Ware war gerade einmal sechzehn Jahre alt, als ihre Mutter starb. Ihr Vater war vor sieben Jahren in die Stadt gegangen, um Geld zu verdienen, und ist dort spurlos verschwunden.

Heike ist gerade sechzehn geworden, als ihre Mutter stirbt. Vor etwa sieben Jahren fährt ihr Vater in die Stadt, um Arbeit zu finden, und verschwindet dort spurlos weder Nachricht noch Geld kommen zurück. Fast alle Dorfbewohner nehmen an der Beerdigung teil, helfen, wo sie können. Die Tante Erna, Heikes Patin, kommt häufig vorbei, gibt Ratschläge, wie sie alles bewältigen soll. Heike schafft es gerade noch, die Schule zu beenden, und bekommt einen Job bei der Post im Nachbardorf.

Heike ist ein kräftiges Mädchen, von denen man sagt: Blut und Milch. Ihr Gesicht ist rund und rosig, die Nase etwas breit, doch ihre grauen, leuchtenden Augen stechen hervor. Eine dichte, hellblonde Zöpflänge reicht ihr bis zur Hüfte.

Der schönste Bursche im Dorf ist Klaus. Vor zwei Jahren kommt er aus der Bundeswehr zurück und hat seitdem keine Lust, mit Mädchen zu flirten. Selbst die Stadtmädchen, die im Sommer hierher kommen, schenken ihm Aufmerksamkeit. Er würde lieber Actionfilme drehen als als Fahrer im Dorf zu arbeiten. Noch hat er keinen festen Freund, weil er noch nicht die richtige Frau gefunden hat.

Eines Tages bittet Tante Erna Klaus um Hilfe, den Zaun von Heike zu reparieren. Ohne männliche Kraft ist das Leben im Dorf schwer; Heike schafft den Garten, aber das Haus überfordert sie. Klaus sagt sofort zu. Er kommt, sieht sich das Geschehen an und gibt Anweisungen: Hol das hier, bring das dorthin, gib mir das. Heike folgt sofort, ihre Wangen werden noch röter, ihr Zopf wirbelt bei jeder Bewegung. Wenn er müde wird, kocht er ihr deftige Erbsensuppe und gießt ihr starken Kräutertee ein. Währenddessen kaut Heike das Schwarzbrot mit weißen, kräftigen Zähnen.

Drei Tage arbeitet Klaus am Zaun, und am vierten Tag kommt er einfach so zu Besuch. Heike serviert ihm ein Abendessen, Wort für Wort, und er bleibt über Nacht bei ihr. So beginnt er, heimlich zu kommen, immer kurz vor Morgengrauen, damit niemand es sieht im Dorf bleibt nichts verborgen.

Ach, Mädchen, du machst dich zu sehr darauf gefasst, dass er heiratet, warnt Tante Erna. Wenn er heiratet, dann nur, um dich zu verärgern. Im Sommer kommen die Stadtmädchen, und du wirst vor Eifersucht lodern. Heike hört das nicht, weil die Jugend ihr Ohr nicht für weise Worte hat.

Dann merkt sie, dass sie schwanger ist. Zuerst denkt sie, sie habe sich erkältet oder sei vergiftet. Schwäche und Übelkeit kommen und gehen. Schließlich trifft sie die Erkenntnis wie ein Schlag: Das Kind ist von Klaus. Sie überlegt, das Kind zu abortieren, weil sie noch zu jung ist, doch dann entscheidet sie, dass es besser ist, nicht allein zu sein. Ihre Mutter hat sie großgezogen, und sie wird das schaffen. Vom Vater hat sie kaum etwas bekommen, nur das Trinken. Die Dorfbewohner reden, aber beruhigen sich irgendwann.

Im Frühling wirft sie ihren Strickmantel ab, und die Dorfbewohner bemerken ihren wachsenden Bauch. Sie schütteln den Kopf und sagen: Ein schlimmes Unglück hat das Mädchen ereilt. Klaus kommt vorbei, um zu fragen, was sie vorhat.

Was? Gebären. Mach dir keine Sorgen, ich kümmere mich um das Kind, sagt er, während er eine Hand an den Ofen legt. Rote Flammen tanzen in seinen Wangen und Augen. Klaus bewundert das Kind, doch er zieht sich zurück. Heike entscheidet allein. Wie Wasser vom Gänseschwanz.

Der Sommer kommt, die Stadtmädchen strömen ins Dorf, und Klaus hat keine Zeit mehr für Heike. Heike arbeitet weiter im Garten, während Tante Erna ihr beim Unkrautjäten hilft. Das Bücken tut ihr wegen des Bauches weh, sie trägt einen halben Eimer Wasser vom Brunnen. Der Bauch ist groß, und die Dorfbewohner prophezeien ihr Stärke.

Was Gott will, das kommt, scherzt Heike.

Mitte September erwacht Heike plötzlich von einem stechenden Schmerz, als wäre ihr Bauch mit einem Messer zerschnitten worden. Der Schmerz lässt nach, kehrt aber zurück. Sie rennt zu Tante Erna, die sofort erkennt, was los ist.

Schon? Setz dich, ich komme gleich, ruft Erna und stürzt aus der Hütte. Heike eilt zu Klaus, dessen Lkw vor dem Haus steht. Die anderen Bauern sind bereits mit ihren Autos abgefahren. Klaus hat am Vorabend zu viel getrunken, und Erna muss ihn wachrütteln. Klaus schaut verwirrt, versteht nicht, wohin es gehen soll, doch dann ruft er:

Zehn Kilometer bis zum Krankenhaus! Wenn wir jetzt zum Arzt fahren, wird das Kind noch geboren. Ich bringe euch sofort hin!

Mit dem Lkw? Das wird alles wackeln, das Kind wird im Weg rutschen, protestiert eine Frau.

Dann fahrt mit uns, nur für alle Fälle, sagt Klaus entschlossen.

Sie fahren vorsichtig über die holprige Feldstraße, weichen jeden Graben aus, doch immer wieder geraten sie in neue. Tante Erna sitzt auf einem Sack im Laderaum. Sobald sie die asphaltierte Straße erreichen, schieben sie schneller. Heike windet sich auf dem Beifahrersitz, beißt sich auf die Lippe, um nicht zu stöhnen, und hält sich den Bauch. Klaus wird plötzlich nüchtern, blickt kurz zu Heike, während seine Fingernägel auf dem Lenkrad knirschen.

Sie kommen rechtzeitig am Krankenhaus an, legen Heike ins Kreißbett und fahren zurück. Auf der Rückfahrt schimpft Tante Erna die ganze Zeit mit Klaus, weil er dem Mädchen das Leben ruiniert hat. Heike, ohne Eltern, sollte jetzt noch ein Kind großziehen, fragt sich Erna, wie das gehen soll.

Der Lkw erreicht das Dorf kaum, aber Heike hat bereits einen gesunden, kräftigen Jungen zur Welt gebracht. Am nächsten Morgen bringen die Schwestern ihm die Flasche, und Heike ist verängstigt, wie sie das Kind halten und an die Brust legen soll. Sie blickt mit großen, ängstlichen Augen auf das rote, faltige Gesicht ihres Sohnes, beißt erneut auf die Lippe und folgt den Anweisungen. Doch ihr Herz hüpft vor Freude, sie streichelt die feinen Haare auf seiner Stirn und lacht.

Werdet ihr mich abholen? fragt der strenge Chefarzt beim Entlassungsprozess.

Heike schüttelt die Schultern, schüttelt den Kopf. Wahrscheinlich nicht, murmelt sie. Der Arzt seufzt, geht. Die Krankenschwester wickelt das Kind in eine Decke und sagt, es solle mit der Krankentransportwagen nach Hause gebracht werden.

Der Fahrer Friedrich wird dich ins Dorf bringen. Mit dem Bus kannst du das Baby nicht transportieren, sagt sie scharf.

Heike dankt ihr, geht den Flur hinunter, den Kopf gesenkt, ihr Gesicht rot vor Scham.

Sie sitzt im Auto, drückt das Bündel an die Brust und sorgt sich, wie das Leben jetzt weitergeht. Der Mutterschaftsgeld ist winzig, kaum genug für das kleine Kind. Sie fühlt sich schuldig, doch das schlafende Baby lässt ihr Herz weich werden und vertreibt die schweren Gedanken.

Plötzlich bleibt das Auto stehen. Heike blickt besorgt zu Friedrich, einem rundlichen Mann um die fünfzig.

Was? fragt sie.

Der Regen hat zwei Tage lang die Straßen überschwemmt. Sieh dir die Pfützen an, da kann man nicht fahren. Nur mit Lkw oder Traktor geht das. Entschuldigung, noch zwei Kilometer bis zum Dorf. Kannst du zu Fuß loslaufen? sagt er. Heike nickt, sieht die riesige Pfütze, die wie ein See aussieht.

Das Kind schläft in ihren Armen. Sie ist müde, doch ein Wort klingt wie ein Heldentum: Weiter! Sie steigt vorsichtig aus, nimmt das Bündel fester und geht am Rand der großen Pfütze. Der Schlamm klebt ihr bis zu den Knöcheln, ein falscher Schritt und sie rutscht.

Ihre abgenutzten Stiefel schlagen laut, ein Stiefel bleibt im Matsch stecken. Sie hält inne, überlegt, wie sie das Kind weitertragen soll. Sie geht weiter auf einem Schuh.

Als sie das Dorf erreicht, wird es dunkel, ihre Beine fühlen nichts mehr von der Kälte. Sie hat kaum Kraft, doch das Licht in den Fenstern gibt ihr Hoffnung. Sie tritt auf die trockenen Dielen, ihre Füße zittern, ihr ganzer Körper schaudert. Sie öffnet die Tür zur Hütte.

An der Wand steht das Kinderbett, die Wiege, ein Stapel Kleidung für das Baby. Neben dem Tisch liegt Klaus mit dem Kopf in den Händen, er schläft. Er hört ein Geräusch, hebt den Kopf. Heike, rot im Gesicht, zerzaust, kommt mit dem Kind im Arm an der Tür vorbei. Ihr Kleid ist völlig nass, die Beine sind knöchelhoch im Schlamm. Klaus sieht das und springt aus der Hütte, nimmt das Kind, legt es ins Bett, holt heißes Wasser aus dem Kessel, hilft Heike beim Ausziehen, wäscht ihr die Füße. Während Heike sich am Ofen umzieht, steht bereits gekochte Kartoffeln, Sauerkraut und ein Glas Milch auf dem Tisch.

Das Baby fängt an zu weinen. Heike greift es, setzt es auf den Stuhl, legt die Brust frei und fängt ohne Scham an zu stillen.

Wie soll ich ihn nennen? fragt Klaus mit heiser Stimme.

Sascha. Ist das okay? hebt Heike ihre klaren Augen. In ihnen liegt so viel Sehnsucht und Liebe, dass Klaus Herz einen Stich bekommt.

Guter Name. Morgen melden wir den Jungen an und unterschreiben die Unterlagen.

Das ist nicht nötig, beginnt Heike, während sie dem Kind beim Saugen zusieht.

Mein Sohn braucht einen Vater. Ich habe genug rumgekommen. Ich weiß nicht, wer mein Mann sein wird, aber ich werde meinen Sohn nicht im Stich lassen.

Heike nickt, ohne den Kopf zu heben.

Zwei Jahre später bekommen sie ein Mädchen. Sie nennen sie nach Heikes Mutter, Nadine.

Es spielt keine Rolle, welche Fehler du am Anfang deines Lebens machst; das Wichtigste ist, dass man sie immer wieder korrigieren kann.

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Mum Doesn’t Want to Leave