Olga lebte bereits seit mehreren Jahren allein in einem kleinen Häuschen am Rande des Dorfes. Wenn sie jedoch solche Bemerkungen über sich hörte, musste sie immer darüber lachen.

Hey, ich erzähle dir gerade, was bei meiner Nachbarin Helga so passiert ist. Sie wohnt seit ein paar Jahren allein in einem kleinen Häuschen am Rand von einem winzigen Dorf in Brandenburg. Und jedes Mal, wenn jemand meint, sie sei einsam, lacht sie nur und sagt: Nee, ich hab ja eine riesige Familie! Die Dorfbewohner nicken zwar höflich, aber hinter ihrem Rücken schmunzeln sie und drehen sich die Hände vor den Augen, weil Helga ja wirklich keine Kinder, keinen Mann und kaum Nachbarn hat nur ein Haufen Tiere.

Und genau das nennt Helga ihre Familie. Für die anderen ist das zwar ein bisschen seltsam, aber sie macht sich nichts draus. Während die meisten Leute in ländlichen Gegenden höchstens einen Hund zum Hüten, eine Katze zum Mäusefangen und vielleicht ein paar Hühner halten, hat Helga fünf Katzen und vier Hunde. Und das alles drinnen, im Haus, nicht im Hof, wo man das ja eigentlich erwarten würde. Die Nachbarn reden immer wieder darüber, weil sie denken, man kann ja nicht mit so vielen Tieren in einem kleinen Haus leben. Helga aber zuckt nur die Schultern und meint: Ach, ihr haltet euch doch nur für was vor, hier ist für uns alle alles gemütlich.

Vor fünf Jahren verlor Helga plötzlich ihren Ehemann und ihren Sohn beides an einem Tag, als sie von einem Angelausflug zurückkamen und ein Lastwagen von der Gegenfahrbahn kam. Das war ein Schock. Und dann merkte sie, dass das alte Apartment, das sie bewohnt hatte, zu sehr an die beiden erinnert. Sie wollte nicht mehr dieselben Straßen entlanggehen und dieselben Läden besuchen, wo überall die Blicke der Leute nachschnüffeln.

Also verkaufte sie das Apartment, packte ihre Lieblingskatze Miez ein und zog in ein kleines Dorf am Rande des Waldes. Im Sommer kümmerte sie sich um den Garten, und im Winter fing sie im Kantinenbetrieb des Bezirkszentrums an zu arbeiten. Nach und nach holte sie alle ihre Tiere von dort nach Hause manche hatten auf dem Bahnhof gekrümmt, andere kamen aus der Kantine, weil sie dort etwas zu essen gefunden hatten.

So wuchs ihre Familie aus verwilderten Seelen, die alle mal allein waren und ein bisschen Schaden genommen hatten. Helgas warmes Herz heilte ihre Wunden, und die Tiere gaben ihr genauso viel Liebe zurück. Es gab immer genug Essen, auch wenn es nicht immer leicht war. Helga wusste, dass sie nicht ewig immer mehr Tiere aufnehmen konnte, und versprach sich immer wieder: Nie mehr!

Im März, nach ein paar warmen Sonnentagen, kam plötzlich ein kalter Februar zurück, ließ scharfen Schneefall und eisige Winde durch die Straßen wehen. Helga musste den letzten siebenstündigen Bus nach ihrem Dorf erwischen. Sie hatte gerade von der Arbeit ein paar Einkäufe für sich und ihre pelzige Familie gemacht, die schweren Tüten drückten beide Hände nach unten. Sie dachte an das Versprechen, das sie sich gegeben hatte, und versuchte, nicht nach rechts und links zu schauen, nur an die Tiere zu denken, die zu Hause auf sie warteten.

Doch wie man so schön sagt, das Herz sieht immer mehr. Gerade als sie fast zehn Meter vom Bus entfernt war, blieb sie stehen. Unter einer Bank lag ein Hund, ganz erschöpft, sein Blick leer und glasig. Der Hund lag schon eine Weile dort, vom Schnee bedeckt. Menschen hasteten vorbei, eingepackt in Schals und Kapuzen, und keiner bemerkte das Tier.

Helgas Herz zog zusammen, sie vergaß den Bus und das Versprechen. Sie rannte zur Bank, ließ die Tüten fallen und streckte die Hand nach dem Hund aus. Der schaute langsam auf und blinzelte. Gott sei Dank, du lebst!, keuchte sie. Komm, du Süße, steh auf, komm zu mir

Der Hund machte keine großen Bewegungen, doch er widersetzte sich auch nicht, als Helga ihn vorsichtig hochhob. Er schien fast schon zu wissen, dass das Leben für ihn zu Ende gehen wollte.

Später erinnerte sie sich kaum noch daran, wie sie mit den schweren Tüten und dem Hund in den Busbahnhof kam. Sie setzte sich in die hinterste Ecke der Wartehalle, zog den zitternden Vierbeiner an sich und streichelte immer wieder seine gefrorenen Pfoten. Komm, kleine Mieze, wir schaffen das nach Hause. Du bist jetzt die fünfte im Bunde, dann haben wir ja alle gleich viel, flüsterte Helga.

Sie holte aus ihrer Tasche ein Stück Bratwurst und bot es dem Hund an. Zuerst lehnte er ab, dann, nachdem er etwas gewärmt hatte, nahm er das Essen dankbar an. Nach etwa einer Stunde stand der Bus schon lange nicht mehr da. Helga baute aus ihrem Gürtel ein provisorisches Geschirr und eine Leine, doch der Hund, den sie Mila nannte, folgte ihr schon von selbst, dicht an ihren Füßen.

Zehn Minuten später kletterten sie in den warmen Innenraum eines stehenden Autos, das gerade anhielt. Der Fahrer sah sie an und sagte: Machen Sie sich keine Sorgen, ich setze den Hund einfach auf den Sitz, er macht keinen Schmutz. Und tatsächlich, Mila passte irgendwie auf Helgas Schoß, trotz ihrer Größe.

Einfach so ist es wärmer, grinste Helga. Der Fahrer nickte nur, drehte die Heizung auf und fuhr schweigend weiter. Helga hielt Mila fest, während draußen die Schneeflocken wie funkelnde Lichter an den Scheinwerfern vorbeizogen. Der Fahrer warf immer wieder einen Blick auf das hübsche Profil von Helga, die den Hund an sich gedrückt hielt er ahnte, dass sie ihn gerade gerettet hatte und jetzt nach Hause brachte.

Am Zielort half er noch, die schweren Tüten zur Tür zu tragen. Der Schnee war so hoch, dass er die knarrende Torlatte mit einem kräftigen Stoß aus der Angeln brachte das rostige Scharnier knickte und das Tor fiel zu. Ach, das macht ja nichts, seufzte Helga, es wird sowieso mal repariert werden. Aus dem Haus drangen Bellen und Miauen, die ganze tierische Familie stürmte hinaus in den Hof.

Na, habt ihr mich vermisst?, rief sie lachend. Ich bin ja da, wo ich hingehöre! Seht nur, das neue Mitglied ist da Mila lugte schüchtern hinter ihren Beinen hervor, während die anderen Hunde mit dem Schwanz wedelten und an den Tüten schnüffelten, die der Fahrer noch immer hielt.

Der Fahrer stellte die Tüten ab, wollte aber nicht mit rein. Es ist schon spät, ich fahr weiter. Ihr habt eure Familie, sie warten schon, sagte er und fuhr davon.

Am nächsten Tag, kurz vor dem Mittag, klopfte es plötzlich am Tor. Helga zog den Mantel an und öffnete es war der Fahrer von gestern, der neue Scharniere an das Tor montierte und ein paar Werkzeuge aus seiner Kiste holte. Er lächelte und sagte: Guten Tag! Ich habe gestern das Tor kaputtgemacht, kam heute zum Reparieren. Ich heiße Wolfgang, und Sie?

Helga, antwortete sie. Die ganze tierische Familie schnüffelte neugierig an ihm, während er sich hinkniete und die Hunde streichelte.

Helga, komm rein, ich bin gleich fertig. Und ich habe noch einen Kuchen im Auto und ein bisschen Leckereien für eure große Familie.

So, das war’s von mir ich dachte, du würdest die Geschichte mögen. Bis bald!

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Olga lebte bereits seit mehreren Jahren allein in einem kleinen Häuschen am Rande des Dorfes. Wenn sie jedoch solche Bemerkungen über sich hörte, musste sie immer darüber lachen.
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