. Mit ihr hätte er über den Schrebergarten diskutiert

Aber wäre er mit ihr wirklich glücklicher geworden?

Sie hatte ihn nicht erkannt. Für sie war er nur ein Fahrgast.

Plötzlich fiel eine Last von ihm ab. Seine Tage mit Heike und den Kindern wirkten nicht mehr so grau. Und der Garten? Eigentlich mochte er ihn. Mit dem Schwiegervater und dem Schwager wollten sie angeln gehen Markus lächelte. Nein, Heike hörte immer allen zu.

Sein Leben war gut.

Vielleicht war es sogar gut, dass sein Auto kaputt gegangen war. Die Reparatur war eh nicht schlimm, die Jungs würden das an zwei Abenden hinkriegen. Wäre das Auto nicht kaputt, hätte er noch ewig gegrübelt, ob sein Leben schiefgelaufen sei.

Markus ging zum Ausgang, blieb kurz bei Sabine und ihrem Sohn stehen, beugte sich zu dem Jungen runter und flüsterte ihm etwas zu. Der Junge staunte, dann grinste er und kicherte.

Markus stieg aus und ging nach Hause.

«Was hat der Mann dir gesagt?», fragte Sabine.

«Der Onkel? Der hat mir gezeigt, wie ich dem doofen Spott zurückgeben kann!»

«Wie denn?»

«Wenn ich ein Spatz bin, dann bist du ein Star machst viel Lärm, aber bringst nichts zustande.»

«Der konnte immer gut kontern.»

«Wer, Mama? Der Onkel? Kennst du den?»

«Kenn ich nicht. Red keinen Unsinn.»

Sabine setzte sich auf einen freien Platz, zog den Jungen zu sich. Sie hatten noch weit zu fahren, fast bis zur Endstation. Immer weniger Leute blieben im Wagen. Ihr Mann hatte sie heute nicht abholen können. Eigentlich ganz gut Sabine war in letzter Zeit oft gereizt, unzufrieden.

Sie fing an zu glauben, ihr Leben hätte anders sein können.

Wenn sie damals nicht Michi getroffen, sondern auf Markus gewartet hätte

Und jetzt hatte das Schicksal sie einander begegnen lassen.

Ein unscheinbarer Mann, Mitte vierzig, mit leichtem Bauchansatz und beginnender Glatze, auf dem Heimweg von der Arbeit

Aller Zauber war verflogen.

«Markus, lass uns heute einen Kuchen backen!»

«Wow! Mama Zebrakuchen?»

«Na klar, Zebrakuchen.»

«Juhu!»

«Psst, nicht so laut!»

Markus so hatte ihr Mann den Jungen genannt, nach seinem Lieblingsopa. Sabine hatte nichts dagegen. Ein schöner Name.

Markus sprang noch schnell in einen Blumenladen, der gerade schließen wollte. Im Schaufenster lagen drei weiße Nelken. Mehr war nicht da.

«Was kosten die?»

«Was?» Die Verkäuferin, müde und genervt, starrte ihn an.

«Wie viel für die Blumen?»

«Keine mehr da, sehen Sie doch.»

«Und die?»

«Ach die nehmen Sie einfach.»

«Kann ich nicht. Hier, ein Euro.»

«Ach was, nehmen Sie. Moment ich pack sie wenigstens ein.»

«Brauch nicht.»

Zuhause reichte er Heike die Blumen. Statt wie sonst zu schimpfen, dass er Geld verschwendete, lächelte sie nur still.

«Was ist denn los mit dir?»

«Ach nichts Ich wollte dich einfach überraschen.»

Abends lag er auf dem Sofa, hörte, wie sie im Flur telefonierte, die Tür halb zu.

«Meiner hat mir heute Blumen mitgebracht», erzählte sie beiläufig. «Hat wohl wieder was ausgefressen der war schon immer so ein Romantiker. Markus lächelte in sich hinein, die Hände im Nacken verschränkt. Draußen fiel der Regen leise gegen die Fensterscheibe, und irgendwo im Haus quietschte die alte Diele, wenn Heike sich bewegte. Er dachte nicht mehr an Wege, die er nicht gegangen war. Die Gegenwart war warm, vertraut, lebendig. Und zum ersten Mal an diesem langen, miesen Tag fühlte sich alles genau richtig an.

Оцените статью
Schicksal: Die ungeschriebenen Wege des Lebens
Take Off Your Wedding Ring, My Daughter Needs It More,» Demanded the Mother-in-Law at the Family Dinner