Fünf Facetten des Morgens: Eine Reise durch die Möglichkeiten von Morgen

FÜNF SEITEN DES MORGENS

Na, unsere Kinder werden sich hoffentlich im Alter um uns kümmern wir haben sie schließlich nicht umsonst geboren. Aber du, Marlen, hast wirklich ein Problem, sagte Nadine spöttisch-mitleidig und schenkte ihr weißwein nach.

Fünf Frauen saßen unter Sonnenschirmen in Sitzsäcken vor einer Strandbar auf Sylt. Der Abend roch nach Salz, Kiefern und einer leisen Wehmut.

Als ihre Freundinnen Marlen eingeladen hatten, mit ihnen in ein Kurhotel zu fahren, wusste sie nicht, was sie erwarten sollte. Für sie klang Kurhotel nach etwas aus vergangenen DDR-Zeiten Gewerkschaften, Hexenschuss, Heilschlamm und Langeweile. Vielleicht mit ein bisschen Flirten im Abendlicht wenn sie Glück hatte.

Doch es war ein modernes Hotel mit gutem Essen, Behandlungen, Spa und einem Wald voll smaragdgrünem Moos, in dem man stundenlang spazieren gehen konnte, während die Kiefern rauschten und Sonnenflecken über den Boden tanzten.

Die Nordsee, obwohl flach und kalt, war trotzdem eine Freude. Zu beiden Seiten des Strandes lagen FKK-Zonen: links für Frauen, rechts für Männer.

Die Frauenzone amüsierte alle: Naja, wir sehen im Vergleich noch ganz passabel aus!

Aber die Männerzone da lachten sie aus purem Schock.

Guckt mal, der Dicke da hat weniger als mein Enkel!, rief Lotte.

Und der Kleine da bei ihm gings wohl in die Wurzel statt nach vorne, ergänzte Tanja.

Danke, Mädels!, antwortete plötzlich eine Männerstimme.

Die Frauen kicherten und hasteten weiter, die Gesichter hinter ihren Händen versteckt. Sie hatten vergessen, dass Sylt zwar teuer, aber nicht gerade Ausland war.

Nach dem Abendessen wollte niemand gehen die Behandlungen hatten sie belebt. In der Strandbar spielte Musik, die Sonne versank im Meer, und das Gespräch glitt unmerklich zu schmerzhaften Themen im wahrsten Sinne des Wortes.

Eine hatte Bluthochdruck, einer schmerzte der Arm, die nächste schlief schlecht. Dann ging es ums Alter, die Angst, allein zu bleiben, um Kinder, die ihr eigenes Leben hatten.

Marlen versuchte zunächst, einen Witz zu machen:

Die Welt dreht doch durch vielleicht müssen wir uns ums Altwerden gar keine Sorgen machen.

Doch die Freundinnen waren schon im Thema jede erzählte entweder Schreckensgeschichten oder Hoffnungen.

Plötzlich hellte sich Diana auf:

Erinnert ihr euch, als ihr mich vor zwei Tagen auf dem Markt verloren habt? Da traf ich eine alte Frau mit ungewöhnlichen Steinen. Ich kaufte diesen Kristall. Sie zog einen blaugrünen, abgeflachten Kristall aus ihrer Stofftasche. Sie sagte, er zeigt die Zukunft.

Was tut er?, kniff Nadine die Augen zusammen.

Zeigt sie, irgendwie. Ich habs nicht ganz verstanden ihr Deutsch war gebrochen. Aber sie sagte: Fünf Sitzungen übrig. Und wir sind genau fünf. Warum nicht probieren?

Die Freundinnen lachten, berührten aber trotzdem den Kristall.

**Bild eins: Nadine.**

Mit achtzig war Nadine seit fünf Jahren Witwe. Sie lebte in ihrer geräumigen Wohnung, blieb aktiv, obwohl die Augen schwächer wurden.

Ihre Tochter eine gestresste Managerin hatte nie Zeit, selbst eine Familie zu gründen. Sie kümmerte sich pflichtbewusst, aber ohne Wärme.

Einmal stieg Nadine auf einen Stuhl, um eine alte Vase vom Schrank zu holen. Sie fiel. Keine Brüche, aber genug blaue Flecken. Die Tochter rang die Hände und nahm sie für ein paar Tage mit.

Weiße Küche, weiße Wände, weiße Einsamkeit.

Als Nadine Tomatensaft verschüttete, rief die Tochter:

Mama! Warum musst du immer alles anfassen?!

Na wenigstens etwas Farbe im Raum, versuchte Nadine zu scherzen. Sonst sieht es hier aus wie im OP.

Doch der Witz verhallte ungehört.

**Bild zwei: Diana.**

Diana hatte ihren Sohn allein großgezogen. Alles für ihn, alles um seinetwillen.

Er wurde Programmierer ein guter noch dazu. Heiratete eine Österreicherin und schenkte ihr die Liebe, die einst seiner Mutter galt.

Die Schwiegertochter war kalt wie Stahl. Das Haus, aus steuerlichen Gründen auf sie überschrieben, wurde ihr Reich.

Diana ging schwer, das Herz stolperte, der Atem blieb stocken. Man pflegte sie, aber mit genervtem Seufzen.

Mama, fas nichts an! Mama, misch dich nicht ein!

Sie verkroch sich meist in ihrem Zimmer, weinte manchmal leise nachts und lächelte morgens wieder.

Eines Tages rief sie Nadine an.

Ich halte es nicht mehr aus.

Dann pack deine Sachen. Zieh zu mir. Wir schaffen das schon zu zweit.

Und sie schafften es.

Die eine sah schlecht, die andere ging langsam aber zusammen ging alles.

Sie lachten über ihre Gebrechen:

Hör mal, du hast den Staub wieder in die Ecken gefegt.

Dafür ist die Mitte sauber!

Abends diskutierten sie über Politik, Zukunft, Technik, Glück Ihre Ansichten unterschieden sich oft, doch das störte nicht.

Dann schalteten sie den Fernseher ein: Nadine hörte, Diana beschrieb.

Manchmal denke ich, sagte Nadine, vielleicht ist es gut, dass ich kaum noch etwas sehe. Die Welt ist so hässlich geworden.

Ach was, widersprach die optimistische Diana. Wir sind einfach Relikte, und die Welt bewegt sich weiter.

**Bild drei: Lotte. Lotte hatte nie Kinder gewollt. Mein Leben gehörte mir, sagte sie immer, und das war gut so. Doch mit siebzig wurde es still um sie. Die Freunde starben oder zogen fort. Ihre kleine Wohnung in der Altstadt fühlte sich an wie ein Schuh, der zu eng geworden war.

Als sie stürzte und sich das Hüftgelenk brach, lag sie zwei Tage auf dem Fliesenboden, bevor der Nachbar sie fand. Im Krankenhaus raunte man von sozialer Einsamkeit. Sie zog eine Grimasse als ob Einsamkeit eine Krankheit wäre, die man diagnostizieren konnte.

Nach der Reha bot niemand eine Betreuung an. Die Stadt vermittelte eine Putzfrau, die dreimal die Woche kam aber nie länger blieb als nötig.

Doch dann kam der Sommer, und mit ihm die Einladung nach Sylt. Du fehlst uns, hatte Diana geschrieben. Und zum ersten Mal seit Jahren sagte Lotte Ja, ohne nachzudenken.

**Bild vier: Tanja.**

Tanja hatte ihre Tochter verloren nicht durch Tod, sondern durch Schweigen. Vor zehn Jahren eine hitzige Auseinandersetzung über eine Enkelin, deren Vater unbekannt blieb. Tanja hatte gesprochen, was sie dachte. Die Tochter verschwand. Kein Anruf, kein Geburtstag, nichts.

Seither lebte Tanja in einem Reihenhaus am Stadtrand, pflanzte Unmengen von Stiefmütterchen in Kisten, die sie auf dem Balkon stapelte, als könnte die Farbe ihrer Traurigkeit trotzen.

Sie sprach wenig, lächelte oft falsch das Lächeln, das sagt: Mir gehts gut, wirklich.

Aber in der Nacht saß sie manchmal am Küchentisch, trank Kamillentee und flüsterte in die Dunkelheit: Ich hätte dich nicht verurteilen dürfen.

**Bild fünf: Marlen.**

Marlen hatte zwei Söhne. Beide lebten in anderen Städten, beide hatten Familie. Sie riefen an, zu Weihnachten, zum Geburtstag manchmal vergaßen sie es. Sie schickten Gutscheine.

Vor drei Jahren war Marlen gestürzt, hatte sich das Bein gebrochen. Wochenlang allein im Krankenhaus, nur ein kurzer Besuch, wegen des Jobs. Danach Pflegeheim bis sie floh, weil sie das Gefühl nicht ertrug, schon tot zu sein, ohne zu sterben.

Sie wohnte jetzt in einer Einzimmerwohnung, die nach Kampher und altem Fisch roch, und bastelte aus Zeitungen winzige Tiere, die sie niemandem schenkte.

Manchmal stand sie im Badezimmer, betrachtete ihr Gesicht im Spiegel die tiefen Risse, die schlaffe Haut und flüsterte: Bin ich noch da?

Doch heute heute lachte sie. Laut, ungehemmt, als Diana den Kristall hob und sagte: Fünf Sitzungen übrig. Wer will anfangen?

Niemand traute sich.

Dann nahm Marlen den Kristall.

Die Steine begannen zu glühen.

Оцените статью
Fünf Facetten des Morgens: Eine Reise durch die Möglichkeiten von Morgen
By Sixty-Nine, I Learned the Hardest Truth: When Kids Say «We Love You,» They Often Just Want Your Retirement Savings and Your House.