Das Ruf des Blutes war stärker

**Tagebucheintrag: Das Blut ruft doch**

Heute war ich so schwach wie noch nie. «Gisela, als dein Mann erlaube ich mir eine Bedingung zu stellen. Lass uns diese alberne Affäre mit deinem eifrigen Liebhaber vergessen. Aber ich bitte dich um eines: schenk mir einen Sohn», stammelte ich. Sie zögerte, doch schließlich nickte sie. «Gut, Friedrich, ich werde es versuchen.» Mir war klar, wie schwer ihr dieser Kompromiss fiel.

Wir hatten drei Töchter: die zwölfjährige Lotte, die neunjährige Marta und die achtjährige Elke. Doch dann kam dieser zwanzigjährige Hans daher wer weiß, woher er plötzlich auftauchte. Er zerstörte alles. Nicht die Jahre machen alt, sondern der Kummer.

Die Mädchen verstanden die Welt nicht mehr. Unsere fürsorgliche, liebevolle Mutter war plötzlich nur noch ein Schatten ihrer selbst. Das Haus verwahrloste, Staub türmte sich in den Ecken, das Geschirr blieb ungewaschen. Ich war nervös, gereizt, wusste nicht, wie ich Gisela zurückgewinnen sollte.

Alles begann vor einem halben Jahr. Eine zufällige Begegnung auf einem Dampfer am Bodensee. Gisela war mit den Kindern im Urlaub. Als sie zurückkam, war sie abwesend, antwortete mir zerstreut, küsste die Mädchen nicht mehr wie sonst. Ich ahnte, dass etwas nicht stimmte, doch ich schwieg. Die Wahrheit würde sich zeigen. Und sie zeigte sich.

«Papa, Mama ist die ganze Zeit mit Hans herumgelaufen», plapperte Marta unschuldig. Ich kämpfte um Fassung. «Er war immer bei uns am See. Sie hat so viel gelacht, wenn er Witze machte. Er ist jünger als du» Diese Worte zerrissen mir das Herz.

Unmöglich! Ein kurzer Sommerflirt, nichts weiter. Warum sollte dieser junge Geck sich für eine dreißigjährige Frau mit drei Kindern interessieren? Doch ich hatte mich getäuscht.

Aus der Affäre wurde eine lebenslange Liebe. Keine Bitten, keine Tränen der Kinder konnten unsere Ehe retten. Gisela gebar mir schließlich einen Sohn, den kleinen Jürgen. Doch er sah mich nie als Vater an. Sie verließ mich, nahm ihn mit zu Hans. Ich blieb mit den Mädchen zurück. Manchmal dachte ich daran, alles zu beenden. Doch dann fasste Elke meine Hand. «Papa, wenn Mama nicht mehr da ist, kochen wir für dich, putzen, bügeln deine Hemden.» Das war der Moment, in dem ich weinte.

Langsam richteten wir uns ein. Lotte wusch gern Geschirr, Marta fegte den Boden, Elke wischte den Staub. Ich kochte, so gut ich konnte. Gisela besuchte uns ab und zu, doch jedes Mal brach sie das Herz der Mädchen aufs Neue. Also bat ich sie, nicht mehr zu kommen.

«Friedrich, ich liebe unsere Töchter! Willst du, dass ich sie verlasse, nur um dir zu gefallen?»

«Nein, Gisela, um ihretwillen. Lass sie in Ruhe, bis sie alt genug sind, selbst zu entscheiden.»

Sie seufzte. «Vielleicht hast du recht. Leb wohl.»

Als Teenager hassten die Mädchen ihre Mutter und Jürgen. Sie beneideten ihn, weil er sie ganz für sich hatte. Doch als sie selbst heirateten Lotte und Marta bekamen vier Kinder, Elke drei verflog der Groll. Die Wut legte sich, doch die Bitterkeit blieb.

Ich lebte allein. Es gab andere Frauen, doch ich nannte sie alle Gisela. Keine hielt das aus. Die Vergangenheit lässt sich nicht auslöschen.

Mit sechzig starb Gisela. Eine Woche zuvor kam sie unerwartet zu mir, bat um Vergebung, klagte über Jürgen. Er hatte sein Geschlecht gewechselt, war jetzt Julia. Hans, ein erfolgreicher Geschäftsmann, hatte ihr alles vermacht doch sie enterbte ihn. Alles ging an die Töchter und Julia. Warum? Vielleicht war ihr Blut doch wichtiger.

Die Mädchen wollten mir das Erbe geben. Ich lehnte ab. Es brannte in meinen Händen. Stattdessen vermachte ich alles den Enkeln. Hans ging bankrott, bettelte bei meinen Töchtern. Sie wiesen ihn ab. «Du hast uns die Mutter genommen, jetzt geh.»

Julia heiratete einen Italiener, adoptierte ein Kind. Elke schreibt ihr, doch Lotte und Marta wollen nichts mehr mit ihr zu tun haben.

Diese Geschichte spielte sich in Deutschland ab, wo ich einst mit meiner Familie ein besseres Leben suchte. Die Lehre? Das Blut ruft doch aber manchmal kommt die Antwort zu spät.

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Das Ruf des Blutes war stärker
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