Schwestern – Ein tiefgehendes Porträt von starken Frauen und ihrer unzertrennlichen Bindung

In einer der großen Plattenbauten, die wir nach dem Krieg in Berlin gebaut hatten, lebten zwei alte Damen. Sie waren Schwestern, und wenn das Altersgefälle nicht so groß gewesen wäre, hätte man fast glauben können, sie seien Zwillinge.

Beide schlank, hager und mit stets zusammengepressten Lippen, trugen sie die typischen Glatze und die grauen, wenig auffälligen Overalls, die sie seit Jugendtagen nicht mehr abgelegt hatten. Im ganzen Haus wurden sie gehasst, gefürchtet und verachtet. Die jungen Leute schimpften, weil sie ständig kritisierten, weil sie nie zufrieden schienen wegen lauter Musik, wegen Partys, weil die Nachtschwärmer zu spät heimkamen. Die Kinder wichen ihnen aus, weil die alten Damen jedes noch so kleine Vergehen den Hausmeister meldeten sei es ein nicht ausgeschaltetes Licht im Bad oder ein achtlos weggeworfener Süßpapierstreifen im Flur.

Die gutherzige, aber sehr streitsüchtige Frau Hildegard, die niemals klagte, verachtete sie ebenfalls. Sie war die Einzige, die trotz ihres hohen Abschlusses keinen eigenen Haushalt geführt hatte, während die Schwestern gut ausgebildet, kinderlos und immer bereit waren, jedem ein böses Wort zuzuwerfen. Hildegard jedoch mischte sich nie ein, reagierte nicht auf das nächtliche VaterchenMärchen der Jungen Rudi und Karl und ließ die Schwestern einfach ihr Unwesen treiben das war ihr Wesen.

Die Kinder mochten Hildegard. Sie war nie ein Spitzel, lächelte immer verschmitzt, zwinkerte und schwieg, wenn jemand etwas Fehl­schritt­liches tat. Im Haus herrschte ständig Lärm und Getrappel. Oft kam die ältere Schwester, die wir Grete nennen, aus dem Flur, zog die Lippen zusammen und rief zu den Jungen:

Ihr könnt doch nicht so laut schreien! Vielleicht ruht jemand gerade. Der Onkel Peter hat gerade Schicht, und vielleicht schreibt Frau Valentinia gerade an ihrem Buch.

Alle lachten, außer Grete, die nur den Kopf schüttelte und weiter ging. Die jüngere Schwester, die wir Waltraud nennen, zog die Lippen noch enger zusammen, trat ins Zimmer und weinte bitterlich auf Gretes Schulter:

Grete, warum redest du immer vom Buch? Sie lachen doch sowieso über uns.

Lass sie lachen, tröstete Waltraud, sie tun es nicht aus Bosheit. Sie sind doch Nachbarn, fast wie Verwandte. Sei nicht traurig.

1941 brach der Krieg aus, im Herbst fiel das erste Bombenregiment über die Stadt. Der Hunger kam nicht sofort, anfangs war es noch warm. Das Haus gewöhnte sich nach und nach an die neuen Gegebenheiten: Rationierungsscheine, leere Zimmer, das Heulen der Sirenen, das Fehlen von Küchenaromen, die blassen, erschöpften Gesichter und die drückende Stille. Die Jugend sang nicht mehr an der Gitarre, die Kinder spielten kein Verstecken mehr. Es war still und bedrückend, und diese Stille zerriss die Seele stärker als das laute Vorkriegsleben.

Grete und Waltraud wurden noch dünner, trugen weiterhin ihre grauen Overalls, die wie ein alter Vorhang an ihren Schultern hingen, und passten weiter auf Ordnung auf nur jetzt eine andere Ordnung. Hildegard kam nur noch, wenn es unvermeidlich war, und verschwand eines Tages spurlos. Grete und Waltraud suchten sie mehrere Tage, aber vergeblich; es war, als hätte sie nie existiert.

Im Frühjahr 1942 starb im Haus die Mutter von Tobias, einem elfjährigen Jungen, der seitdem allein war. Die anderen fühlten Mitleid, aber der Krieg ließ keine Gnade walten. Grete und Waltraud nahmen Tobias unter ihre Fittiche, fütterten ihn und kümmerten sich um ihn, als wäre er ihr eigener Sohn. Auch als später Walter und Johannes ohne Mütter zurückblieben ihr Vater war an die Front, von dem man nichts hörte übernahmen die beiden Schwestern das Sorgerecht. Nicht nur über sie, sondern über alle Kinder des Hauses, die es in Hunderte zählte.

Jeden Tag kochten die Schwestern einmal Suppe, rührten und brauten unermüdlich, fügten heimlich das ein, was noch im Haus zu finden war, denn das Essen war knapp. Das Ergebnis war eine köstliche Suppe, die alle Kinder zur gleichen Uhrzeit verzehrten. Sie nannten sie Schlitzohr.

Grete, warum heißt sie Schlitzohr?, fragte Tobias neugierig.

Als Waltraud den Namen erwähnte, lief ihr eine Träne über die Wange. Sie antwortete:

Wir kochen die Suppe nach dem Schlitzohrprinzip! Das heißt, wir werfen alles Mögliche hinein: Graupen, Hirse, sogar ein bisschen Kleister, und wenn das Glück mitspielt, ein Löffel Fleischmark. Und dann schmeckt sie ganz besonders.

Sie streichelte Tobias über den Kopf, zog ein winziges Stück Zucker aus ihrer Tasche, zerriss es in kleine Splitter und ließ ihn sofort essen, damit kein Korn verloren ging.

Tobias lachte und sagte: Schau mal, Waltraud, hat die alte Dame Kleister angekleckt? Dann muss ich meine Portion nachwürzen.

Nach und nach nahmen sie alle Kinder, die keinen Eltern mehr hatten, in ihr Zimmer auf. Gemeinsam lebten sie, wärmten sich aneinander und waren nicht mehr so allein. Abends erzählte Waltraud Geschichten aus ihrem unvollendeten Buch, das längst als Brennholz im Ofen lag, doch sie kannte jede Erzählung auswendig und erfand neue. Die Kinder baten immer wieder:

Waltraud, erzähl uns heute die Geschichte von der Prinzessin aus den Schneebergen!

Gern, begann sie und ließ die Nacht von den Worten fließen.

Die Aufgaben im Haus verteilte die resolute Grete streng: Tobias schlug das Holz für den Ofen, Walter sammelte das Brennholz, die Mädchen holten Wasser, verteilten die Rationierungsscheine, halfen beim Kochen der Suppe, und alle sangen morgens gemeinsam Lieder, die Johannes leitete. Wer nicht mitsang, bekam einen scharfen Blick.

Im Laufe der Blockade brachten Grete und Waltraud immer mehr Kinder in ihr Zimmer: ein Mädchen, das fast tot vom Erfrieren war, ein Junge, der kaum noch atmete, und danach noch viele weitere. Zum Ende der Blockade lebten zwölf Kinder im Zimmer der Schwestern alle überlebt, ein echtes Wunder.

Auch nach dem Krieg kochten sie weiter die SchlitzohrSuppe. Die Kinder wuchsen heran, verteilten sich, fanden eigene Wege, doch die Erinnerung an die beiden alten Damen blieb. Sie lebten bis ins hohe Alter, fast hundert Jahre, und das Buch mit ihren Märchen, das sie einst für sich selbst geschrieben hatten, wurde von den Enkeln bewahrt. Der Titel lautete: Meine liebe Gemeinschaft.

Jedes Jahr am 9. Mai versammelten sich alle, solange Grete und Waltraud noch lebten, um gemeinsam zu feiern als eine große, wachsende Familie, deren neueste Generationen bereits eigene Kinder bekamen. Und das Hauptgericht auf jedem Tisch war immer dieselbe Suppe: die SchlitzohrSuppe. Es gab nichts Schöneres, nichts, das den Geschmack der blockierten Jahre so gut bewahrt hat gewürzt mit Güte und dem unbezähmbaren Geist einer Gemeinschaft, die zusammengehalten hat.

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Schwestern – Ein tiefgehendes Porträt von starken Frauen und ihrer unzertrennlichen Bindung
Better to Be a Beloved Wife Than a Perfect Daughter