Zweite Jugend: Ein neuer Beginn für Lebensfreude und Entfaltung

Die zweite Jugend

Anna und ihr Mann Thomas lebten zusammen sechsundzwanzig Jahre. Sie hatten sich noch im Studium kennengelernt, nach dem Abschluss geheiratet und zwei Jahre später einen Sohn bekommen. Alles verlief wie bei den meisten ein gewöhnliches Paar.

Der Sohn wuchs, heiratete und zog mit seiner Frau nach Berlin. Nach seinem Wegzug änderte sich Annas Leben mit Thomas plötzlich grundlegend. Plötzlich hatten sie nichts mehr, worüber sie reden konnten, und das Bedürfnis zu reden verschwand fast von selbst. Sie kannten einander in- und auswendig, verstanden sich mit einem halben Satz, einem flüchtigen Blick. Ein paar Worte hin und her, dann Stille.

Als Anna gerade nach dem Studium ihre erste Stelle antrat, gab es in ihrer Abteilung eine Kollegin, etwa fünfundvierzig Jahre alt. Anna bemerkte sie jedoch fast schon als ältere Dame, weil ihr jugendlicher Look ihr ein reifes Aussehen verlieh. Die Frau nahm im Winter häufig Urlaub, kam immer mit einer gleichmäßigen Bräune zurück. Ihre kurz geschnittenen, hellen Haare betonten die sonnenverwöhnte Haut noch stärker.

Sie geht doch sicher ins Solarium, flüsterte die junge Kollegin zu Anna.

Eines Tages hatte Anna genug und fragte die Frau, woher sie im Winter diese Bräune bekäme.

Wir haben mit meinem Mann in den Alpen Skifahren gehen, antwortete sie.

Wirklich? In Ihrem Alter?, rief Anna überrascht.

Die Frau lachte herzlich.

In meinem Alter? Ich bin erst fünfundvierzig. Wenn du erst mal mein Alter erreicht hast, merkst du, dass das wahre Jungsein nicht kindisch, sondern reif ist. Merk dir, Mädchen, Langeweile ist der größte Feind ehelicher Beziehungen. All die Affären, Scheidungen entstehen aus Langeweile. Sobald die Kinder erwachsen sind, setzt ein ruhiges, gerades Leben ein. Genau dann bekommen die Männer das Gefühl, die Decke brennt. Wir Frauen haben nie Zeit zum Langweilen. Wir arbeiten, kümmern uns um die Kinder, tragen die Last des Haushalts. Und der Mann liegt auf dem Sofa, ruht nach der Arbeit und überlegt, wie er seine ungenutzte Energie einsetzen kann. Manche trinken, andere suchen neue Reize. Wie man sagt: Sie sucht einen anderen Menschen.

Ich war naiv, dachte, mein Mann sei müde, arbeite viel, und es sei nicht schlimm, wenn er einfach vor dem Fernseher sitzt, nicht trinkt und zufrieden ist. Währenddessen wirbelte ich wie ein Staubsauger durch das Haus. Dann kam der Tag, an dem er plötzlich sagte, er habe eine andere Frau gefunden, uns wäre zu langweilig, alles sei vorbei und er ging. Glaubst du das?

Als ich dann wieder heiratete, ging ich mit meinem neuen Mann ganz anders um. Ich zog ihn in die Hausarbeit ein, wir fuhren jedes Wochenende aufs Land, machten Spaziergänge, im Winter sausten wir die Pisten hinunter. Keine Minute ließ ich ihn in Ruhe, ich schubste ihn vom Sofa. Noch heute leben wir zusammen, die Kinder sind erwachsen, wir reisen durch Deutschland. So ist es. Vielleicht passt das nicht zu jedem, aber du kannst daraus lernen.

Anna behielt die Worte der älteren Kollegin gut im Gedächtnis. Sie bemerkte, dass ihr Mann Alexander nach einem üppigen Abendessen immer direkt zur Couch vor dem Fernseher trottete. Es wurde immer schwieriger, ihn aus dem Haus zu locken. Früher war er beim Wandern, paddelte auf Wildwasserflüssen. Und welche Überraschungen er ihr zu Geburtstagen bereitete!

Anna versuchte, Alexander zu aktivieren, kaufte Theaterkarten, ein Kreuzfahrtticket für den Rhein auf einem dreidecksigen Schiff.

Im Theater schlief ihr Mann, beim Besuch gähnte er nach ein paar Gläsern Wein, rannte nach Hause zu seiner geliebten Couch. Auf dem Schiff litt er unter der Enge der Kabine. Beim Skifahren war er kaum zu sehen sein zusätzliches Bauchgewicht hinderte ihn an sportlichen Aktivitäten.

Nach einem weiteren Vorschlag Annas, ins Kino zu gehen, erwiderte er mit betrübtem Blick:

Wohin willst du mich schieben? Am Wochenende will ich nur entspannen, ausschlafen. Geh mit deinen Freundinnen.

Als sie noch zusammengezogen waren, wanderte Alexander mit Freunden. Sie bildeten ein eingespieltes Team, liebten das Rafting auf reißenden Flüssen mit Stromschnellen. Alexander spielte Gitarre und sang gut.

Anna war nie dabei. Arbeit, Schwangerschaft, das Kleinkind ließen es nicht zu.

Du lässt deinen Mann zu oft los. Pass auf, er findet dort Gleichgesinnte, warnte Annas Mutter.

Um zu betrügen, muss man nicht wandern gehen. Es gibt hier überall Möglichkeiten. Ich vertraue Sasha, sagte Anna.

Sie vertraute ihm wirklich und wartete auf seine Wanderungen.

Der Anführer der Gruppe gründete ebenfalls eine Familie, und das Wandern hörte für ihn auf.

An einem freien Tag setzte sich Anna neben ihren Mann auf die Couch, nahm ein Fotoalbum. Zuerst widerwillig, dann immer mehr neugieriger, blätterte er durch die Bilder und erinnerte sich.

Willst du nicht noch einmal die alten Zeiten aufleben lassen, die Jugend spüren?, fragte sie.

Nein. Und mit wem? Alle haben ihre Kinder, Enkel.

Mit mir. Ich war nie bei euren Touren. Zeig Initiative, lad deine alten Kameraden ein, vielleicht sagt jemand ja.

Du machst Witze? Früher waren wir jung und ungestüm, jetzt

Jetzt zu clever?, erwiderte Anna spöttisch. Dann gehen wir am Wochenende ins Theater, kulturell etwas unternehmen, sagte sie und schlug das Album zu, ließ Staub aufsteigen.

Thomas dachte nach. Beim Abendessen sagte er eines Abends:

Ich habe mit ein paar Kumpels gesprochen. Der Klaus will eine Route planen, er hat sogar noch Zelte. Wir können das Rafting im Sportclub ausleihen. Anna bemerkte, wie sein Gesicht aufleuchtete das freute sie.

Endlich zeigte er Interesse am Leben, redete nur noch vom bevorstehenden Wandertag.

Du musst dir bewusst sein, Anna, du bist Anfänger, das wird nicht leicht. Der Fluss, die Stromschnellen, die Mücken. Wir schlafen im Zelt, keine Dusche, keine warme Toilette, wir müssen unter Sträuchern gehen. Am ersten Tag willst du schon nach Hause, warnte Thomas.

Ich werde nicht aufgeben, versprach Anna.

Na gut. Thomas sah sie skeptisch an. Maniküre, flauschige Hausschuhe, Bademantel mit Vögeln das ist nicht für die Berge. Du brauchst richtige Ausrüstung, nicht hohe Schuhe.

Sie gingen zusammen einkaufen, er ließ ihr nicht von der Seite. Ich kenne dich, du kaufst Bademode und Kleider, aber für die Tour brauchst du warme Kleidung und feste Schuhe.

Anna vertraute ihm, folgte ohne Widerspruch. Die Vorbereitung packte sie. Bald waren die Rucksäcke fertig.

Zieh das an, ich will sehen, wie du vorbereitet bist, befahl Thomas.

Stöhnend und sich windend trug Anna den schweren Rucksack, keuchte und musste sich bücken. Und er würde nicht nur gerade Pfade gehen, sondern unwegsames Gelände mit Gräben und Gestrüpp.

Leg ihn ab, befahl Thomas. Schau, was du drin hast. Anna nahm erleichtert das Gewicht ab.

Thomas zog aus dem Rucksack Haarschnecken, eine Kosmetiktasche, einen Föhn, Hunderte Cremes, Shampoos und viele Kleider, die für die Hütte, nicht für den Trail geeignet waren.

Die Mücken werden dich zerreißen, schloss Thomas. Vielleicht bleibst du doch lieber zu Hause? Alexander sah sie mitleidig an.

Anna war verwirrt, zog den Kopf ein.

Thomas entfernte das Überflüssige, ließ nur das Notwendigste zurück. Der Rucksack wurde deutlich leichter.

Ich schaffe das, versprach die beflügelte Anna.

Sie erinnerte sich, wie sie versucht hatte, Thomas zum Theater zu bringen, ihm Kunst aufzuzwingen. Und er hatte nach anfänglicher Ablehnung doch mitgemacht. Jetzt sollte sie, als kämpferische Begleiterin, bei ihm sein im Auf und im Ab.

Je näher die Abreise rückte, desto mehr Zweifel plagten Anna, doch schließlich standen sie auf dem Bahnsteig, warteten auf den Zug, der sie weit weg aus dem zivilisierten Alltag bringen sollte. Mit ihnen fuhren noch drei Männer und eine Frau.

Sind deine anderen Freunde geschieden?, fragte Anna leise.

Nein, ihre Frauen sitzen zu Hause bei den Enkeln.

Die Zugfahrt war lustig, die Männer erzählten Witze, Thomas holte eine Gitarre vom Gepäck und spielte ein paar Akkorde. Anna dachte, wenn das so weitergeht, wird sie es schaffen und gute Zeiten haben.

Als sie jedoch einige Kilometer vom Bahnhof entfernt ausstiegen, spürte Anna den schmerzenden Rücken vom schweren Rucksack, die Beine zitterten, Schweiß lief ihr ins Gesicht. Es war ihr zu blöd, sich zu beschweren, denn die Männer trugen Zelte, Schlafsäcke, ein aufgeblasenes Kanu.

Die Natur war schön, aber Anna bemerkte kaum etwas, sie wollte nicht stolpern, nicht fallen und nicht das Bein brechen. Als sie schließlich am Fluss ankamen, wollte sie sich ins Gras legen und einfach nicht mehr weitergehen. Die Männer entzündeten rasch ein Feuer, stellten die Zelte auf, als hätten sie keine Müdigkeit.

Du gewöhnst dich dran, ermutigte sie Tanja, die Frau eines der Männer. Lass uns Wasser holen, wir müssen das Abendessen vorbereiten.

Sie wollte weinen, nach Hause, eine Dusche, ein weiches Bett.

Doch dann ließ sie sich mitreißen. Thomas spielte gefühlvoll Gitarre am Lagerfeuer und sang. Sie vergaß, wie schön seine Stimme war. Hier war er völlig anders lebendig, fröhlich. Sie sah wieder den Alexander, den sie einst bis über beide Ohren geliebt hatte.

Willst du nicht doch weglaufen?, fragte Thomas am nächsten Morgen, während er die Blasen an ihren Händen betrachtete.

Nein, antwortete sie entschlossen.

Vor den Stromschnellen stockte sie. Der Fluss rauschte bedrohlich, scharfe Steine ragten aus dem Wasser. Anna wollte sagen, wir gehen lieber am Ufer, aber sie sah Thomas’ spöttisches Lächeln und schwieg. Sie klammerte sich fest an die Seite des Kajaks, ließ das Paddel fallen und fürchtete das kalte Wasser.

Als die Stromschnellen hinter ihnen lagen, atmete Anna erleichtert aus und schrie vor Freude.

Nach einer Woche kehrten sie erschöpft, aber glücklich nach Hause zurück. Anna merkte, dass ihr die neuen Freunde, die Lieder am Feuer, die Weite und Stille fehlen würden.

Nach dem Duschen und einem herzhaften Abendessen saßen sie nebeneinander am Laptop, sahen sich Fotos an, neckten einander. So etwas hatten sie lange nicht mehr getan. Der Ausflug hatte sie wieder zusammengeschweißt, sie hatten wieder gemeinsame Interessen. Sie schliefen eng umschlungen ein, wie in der Jugend.

Wollen wir nächstes Jahr wieder wandern?, fragte Anna und drückte sich an Thomas’ warmen Rücken.

Hat dir das gefallen?, lachte Alexander. Das ist nicht wie ein Theaterbesuch oder ein Restaurant. Das ist Leben.

Jetzt weiß ich, wie ich mich besser vorbereiten muss. Du wirst nicht mehr verlegen sein, versprach Anna.

Ich war nie verlegen. Als Neuling hast du dich großartig geschlagen. Ich hätte nicht gedacht, dass du mich überraschen würdest, sagte er.

Anna strahlte über das Lob.

Als ihr Sohn anrief, erzählte sie ihm begeistert von der Tour.

Ihr habt ein aufregendes Leben, ich dachte, ihr seid traurig und langweilt euch.

Wir langweilen uns nicht. Und wie läuft es bei euch?, fragte Anna.

Wir erwarten ein Kind, freute sich ihr Sohn.

Nach dem Urlaub kam Anna mit leuchtenden Augen zurück zur Arbeit und trug ein geschnürtes Armband aus Perlen.

Ihr wart im Süden? Du hast ja kaum gebräunt. Schönes Teil, bemerkte eine Kollegin und zeigte auf das Armband.

Das ist ein Talisman, den mir ein Schamane geschenkt hat, antwortete Anna.

Also, wenn ihr eure Beziehung auffrischen wollt, die Spannung zurückholen möchtet, bleibt nicht zu Hause, sucht gemeinsame Interessen. Nicht jeder muss extreme Abenteuer mögen, aber man kann immer etwas Passendes finden. Wie ein bekannter Schriftsteller sagte: Es lohnt sich, sich Mühe zu geben, um die Liebe zu retten. Anna lächelte, während sie das Armband drehte. Manchmal braucht es nur einen kleinen Schritt aus der Routine, um das alte Feuer wieder zu entfachen. Und in der Stille ihres Wohnzimmers, wo früher nur Fernsehlicht flackerte, hing nun ein Foto von ihnen am Flussufer nass, müde, aber strahlend vor Glück.

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