Wenn deine Schwiegermutter…

Heinrich, Heinrich wach auf, schläfst du noch? Hörst du? Steh auf, sonst verschläfst du noch dein ganzes Leben. Nein, guck ihn dir an! Schläft Heinrich, steh auf, ich sags dir doch, du verschläfst noch dein Glück!

Adelheid Markowna, lassen Sie mich doch endlich schlafen, zum Teufel nochmal!

Steh auf, sag ich! Schlafen im Ruhestand kannst du dich ausschlafen.

Ja, klar, und im Jenseits erst recht.

Da schläfst du nicht! Auf, komm schon nun?

Heinrich betrachtete sich im Spiegel, unausgeschlafen, mit roten Augen.

Na?

Du stöhnst nur rum. Geh dich waschen, rasieren, mach dich zurecht, du hast noch Zeit. Los!

Was für Zeit, Adelheid Markowna?

Genau die.

Heinrich trottete ins Badezimmer, stöhnend und in Gedanken fluchend, denn sonst gabs gleich einen Pantoffel gegen den Kopf oder ins Gesicht. Erzieht mich noch, die Alte, soll sie doch der Teufel holen, dachte er wütend.

Heinrich, hab ich dir jemals gesagt, dass ich manchmal Gedanken hören kann? Hm? Hab ichs dir gesagt? Nein? Dann weißt dus jetzt. Die Schwiegermutter setzte sich im Lotussitz auf sein Bett. Nebenwirkung, verstehst du? Geh jetzt, wasch dich, putz dir die Zähne, gründlich, und vergiss nicht, dich zu rasieren. Siehst aus wie ein Partisan.

Heinrich wusste, Diskutieren brachte nichts. Schon zu Lebzeiten war das zwecklos gewesen.

Die Schwiegermutter war seine Ex-Schwiegermutter und nicht ganz normal. Sie war ein Geist.

Ja, genau.

Nein, er war nicht verrückt, hatte sich nicht totgesoffen Aber eines Tages war Adelheid Markowna einfach in seiner Wohnung aufgetaucht.

Nachdem sie längst begraben worden war.

Ich höre es, ja. Manchmal. Fast immer, was du denkst, nickte die Schwiegermutter und schwebte langsam durch die Luft. Wie meine Lieselotte das mit dir ausgehalten hat Du Dinosaurier, mehr bist du nicht.

Heinrich winkte ab und ging ins Bad.

Mit Lieselotte hatte er sich vor einem Jahr scheiden lassen. Die Kinder waren groß, hatten ihr eigenes Leben. Lieselotte war ausgerastet, hatte ihn einen Tyrannen genannt, behauptet, er lasse sie sich nicht entfalten, warf ihre Sachen in einen Koffer und knallte die Tür hinter sich zu.

Heinrich stand verdattert allein da.

Er rief Lieselotte an, doch sie erklärte, sie wolle nichts mehr mit einem solchen Chauvinisten und Frauenfeind zu tun haben so schlimm hatte ihn noch nie jemand beschimpft.

Und wie sollte er, Heinrich, bitte kein Chauvinist sein? Er baute schließlich Häuser, dazu noch Saunen, Schuppen und ähnliches. Seltsame Frau, diese Lieselotte, und dann noch die Schimpfwörter.

Jedenfalls hatte sie sich irgendeinen Coach angehört, wer auch immer das sein mochte, und beschlossen, dass ihr Leben mit Heinrich keine Ehe, sondern Folter gewesen sei. Er habe sie wie ein Pferd vor den Pflug gespannt, sie gezwungen, Kohlsuppe zu kochen und Frikadellen zu braten.

Übrigens, wie Lieselotte Frikadellen braten konnte

Heinrich verschluckte sich fast am Speichel, als ihm plötzlich ein Gedanke kam Mit halb rasiertem Gesicht stürmte er in den Flur.

Adelheid Markowna Adelheid Markowna!

Was ist denn, warum schreist du so?

Adelheid Markowna, könnten Sie mir beibringen, Kohlsuppe zu kochen? Bitte?

Ach, jetzt gleich Als ob ich mein Rezept einfach so weitergeben würde!

Wozu brauchen Sie es denn da? Wollen Sies den Teufeln vorkochen?

Pfui, mit dir.

Na gut Lieselottes Suppe schmeckt eh besser als Ihre.

Ha, als ob! Lieselotte kocht besser? Ich habs ihr beigebracht, weißt du?

Na und? Heinrich rasierte sich weiter, ohne die Badezimmertür zu schließen. Anständigkeit war ihm egal, ebenso dass der freie Tag so verlief, dass er um sieben aufstehen musste die Alte würde nicht lockerlassen.

Und deshalb, die Schwiegermutter wurde unruhig, waberte durch die Luft und setzte sich schwerfällig auf einen Stuhl. Anfangs war sie noch wie ein Akrobat durch die Luft getaumelt, hatte sich unter der Decke gedreht, doch mittlerweile konnte sie sogar Gegenstände aufheben Pantoffel zum Beispiel. Ich habe Lieselotte unterrichtet, verstehst du, Dummkopf?

Ich streite ja nicht, aber hier hat der Schüler den Meister übertroffen.

Was? Sag mal, sag schon! Welches Fleisch nimmt Lieselotte für die Suppe, hm?

Schwein natürlich.

Genau, und du bist ein Es muss Rind sein!

Ach, und jetzt sagen Sie noch, man muss sie nicht in diesem Topf kochen, sondern in dem.

Bist du bescheuert? Natürlich in dem da!

So kochte Heinrich unter Anleitung die Suppe und schrieb alles in ein Notizbuch.

Sauber rasiert saß er in der Küche und aß eine atemberaubende Kohlsuppe

Mmm, Mama Sie sind ein Genie.

Was?

Ihre Suppe unbeschreiblich.

Und Lieselottes?

Pah, Mama, die kann da nicht mithalten Weinen Sie? Können Geister weinen?

Weiß nicht, schluchzte die Schwiegermutter. Du bist wirklich ein Schuft, Heinrich.

Na, danke schön. Was hab ich denn jetzt wieder falsch gemacht?

Nichts nur mich Mama genannt. Jetzt heul ich schon. Heinrich, ich wollte dir eigentlich dein Schicksal bescheren.

Wie das?

Nun ich sollte dich um sechs Uhr fünfundvierzig, sauber und rasiert, den Müll rausbringen lassen. Genau dann wäre Gisela aus dem Nachbarhaus gekommen, siebenundvierzig, unverheiratet, frisch zugezogen. Ihr wärt zusammengestoßen, im wahrsten Sinne des Wortes, und dann

Aha und dann?

Nichts, Heinrich. Die Augen der Schwiegermutter rollten, so gut es bei Geistern möglich war. Ihr hättet euch na, du weißt schon und ich ich hätte verschwinden können. Das war die Bedingung.

Welche Bedingung?

Dich glücklich zu machen.

Sie wussten also schon seit einem Jahr, seit Sie hier aufgetaucht sind, alles?

Ja.

Warum haben Sie es dann nicht getan?

Na, ich Die Augen rollten wieder. Du du bist schuld, mit deiner blöden Suppe!

Ich?

Ja, du! Jetzt muss ich noch ewig hier rumhängen, bis bis

Bis was?

Bis ich dich glücklich mache, ja.

Glücklich? Ernsthaft? Wer hat sich ausgedacht, dass ich mit einer fremden Tante glücklich werden soll? Ich bin glücklicher, als Sie denken.

Wie das?

Ganz einfach Ich lebe, atme, habe jetzt das Rezept für die beste Kohlsuppe der Welt. Bei mir wohnt jemand, der mich nicht verhungern, verdrecken oder verzweifeln lässt. Ich bin nicht einsam, ich habe Sie Mama.

Ach fahr zur Hölle! kreischte der Geist und verschwand im Schrank, von wo noch lange Schluchzen und Jammern zu hören war.

Heinrich beschloss, aufzuräumen.

Wie du den Spiegel putzt nimm doch das Tuch da!

***

Lieselotte hatte schlecht geschlafen. Sie träumte von ihrer Mutter, jung und schön, die ihr die Arme entgegenstreckte und sie rief

Sie wollte ihren Coach, Winfried Wunderlich, anrufen, doch das Video lud nicht. Also versuchte sie es per Videocall.

Dieser göttliche Mensch, der ihr die Augen geöffnet hatte, war rund um die Uhr für sie da.

Doch Winfried ging nicht ran.

Hallo? Eine heisere Stimme drang wie aus dem Nichts hervor, ein rotes Gesicht erschien auf dem Bildschirm. Wer zum Teufel ruft um sieben Uhr morgens an? Habt ihr den Verstand verloren?

Oh. Lieselotte legte auf. Nein, nicht im wörtlichen Sinne, sie klappte den Laptop zu. Das war nicht Winfried, das war ein Monster

Sie überlegte und beschloss dann, zur Wohnung dieses Mannes zu fahren, der sie zur Sklavin gemacht hatte. Doch jetzt war sie befreit glücklich fast Irgendetwas fehlte noch.

Sie wusste nicht warum, aber sie musste unbedingt zu Heinrich.

***

Heinrich und Adelheid Markowna spielten Schach und stritten sich, lachten laut.

Völlig verrückt, dachte Lieselotte, als sie sah, wie ihr Ex-Mann mit irgendwem redete, lachte und Schach spielte.

Oh, Lieselotte, hallo Mama, du bist dran. Schach!

Lieselotte hätte schwören können, die Schachfiguren bewegten sich von allein.

Was hatte der Unverbesserliche jetzt schon wieder angestellt?

Du siehst gut aus, Lieselotte Mama sagt, du bist abgemagert. Isst du nicht gut? Ich kann dir Kohlsuppe anbieten, Mamas Spezialität.

Hm Heinrich Gehts dir gut?

Mir? Was sollte mir fehlen? Mama, deine Mutter, hat versprochen, mir beizubringen, wie man Frikadellen brät.

Heinrich welche Mama? Sie Sie ist seit einem Jahr tot.

Ja, und sie lebt seither bei mir.

Heinrich mein Gott, was ist mit dir? Fühlst du dich nicht wohl?

Mir gehts prächtig, Lieselotte. Komm, ich gebe dir Suppe.

Lieselotte beschloss, mit einem Verrückten nicht zu diskutieren

In der Küche stand tatsächlich ein Topf mit Suppe, und der Duft genau wie bei Mamas Suppe.

Heinrich hast du die Suppe selbst gekocht?

Ja, Mama hat ihr Geheimnis verraten. Hört auf zu heulen, Adelheid Markowna Du du glaubst nicht, dass deine Mama hier ist? Lieselotte, stell eine Frage, die nur ihr beide kennt.

Heinrich, ich

Warte Du denkst doch, ich bin verrückt Frag sie.

Mama welches schreckliche Geheimnis habe ich dir in der dritten Klasse anvertraut?

Dass du was? Ich habe dir in der dritten Klasse schon gefallen?

Lieselotte setzte sich.

Welche Farbe hatte mein Kinderwagen? Wann bekam ich meinen ersten Zahn? Wer ist Tante Käthe?

Auf alle Fragen bekam sie Antworten

Das kann nicht sein Heinrich Meine Mama sie lebt wirklich bei dir?

Ja Sie ist nicht ganz in ihrer alten Form. Sie ist ein Geist, Lieselotte. Mama zeig dich ihr.

Für einen kurzen Moment sah Lieselotte ihre Mutter, dann noch einmal in kurzen Blitzen.

Sie verliert Energie, Lieselotte. Aber sie liebt dich und will, dass du glücklich bist dass wir glücklich sind? Was bedeutet das, Adelheid Markowna? Warten Sie, wohin Hallo? Warten Sie Mama!

Heinrich wachte mit einem Schrei auf, Lieselotte fuhr erschrocken hoch.

Lieselotte?

Heinrich? Sie zog die Decke an sich. Ich verstehe nicht, wie das passiert ist Warte Das war

Ein Traum, flüsterte Heinrich.

Du hast auch geträumt, dass Mama ein Geist war

Ja. Und dass du mich verlassen hast, wegen so einem Coach

Heinrich!

Lieselotte!

An der Tür wurde geklopft.

Na, wie lange wollt ihr noch schlafen?

Mama?

Adelheid Markowna, Sie leben?

Darauf könnt ihr lange warten! Lieselotte, hör auf, dir solchen Unsinn anzuhören, Coaches und so Mir träumte, ich hätte ein Jahr lang bei dir, Heinrich, gelebt, als Geist. Macht euch fertig, wir fahren aufs Land. Da gibts genug Arbeit, wir treiben dir den Unsinn aus, Lieselotte. Und du, Heinrich, lernst Kohlsuppe kochen für alle Fälle.

***

Heinrich warum hast du mich in dreißig Jahren mit Lieselotte nie Mama genannt?

Keine Ahnung Mama. Weil ich es erst jetzt verstanden habe, Mama. Dass man manchmal durch Träume erst sieht, was wirklich zählt.
Sie lächelte, nahm seine Hand und drückte sie fest.
Draußen summte der Motor des alten Käfers, die Sonne brach durch die Wolken, und irgendwo zwischen Wirklichkeit und Traum begann ein neuer Tag.

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