Warum braucht er eine solche Oma?

Warum braucht er so eine Großmutter?
Sie ist ja eine ganz besondere Frau! Zuerst wollten Sie den Enkel den ganzen Sommer über bei uns unterbringen, wir haben bereits alles geplant, und jetzt sagen Sie Kommt nicht vorbei? Was sollen wir denn jetzt tun?

Die Lautsprecher ihres Handys dröhnten vor Empörung. Gisela hielt das Smartphone nur einen Armabstand vom Ohr. So war jedes Wort auch ohne Lautsprecher klar zu verstehen.

Anneliese, Ihre Pläne sind Ihre Sache. Sie haben sich nicht mit mir abgestimmt, und jetzt

Sie haben uns doch selbst überredet, den Enkel zu Ihnen zu bringen! unterbrach die Schwiegertochter die Frau. Ich verstehe Sie überhaupt nicht. Was für eine Großmutter sind Sie? Sie können den Enkel nicht einmal zu sich holen, geschweige denn ihn zur Wochenendhütte fahren. Früher haben Sie nie etwas für ihn mitgebracht, sondern nur Kisten zu uns geschleppt! Und warum braucht er überhaupt Sie, wenn es doch noch die andere, ganz normale Großmutter gibt?

Gisela verzog das Gesicht, atmete keuchend, während sie die Hand an die Brust drückte. Sie verstand die Untertöne sofort: Entweder Sie holen den Enkel zu mir, oder Sie sehen ihn nie wieder. Ein niederträchtiger Erpressungsversuch.

Anneliese hatte, wenn man die harten Fakten nahm, recht. Dennoch drehte sie die Situation völlig um.

Zuerst sollte man wissen, dass das Wochenendhaus, das Gisela einst für den Enkel im Sinn hatte, ganz bescheiden war. Das WC stand draußen, das Bad nur eine Sommerdusche. Der Gemüsegarten war spärlich, das Grillrohr ein altes Stück, das sie einst mit ihrem ersten Mann benutzt hatten. Plastiktische und -stühle, aber für Gisela war es heimelig und einfach.

Als ihr Sohn Andreas ankündigte, dass er mit seiner Freundin Anja dort übernachten wolle, geriet Gisela in Aufregung.

Anneliese kannte er bereits oberflächlich: attraktiv, gepflegt, selbstbewusst, aber mit einem Hauch verwöhnter Arroganz. Sie blickte auf alles und jeden von oben herab, als würde sie es bewerten. Beim ersten Treffen streifte die zukünftige Schwiegertochter ohne zu fragen das Haus, wie ein Aufseher. Gisela missfiel das sofort, doch sie wollte nicht unhöflich wirken und gab ihr eine Besichtigung zeigte ihre Sammlung von Porzellanfiguren und alte Familienalben.

Andreas, die Idee ist gut Aber bist du sicher, dass Anneliese das gefallen wird? Du bist ja mit dem Haus aufgewachsen. Anneliese ist doch nicht daran gewöhnt, warnte Gisela, während ihr Sohn begeistert von den Wochenendplänen erzählte.

Ich erkläre ihr alles. Sie hat doch schon gesagt, sie will in der Natur entspannen. Und das hier ist doch genau das.

Gisela seufzte, ließ jedoch keinen Widerspruch zu. Ein sofortiger Ausschlag wäre doch ein klarer Nein gewesen.

Sie bereitete sich zwei Tage lang vor: putzte, buk Apfelstrudel, zog die selten genutzten Vorräte aus dem Keller hervor die, die man nur zu besonderen Anlässen auspackt. Ihre Angst nagte, aber die Vorfreude auf das Wiedersehen ließ die düsteren Vorahnungen verschwinden.

Schon beim Einparken ging alles schief. Anneliese stieg aus dem Wagen in einem weißen Kleid und hohen Sandalen aus, blickte skeptisch umher, verzog das Gesicht.

Ist das hier eine Toilette oder was? fragte sie abfällig und zeigte mit dem Finger auf das offene Feld.

Nun ja, das WC steht draußen, aber sauber wie überall. antwortete Gisela mit einem gezwungenen Lächeln.

Ein echtes Naturerlebnis, bis zum Äußersten  schnappte Anneliese sarkastisch.

Der nächste Schock folgte sofort.

Das ist ja wie im steinzeitlichen Lager, jammerte sie zu Andreas. Du hast dich dein ganzes Leben nur mit einem Eimer gewaschen? Hier gibt es mehr Mücken als Menschen! Und der Gestank ist unerträglich.

Die Nachbarn haben nur Hühner, zuckte der Mann mit den Schultern.

Anneliese schrie so laut, dass Gisela jedes Wort hörte. Sie fühlte sich gedemütigt, denn sie hatte die Einladung ausgesprochen, alles vorbereitet, und dafür nur Spott erhalten.

Vielleicht gewöhnt sie sich ja, dachte Gisela. Die beiden lebten weit entfernt, ein Stück Fahrzeit, also hoffte sie, dass sie das ganze Wochenende bleiben würden.

Doch Anneliese hielt es nicht bis zum Morgen aus. Sobald ein Mückenstich sie traf, schwenkte sie die Hände und rannte zurück zum Auto.

Genug! Bring mich heim, oder ich rufe ein Taxi. Hier kann niemand wohnen! schrie sie zu Andreas.

Andreas widersprach nicht, verabschiedete sich hastig von seiner Mutter und stieg unbeholfen ins Auto.

Ich hätte nie gedacht, dass es ihr so schlecht gehen würde  murmelte er schüchtern.

Gisela wollte alles auf die Ungewohntheit schieben. Auch ihr eigenes Einleben in dieses ländliche Dasein war nicht leicht. Sie schrie nicht, schlug keine Türen zu, denn das war Andreas Entscheidung er musste mit dieser Frau leben.

Sechs Jahre später waren Anneliese und Andreas verheiratet, ihr Sohn Sebastian war geboren. Der Kontakt zu Gisela blieb schwierig, aber sie hoffte, wenigstens mit dem Enkel eine Beziehung aufzubauen. Die Familien wohnten in verschiedenen Städten Gisela in Köln, die anderen im Ruhrgebiet doch ein Wunsch bleibt ein Wunsch.

Anneliese, bringen Sie doch Sebastian zu mir, schlug Gisela eines Tages vor. Ich habe einen Garten, ein kleines Waldstück, frische Luft. Er wird das ganze Jahr über Vitamine tanken.

Wohin soll er denn? In diese Hygiene-Katastrophe? Am besten bleibt er zu Hause, schnaufte die Schwiegertochter abfällig. Sie können ihm ja die Vitamine trotzdem schicken. Sie haben doch immer erzählt, Sie hätten keine Kirschen mehr zu verschenken.

Gisela war tief verletzt, doch sie ließ keinen Widerspruch mehr zu. Es wäre auch absurd, hundert Kirschen im heißen Sommer zu transportieren, und die Nachbarskinder gewöhnten sich schnell an die einfachen Verhältnisse. Sie wollte einfach nur Zeit mit ihrem Enkel.

Inzwischen bestand ihr Leben aus Krankenhausaufenthalten, Infusionen und endlosen Warteschlangen in den Polikliniken. Die Ärzte hatten ihr nach einer Herzoperation verboten, bei Hitze nach draußen zu gehen oder schwere Lasten zu heben.

Nehmen Sie das ernst, warnte der Arzt. Ihr Herz braucht Schutz, keine Belastungen. Nur leichte Spaziergänge.

Am schlimmsten war, dass ihr Sohn in all den Jahren nie zu ihr kam, selbst nicht, wenn sie im Krankenhaus lag. Sie telefonierten gelegentlich, aber das war alles.

Gisela sah ihre Freundin Vera öfter als ihren Sohn. Vera half ihr finanziell, als das Wochenendhaus wegen der Operation nicht mehr nutzbar war.

Hör zu, ich spreche mit ihnen, sagte Vera. Sie wollen im Sommer irgendwo weg, aber das Budget ist knapp, das Meer ist teuer. Ich will dir helfen, damit du wenigstens etwas Entspannung hast.

Gisela nahm jede Münze dankbar an.

Als sie endlich wieder auf die Beine kam, reifte Anneliese. Sobald die jungen Ehepaare Pläne schmiedeten, wurde das alte Wochenendhaus plötzlich irrelevant.

Ich habe Ihnen das vor einem Jahr vorgeschlagen, protestierte Anneliese. Pläne sind gut, ich hatte auch schon etwas für den Sommer, aber das Leben hat andere Wege genommen. Jetzt gibt es andere Leute im Haus, ich darf nicht mehr hin.

Wie lange ist vor kurzem? fragte Gisela.

Zwei Monate.

In zwei Monaten fangen die Leute Marathonläufe an! Sie müssen sich doch wieder fangen. Und Sie sitzen hier, im Alter, und können nichts tun. fuhr die Schwiegertochter fort. Nehmen Sie ihn doch einfach zu sich nach Hause.

In eine andere Stadt? Was soll das bringen? erwiderte Gisela.

Dann können wir endlich entspannen! Wir haben den Jungen seit seiner Geburt nie allein gelassen. Und Sie haben doch geschrien, Sie wollen den Enkel sehen.

Hörst du mich überhaupt? Ein Kind braucht ständige Betreuung, und ich bewege mich kaum noch.

Sie sind einfach zu faul, geben Sie es zu.

Gisela legte auf, die Stimme brüchig vor Wut. Der Streit erschöpfte sie, und sie blieb allein. Wer würde kommen, um sie zu pflegen, wenn es ihr schlecht ging?

Am Abend rief Andreas an, bat um Verzeihung für das Verhalten seiner Frau und erkundigte sich, ob er Sebastian doch zu sich holen könnte. Tränen stiegen Gisela in die Augen, als ein kleines Kind, das sie kaum gekannt hatte, ihr plötzlich Trost gab.

Andreas sag mir ehrlich, hast du Anneliese gesagt, dass ich operiert wurde? schrie sie. Wie konnte ihr das passieren, ohne mich zu fragen?

Andreas stockte. Ein Schweigen lag schwer zwischen ihnen, das fast erstickte.

Mami ich habe gesagt, du bist krank, aber ich wusste nicht, wie schwer es ist.

Krank, wiederholte Gisela, das Wort zerbrach ihr. Für ihn war es egal, wie sehr sie litt. Er hatte nie wirklich versucht, ihre Situation nachzuvollziehen.

Verstehe, murmelte sie nur.

Drei Tage folgten in beklemmender Stille. Die Tage schienen endlos, bis an den vierten Tag Vera anrief.

Wollen wir doch zu dir kommen? Meine Familie ist dieses Wochenende frei, das Wetter ist kühl, wir setzen uns, trinken Tee.

Gisela nickte innerlich, die Einsamkeit schnitt wie ein Messer.

Sie kochten Tee, öffneten die Kuchen, die Vera mitgebracht hatte, und redeten lange.

Du hast jetzt ein paar Menschen, die dich verstehen. Lebe, wie es dir gut tut. Gesundheit ist das Wichtigste. Und wenn du jemanden findest, mit dem du deine Abende teilen kannst, umso besser. lächelte Vera.

Gisela atmete tief ein und rückte die Kuchenbox ein Stück näher. Das Herz schmerzte noch, doch sie wusste, dass sie das Richtige tat: nicht nach den Erwartungen anderer zu leben, sondern nach dem, was ihr noch blieb. Das Leben ging weiter, mit Höhen und Tiefen, auch ohne die, die ihr einst wichtig waren.

Оцените статью
Warum braucht er eine solche Oma?
Alone at Last, You’ll Remember Me