Die ehemalige Schwiegermutter kam zu Besuch – und wusste nichts von unserer Scheidung!

Die ehemalige Schwiegermutter kam zu Besuch. Sie wusste nicht, dass wir geschieden waren.

Stell dir vor, Helga Werner weiß nicht, dass Markus und ich getrennt sind, flüsterte Lina. Und jetzt ist sie auf dem Weg hierher.

Lina schaltete ihr Handy aus und blickte verzweifelt zu ihrer Freundin.

Was? Ernsthaft? Direkt hierher? In diese Wohnung? rief Beate unglaubwürdig.

Genau das ist das Problem. Lina runzelte die Stirn. Sie denkt immer noch, ihr Sohn und ich sind zusammen. Sie sagt, sie vermisst die Enkelkinder.

Warum hast du solche Angst? Sie ist doch nichts mehr für dich. Also keine Panik.

Ach ja, keine Panik. Einfach für dich gesagt. Du kennst sie nicht. Sie ist eine einflussreiche Frau. Sie hat Verbindungen, verstehst du? Sie wird denken, ich habe es absichtlich verschwiegen. Und dann verdächtigt sie mich womöglich noch. Rächt sich an mir.

Hattet ihr denn gar keinen Kontakt? Beate war verblüfft.

Wir waren zerstritten. Als sie das letzte Mal vor zwei Jahren aus Hamburg kam, gab es einen heftigen Streit.

Wegen Markus?

Nicht nur. Lina seufzte. Es war alles zusammen. Helga fand nichts gut. Wie wir sie empfangen haben, wie wir die Kinder erziehen, wie na ja, alles halt.

Und?

Was und? Sie hat ihren Frust rausgelassen. Ich habe zurückgegeben. Wortgefechte. Am Ende schrie sie, sie wolle mich nie wieder sehen. Seitdem sprach sie nur noch mit Markus.

Und er?

Was soll er? Für ihn war das perfekt. Noch ein Grund, mir die Schuld zu geben. Er sagte, wenn ich seine Mutter nicht respektiere, liebe ich ihn auch nicht. Deshalb läuft es bei der Arbeit schlecht. Dann verschwand er. Eine Woche lang kein Wort. Bis er anrief und sagte, er habe eine Neue und wir sollten uns trennen.

Also hat Markus seiner Mutter nichts von der Scheidung erzählt, überlegte Beate.

Genau.

Und auch nicht, dass er die Hälfte der Wohnung genommen hat. Dass du jetzt mit zwei Kindern, einer Katze und einem Hund in einer WG lebst?

Eben. Sie denkt, bei uns ist alles in Ordnung. Sie sagte, sie hätte dringende Geschäfte in Berlin und würde eine Woche bei uns wohnen.

Was heißt bei uns hier?

Hier. Lina deutete auf das kleine Zimmer.

Es klingelte an der Tür.

Sie ist da, flüsterte Lina panisch. Was soll ich tun? Wie erkläre ich ihr das alles?

Sag einfach die Wahrheit.

Sie wird mir wieder alles in die Schuhe schieben. Schreien. Ich habe Angst. Vielleicht mache ich einfach nicht auf?

Nicht aufmachen wäre schlimmer. Dann wird sie erst recht misstrauisch.

Es klingelte erneut.

Mach auf, sagte Beate entschlossen. Und keine Angst. Lass sie schreien. Du hast nichts falsch gemacht. Ich bin bei dir.

Lina öffnete die Tür.

Guten Tag, Helga Werner, hauchte sie.

Warum hast du so lange gebraucht? Helga trat energisch ein, zwei Koffer im Schlepptau. Hast du jemanden versteckt?

Niemand ist hier, antwortete Lina. Ich war mit meiner Freundin im Gespräch.

Welcher Freundin?

Beate trat in den Flur.

Guten Tag, sagte sie selbstbewusst. Ich bin Beate. Linas Freundin.

Helga musterte sie verächtlich.

Ist Markus auf Arbeit? fragte sie Lina.

Vielleicht.

Vielleicht? Weißt du nicht, wo dein Mann ist?

Lina zuckte hilflos mit den Schultern.

Er ist nicht mehr ihr Mann! warf Beate herausfordernd ein.

Helga richtete ihren Blick langsam auf Beate.

Was soll das heißen?

Was es heißt, konterte Beate kühl. Lina und dein goldiger Söhnchen haben sich vor einem Jahr scheiden lassen. Die Zweizimmerwohnung, die sie gemeinsam gekauft hatten, musste geteilt werden. Markus hat seinen Anteil verkauft. Seitdem lebt Lina mit zwei Kindern, einer Katze und einem Hund in einer WG. Noch Fragen?

Helga starrte Lina an.

Stimmt das?

Ja, flüsterte Lina. Wir sind letzten Herbst geschieden.

Davon rede ich nicht. Dass er dir die Wohnung weggenommen hat stimmt das?

Ja. Er hatte das Recht. Die Wohnung gehörte uns beiden. Außerdem hat er jetzt eine neue Frau.

Eine neue Frau? Helga erstarrte.

Markus sagt, sie erwartet ein Kind. Er bat mich, ihn nicht mit Unterhaltszahlungen zu belasten. Versprach, später alles zurückzuzahlen. Er hat gerade Probleme auf der Arbeit.

Und du hast ihm geglaubt, schnaubte Beate. Naiv. Dein Markus wird nichts zurückzahlen. Und Probleme hat er sicher auch keine. Und ein Kind erwartet er auch nicht. Sie sind nicht mal verheiratet. Die haben sich das nur ausgedacht, um dich zu erweichen.

Warum hat er mir nichts von der Scheidung erzählt? murmelte Helga nachdenklich.

Vielleicht wollte er dich nicht verärgern? wagte Lina zaghaft.

Vielleicht, nickte Helga. Vielleicht.

In Wahrheit hatte Markus einen anderen Grund gehabt.

Sie soll denken, Lina und ich sind noch zusammen, hatte er kalkuliert. Das bringt mir mehr. Mama hasst Lina, aber sie liebt die Enkelkinder. Und wenn sie ihnen helfen will, hilft sie mir mit einer neuen Wohnung.

Jeden Monat jammerte er am Telefon, wie eng es in der kleinen Wohnung sei. Schickte Fotos der Kinder, weil er wusste, wie sehr sie sie liebte. Betonte, alles sei gut aber für ein glückliches Leben fehle nur noch eine größere Wohnung.

Die Älteste kommt bald in die Schule, seufzte er. Aber wir haben nicht mal Platz für einen Schreibtisch. Eine größere Wohnung wäre perfekt. Doch das Geld reicht nicht. Mein Gehalt ist zu niedrig, und einen Kredit bekomme ich nicht. Die Mädchen haben sogar Briefe an den Weihnachtsmann geschrieben, ob er ihnen eine Wohnung am U-Bahnhof Friedrichstraße schenken kann. Süß, oder? Sie fragen ständig nach dir: Wie geht es Oma? Aber mach dir keine Sorgen. Wir kommen schon klar. Im Notfall lernt sie eben in der Küche.

Markus wusste genau, was er tat. Er war sich sicher, seine Mutter würde Mitleid haben.

Sie wird eine Lösung finden, dachte er. Und mein Wohnungsproblem regeln. Und damit sie schneller handelt, gebe ich ihr einen Tipp.

Natürlich, fügte er hinzu, man könnte dein Ferienhaus in Sylt verkaufen. Damit ließe sich eine Vierzimmerwohnung in Berlin kaufen. Vielleicht am Tiergarten. Ich habe die Preise verglichen. Es würde genau passen. Dann hätte jeder sein eigenes Zimmer. Sogar Platz für einen Schreibtisch. Aber ich will dich nicht drängen, Mama. Auf keinen Fall. Ich weiß, wie sehr du das Haus liebst.

Und jetzt, nach ihrer Ankunft aus Hamburg, erfuhr Helga die Wahrheit.

Verstehe, sagte sie trocken. Wo sind die Mädchen?

Im Kindergarten.

Und wo arbeitest du?

Im Homeoffice.

Und die Mitbewohner?

Eine nette Frau. Sie hat nichts gegen die Katze und den Hund. Sie hat sich auch gerade von ihrem Mann getrennt. Sie ist jetzt auf Arbeit.

Nett, sagst du. Helga lächelte spöttisch. Na gut. Ich gehe dann.

Sie verließ die Wohnung.

Es ist gutgegangen, atmete Lina erleichtert, als sie die Tür schloss. Ich dachte, sie würde schreien.

Zwei Monate vergingen.

Ich sollte Mama mal wieder anrufen, dachte Markus. Sie an meine schwierige Lage erinnern.

Mama, hallo! Alles gut bei dir? Schön zu hören. Und bei uns? Wie immer. Vier Personen in einer Zweizimmerwohnung. Ach ja, ich hatte eine Idee. Was, wenn wir wirklich dein Ferienhaus verkaufen? Wie du es mal vorgeschlagen hast. Erinnerst du dich?

Eine Pause.

Was meinst du mit kein Haus mehr? Mama! Wie kein Haus? Ist es abgebrannt? Nein? Gott sei Dank. Was dann? Du hast es verkauft? Und das Geld? Ausgegeben? Ich verstehe nicht. Wofür? Eine Vierzimmerwohnung gekauft? Für wen? Die Kinder? Was für Kinder? Meine? Aber die sind doch noch so klein! Geht das? Warum hast du das getan, Mama?

Warum hast du nicht mit mir geredet? Ja, ich habe darum gebeten. Ja, ich sagte, die Mädchen bräuchten eigene Zimmer. Aber du hättest fragen können. Die Wohnung mir kaufen, nicht den Kindern. Ach, weil ich nicht da war, als du in Berlin warst? Wann warst du denn da? Ah, verstehe. Und wo ist die Wohnung? U-Bahnhof Alexanderplatz? Moment, Mama Mir wird schwarz vor Augen Nein, nein, schon gut. Nur die Aufregung. Danke dir.

Am nächsten Tag stand Markus vor Linas neuer Wohnung.

Zwanzig Minuten lang lief er schweigend durch die Räume, musterte jedes Detail.

Das alles hätte mir gehören können, dachte er wütend. Nur mir. Wenn nicht diese hinterlistige Lina gewesen wäre. Wie hat sie es geschafft, Mama zu manipulieren? Egal. Noch ist nicht alles verloren. Ich heirate sie wieder und sorge dann dafür, dass sie hier verschwindet. Sie hat ihr eigenes Zimmer da soll sie bleiben.

Also, Lina, begann er streng, als er fertig war. Nach allem, was passiert ist, können wir wieder zusammen sein. Ich sehe, Mama hat dir verziehen. Sonst hätte sie uns diese Wohnung nicht gekauft.

Sie hat die Wohnung nicht uns gekauft.

Nicht uns? Wem denn?

Den Kindern.

Das ist doch dasselbe. Und nach all dem schuldest du es mir, meine Frau zu werden.

Schulde ich?

Markus fixierte sie eiskalt.

Du verstehst nicht, sagte er leise. Ich frage nicht nach deiner Zustimmung. Ich stelle dich vor vollendete Tatsachen. Übermorgen treffen wir uns beim Standesamt. 10 Uhr. An der Laterne rechts vom Eingang. Erinnerst du dich?

Natürlich erinnere ich mich. Das vergisst man nie.

Und bitte sei pünktlich. Du weißt, wie ich das hasse.

Ich komme pünktlich, log Lina.

Natürlich erschien sie nicht. Markus tobte. Er rief an. Lina behauptete, sie habe es vergessen. Sie vereinbarten einen neuen Termin. Wieder kam sie nicht.

Wie kannst du nur, Lina? brüllte er ins Telefon. Warum schon wieder?

Tut mir leid, sagte sie gleichmütig. Ich habe es wieder vergessen.

Erneut wurde der Termin verschoben. Und wieder tauchte Lina nicht auf. Doch Markus gab nicht auf.

Ein halbes Jahr verging. Immer noch hoffte er. Immer wieder wurden neue Termine vereinbart und immer wieder vertagt. Jedes Mal stand Markus pünktlich an der Laterne.

Die Standesbeamten bewunderten ihn.

Das nenne ich wahre Liebe! flüsterten sie. Er kommt bei Regen, bei Schnee. Erinnert ihr euch an den Sturm in Berlin? Bäume wurden entwurzelt. Sogar an diesem Tag stand er hier. Lina saß im Wohnzimmer ihrer neuen Wohnung, die Sonne fiel durch die hohen Fenster, die Kinder spielten leise mit der Katze auf dem Teppich, der Hund döste in der Ecke. Beate brachte ihr eine Tasse Tee. Er wird es irgendwann kapieren, sagte sie. Lina lächelte, ohne aufzublicken. Draußen, an der Laterne vor dem Standesamt, stand Markus wie jeden Samstagmorgen seit Monaten, den Mantel eng um sich gezogen, die Uhr im Blick, während die Welt an ihm vorbeizog, stumm, kalt und leer.

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