Hallo Papa, ich bin gekommen, um mein Geschenk abzuholen

Na, Papa, ich bin da wegen dem Geschenk!

Hans und Sabine saßen gerade beim Abendbrot, als plötzlich die Haustür aufging und eine ungepflegte Frau hereinplatzte. Sie warf ihren abgewetzten Rucksack in die Ecke und breitete die Arme aus.
«Na, servus, Vadder!», rief sie und grinste.

Hans verschluckte sich und fing an zu husten, während Sabine empört aufsprang:
«Wer bist du überhaupt? Und welcher Vadder?»

Die Frau kniff die Augen zusammen:
«Mach mal halblang, Tante. Ich bin nicht wegen dir hier, sondern wegen meinem leiblichen Vater. Na, Papa, hast du mich vergessen? Ich bins doch, deine kleine Lina! So viele Jahre sind vergangen, aber ich konnte einfach nicht aufhören, mich zu fragen: Gehts meinem alten Herrn gut? Hoffentlich nicht krank, oder?» Sie täuschte ein Schluchzen vor.

Hans rang nach Luft und würgte schließlich heraus:
«Warum? Warum bist du gekommen?»

«Wegen dem Geschenk, Papa! Wegen der Puppe, die du mir vor zwanzig Jahren versprochen hast», grinste Lina.

Linas Mutter war gestorben, als sie sieben war. Ihr Vater hielt es nur ein halbes Jahr allein aus, dann holte er sich Sabine als neue Frau ins Haus und mit ihr zwei Jungs. Die erste Tat der neuen «Mama»? Sie verbannte Lina aus ihrem Zimmer und steckte sie ins Gästezimmer. «Die Jungs brauchen mehr Platz», hatte ihr Vater entschuldigend gesagt und weggeguckt. Die beiden waren älter als Lina und richtige Rangen sie rissen ihr Hefte kaputt, und nachts schrieb sie unter der Taschenlampe ihre Hausaufgaben neu, weil Sabine verboten hatte, «unnötig Strom zu verplempern».

Dann, an Linas achten Geburtstag, brachte ihr Vater sie ins Heim. «Schatz, das ist nur vorübergehend. Ich hol dich bald wieder. Ich besuch dich jedes Wochenende und bring dir diese große Puppe mit, weißt du noch? Die aus dem Schaufenster!»

Lina wartete. Und wartete. Aber er kam nie.

Jetzt ließ sie sich ungeniert am Tisch nieder und kommandierte:
«Na, Tante, lass mal was von der Suppe rüberwachsen. Ich hab Kohldampf, hab ja nicht mal n Dach überm Kopf!» Sie lachte über ihren eigenen Witz. Sabine schwieg, schöpfte wortlos eine Portion in den Teller. Lina schüttelte den Kopf.
«Jahre vergehen, aber du bleibst knauserig, was? Komm, mehr! Oder hast du Angst, ich werd dir den Teller leerfuttern?»

Dann drehte sie sich zu ihrem Vater:
«Na, Papa, hol deine Spardose raus, wir trinken einen aufs Wiedersehen!»

Er sah Sabine an. Die zischte durch die Zähne: «Wir trinken nicht.»

Lina klatschte sich auf die Schenkel:
«Habs mir gedacht! Aber ich komm nicht mit leeren Händen, anders als mein alter Herr. Tante, reich mir mal meinen Rucksack.»

Sabine wurde rot: «Hol ihn dir selbst!»

Lina hob eine Augenbraue.
«Du hast was falsch verstanden, Tante. Ich bin nicht nur zu Besuch. Ich zieh ein. Warum? Du hast mich damals rausgeworfen, ins Heim gesteckt. Stimmts? Jetzt bist du dran. Mach, dass du rauskommst oder wenn du dich anstellst, darfst du vielleicht bleiben.»

Sabine platzte der Kragen:
«Hans, sag doch was! Deine Tochter macht sich über mich lustig, und du rührst keinen Finger!»

Er rutschte unruhig auf dem Stuhl. «Lina, sei nicht so hart zu Tante Sabine, sie ist hier die Hausherrin.»

Lina seufzte theatralisch.
«Ganz schön schlimm, wie sie dich unter dem Pantoffel hat. Aber keine Sorge, Vadder, ich regle das mit der Tante. Wir schaffen sie auch irgendwohin!»

Sabine kreischte: «Ich ruf meinen Sohn an! Der wirft dich raus, du Luder!»

Lina grinste höhnisch.
«Den Jürgen meinst du? Der haut dich schneller raus als du ‘Schnaps’ sagen kannst. Pech gehabt, Tante deine Kinder sind nicht gerade der Stolz der Familie. Der Älteste ist doch abgestürzt, oder? Hat sich wohl zu gern die Birne weggeschüttet. Und der Kleine steuert auf dasselbe zu.»

Sabine brach in Tränen aus.
«Lass meine Kinder in Ruhe! Guck dich lieber selbst an lebst wohl nicht im Schloss, was?»

Lina konterte grob:
«Dank dir, Tante. Du hast dich damals ganz schön eingerichtet Witwer geschnappt, dich in sein Haus geschlichen, seine Tochter rausgeekelt, damit deine Blagen es besser haben. Aber ich bin zurück. Und ich schwör dir, ich mach dir die Hölle heiß. Mein Freund zivil, aber mit drei Knast-Touren kommt nächste Woche. Dann wohnen wir hier. Und irgendwann bescheren wir dir Enkel, Papa! Endlich wieder Familie, oder? Du hast mich doch vermisst, oder?»

Hans nickte stumm und senkte den Kopf. Lina strahlte Sabine triumphierend an.
«Siehst du? Und jetzt mach mir mein Bett, ich bin müde. Und wenn ich aufwache, will ich ne warme Badewanne muss den Dreck von mir abwaschen.»

Lina tat so, als schliefe sie, aber sie lauschte. Sabine flüsterte Hans zu:
«Bist du ein Waschlappen? Warum sagst du nichts? Sie will hier wohnen, mit ihrem Knacki! Die plündern uns aus oder schlimmer! Schmeiß sie raus!»

Hans murmelte: «Aber sie ist meine Tochter. Damals hast du mich gezwungen, sie wegzugeben. Ich kann sie nicht noch einmal verraten.»

Lina lächelte innerlich. Immerhin hatte er noch ein bisschen Gewissen.

Dann hörte sie ein Rascheln. Ein Auge auf, sah sie Sabine mit einem Kissen in der Hand.

«Gefängnis, Tante», sagte Lina laut. Sabine zuckte zusammen.
«Ich ich dachte, du willst es weicher haben.»

Lina lachte.
«Danke. Ich dachte schon was Schlimmeres. Na, Badewanne fertig?»

Sabine hastete: «Dein Vater heizt ein. Willst du was essen? Ich hab Pfannkuchen gemacht.»

Lina staunte.
«Du bist ja plötzlich ganz lieb. Willst du mich vergiften? Wird nicht klappen mein Magen verdient ne Auszeichnung. Und ich trau dir kein Stück. Du warst und bleibst eine Schlange.»

Eine Woche lang trieb Lina Sabine herum. Dann kam der Abend, an dem Hans leise vor ihrer Zimmertür stand. Lina, flüsterte er, geh morgen. Ich geb dir Geld, was du brauchst aber geh. Ich trage die Schuld, ich weiß. Doch das hier das ist nicht die Lösung.

Sie musterte ihn lange, sah das zitternde Kinn, die Augen voller Angst und Reue. Kein triumphierender Vater, kein Widerstand. Nur ein gebrochener Mann.

Am nächsten Morgen war ihr Rucksack gepackt. Ohne ein Wort verließ sie das Haus.

Hinter ihr blieb die Tür halb offen, als ob jemand noch rufen wollte. Niemand tat es.

Die Puppe aus dem Schaufenster stand nie im Regal. Aber in einer Schachtel im Flur, unter alten Briefen, lag ein vergilbtes Foto von einem Mädchen mit Zöpfen und einem Vater, der einmal lächelte.

Оцените статью