Umstände und Gegebenheiten: Eine deutsche Perspektive

**Tagebucheintrag**

Das Leben verlief in seinem gewohnten Rhythmus: den Sohn großziehen, das Haus bauen, an der Seite des geliebten Mannes sein. Greta hatte sich Michael selbst ausgesucht von allen Männern war er der Einzige, der ihr wirklich ans Herz gewachsen war. Als Michi aus der Bundeswehr zurückkam, heirateten sie. Bald darauf wurde ihr Sohn geboren Till. Als der Junge größer wurde, träumte Greta von einem Mädchen.

Michael, wenn wir erst das Haus fertig haben, bekommen wir ein Mädchen. Dann haben wir ein Zuhause eine richtige Familiengeschichte, sagte sie oft.

Michael lächelte nur und nickte. Er wäre auch morgen bereit gewesen, noch einmal Vater zu werden. Oft trug er Till stolz auf den Schultern durch das Dorf und grüßte jeden, dem er begegnete.

Doch dann kam der Winter. Schnee versperrte die Wege, es stürmte. Greta schaute aus dem Fenster und wartete darauf, dass Michael nach Hause kam. Doch er kehrte nie zurück. Ein tragischer Unfall auf der Arbeit nahm ihm das Leben.

Die Zeit heilt alle Wunden, sagten die Nachbarn und Bekannten zu Greta. Du bist nicht die Einzige. Weine, und mit den Jahren wird es besser. Vielleicht findest du noch einmal jemanden.

Greta hörte schweigend zu, doch die Tränen versiegten, und das machte alles nur schlimmer. Eineinhalb Jahre vergingen. Die wirren Neunzigerjahre setzten selbst den stärksten Familien zu. Im Dorf wurden die Löhne monatelang nicht ausgezahlt. Gut ging es denen, die einen Hof hatten und sich nicht vor harter Arbeit scheuten.

Greta spürte bald die Last dieser Zeit. Till ging zur Schule und brauchte Kleidung, Schuhe, Essen. Also musste sie den Garten bestellen, um im Herbst etwas auf dem Markt verkaufen zu können.

Sie arbeitete bis spätabends im Garten. Ihre Hände wurden rau, ihr Lächeln verschwand, und ihre Seele schien zu verhärten.

Nimm den Eimer, du Taugenichts!, schrie sie Till an, als er zu seinen Freunden flüchten wollte. Ich zeig dir, was Weglaufen heißt! Hast du deine Hausaufgaben gemacht?

Till packte schweigend den Eimer, doch in seinem Kopf blitzte die Erinnerung auf, wie alles früher mit Papa schön gewesen war und Mama fröhlich und gutmütig.

Nachts weinte Greta oft und schalt sich dafür, dass sie ihren Sohn angeschnauzt hatte. Doch am Morgen war sie wieder mürrisch und streng.

Eines Samstags kamen ihre Freundinnen Leni und Moni vorbei. Früher hatte sie kaum Freundinnen gehabt, weil Michael ihr genug gewesen war. Doch jetzt besuchten sie die fröhlichen, oft geschiedenen Frauen regelmäßig, lachten und kamen angeblich auf einen Tee. Natürlich ging es nicht um den Tee.

Der Morgen begann wie immer. Die beiden brachten Zigaretten mit, und Greta zögerte nur kurz, bevor sie eine nahm. Draußen schneite es leicht, wie in jenem Winter vor zwei Jahren. Sie sprachen über Männer, über das Dorf, über die schweren Zeiten. Till war bei Freunden, und Greta ließ sich zum ersten Mal seit langem Zeit zum Lachen. Später, als die Freundinnen gegangen waren, sah sie sich im Haus um das halb fertige Regal, die Fotos an der Wand, Tills Pausenbrot, das noch auf dem Tisch lag. Sie wusch das Geschirr, setzte sich ans Fenster und betrachtete die Spuren seiner Schuhe im Schnee. Am nächsten Morgen kaufte sie für Till neue Turnschuhe. Sie nähte einen losen Knopf an sein Hemd, den er gestern hatte abfallen lassen. Beim Bügeln roch sie noch den feinen Rauch der Holzofenwärme in seinem Pullover. Als er zur Tür hinauslief, rief sie ihm nach, er solle sich warm anziehen leise, fast flüsternd, als habe sie Angst, ihre Stimme könnte zerbrechen. Abends, als er heimkam, stand sie in der Küche und rührte den Eintopf um, und zum ersten Mal seit langem sagte sie: Setz dich, ich hab genug für zwei gekocht. Till zögerte kurz, dann legte er seine Tasche ab und setzte sich an den alten Küchentisch. Draußen fiel der Schnee still und leise, wie ein Versprechen, das langsam wahr wird. Greta stellte einen zweiten Teller hin, füllte ihn voll, ohne etwas zu sagen. Als er den Löffel in die Hand nahm, sah sie ihn an zum ersten Mal, seit Jahren wirklich sah und nickte, als wüsste sie plötzlich wieder, wer sie war.

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