Wohnlager für kreative Köpfe

Am Samstag, als der März dem April weicht, herrschte in unserer kleinen Wohnung in Berlin ein typischer SonntagsRitual. Ich, Thomas, hatte mir am Morgen das Hobby vorgenommen, mit der Kaffeemühle das perfekte Verhältnis für eine neue Bohnen­mischung auszumesseln. Meine Mitbewohnerin Gretchen blätterte gemütlich auf dem Sofa durch ein Stapel Zeitschriften und notierte die Einkaufsliste: Sie wollte nach dem Mittagessen zum Supermarkt, doch dann setzte die frische Frühschneelauge ein. Vor dem Fenster schmolz der nasse Schnee langsam und hinterließ Pfützen mit schlammigen Eisflößen auf dem Asphalt. Im Flur stand bereits ein kleines Archipel aus Gummistiefeln und Hausschuhen bereit.

Ich ließ die Tasse kurz beiseite und fragte:

Möchtest du etwas knabbern? Ich habe gerade ein Rezept für Quarkpfannkuchen ohne Grieß gefunden.

Gretchen lächelte unser Plan war simpel: zusammen frühstücken und danach jeder seinen Aufgaben nachgehen. Sie seufzte, wollte gerade antworten, da klopfte es plötzlich an der Wohnungstür.

Auf dem Flur stand unsere Nachbarin Katrin aus der Wohnung gegenüber. Sie wirkte etwas nervöser als sonst, hielt mit einer Hand einen etwa acht bis neun Jahre alten Jungen, den ich nicht sofort kannte, aber auch nicht völlig fremd war.

Entschuldigt die Störung Wir haben hier einen Notfall: Ich muss dringend zu einem Kundentermin, und mein Mann steckt irgendwo zwischen dem Berliner Ring und dem Weltraum fest. Könnt ihr für ein paar Stunden auf Lukas aufpassen? Er ist leise Die Sachen liegen hier, sagte sie und reichte mir einen kleinen Rucksack mit einem DinosaurierPlüschtier, Er muss nicht gefüttert werden er hat gerade gefrühstückt. Nur Äpfel mag er.

Ich warf einen Blick zu Gretchen; sie zuckte mit den Schultern. Wer würde schon so schnell zusagen? Nachbarn braucht man manchmal. Wir nickten kurz und sagten:

Natürlich, lass ihn gern bleiben! Keine Sorge.

Lukas trat vorsichtig über die Schwelle, blickte von unten nach oben neugierig und aufmerksam. Seine Gummistiefel hinterließen sofort neue nasse Abdrucke im Flur. Katrin erklärte in Eile die wichtigsten Details: Die Handys der Eltern immer griffbereit, bei Problemen einfach bei mir oder ihr anrufen, keine Allergien, er liebt Tierfilme. Dann drückte sie ihm einen Kuss auf die Stirn und verschwand hinter der Tür.

Der Junge zog seine Jacke aus und hängte sie ordentlich neben die fremden Kleidungsstücke an den Haken über der Heizung. Er sah sich um: Die Wohnung wirkte für ihn etwas dunkler als sein eigenes Zuhause, weil schwere Vorhänge das Wohnzimmer verdunkelten, doch es roch angenehm frischer Kaffee gemischt mit der warmen Luft der Heizung.

Na, Lukas? Willst du einen Film schauen oder etwas spielen?, fragte ich.

Gretchen überlegte kurz, welche Kinderspiele sie anbieten könnte.

Lukas zuckte mit den Schultern:

Vielleicht etwas über Dinosaurier? Oder etwas zum Bauen

Die ersten halben Stunden vergingen ruhig: Ich schaltete ihm die Serie DinoPark ein und wandte mich dann den Nachrichten auf meinem Handy zu. Gretchen blätterte weiter durch die Zeitschriften, dabei immer wieder einen Blick auf den neuen Mitbewohner werfend, der sich mit seinem Rucksack vor dem Fernseher auf dem Teppich eingerichtet hatte. Trotzdem blieb das Gefühl von Vorübergehendem, selbst nach dem dritten Werbeblocker, bestehen.

Um ein Uhr nachmittags wurde klar, dass die Pläne der Erwachsenen schneller schmolzen als der Märzschnee auf den Heizkörpern. Katrin schickte eine kurze Nachricht: Entschuldigt! Wir stecken seit einer Stunde im Stau! Wir versuchen, am Abend zurückzukommen. Kurz darauf klingelte Lukas Vater, die Stimme klang schuldbewusst:

Leute, vielen Dank! Wir sind gleich da! Ist alles in Ordnung?

Gretchen beruhigte ihn:

Ja, ja! Alles gut! Keine Sorge!

Sie legte das Telefon weg und sah mich an:

Sieht so aus, als müssten wir das Mittagsmenü umstellen

Ich zuckte die Schultern:

Na dann, das wird ein neues gemeinsames Projekt!

Die erste kleine Verlegenheit verflog dank Lukas kindlicher Offenheit. Er zeigte stolz seine drei DinosaurierFigürchen und fragte, ob er beim Kochen helfen dürfe.

Ich griff überraschend leicht in den Kühlschrank, holte Eier für ein Omelett, und Lukas knackte geschickt die Schalen am Rand einer Schüssel (einige Eier flogen daneben). Die Küche erfüllte sich mit dem Duft von Butter und gebratenem Brot; der Junge rührte den Teig mit einem Holzlöffel, bis er fast wie Beton wirkte.

Während wir Erwachsenen darüber diskutierten, welchen Film ein achtjähriger Junge sehen darf von Der König der Löwen bis zu alten deutschen Komödien stapelte Lukas leise alle Kissen im Wohnzimmer zu einem großen Haufen neben dem Couchtisch. Nach ein paar Minuten wurde dieser Haufen zur Hauptbasis der Expedition erklärt, zu der jeder eingeladen war, egal welchen Alters oder welcher Größe.

Draußen senkte sich der frühe Abend, zu früh für Ende März; die Laternen im Hof spiegelten sich in den Pfützen wie Glühwürmchen zwischen Schneeflächen am Hauseingang.

Als gegen Abend die Eltern des Jungen wieder anriefen diesmal gleichzeitig wurde klar, dass sie heute nicht mehr nach Hause kommen würden.

Ich brach das Schweigen nach dem Anruf:

Scheint, als müssten wir heute übernachten! Was meinst du?

Gretchen sah nachdenklich zu Lukas, der breit lächelnd seine neue Kissenfestung betrachtete; keine Scheu, nur die Aufregung eines Entdeckers vor einer großen Expedition ins Erwachsenenleben durch die Nachbarwohnung.

Dann erkläre ich das zum WohnungsLagern!, rief ich feierlich. Wir bereiten das Abendessen gemeinsam zu! Wer kümmert sich um das Menü?

Zu dritt gekocht überraschend spaßig, selbst für erfahrene Hausfrauen und -männer. Lukas schälte Kartoffeln (eine fast quadratisch), ich organisierte das Gemüse für den Salat, und Gretchen deckte den Tisch mit Plastikbesteck, denn für ein Lager braucht man schließlich das richtige Flair.

Während der Regen stärker ans Fenster trommelte, erzählten wir von Lieblingskindheitsfilmen (jeder aus seiner eigenen Ära), von lustigen Schulgeschichten Lukas berichtete von einer Mathematiklehrerin und einer Plastik-Echse. Das Lachen hallte leicht, als wäre niemand mehr fremd; die Sorgen lösten sich im Duft von geschmortem Gemüse und dem warmen Licht der Küchenlampe auf.

Im Wohnzimmer entstand ein provisorisches Zeltlager mehrere Bettlaken über die Sofas gespannt; dort herrschten die eigenen Lagerregeln: Geschichten nur flüstern und sich vor den Waldgeistern verstecken (die Rolle bekam unser Plüshippopotamus). Als die Uhr weit über die übliche Sperrstunde hinausging, dachte niemand mehr daran, Lukas an seine Schlafenszeit zu erinnern.

Das Zelt hielt erstaunlich gut: Die Laken rutschten nicht, die Kissen dienten zugleich als Wände und Matratzen. Lukas, inzwischen in eine zu große PyjamaJacke schlüpfen das machte das Abenteuer nur echter kuschelte sich zusammen mit dem Plüshippopotamus. Neben ihm lag ordentlich der DinosaurierRucksack.

Ich brachte eine Tasse warmen Milch und ein Tablett mit Keksen.

Hier ist eure nächtliche Verpflegung für die Expedition, erklärte ich mit ernster Miene.

Thomas (ich) setzte aus irgendeinem Grund ein Küchentuch statt einer Kopfbinde auf den Kopf.

In unserem Lager gilt heute ein besonderes Gesetz: Nach dem Tschirren nur noch flüstern!, sagte ich und zwinkerte Lukas zu, der zustimmend nickte und so tat, als baue er gerade einen neuen Tunnel aus Kissen.

Der Abend zog sich länger hin, als es uns Erwachsenen normalerweise lieb war. Wir lasen Lukas lustige Märchen von einem tollpatschigen Bären (jedes Mal die Namen der Helden durch Nachbarn ersetzt) und überlegten, was wir für einen echten Ausflug mitnehmen würden. Ich erinnerte mich an meine erste Übernachtung bei Freunden wie ich mich vor fremden Tapeten fürchtete, dann aber eine Woche lang von einer Festung aus Stühlen träumte. Gretchen erzählte von Familienausflügen zum See und davon, wie sie einmal einen Hausschuh im Schnee vor dem Hauseingang verlor.

Lukas lauschte aufmerksam, lächelte gelegentlich und stellte Fragen: Warum reden Erwachsene so gern über die Vergangenheit? Warum haben alle ihre eigenen Gruselgeschichten? Er sprach über die Schule und Klassenkameraden ruhiger als am Tag; hier wurde ihm niemand am Ärmel zerriss oder unterbrochen. Schließlich gestand er:

Ich dachte, es wird langweilig Aber es ist wie ein Fest.

Gretchen lachte:

Siehst du! Hauptsache, gute Gesellschaft.

Nach und nach verstummten die Gespräche. Draußen lag die Straße fast im Dunkeln, nur vereinzelte Autos warfen Lichtstreifen durch die Vorhänge. Auf dem Küchentisch stand noch eine halb leere Tasse Tee und ein Stück Brotkruste niemand beeilte sich, das Abendmahl abzuräumen. Ein angenehmes, leichtes Ermüden lag in der Luft, als hätten wir einen Tag ein bisschen länger gelebt.

Ich legte Lukas in das Kissenzelt, deckte ihn mit einer weichen Decke mit gelben Streifen zu ein Geschenk aus meiner Kindheit. Er kuschelte sich ein. Auf seinen Wunsch hin erzählte ich ihm noch ein Märchen von einer Stadt, in der nachts Papierboote über Frühlingspfützen gleiten. Danach saßen wir still.

Hast du Angst ohne Mama?, fragte ich.

Nein Es ist lustig, nur ein bisschen seltsam, antwortete er.

Morgen früh wird alles wieder normal Und wenn du nochmal bleiben willst, bist du jederzeit willkommen.

Lukas nickte schläfrig, die Augen fielen fast sofort zu.

Als er eingeschlafen war, ging ich zur Küche zu Thomas, der gerade am Tisch mit seinem Handy saß. Eine Nachricht von Katrin war eingegangen: Endlich zu Hause, alles gut. Morgen früh wieder früh dran.

Ich hätte nicht mit so einem Abend gerechnet, sagte ich leise.

Gretchen setzte sich neben mich auf den Hocker.

Ich auch nicht Aber die ungeplante Planänderung war gemütlicher als jeder Familienabend in letzter Zeit.

Wir schauten einander an, wussten beide, dass es ein seltener Moment war, nicht nur mit dem Nachbarsjungen, sondern auch miteinander zusammenzurücken.

Die Heizung spendete Wärme, draußen trommelte der Regen, und das leise Atmen des schlafenden Lukas war zu hören. Ich schlug vor:

Vielleicht sollten wir solche Lager öfter machen? Nicht nur für Kinder

Gretchen grinste:

Auch Erwachsene brauchen mal einen freien Tag außerhalb des Plans.

Wir beschlossen, das Experiment mindestens einmal im Monat zu wiederholen sei es für gemeinsames Essen oder ein Brettspiel.

Der Morgen dämmerte überraschend hell: Sonnenstrahlen brachen durch die schweren Vorhänge und zeichneten Lichtstreifen auf den Boden neben der Heizung. In der Diele wehte frische Luft, weil jemand das Fenster weit geöffnet hatte, um die Wohnung nach der Nacht zu lüften.

Lukas wachte etwas früher als wir, schlich leise aus seiner Festung und betrachtete die Magnetleiste am Kühlschrank. Dann half er Gretchen, den Tisch für das Frühstück zu decken: Toast mit Käse und Apfelmus aus dem Glas ein einfaches Menü, das dem Lager gerecht war.

Kurz darauf kamen die Eltern: Katrin wirkte erschöpft, aber dankbar; Lukas Vater fragte sofort nach den Eindrücken, und der Junge berichtete begeistert von der Kissenfestung. Ich erzählte alles im Detail wo wir geschlafen, was wir gegessen, welche Filme wir gesehen hatten.

Am Abschied fragte Lukas plötzlich:

Darf ich da noch mal kommen? Nicht nur, wenn Mama beschäftigt ist einfach so?

Gretchen lachte:

Natürlich! Wir haben jetzt jeden Samstag unser WohnungsLager!

Die Eltern stimmten sofort zu und versprachen, das nächste Mal ein Brettspiel zur GedächtnisFörderung mitzubringen vielleicht nützlich für alle Generationen.

Als die Tür hinter den Nachbarn ins Schloss fiel und die Wohnung wieder wieder groß wirkte, sah ich Gretchen an:

Was meinst du, beim nächsten Mal noch jemanden einladen?

Sie zuckte mit den Schultern:

Schauen wir mal Wichtig ist, dass wir jetzt unser kleines Geheimnis gegen langweilige Wochenenden haben!

Wir fühlten uns ein Stück jünger, als hätten wir ein kleines Wunder der Realität geschaffen.

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