Spiel mit dem Feuer

Spiel mit dem Feuer

Na, du hast mir was zu erzählen, lachte Armin und warf den Kopf zurück. Das hast du ihr direkt ins Gesicht gesagt? Vor allen Leuten abblitzen lassen?

Was blieb mir denn anderes übrig? Klaus trommelte nervös mit den Fingern auf den Tisch. Ich bin verheiratet. Und sie lässt mir keine Ruhe, wird immer dreister. Die ganze Abteilung tuschelt schon über uns.

Ach, du armer Schatz, so was bist du nicht gewöhnt, spottete sein Freund. Andere würden sich freuen, aber du spielst den Unberührbaren.

Wir haben wohl unterschiedliche Vorstellungen von Treue, erwiderte Klaus ohne Bitterkeit, doch in seinen Augen lag eine stille Erschöpfung. Solange es nur Andeutungen waren, habe ich so getan, als merkte ich nichts. Ich wollte nicht unhöflich wirken oder eine Szene machen.

Und genau das war dein Fehler, sagte Armin mit bedeutungsvollem Blick. Dein Schweigen hat sie ermutigt, ihr falsche Hoffnungen gemacht.

Was will sie überhaupt von mir? Es gibt doch genug ungebundene Männer!

Für Frauen wie sie ist ein Ehering keine Grenze, sondern eine Herausforderung, bemerkte Armin philosophisch. Ein Zeichen, dass die Ware etwas taugt.

Sofie stürmte in ihre Abteilung wie ein plötzlicher Frühlingswind. Man konnte sie nicht als klassische Schönheit bezeichnen ihr Gesicht war zu scharf geschnitten, die Stimme etwas rau. Doch wenn sie lächelte, schien sich die Welt um sie herum zu verändern. Die Personalchefin gestand später, sie habe Sofie fast abgelehnt bis diese lächelte, und ihre Entscheidung kippte auf der Stelle.

Anfangs mochte Klaus sie wirklich. Ihre Energie und ihr scharfer Verstand waren wie ein frischer Wind in der tristen Büroroutine. Er half ihr gern, sich ins Team einzufügen, teilte sein Wissen. Für ihn war es reine Kollegialität, ohne Hintergedanken. Als Familienmensch sah er in ihr eine begabte Kollegin, fast wie eine kleine Schwester.

Doch allmählich verschwammen die Grenzen. Sofies Witze wurden doppeldeutig, ihre Berührungen zu aufdringlich. Klaus, von Natur aus introvertiert und Konflikten abgeneigt, war verunsichert. Sein innerer Kompass, der ihm sonst klar die Regeln des Anstands wies, begann zu schwanken. Er mied sie, lehnte gemeinsame Mittagessen ab. Doch sein Rückzug befeuerte nur ihre Jagdlust.

***

Klaus war Mitte dreißig, ein Mann, der mit fast pedantischer Sorgfalt Ordnung in seinem Leben hielt. Groß, aber leicht gebeugt, als wolle er unsichtbar bleiben. Dunkles, stets gepflegtes Haar, an den Schläfen schon früh ergraut Veranlagung und Pflichtbewusstsein. Seine Augen wirkken ruhig, doch in ihrer Tiefe lag eine stille Erschöpfung nicht von der Arbeit, sondern von innerer Anspannung. Er trug schlichte Brillen mit dünnem Metallgestell, die er nervös abnahm, wenn er aufgeregt war. Seine Kleidung war dezent: unauffällige Hemden, klassische Hosen. Nichts Auffälliges.

Lärm, Flirten, Bürointrigen all das war ihm fremd. Seine Welt war die Stille, Struktur und konzentriertes Arbeiten. Konflikte fürchtete er wie die Pest, zog Schweigen und Rückzug vor, nur um keinen Streit zu provozieren.

Doch in ihm stand eine unerschütterliche Burg: seine Familie. Lena und die Kinder waren nicht nur ein Teil seines Lebens sie waren sein Lebenssinn. Seine Treue war keine Pose, sondern so natürlich wie Atmen.

Sofie hatte ihn vom ersten Tag an gereizt. Er war der Einzige, der nicht auf ihre Reize reagierte. Ihn zu verführen war mehr als nur ein Spiel es war ein Beweis, dass sie begehrenswert war. Ein verheirateter, unerreichbarer Mann war die ultimative Trophäe. Wenn so ein perfekter Familienvater ihr verfiel, bewies das ihren Wert. Und ihre Erfahrung sagte ihr: Hinter jedem mustergültigen Ehemann lauert eine Lüge.

Schon nach zwei Wochen im neuen Job schwärmte Sofie einer Freundin von ihren Gefühlen für Klaus. Annette hörte mit wachsendem Unbehagen zu.

Schon wieder ein Verheirateter? Sofie, hör auf. Und dann noch zwei Kinder.

Ach, Formalitäten! Er ist unglücklich, das sehe ich. Gefangen in einem goldenen Käfig. Seine Frau diese Lena versteht ihn nicht. Sie hält ihm nur den Rücken frei, aber seine Seele schreit nach Freiheit!

Woher willst du das wissen? Kennst du sie? Hast du sie je zusammen gesehen?

Das brauche ich nicht! Ich sehe ihn. So korrekt, so kontrolliert Das ist nicht normal! Dahinter steckt immer Schmerz. Er traut sich nicht, es sich selbst einzugestehen. Ich will ihm helfen. Ihn befreien.

Sofie, Liebes, du klingst wie aus einem billigen Roman. Du willst ihm nicht helfen. Du willst ihn, weil er unerreichbar ist. Aber das ist kein Spiel das ist ein Menschenleben!

Du verstehst es nicht, Annette. Das ist mein Leben! Ich spüre, wir sind füreinander bestimmt. Er hat sich nur verloren. Und seine perfekte Familie da stimmt was nicht. Nichts ist perfekt. Ich werde Beweise finden, warte nur.

***

Die Dienstreise nach München wurde für Klaus zur Zerreißprobe. Und wer meldete sich freiwillig als Begleitung? Vor Kunden war Sofie mustergültig professionell, und Klaus entspannte sich fast. Doch spätabends klopfte es an seiner Zimmertür.

Bei mir zieht es, die Heizung ist kalt, stand Sofie im Türrahmen, in ihren eigenen Bademantel gehüllt doch offensichtlich trug sie darunter nur ein seidenes Nachthemd.

Klaus spürte, wie ihm das Blut in den Adern gefror. Panik würgte ihn. Er sah Lenas vertrauensvolle Augen vor sich.

Warte, ich hole dir meine Decke, presste er hervor, wandte sich ab und griff zum Schrank. Hier, nimm.

Sofie spielte beleidigt, nahm sie aber.

Du hast dich selbst in einen Käfig gesperrt und den Schlüssel verloren, warf sie hin. Schade. Man sollte auch mal leben. Unter dieser Fassade steckt ein ganz anderer Mann.

Klaus schloss die Tür, lehnte die Stirn dagegen und hörte sein eigenes Herz hämmern. Er fühlte nicht nur Erleichterung, sondern auch ein seltsames, bedrückendes Mitleid mit ihr, mit sich selbst, mit dieser absurden Situation.

Zurück im Büro schien Sofie ihn vergessen zu haben. Klaus begann, aufzuatmen. Doch zwei Wochen später bat sie um eine Mitfahrgelegenheit. Widerwillig lehnte er ab.

Findest du mich so abstoßend?

Du bist lebhaft und klug, sagte Klaus. Aber ich liebe meine Frau. Ich habe eine Familie

Also liegt es nur daran? In ihren Augen flackerte ein gefährliches Funkeln.

Nein, er stockte, suchte nach schonenden Worten doch Sofie war schon weg. Er bereute sofort seine Unentschlossenheit. Und zu Recht.

Noch in derselben Nacht riss ihn ein Ruck an der Schulter aus dem Schlaf. Sein Blick war verschlafen, doch Lenas wütendes Flüstern durchbohrte ihn.

Klaus, bist du bei Trost? Was soll das für eine Frau sein, die dir mitten in der Nacht solche Fotos schickt?

Er setzte sich auf, das Herz hämmernd. Auf dem Handybild: Sofie, in verführerischer Pose, nur mit Spitzenwäsche bedeckt

Lena, das ist nicht, was du denkst! Seine Stimme überschlug sich. Er erzählte alles, von Anfang an, ohne seine Unsicherheit zu verbergen.

Lena schwieg lange, dann seufzte sie tief.

Mein naiver Trottel, mischten sich Zorn und Zärtlichkeit in ihrer Stimme. Gut. Ich glaube dir. Weil ich weiß, dass du zu so einem dummen Verrat nicht fähig bist. Aber sag ihr: Wenn das noch einmal vorkommt, komme ich ins Büro und inszeniere einen Auftritt, bei dem alle ihre Seifenopern vergessen.

Klaus nickte im Dunkeln. Am nächsten Tag bat er Sofie ins Besprechungszimmer. Sie betrat es strahlend, als erwarte sie seine Kapitulation.

Sofie, du hast jede Grenze überschritten, begann er, bemüht, dass seine Stimme nicht zitterte.

Ach, hör auf, sie trat näher, die Hand nach seiner Wange ausgestreckt. Sie ist dich nicht wert. Glaub mir.

Klaus wich zurück, ihre Hand blieb in der Luft hängen.

Was willst du damit sagen?

Dass dein perfektes Leben eine Lüge ist, wurde ihre Stimme süß und giftig. Von außen betrachtet ein Traum: liebevolle Frau, Prinzesschen als Tochter, Stammhalter als Sohn

Bei uns stimmt wirklich alles.

Wach auf, Klaus! Sie sprang auf, beugte sich über den Tisch. Dein Sohn sieht dir überhaupt nicht ähnlich! Die Tochter dein Ebenbild, aber bei Tom ist nichts von dir!

In Klaus erstarrte alles. Er sah in ihr triumphierendes Gesicht und spürte, wie das letzte bisschen Mitleid verschwand.

Und ich kann es beweisen, warf Sofie siegessicher einen Ausdruck auf den Tisch. Sieh selbst! Vaterschaftswahrscheinlichkeit 0%. Praktisch, überall Freunde zu haben. Na, jetzt glaubst du mir?

Klaus hob langsam den Blick. Der Zorn, den er so lange unterdrückt hatte, brach endlich los eiskalt und klar.

Ich habe es ertragen, als du mich belästigt hast. Aber meine Kinder die sind tabu. Tom ist nicht mein leiblicher Sohn. Doch das geht nur mich und Lena etwas an. Falls du dich weiter in fremde Familien einmischen willst: Seine Eltern, Lenas Schwester und ihr Mann, sind gestorben. Er ist jetzt unser Sohn. Bist du zufrieden? Deine Neugier gestillt?

Es tut mir leid, ich wusste es nicht, flüsterte Sofie, und ihre ganze Fassade brach zusammen.

Ich weiß auch noch nicht, wie du an das Material für diesen Test gekommen bist falls er echt ist. Und was dich dazu trieb. Früher dachte ich, du seist nur einsam. Jetzt sehe ich: Du bist gefährlich. Schreib deine Kündigung. Wenn sie nicht bis heute Abend beim Chef liegt, gehe ich zur Polizei. Und wenn du jemals meinen Kindern zu nahe kommst Er machte eine Pause, und sein leiser Ton war schlimmer als jedes Gebrüll, dann brauchst du die Polizei nicht mehr.

Sofie kündigte noch am selben Tag. Klaus kam früher nach Hause. Er ging ins Kinderzimmer, wo der sechsjährige Tom mit Puzzlebausteinen spielte und die achtjährige Marie Hausaufgaben machte. Er umarmte beide, länger als sonst, und atmete den vertrauten Duft ihrer Haare ein.

Abends, als die Kinder schliefen, setzte er sich Lena gegenüber.

Wir müssen es ihm sagen, sagte er leise. Tom soll die Wahrheit von uns hören, nicht von Fremden. Je früher, desto besser.

Lena sah ihn an, Tränen in den Augen nicht aus Trauer, sondern Erleichterung.

Ich habe Angst, gestand sie.

Ich auch. Aber wir schaffen das zusammen.

Eine Woche später gab es ein kleines Familienfest. Nach dem Kuchen sagte Klaus:

Tom, Mama und ich müssen mit dir über etwas Wichtiges sprechen. Darüber, wie sehr wir dich lieben.

Er setzte sich zu dem Jungen, um auf Augenhöhe zu sein:

Weißt du noch, wir haben gesagt, Familie ist das Wichtigste? Und dass sie ganz verschieden sein kann. Tom, ich bin nicht dein leiblicher Papa. Deine ersten Eltern waren Lenas Schwester und ihr Mann, wunderbare Menschen, die leider nicht mehr bei uns sind. Aber Mama und ich wir sind deine Eltern aus freier Wahl, aus Liebe.

Der Junge überlegte kurz, dann umarmte er sie einfach und fragte, ob er noch ein Stück Kuchen haben dürfe. Die schwere Wolke, die über der Familie gehangen hatte, zerstreute sich. Und in diesem einfachen, alltäglichen Moment Krümeln auf dem Tisch und ruhigen Gesprächen blieb kein Platz mehr für Sofie oder ihre krankhaften Fantasien. Alles war wieder, wie es sein sollte.

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Spiel mit dem Feuer
An Evening at the Laundrette