Haus nach dem Dienst

Das Haus nach dem Dienst

Im Flur hing der Geruch von nassen Straßenschuhen und einer noch nicht ganz trockenen Jacke, die die Mutter über den unteren Haken gehängt hatte den Platz für den Sohn ließ sie frei. Er trat fast lautlos ein: kompakt gebaut, kurz geschnitten, in strenger dunkler Kleidung. Sabine bemerkte, dass sein Blick sich verändert hatte nicht mehr hart, sondern wachsamer. Sie richtete hastig den Türvorleger und schenkte ihm ein müdes Lächeln.

Komm rein Alles ist bereit. Ich habe dein Zimmer gelüftet und das frische Bettzeug aufgezogen, sagte sie.

Er nickte ob aus Dankbarkeit oder bloßer Höflichkeit, das ließ sich kaum deuten. Der Koffer stand an der Wand, verzögerte sich am Zimmertürrahmen, blickte auf die bekannten Tapeten mit verblichenen Rauten und das Regal voller Kindheitsbücher. Es schien, als wäre alles unverändert; nur die Luft war kühler die Heizung war seit einer Woche abgestellt.

In der Küche stellte Sabine Teller hin: Krautsuppe nach seinem Wunsch und Kartoffeln mit Kräutern vom Markt. Am Tisch versuchte sie, ruhig zu bleiben:

Du hättest doch vorher anrufen können Ich dachte, ich treffe dich am Bahnhof.

Lukas zuckte mit den Schultern:

Ich wollte allein kommen.

Eine Stille dehnte sich aus; nur das Klirren des Löffels am Rand der Schüssel war zu hören. Er aß gemächlich, fast wortlos; antwortete nur knapp über den Weg, über die Einheit dort war alles in Ordnung, der Kommandant ein anständiger Mann. Sabine ertappte sich dabei, wie sie nach einem Vorwand suchte, um nach der Zukunft zu fragen, wagte es aber nicht, das Wort Arbeit auszusprechen.

Nach dem Essen räumte sie die Küche auf die gewohnten Handbewegungen beruhigten sie mehr als jedes Gespräch. Lukas zog in sein Zimmer, ließ die Tür halb offen; aus dem Winkel sah man nur die Sitzfläche eines Stuhls und die Kante des Koffers.

Am Abend ging er zum Wasser, stellte sich ans Wohnzimmerfenster ein leichter Zug durch die angekippten Flügelfenster erinnerte an den Sommeranfang: die Sonne sank spät und tauchte die Fensterbank mit den Kräutertöpfen in ein warmes Licht.

Am nächsten Morgen wachte Sabine früher als ihr Sohn auf: Sie hörte sein leises Atmen durch die dünne Wand zum Schlafzimmer und bemühte sich, das Geschirr nicht zu klirren. Die Wohnung schien enger; Lukas Sachen hatten wieder ihren Platz im Flur und Bad eingenommen; die Zahnbürste neben ihrer alten Tasse wirkte fremd leuchtend.

Den größten Teil des Tages verbrachte er vor dem Computer oder scrollte am Handy; er kam nur zum Frühstück oder Mittagessen heraus. Sabine versuchte, smalltalk über das Wetter oder die Nachbarn zu halten; er antwortete ausweichend oder zog sich nach ein paar Sätzen zurück.

Eines Tages kaufte sie frischen Dill und Zwiebeln vom Markt:

Schau! Dein Lieblingsgrün

Lukas blickte verträumt:

Danke Vielleicht später?

Das Grün verwelkte rasch auf dem Tisch am Abend wurde es wärmer, und Sabine scheute sich, zu lange zu lüften; ein Zug war seit seiner Kindheit sein Feind.

Abends trafen sie sich zum Abendessen: unbeholfene Pausen wurden länger als die Gespräche. Selten lobte er das Essen; meist aß er schweigend oder bat, den Teller bis zum Frühstück aufzubewahren sein Appetit war verschwunden. Manchmal vergaß er, seine Tasse wegzuräumen, ließ die Brotdose offen nach einem Mitternachtsimbiss.

Sabine bemerkte diese Kleinigkeiten: früher räumte er den Tisch ohne Erinnerung; jetzt schien es ihr unangemessen, einem erwachsenen Mann zu korrigieren, also wischte sie die Krümel still selbst weg.

Alltägliche Missgeschicke häuften sich unbemerkt: das Badetuch verschwand, Lukas hatte es ins Zimmer genommen; jemand legte die Briefkastenschlüssel falsch hin beide suchten sie später zwischen Paketen und Quittungen.

Eines Morgens fand Sabine die leere Brotdose auf dem Tisch:

Wir sollten Brot kaufen

Lukas murmelte etwas Undurchsichtiges aus seinem Zimmer:

Okay

Sie wollte am Abend nach der Arbeit selbst losgehen, doch ein Stau in der Apotheke hielt sie auf, und sie kam erschöpft zurück.

In der Küche stand Lukas vor dem Kühlschrank mit dem Handy in der Hand. Sabine öffnete automatisch die Brotdose nichts war drin. Sie seufzte müde:

Du hast doch gesagt, du kaufst Brot, oder?

Lukas drehte sich abrupt, seine Stimme klang lauter als üblich:

Ich habe es vergessen! Ich habe meine eigenen Dinge!

Sabine wurde rot, Ärger brach trotz Müdigkeit hervor:

Natürlich Du vergisst immer alles!

Worte wurden lauter, Stimmen stiegen. Plötzlich wurde das Atmen in der engen Küche schwer. Jeder wollte Recht behalten, doch dahinter hörte man etwas anderes: die Erschöpfung voneinander, das Unvermögen, einen gemeinsamen Ton zu finden, die Angst, die vertraute Nähe zu verlieren, die einst so einfach schien.

Die Wohnung lag still, als hätte die ganze Energie des Streits sich in die Nachtluft aufgelöst. Die Schreibtischlampe warf einen langen Schatten auf die leere Brotdose. Sabine konnte nicht einschlafen; sie lag auf dem Rücken und lauschte den seltenen Geräuschen: ein Klicken des Lichtschalters, dann ein Summen aus dem Bad. Lukas schritt vorsichtig, als wolle er die Wände nicht stören, die nun gleichzeitig vertraut und fremd waren.

Sie erinnerte sich an ihre Gespräche vor dem Dienst: damals war alles einfacher man konnte direkt fragen, wegen vergessenen Mülls oder zu spätem Abendessen schimpfen. Jetzt schien jedes Wort riskant: nicht versehentlich verletzen, das fragile Gleichgewicht nicht erschüttern. Hinter dem Streit lag die Müdigkeit ihre nach einem langen Arbeitstag, seine nach Wochen des Schweigens in vier Wänden.

Die Uhr zeigte fast zwei, als sie leise Schritte im Flur hörte. Die Tür zur Küche knarrte: Lukas goss sich Wasser aus einer Karaffe. Sabine hob sich auf dem Ellbogen, zögerte zwischen Aufstehen und im Bett bleiben. Sie entschied sich, zu gehen, zog ihren Morgenmantel an und schritt barfuß über den kühlen Boden.

Der Geruch von nassem Lappen lag in der Luft sie hatte gestern den Tisch abgewischt. Lukas stand am Fenster, mit dem Rücken zur Tür, die Schultern leicht gesenkt, die Hand fest um ein Glas gekrallt.

Schläfst du nicht?, flüsterte sie.

Er zuckte leicht zusammen, drehte sich nicht sofort um.

Ich auch nicht

Stille hängen blieb zwischen ihnen, nur ein Tropfen Wasser glitt die Karaffe hinunter.

Entschuldige den Abend Ich habe zu laut geschrien, sagte Sabine. Du bist müde Und ich bin es auch.

Er drehte sich langsam:

Ich bin schuld Es ist alles irgendwie ungewohnt geworden.

Seine Stimme war rau vom vielen Schweigen; er wich ihrem Blick aus.

Sie schwiegen erneut, doch die Spannung löste sich ein wenig durch diese einfachen Worte. Sabine setzte sich gegenüber an den Tisch, schob ihm eine Schachtel Tee hin eine Geste, automatisiert und tröstend zugleich.

Du bist ja schon erwachsen, sagte sie behutsam. Ich muss lernen, dich ein Stück weiter loszulassen Und ich fürchte immer, etwas zu verpassen oder falsch zu machen.

Lukas sah sie aufmerksam an:

Ich verstehe noch nicht, wie ich hier sein soll Früher war es: Befehl erledigt; zu Hause ist alles anders. Hier scheinen Regeln zu existieren, die ich nicht mitbestimmt habe

Sabine lächelte mit den Mundwinkeln:

Wir lernen beide neu, zusammen zu leben Vielleicht sollten wir etwas vereinbaren?

Lukas zuckte mit den Schultern:

Können wir es versuchen?

Erleichterung glättete ihren Rücken. Sie einigten sich laut aus: wer kümmert sich um die Lebensmittel (er würde abwechselnd Brot kaufen), wer spült das Geschirr nach dem Abendessen; beide verzichteten künftig auf Fragen nach dem Wo? oder Was? am Abend, um etwas Zeit für sich zu behalten. Sie wussten, das sei nur der Anfang, doch das Ehrliche und Ruhige war das Wichtigste.

Sabine fragte vorsichtig nach seinen Plänen:

Du wolltest doch etwas finden? Hast du noch die Wehrbescheinigung in der Hand?

Lukas nickte:

Ja. Nach der Entlassung wurde sie sofort in meinem Rucksack zusammen mit dem Dienstzeugnis verstaut Aber wohin jetzt?

Sie erinnerte sich an das Arbeitsamt, erzählte ihm von kostenlosen Beratungen und Programmen für Rückkehrer. Er hörte leicht misstrauisch:

Soll ich da hingehen?

Sabine schüttelte den Kopf:

Warum nicht? Wir könnten zusammen hingehen, ich helfe dir beim Sammeln der Unterlagen.

Er dachte lange nach, dann sagte:

Lass uns es gemeinsam versuchen.

In der Küche wurde es ein wenig wärmer: vielleicht, weil das Licht über dem Herd ausging und nur das sanfte Leuchten der Lampe am Tisch blieb; vielleicht, weil sie zum ersten Mal seit Tagen ruhig und ehrlich miteinander sprachen. Draußen flackerten im Dunkeln die Lichter der Nachbarhäuser; irgendwo schliefen weitere Menschen in kleinen Wohnungen des späten Frühlings.

Als das Gespräch von selbst endete, räumten sie gemeinsam die Tassen weg und wischten die Arbeitsfläche mit einem feuchten Tuch.

Der Morgen begrüßte sie mit weichem Licht durch die dicken Vorhänge: die Stadt erwachte gemächlich, im Hof hörte man die Stimmen von Schulkindern und das Zwitschern von Vögeln an einem offenen Küchenfenster diesmal war das Lüften nicht mehr beängstigend. Die Luft wurde etwas wärmer; die Kälte der Nacht verflog zusammen mit der Sorge der vergangenen Tage.

Sabine stellte den Wasserkocher an und nahm aus dem Schrank ein Paket Knäckebrot für das Frühstück statt des fehlenden Brotes. Auf dem Tisch legte sie Lukas Unterlagen aus: den Wehrpass in rotem Einband, das Dienstzeugnis und den Reisepass. Sie schaute auf die Papiere, nun Zeichen eines neuen Lebensabschnitts, der hier und jetzt begann.

Lukas trat verschlafen aus seinem Zimmer, jedoch ohne die vorherige Distanz, setzte sich ihr gegenüber und lächelte kurz:

Danke, Mama

Sie antwortete ebenso schlicht:

Wollen wir heute zusammen etwas unternehmen?

Er nickte zustimmend. Und dieses Ja klang für sie wichtiger als jedes Versprechen.

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